VISION 20004/2005
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“Ich habe mich bewußt entschieden"

Artikel drucken Rückblick auf ein zölibatäres Leben mitten in der Welt

Maria Loley: Leben der Mütterlichkeit einer zölibatären Frau: als Fürsorgerin, als Anlaufstelle für Ratsuchende, als Gründerin der Bewegung Mitmensch, als Trösterin..., wie das folgende Gespräch zeigt.

Du warst Dein Leben lang unverheiratet. Hast Du Dich bewußt für ein zölibatäres Leben entschieden?

Maria Loley: Ich habe ursprünglich von einer Familie mit vielen Kindern geträumt. Schon 1946 habe ich allerdings in einer ganz klaren Erkenntnis meine (privaten) Gelübde abgelegt.

Schon in so jungen Jahren stand Deine Entscheidung fest?

Loley: Ein Jesuitenpater hat mich damals sehr gut beraten und geführt. Daß ich mich zu einem zölibatären Leben entschieden habe, ist das Ergebnis einer jahrelangen Anziehung von Jesus her. Es hat mich einfach zu Ihm gezogen. Zunächst war mir das gar nicht so bewußt. Ich war eben gerne in der Kirche, vor dem Tabernakel, habe mich dort besonders wohlgefühlt. Langsam hat sich das verstärkt, bis ich eines Tages klar erkannte: Ich möchte Jesus meine Liebe ungeteilt schenken. Dieses “ungeteilt" war Ergebnis einer klaren Überlegung. Das habe ich mit dem Pater besprochen. Gemeinsam sind wir dann zu dem Ergebnis gekommen, ich sollte mich mit einem Gelübde binden. Am 13. Mai 1946 habe ich in einer Heiligen Messe mein Gelübde der Jungfräulichkeit abgelegt. Es war eine ungemein glückliche Zeit. Ich denke noch an das Aufwachen am nächsten Morgen: Über meinem Bett war ein Regal mit einem schönen Muttergottesbild. Davor hatte ich eine Vase mit rosaroten Pfingstrosen gestellt. Als ich nun am 14. in der Früh aufgewacht bin, waren alle Blütenblätter auf meine Bettdecke gefallen. Ein ergreifendes Zeichen!

Heute würden viele finden, eine solche Entscheidung zu treffen, sei eine Überforderung.

Loley: Eigentlich habe ich mich nicht für einen besonderen Weg entschieden, sondern die Erfahrung gemacht, gezogen worden zu sein. Jesus hat mich angezogen. Es ist ein ähnlicher Vorgang wie beim Verlieben: der Geliebte übt eine Anziehung aus. Jesus hat mich angezogen und ich bin eingegangen auf Sein Liebesangebot. Jesus sagt ja: “Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt." Dieses Berufensein ist bis in meine alten Tage geblieben.

Wolltest Du in einen Orden eintreten?

Loley: Zunächst wollte ich mein Studium beenden. Aber an einem Vormittag um 10 Uhr im Schülerheim wurde mir plötzlich die Erkenntnis zuteil: Nach meiner Ausbildung gehe ich in einen Karmel. In Mayerling haben mich die Karmelitinnen nach meiner Staatsprüfung liebend gern aufgenommen.

Wie lange warst Du im Karmel?

Loley: Nur ein halbes Jahr. Wegen meiner Typhus-Erkrankung im Jahr 1945 hatte ich immer wieder anfallsartig akute Calcium-Mangelerscheinungen. Sie erzeugen Krämpfe, bei denen Hände und Arme steif werden und Atemprobleme auftreten. Man kann nicht mehr reden, braucht dann eine Calcium-Injektion, um die Krämpfe zu lösen. Da diese Krämpfe auch im Karmel aufgetreten sind, hat der Arzt abgeraten, mit meiner schwachen Gesundheit dieses strenge Leben im Karmel weiterzuführen.

Ein großer Schock?

Loley: Es war sehr schwer. Ich konnte nämlich dann in Niederösterreich keinen Posten als Fürsorgerin finden. So habe ich zunächst als Hausgehilfin gearbeitet, dann aber in der Steiermark einen Posten bekommen.

War es schwierig, zu diesen Gelübden zu stehen, ohne im Kloster zu leben?

Loley: Nein, das war kein Problem...

Obwohl das ein ganz anderer Lebensentwurf war?

Loley: Mir war klar, daß man erfülltes zölibatäres Leben auch in der Welt leben kann. Das hat bei mir keine Krise hervorgerufen. Ich habe von da an versucht - so gut es eben ging - Armut, Keuschheit und Gehorsam zu leben. Dabei war für mich Gehorsam das Annehmen aller Begebenheiten des täglichen Lebens - Gehorsam direkt Gott gegenüber, denn der Jesuitenpater ist von Wien wegversetzt worden und ich hatte keine geistliche Führung mehr.

Hast Du Deinen zölibatären Weg als Verzicht empfunden?

Loley: Klar, daß eine solche Entscheidung auch durch Engpässe führt. Aber ich habe nie empfunden, daß mich Jesus um mein Lebensglück betrogen hätte. In solchen Zeiten hat sich mir die Frage der Treue besonders deutlich gestellt. Dann ist mir aber besonders die Muttergottes beigestanden - und die Schutzengel. Und jedesmal hat sich das Gerufensein voll bestätigt.

Kannst Du eine solche Krisensituation erzählen?

