VISION 20004/2005
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Trägerinnen des Heils

Artikel drucken Die Berufung der Frau in der Kirche

“Frauen können nicht Priester werden - sollte man diese negative Feststellung nicht dadurch ergänzen, daß man positiv über die Berufung der Frau in der Kirche spricht?" Auf diese Frage antwortet der Autor im folgenden Beitrag.

Ich verstehe diese Reaktion einer Frau - und ich schätze sie. Unsere Diskussionen sind unweigerlich das Echo auf die Alltagsdebatten. Aber das birgt die Gefahr in sich, daß man sich mit dieser Fragestellung begnügt und sich in ihr festbeißt. Der Scheinwerferkegel der Medienaktualität blendet jedoch weite Bereiche der Realität komplett aus. Was am meisten die Medien bewegt ist nicht immer (meist sogar nicht) auch das Wichtigste.

Was ist in der Kirche das Wichtigste? Die Heiligkeit: “Fürchtet euch nicht, Heilige zu sein!" Johannes Paul II. hat diesen Appell an die Spitze seines pastoralen Programmes für das neue Jahrtausend gestellt. Man darf also nie vergessen: Die wahre Hierarchie in der Kirche ist jene der Barmherzigkeit und der Heiligkeit - und nur Gott allein kennt sie.

Daraus ergibt sich eine erste Evidenz: Das leidenschaftlich Christliche in seiner mystischen und karitativen Form ist eher weiblich als männlich. Tatsächlich gibt es auch mehr Frauen als Männer in der Kirche. Wen das erstaunt, dem muß ich sagen, daß dies von Anfang an so war: Am Fuß des Kreuzes, am Karfreitag findet man drei oder vier Frauen und nur einen einzigen Mann, den geliebten Jünger.

Das mag Machos und Schöngeistern nur ein mildes Lächeln entlocken: Die Religion sei eben eine Weibersache. Tatsächlich ist der Glaube aber vor allem eine Sache des Herzens - und man muß zugeben, daß letzteres bei den Männer zu kurz kommt. Kardinal Ratzinger hat vor einer “harten männlichen" Kirche gewarnt, die dem Funktionalen und Rationalen den Vorrang einräumt. Péguy stellte einmal fest, daß die Mystik zur Politik abgewertet wird.

Man müßte ein Buch über die Stellung der Frau in den Evangelien schreiben. Im Gegensatz zu den überkommenen Vorstellungen sind die Frauen darin keineswegs abwesend. Lukas hält fest, daß Jüngerinnen Jesus begleitet und Ihn mit dem, was sie besaßen, unterstützt haben (Lk 8,2-3). Und Gott weiß, daß Frauen über Ressourcen verfügen - und keineswegs nur über materielle!

Auch unter den Mitarbeitern von Paulus findet man Frauen: Man spürt, wie wertvoll sie für ihn sind: Priszilla, die mit ihrem Mann Aquila für die christliche Ausbildung von Apollos, eines jüdischen Theologen, sorgt; Lydia, die am Beginn der Gemeinde in Philippi steht; Phöbe, die die Jünger beschützt; Maria, Persis, Julia und andere, die sich für den Herrn abmühen und die vielen, die für ihn wahre Schwestern, ja Mütter sind. Erwähnt sei auch die sehr früh entstehende Gruppe der Witwen, der wahren Witwen, wie Paulus sagt, was auf einen sehr engagierten Personenkreis hindeutet. Man erkennt da Personen, die Verantwortung übernehmen, wie etwa auch jene, die den schönen Namen Gazelle trägt und die von Petrus wiederbelebt wird.

Man müßte mehrere Bücher schreiben, um den Stellenwert der Frauen in der Kirchengeschichte darzustellen. Auch da wären Klischeevorstellung richtigzustellen. Régine Pernoud hat dies für das so verschriene Mittelalter geleistet. Sie zeigt, daß es die Wiederbelebung des Altertums und des Römischen Rechts war, die zum Ausschluß der Frau von Macht und Wissen geführt hat - und nicht das, ab dem 13. Jahrhundert leider heidnischen Einflüssen ausgesetzte Christentum.

Äbtissinen, Prinzessinen, Frauen der Tat, Mystikerinnen, sie alle hatten davor einen tiefreichenden Einfluß. Katharina von Siena ist das klassische Beispiel einer leseunkundigen Christin, die das Papsttum von Avignon zur Ordnung (und zurück nach Rom) gerufen hat. Und wer kennt nicht die großen Gestalten des 20. christlichen Jahrhunderts, die Frauen gewesen sind von Thérèse von Lisieux (gest. 1896) bis zu Mutter Teresa (gest. 1977)!

Eigentlich müßte man das Apostolische Schreiben Mulieris dignitatem (1988) von Johannes Paul II. über die Würde und Berufung der Frau wieder einmal lesen.

Zusammenfassend: Ich unterschreibe vollinhaltlich jene Sätze: “Den Frauen gehört das Leben, die Schönheit, die Hingabe, die Selbstlosigkeit, daher auch und vor allem die wichtigste Berufung in der Kirche: die Anbetung - auch wenn Männer ebenfalls zu ihr finden können." (Hélène Rouvier) Und: “Statt das Priestertum anzustreben, wäre es nicht eher angebracht, in Erinnerung zu rufen, daß Christus die Frauen dazu berufen hat, Trägerinnen des Heils zu sein? Am Anfang des Evangeliums steht das Ja einer Frau; und auch am Ende eilen Frauen, um die Apostel zu wecken und ihnen die unglaubliche Neuigkeit der Auferstehung mitzuteilen. Da steigt doch der Gedanke auf, daß es auch heute viele aufzuwecken gäbe." (Régine Pernoud)

Aus: Famille Chrétienne v. 23.-29.11.02 (Nr. 1297)

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