VISION 20005/2005
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Alle Macht geht von Gott aus

Artikel drucken Über die politische Verantwortung aus christlicher Sicht (Von Karl-Eugen Czernin)

Dank des technischen Fortschritts verfügen Entscheidungsträger über immer wirkungsvollere Instrumente. Aber wem gegenüber verantworten die Mächtigen dieser Welt ihr massives Eingreifen in den Lauf der Dinge? Der folgende Artikel - er sollte nicht als Plädoyer für die Monarchie und gegen die Demokratie mißverstanden werden - versucht, diese Frage zu beantworten.

In der letzten Nummer von Vision 2000 wurde daran erinnert, daß wir - und damit auch die Nichtgläubigen unter uns - unsere Befreiung vor 60 Jahren dem Gebet zu verdanken haben, und damit dem Schutz durch unsere himmlische Mutter. Solchen vom Glauben herabgerufenen Segen gab es keineswegs erstmals vor 60 Jahren. Man denke nur an den vom Gebet getragenen Entsatz des von den Türken belagerten Wien 1683 oder an die Seeschlacht von Lepanto 1571, den Papst Pius V. dem Rosenkranzgebet zugeschrieben und aus diesem Grund das Rosenkranzfest eingeführt hat.

Das Bewußtsein, von Gottes Segen abhängig zu sein, prägte dementsprechend das Bewußtsein vieler Herrscher. Betrachten wir zum Beispiel die Wiener Pestsäule: Da fällt als starker Kontrast zu vergleichbaren Monumenten jener Zeit des Absolutismus die Haltung auf, in der Leopold I. sich auf dem ansonsten überschäumend jubelnden Barockjuwel selbst abbilden ließ: demütig knieend, also in jener Haltung, in der er nach seiner Krönung das ganze Reich bewußt “von der Himmelskaiserin zu Lehen" genommen hatte, wie zuvor jeweils auch schon sein Vater und sein Großvater.

Ein Lehen ist seit der Karolingerzeit Zeichen des freien Mannes und es wurde für das restliche Mittelalter zu jener absoluten rechtlichen Bindung, die in jedem Fall Vorrang genoß. Denn sie ging mit dem Treueid einher. Dieser war mehr als bloßer Gehorsam: eine innere Wesenshaltung vor dem Richterstuhl Gottes im Gewissen.

Dieser Sicht entsprang die besondere Haltung des Hauses Österreich, die - trotz aller unbestrittenen gewaltigen Höhen und Tiefen einer Familiengeschichte - als “pietas austriaca" Weltgeschichte geworden ist.

Es ist die Haltung, die unter anderem auf Rudolf von Habsburg zurückgeht, der nach seiner Krönung in Ermangelung eines Zepters spontan ein zufällig dastehendes Kreuz ergriffen und fortan stets vor sich hatte hertragen lassen, mit den Worten: “Ecce signum, quo nos et totus mundus redemptus est. Hoc signo utamur loco sceptri." (“Dieses ist das Zeichen, durch das Wir und die ganze Welt erlöst wurden. Dieses Zeichen wollen Wir als Zepter benützen.")

Mit diesem Zepter stand auch Kaiser Karl, aus menschlicher Sicht gescheitert, dennoch als Zeichen der Hoffnung am Beginn der Leidenswege seiner Völker im 20. Jahrhundert. Wenn wir Leben und Herrschaft dieses Seligen betrachten, spiegelt sich tatsächlich in jeder Faser wider, was er noch auf dem Totenbett aussprach, fast wie ein vorweggeahntes Zitat aus dem 5. Kapitel von Lumen gentium: “Mein ganzes Bestreben ist immer, in allen Dingen den Willen Gottes möglichst klar zu erkennen und zu befolgen, und zwar auf das Vollkommenste."

Karl hatte seine Berufung als Herrscher bewußt aus Gottes Hand angenommen, weswegen er sie übrigens auch nicht zurücklegen oder gar weitergeben wollte. Somit besteht Karls persönliches Charisma hauptsächlich im Erbe seiner Vorfahren, in der - wenn auch aus menschlicher Sicht schließlich gescheiterten - Bejahung der Idee Österreich.