Loley: Ein Mitarbeiter in der gemeinsamen Jugendarbeit, ein junger Mann, den ich überaus geschätzt habe, hat sich in mich verliebt, ohne daß ich das bemerkt hatte. Wir haben uns eines Tages auf der Rossauer Lände getroffen und beim Spaziergehen von Gott und der Welt geredet. Plötzlich fragt er mich: “Willst du meine Frau werden?" Da bin ich zutiefst erschrocken. Nachdem ich kurz den Atem angehalten hatte, habe ich ihm gesagt: “Ich bin schon gebunden. Ich habe mich für Jesus entschieden." Daraufhin sind wir lange schweigend miteinander weitergegangen. Dann hat er sich rasch verabschiedet.

Gab es spätere Krisen?

Loley: Einmal ist mir ein Mann schon sehr sympathisch vorgekommen. Wir haben uns gut gekannt und haben gerne miteinander geredet. In dieser Situation hat sich mir sehr ernst die Frage der Treue gestellt.

Kann man Deiner Meinung nach zölibatär nur dann leben, wenn man sein Leben Jesus Christus übergibt? Schließlich gibt es viele, die bedingt durch ihre Lebensumstände zölibatär leben.

Loley: Jesus hat dies eindeutig beantwortet: “Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht - um des Himmelreiches willen." (Mt 19,12) Für mich war letzteres ausschlaggebend. Um des Himmelreiches willen habe ich auf die Ehe verzichtet. Die Ehe habe ich immer sehr hoch eingeschätzt. Mir war bewußt: Ich verzichte für Jesus auf etwas Kostbares. Sonst wäre der Verzicht ja eine Farce gewesen.

Heute wird vielfach das flotte Single-Dasein propagiert. Wie beurteilst Du das?

Loley: Es ist eine Flucht aus der Verbindlichkeit. Eine Familie verlangt, daß ich mein Ego beschneiden muß. Ich muß mich zugunsten des anderen zurücknehmen. Wer einen ichbezogenen Single-Weg geht, ist letztlich von Auflösung bedroht. Es kommt der Moment, wo der Betroffene erkennt, daß er keine Erfüllung erlebt. Im Endeffekt droht bei vielen die Selbstmordbereitschaft. Allerdings funktioniert das Single-Leben meist jahrzehntelang ganz gut. Aber letztendlich stellt sich dann die Erfahrung ein: Ich bin allein. Das wird in unserer Gesellschaft noch eine größeres Problem werden. Wir können es ja jetzt schon an der wachsenden Zahl von Depressionen erkennen.

Nun gibt es aber auch Frauen, die durch die Lebensumstände ehelos bleiben. Wie beurteilst Du diese Situation?

Loley: Wer durch seinen Lebensweg in ein zölibatäres Leben gerät, für den wäre es wichtig, darin die Führung Gottes zu erkennen. Dann eröffnet sich für ihn ein Leben mit Gott als Partner. Aber es ist schwer auf diese Frage eine pauschale Antwort zu geben. Ich kenne viele Menschen, denen die Lebensumstände den Weg in die Ehe verwehrt haben und die sich dann Ersatzbefriedigungen gesucht haben: Sie sind etwa in der schönen Kleidung, der Karriere, kostspieligen Reisen... aufgegangen.

Ist eine zölibatär lebende Frau auch zur Mütterlichkeit berufen?

Loley: Ja, ich habe das nie anders verstanden. Deswegen bin ich ja auch Fürsorgerin geworden. Auch im Karmel wäre ich einer mütterlichen Berufung gefolgt. In den Monaten, in denen ich im Karmel gelebt habe, konnte ich sehr klar erkennen, wie ich in der Abgeschiedenheit der Klausur mitten im Leben der Kirche gestanden bin. Jeden Dienst am Leben habe ich als Verwirklichung der Mütterlichkeit verstanden - auch wenn ich nicht unmittelbar pflegend, erziehend, helfend tätig war. In meinem Beruf war ich jedenfalls immer mit Menschen, mit Familien, mit deren Konfliktsituationen befaßt. Sehr oft hatte ich mit Kindern zu tun.

Ist das zölibatäre Leben in der Welt eine größere Herausforderung als jenes im Kloster?

Loley: Man muß sehr wachsam sein, sich nicht vom Geist der Welt absorbieren zu lassen. Man muß sich immer wieder fragen: Lebe ich nach dem Evangelium? Lebe ich die Liebe zu Jesus? Und diese Liebe muß total und leidenschaftlich sein, denn die Welt hat eine enorme Anziehung. Dann kann die Beziehung unmerklich abnehmen. Es gibt ja den Versucher, der sich sehr darum bemüht. Insofern hat das Leben in der Gemeinschaft seine Vorteile. Da trägt die Leitung der Gemeinschaft die Verantwortung mit, daß die Mitglieder ihr Leben mit Jesus leben können. Allerdings hat das Gemeinschaftsleben auch seine spezielle Belastung. In der Welt habe ich mehr Freiräume.

Du hast später vor dem Bischof ein Gelübde abgelegt. War das eine Erneuerung des Gelübdes aus Deiner Jugend?

Loley: Der Bischof hat das seinerzeitige Gelübde als nach wie vor bestehend bezeichnet und mein Leben mit Gott als Bischof für die Gemeinschaft der Kirche angenommen. Ich habe eigentlich immer nach einer Gemeinschaft gesucht. Das war eine Wüstenwanderung von mehr als 30 Jahren. Für mich war diese Weihe vor dem Bischof eine Offenbarung. Heute fühle ich, daß Gott mich in der langen "Wüstenwanderung" für diese Form vorbereitet hat. Es gibt übrigens zunehmend mehr Frauen, die diesen Weg der Hingabe in der Welt gehen.

Das Gespräch hat Christof Gaspari geführt.

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