VISION 20004/2005
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Ich fühle mich in der Ehe eingesperrt

Artikel drucken Gedanken über das richtige Maß an Freiraum in der Ehe

Das Eheleben stellt lebenslang eine Herausforderung an die Partner. Sie stehen im Spannungsfeld zwischen Wunsch nach Einheit und Verlangen, je eigene Persönlichkeiten zu bleiben - ein schwieriger Balanceakt.

Es kommt gar nicht so selten vor, daß ein Ehepartner erzählt, er habe seit der Hochzeit das Gefühl zu ersticken - wenn er nicht überhaupt lakonisch feststellt, ihm sei die Luftzufuhr gänzlich abgeschnitten. Und glauben Sie nur ja nicht, es seien nur die Ehemänner, die solches von sich geben! Wieviele Ehefrauen, die sich ihr Leben lang bitter über die Abwesenheit ihres im Beruf aufgehenden Mannes beschwert hatten, fühlen sich, sobald er in Pension ist, von ihm eingeengt... Auch als Paar braucht man eben Freiraum.

Tatsächlich ist nämlich jede Paarbeziehung von zwei großen Wunschvorstellungen bewegt, die widersprüchlich und schwer vereinbar erscheinen mögen:

* Die Sehnsucht nach Einheit: Wenn zwei einander lieben, so bewegt sie im allgemeinen der große Wunsch nach einer tiefen Einheit. Er drückt sich im Bedürfnis nach Beisammensein und gemeinsamem Tun auf allen Ebenen aus - eine Sehnsucht, die wahrscheinlich die Ehefrau meist stärker empfindet.

“Wenn wir einmal verheiratet sind", sagen manche Verlobte, “werden wir ganz eins sein, gehen wir nicht mehr auseinander, machen wir alles miteinander. Dann gehen wir gemeinsam zur Messe... und in den Supermarkt!" Es ist ein wenig die Suche nach der Einheit, die man in der ersten Kindheit mit seiner Mutter erlebt hatte, jene süße Einheit, aus der man sich dann lösen mußte, von der das Unterbewußtsein aber immer noch träumt.

* Die Sehnsucht, man selbst zu sein. Im Gegensatz zu diesem Wunsch nach Vereinigung - oder zumindest parallel zu ihm - besteht das starke Bedürfnis, die eigene Persönlichkeit zu wahren, nicht in der Verschmelzung aufzugehen. Sicher, man sucht die Einheit, aber man möchte auch die eigene Besonderheit bewahren, ohne vom Partner aufgefressen zu werden.

Das heißt also: Jedes Paar, ob verheiratet oder nicht, lebt unweigerlich in einer Spannung: eins zu sein und dabei zwei zu bleiben. Verbunden zu bleiben, aber unterschieden. Nah und fern zugleich.

Die jungen - aber nicht nur sie! - sagen manchmal, eine freie, offene Beziehung sei viel besser als die Zwänge der Ehe. Aber Bindung und Freiheit sind Begriffe, die schwer unter einen Hut zu bringen sind: Man kann nie vollkommen frei und in Einheit leben. In einer Paarbeziehung kann man nie gleichzeitig ganz eins und ganz frei sein. Da ist die Decke zu kurz: Wenn die Einheit in eine Richtung zieht, friert die Freiheit auf der anderen Seite - und umgekehrt.

Jedes Paar und jede Gemeinschaft (man denke an die EU, wo man von Einheit träumt, gleichzeitig aber Engländer oder Luxemburger bleiben möchte!) baut auf einem fortwährend herzustellenden Gleichgewicht dieser beiden Erfordernisse auf. Auf diese Weise entstehen drei Arten von Paarbeziehungen:

* Paare, in denen das Einssein den Ton angibt, aber auf Kosten der Besonderheit der Personen - “Tixo"-Paare, die sich gut verstehen, aber oft um den Preis, daß einer der Partner seine Persönlichkeit weitgehend aufgibt. Paare, bei denen einer der beiden den Eindruck hat vom anderen, der zu sehr nach dem Einssein giert, erdrückt zu werden.

* Paare, wo die Freiheit Vorrang hat, die allergisch auf jede Art von Zwang reagieren. Paare, die sich als “modern" bezeichnen, weil jeder die Möglichkeit hat, seinen Wünschen Vorrang einzuräumen. “Befreite" Paare, die - wie sie behaupten - keine Eifersucht, dieses “ungesunde" Gefühl, kennen. Oder - anderes Modell - Paare, die in der Alltagsroutine nebeneinander, auf zwei parallelen Wegen dahinleben, und sich übrigens im Laufe der Jahre auseinander entwickeln. Da wird die Einheit geopfert und früher oder später versinkt einer der beiden in der Einsamkeit und leidet unter einem Mangel an menschlicher Wärme.

* Paare, die sich bemühen, die zweifache Erwartung von Einheit und Freiheit unter einen Hut zu bringen: eine Verbindung, die das Besondere der Personen zur Kenntnis nimmt. Vor allem respektieren die Partner ihre Verschiedenheit, ja sie erfreuen sich sogar an ihr. Allerdings vergessen sie nicht darauf, immer wieder die Einheit herzustellen. Sie schrecken nicht davor zurück, kurzzeitig eigene Wege zu gehen - um wieder besser zueinander zu finden. Jeder kann sich dem widmen, was ihn erfüllt, unter der Bedingung, seine Entdeckungen und Sorgen mit dem Partner zu teilen. So wird Einheit nicht trotz, sondern dank der Verschiedenheit gebaut.

Im ehelichen Alltag gilt es, immer beiden Bedürfnissen gerecht zu werden - wobei jeweils jenes Vorrang hat, das vernachlässigt wurde. Jedes Paar muß atmen können, mit starken Momenten des Einsseins, die mit Stränden der Freiheit alternieren. Das ist der einzige Weg, um sowohl das Ersticken wie die Vereinsamung zu zweit hintanzuhalten.

Das erfordert allerdings, daß jeder der beiden zu einer reifen, erwachsenen Liebe gelangt und auf das Besitzstreben der kindlichen Liebe verzichtet. Das bedeutet auch, eine gewisse Einsamkeit ertragen zu können. Und es erfordert eine zärtliche Liebe, die sich nach den großen Momenten des Einswerdens sehnt, in denen sich das Paar nach den unvermeidlichen Trennungen wiederfindet.

Wir berühren hier das Kernproblem der Paarbeziehung, jeder Paarbeziehung: die unvermeidliche Spannung zwischen “eins Sein" und “zwei Bleiben" ... Erst in der Ewigkeit, im Schoß der Dreifaltigkeit wird man zum eins Sein finden und drei bleiben. Nur eine unendliche Liebe ist imstande eine Einheit ohne Brüche zu leben, die vollkommen die Personen respektiert.

P. Denis Sonet

Auszug aus Famille Chrétienne Nr. 1305

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