“Die Befugnis zur Verleihung der Königsherrschaft und der kaiserlichen Gewalt gestehen wir niemandem zu außer dem wahren Gott", hatte bereits Augustinus, ausdrücklich auch nach dem Licht der Vernunft, gelehrt. Und der “Sozialpapst" Leo XIII. hielt fest: “Macht und Gewalt der Staatenlenker sind wahrhaft ein Teilnehmen an der Gewalt Gottes" . Übrigens war jede staatliche Ordnung seit dem Altertum, darunter gerade auch die griechischen Demokratien zumindest bis zu den Perserkriegen, im Transzendenten verankert.

Kardinal Joseph Ratzinger beschreibt in seinem Buch Wendezeit für Europa? das Fränkische Reich als eine der beiden Wurzeln Europas. Die andere sei Byzanz. Das Reich sei zukunftstragend gewesen, “gerade weil es sich in der Kontinuität der bisherigen Geschichte und letztlich im Immerwährenden verankert begriff".

In diesem Buch und auch in Vorträgen hat der Kardinal, jetzt Papst Benedikt XVI., auf den Bruch mit der Wurzel des christlichen Europa hingewiesen, der mit dem Königsmord 1793 in Paris stattfand. Er nennt zwei “Sünden Europas und der Europäer": erstens den Nationalismus, zweitens eine “Verknüpfung von Fortschrittsglauben, verabsolutierter wissenschaftlich-technischer Zivilisation und politischem Messianismus".

Beide Sünden gemeinsam führten zu einer hochmütig vermessenen “Verheißung der neuen Menschheit, des messianischen Reichs." Gott werde dadurch aus dem Geschichtshandeln verdrängt in den Bereich des Privaten, Beliebigen. Die Folge dieser Zerstörung unserer ethischen Grundlage werde “dramatisch sichtbar in der epidemischen Ausbreitung einer Zivilisation des Todes" .

Die erste “Sünde" legt Ratzinger dar, nämlich der Nationalismus, “präsentiert sich zum ersten Mal deutlich in der Französischen Revolution, in der die monarchische Einheit durch die nationale ersetzt wird". Und weiter: “In Mitteleuropa hatte sich nach der von Preußen getragenen Gestaltwerdung eines deutschen Nationalstaats mit Österreich-Ungarn ein letztes Großgebilde erhalten, das nicht auf dem nationalen Prinzip beruhte.

Das politische Hauptergebnis des Ersten Weltkriegs war die Liquidierung dieses letzten Restes einer früheren Staatsordnung und der Versuch, Europa nun endlich rigoros unter der nationalen Idee neu zu strukturieren - ein Vorgang voll innerer Widersprüche, der dann im Paroxysmus des nationalsozialistischen Wahns sein grauenvolles Finale fand." So Kardinal Ratzinger.

Am 3. Oktober 2004 hat Papst Johannes Paul II. den, durch seinen nunmehrigen Nachfolger schon früher als Gegenpol zur nationalen Ordnung fast persönlich genannten Herrscher seliggesprochen, den letzten europäischen Kaiser im oben dargelegten, universellen Sinn: Karl von Österreich. Das “Decretum super virtutibus" beginnt mit den Worten: “Dich bezeugen, o Herr, alle Könige der Erde (Ps 138,4). Unter den Königen, die sich durch ihr Leben und ihre Werke im Lobpreis des Herrn auszeichneten, muß ohne Zweifel der Diener Gottes Karl aus dem Hause Österreich angeführt werden, der im Bewußtsein des göttlichen Ursprungs aller menschlichen Macht (cf. Röm 13,1) ..."

Fast sind uns Erinnerungen daran, daß Wahrheit, Recht und Macht ausschließlich vom Schöpfer verliehen werden, heute lästig. Peinlich berührt sind wir daher vielleicht auch durch die Worte Benedikts XVI., in Europa sei ein merkwürdiger “und nur als pathologisch zu bezeichnender Selbsthaß" zu erkennen.

Fremden Werten öffne man sich, während man “sich selbst nicht mehr will, von seiner eigenen Geschichte nur noch das Grausame und Zerstörerische sieht, das Große und Reine aber nicht mehr wahrzunehmen vermag. Europa braucht, um zu überleben, eine neue - gewiß kritische und demütige - Annahme seiner selbst."

In der Wiener Peterskirche wird nun im Oktober ein Bild des seligen Kaisers Karl geweiht. Sein Verständnis vom Umgang mit der Macht ist für uns heute ein Appell, zur wohl immer drängender werdenden Selbstfindung Europas im 21. Jahrhundert beizutragen.

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