VISION 20006/2005
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Erinnerungen an Johannes Paul

Artikel drucken Der Papst schätzte die Charismatische Erneuerung sehr (Von Charles Whitehead)

In meinem Arbeitszimmer habe ich eine Anzahl von Fotografien (mit Johannes Paul II. Anm), die mich an unsere Treffen zwischen den Jahren 1990 und 2000 erinnern, die Jahre, in denen ich Präsident des Internationalen Rates zum Dienst an der Charismatischen Erneuerung (ICCRS) war. Viele von ihnen sind bei privaten Audienzen für den Rat aufgenommen worden.

Andere stammen von mehr persönlichen Treffen bei Eucharistiefeiern in der kleinen Privatkapelle seiner Wohnung oder von einer der größeren Audienzen, die er uns nach unseren internationalen Treffen der Leiter der Charismatischen Erneuerung gab. Eines wurde vor Sankt Peter am Vorabend von Pfingsten1998 vor fast 400.000 Menschen aufgenommen, als ich auf seine Ansprache an die Charismatische Erneuerung und alle die neuen kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften antwortete, die am Platz unter uns versammelt waren.

Es gab niemals irgendwelche Zweifel, daß Papst Johannes Paul II die Charismatische Erneuerung schätzte. Bei unserem ersten Zusammentreffen war sein erster Satz: “Nun, Sie sind also der bedeutendste Charismatiker in der Kirche?" Als ich protestierte, sah er mich lächelnd an und sagte: “Vielleicht haben sie recht - vermutlich bin ich der bedeutendste Charismatiker!"

Als wir zu seiner privaten Morgenmesse eingeladen wurden, wurde uns immer klar gemacht, daß er erwartete, daß wir charismatisch seien. So fühlten wir uns frei, in Sprachen zu singen nach der Kommunion und bei einer Gelegenheit ein “Wort in Zungen" zu bringen. Am Ende eines Treffens sagte er immer zu uns vor dem Auseinandergehen: “Betet für mich!" Als ich das meiner Frau Sue gegenüber erwähnte, hat sie mich spontan gefragt, warum wir nie gleich dort für ihn gebetet hätten. Ich sagte ihr, daß wir so etwas einfach nicht mit dem Papst machen - aber ihre Frage bewegte mich weiter.

Als der Papst das nächste Mal sagte: “Betet für mich!", fragte ich, ob es ihm recht wäre, wenn wir für ihn beten würden, bevor er wegginge. Er schaute überrascht, stimmte aber sofort zu.

So stellten wir uns um ihn auf und einer oder zwei legten ihm die Hände auf. Wir sangen in Sprachen, wir beteten, es gab ein prophetisches Wort und er hat sich wunderbar entspannt in dem, was da geschah. Nach einigen Minuten hörten wir mit dem Beten und Singen auf, aber er blieb ruhig in sich gekehrt, bevor er sich zu jedem von uns wendete, um uns herzlich zu danken.

Wir schickten uns an zu gehen, aber er drehte sich um, um uns nochmals zu danken, sichtbar sehr bewegt durch das, was da geschehen war. Später wurde ich deswegen etwas vorwurfsvoll angesprochen, weil es scheint, daß niemand dem Heiligen Vater Hände auflegt, aber ich habe erfahren, daß er es wirklich schätzte!

Johannes Paul II hatte einen besonders stark ausgebildeten Sinn für Humor. Einmal hatten wir eine Audienz für den ICCRS-Rat am Tag des Heiligen Patrick (dem Nationalheiligen der Iren) und die ersten drei vorzustellenden Mitglieder waren Sr. Nancy Kellar, Dr. Kevin Ranaghan und Jim Murphy, alles typisch irische Namen. Als ich ihm Jim vorstellte, trat der Heilige Vater einen Schritt zurück, nahm mich am Arm und flüsterte: Keller, Ranaghan und Murphy - am Tag des Heiligen Patrick? Übernehmen nun die Iren alles?"

Bei einer anderen Gelegenheit mußte ich einen polnischen Bischof vorstellen, der ein alter Freund von ihm war. So sagte ich einfach: “Heiliger Vater, ich weiß, es ist nicht notwendig, daß ich ihnen diesen hervorragenden Bischof vorstelle." “Hervorragend?" antwortete er und sah mich ironisch prüfend an.

“Das war er nicht, als ich ihn kennenlernte!" Und er legte seinen Arm um seinen alten Freund, drohte ihm mit dem Finger und sagte: “Ich möchte nicht hören, daß du diesem netten Engländer irgendwelche Schwierigkeiten machst!"

Ich habe sehr viele schöne Erinnerungen. Einmal habe ich ihn gebeten, für meinen Pfarrer zu beten, der sich eine Knöchelverletzung zugezogen hatte und nicht unbehindert gehen konnte. Seine spontane Antwort war: “Dann hat er doch mehr Zeit zum Gebet!" Und er griff suchend in seine Robe, nahm einen Rosenkranz heraus und gab ihn mir mit dem Auftrag: “Geben Sie ihm den und bitten Sie ihn, er soll die Zeit für das Gebet nutzen!"

Im September 1993 veranstaltete ICCRS Einkehrtage in Assisi mit P. Raniero Cantalamessa für mehr als 1500 Leiter aus der ganzen Welt, und wir wollten als Abschluß eine Audienz. Unsere Anfragen wurden von der für die Audienzen zuständigen Person abgelehnt, da der Papst offiziell auf Urlaub war. Als aber der Papst von unseren Einkehrtagen hörte, bekamen wir einen Telefonanruf mit der Nachricht, wir wären sehr willkommen.

Als wir im Hof von Castelgandolfo ankamen, wurde mir mitgeteilt, es werde eine sehr kurze Audienz sein, aber anscheinend hatte der Papst andere Vorstellungen. Als ich vortrat, um ihn zu begrüßen, waren seine ersten Worte: “Oh, Ihr Charismatiker! Ihr seid voll Freude und bringt mir Jesus!" Er lud mich ein, ihm zu berichten, woher wir alle kämen und von den Einkehrtagen zu erzählen. In seiner Antwort beglückwünschte er uns, daß wir seinen eigenen Exerzitienleiter dafür gewählt hatten. In unser Sprachensingen stimmte er mit ein und bat mich dann, ihm alle in den vordersten Reihen vorzustellen. Nach 45 Minuten verließ er uns, um sich zu Gesprächen mit dem Ex-Präsidenten Gorbatschow aus Rußland zu treffen, der auf ihn wartete.

Ich könnte noch viel mehr schreiben. Ein wunderbarer Mann, eine großartige Leitungspersönlichkeit, ein Fels, von außerordentlicher Geisteskraft - aber auch freundlich, aufmerksam, humorvoll, verständnisvoll, und vor allem mit einer tiefen Liebesbeziehung zu Jesus. Wir werden jemanden wie ihn nicht mehr erleben. Mir hat er sehr viel Mut gegeben - und er wird mir sehr, sehr fehlen.

Aus: Goodnews (Zeitschrift d. Charism. Erneuerung in Großbritannien) Nr. 177/2005, aus dem Englischen übersetzt von Dr. Hans-Peter Lang.

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