VISION 20001/2006
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Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen

Artikel drucken Eine Muslimin findet zum Glauben an Jesus Christus

Weil sie im Iran politisch verfolgt werden, flüchtet Anna-Maria mit ihrer Familie nach Österreich und erlebt hier eine wunderbare Bekehrung. Heute ist sie Katechistin und unterrichtet Muslime, die sich taufen lassen wollen.

Welche Bedeutung hatte für sie der Glaube in der Kindheit?

Anna-Maria: Ich bin in eine islamische Familie in Teheran geboren worden. Mein Vater war ein sehr gläubiger Mensch, nicht etwa fanatisch, wie wir es heute zum Teil erleben. Er hat sich genau an die Scharia gehalten. Die täglichen Gebete hat er sehr ernstgenommen - auch die Fastenzeit.

Hat er Gleiches von seiner Familie verlangt?

Anna-Maria: Meine Mutter war eher traditionsorientiert. Unsere Eltern haben sich sehr bemüht, uns den Glauben weiterzugeben. Da gab es etwa zu Hause Gebetskreise der Frauen aus der Nachbarschaft: Die Frauen kommen zusammen, kochen etwas. Ein Mullah kommt und predigt oder man singt. Er erzählt von muslimischen Märtyrern. Die Frauen weinen. Wenn der Mullah geht, wird gegessen und geplaudert.

War die Mutter verschleiert?

Anna-Maria: Ja. Sie hat immer den Schleier getragen. Wir hatten als Kinder die Freiheit, es selbst zu entscheiden. Meine jüngere Schwester hat das Kopftuch immer getragen. Meine ältere Schwester und ich entschieden uns, es nicht zu tragen - bis zur Revolution. Ich war damals zehn Jahre alt. Eine schreckliche Zeit: Unruhe, viele Tote, Unsicherheit auf der Straße...Nach der Revolution mußten alle Mädchen und Frauen ein Kopftuch tragen. Damals hat mich der Direktor gerufen und gesagt, ich müsse ein Kopftuch tragen oder die Schule verlassen. Einige Jahre später mußten wir dann einen Schleier tragen. Nach der Scharia ist es erlaubt, vom Körper der Frau nur die Hände und das Gesicht zu zeigen. Mehr ist eine Sünde.

Gab es in der Schule Religionsunterricht?

Anna-Maria: Ja. Wir haben Koranunterricht bekommen. In der zweiten Klasse Volksschule wurde uns beigebracht, wie man Arabisch liest. Für einen Moslem ist es wichtig, den Koran richtig auf Arabisch lesen zu können, wichtiger als der Inhalt. Das muß sehr korrekt sein. Wenn ich einen Fehler im Diktat mache, ist das eine Sünde.

Wie beten Muslime?

Anna-Maria: Fünfmal am Tag wird gebetet. Man stellt sich mit Blick Richtung Mekka. Es gibt eigene Gebetshaltungen. Bestimmte Worte muß man auf Arabisch sagen. Man liest Koranverse. Was es nicht gibt: Daß man mit Gott persönlich spricht.

Wie ist dann aber die Beziehung der Muslime zu Gott?

Anna-Maria: Mit Allah kann man nicht in Verbindung treten. Allah ist ein sehr strenger Gott. Er hat keinen Kontakt mit uns da unten. Unsere Welten sind vollständig getrennt. Wenn wir einen Fehler, eine Sünde machen, bestraft er uns. Für viele Leute ist das Verhältnis zu Gott von Angst geprägt. Sie lieben Gott nicht, suchen keine Beziehung zu ihm. Und noch etwas: Der Koran enthält eine Unmenge von Widersprüchen.

Ist das Ihrem Vater aufgefallen?

Anna-Maria: Wir hatten viele Bücher zu Hause, eine große Bibliothek. Einmal las mein Vater ein Buch des Schwiegersohns von Mohammed. Und da hat er uns gesagt: Ich kann nicht glauben, was dieser Mann getan hat, das hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Für sie aber wird er gerühmt. Er hat viele Menschen umgebracht und sich dann die Witwen seiner Opfer zur Frau genommen. Für meinen Vater war das unfaßbar. Aber er kannte keinen anderen Weg.

War es also schwierig, als gläubiger Muslim zu leben?

Anna-Maria: Ja, schon. Man stelle sich vor: Auf dem Hauptplatz wurden unter dem neuen Regime die Leute gesteinigt, ausgepeitscht, vielleicht aufgehängt. Wer die Scharia nicht hielt, wurde streng bestraft. Es war schrecklich, was ich alles in der Schule erlebt habe.

Zum Beispiel?

Anna-Maria: In der zweiten Klasse Hauptschule mußte sich jeder zu einer islamischen Aktivität melden. “Du bist eine Muslimin, wenn der Islam in Gefahr ist, mußt Du wissen, wie man mit einer Waffe umgeht," hieß es. Aber einen Waffenkurs wollte ich nicht. Also meldete ich mich zum Kurs für islamische Lieder. Einmal in der Woche haben wir geübt. Eines Tages kommt die Lehrerin - sehr fanatisch, stets mit Vollschleier und einer Waffe ausgerüstet - und hat uns auf einen kleinen Friedhof geführt. Dort sollten wir Steine und Hölzer sammeln. Dann wurden wir in eine Ecke des Friedhofs geführt, wo ein politisch Verfolgter junger Mann, der im Gefängnis umgebracht worden war, begraben lag. Einige Leute, die Mutter, die Schwester waren an dem Grab - alle weinten. Und nun hieß es, wir sollten Steine und Hölzer auf die Gruppe Trauernder werfen. Ich hab' nicht mitgemacht und gewußt: Der Islam ist für mich gestorben. Seit damals habe ich nur mehr das absolut Nötige mitgemacht.

Wie sind Sie nach Österreich gekommen?

Anna-Maria: Wegen politischer Schwierigkeiten im Iran sind wir weg von zu Hause. Wir - mein Mann, meine Kinder und meine Schwester - dachten: Hier in Österreich sind wir die Verfolgungen los. Aber da fingen die Probleme erst an: Wir wurden nicht als Flüchtlinge anerkannt. Mein Mann und meine Schwester landeten im Gefängnis. Man stellte uns vor die Alternative: Entweder freiwillig zurück oder Übergabe an die iranische Polizei. Ich war in dieser Not mit meinen Kindern allein, konnte die Sprache nicht, hatte kein Geld. Kein Mensch kannte uns... Eine Tante lebte in Deutschland. Ich beschließe, sie anzurufen - zum ersten Mal seit 16 Jahren -, schildere ihr unsere Not, weine am Telefon. Darauf sagt sie: “Weißt Du, ich bin Christin. Ich glaube an Jesus Christus. Bete zu Jesus Christus, heute Abend noch! Bete in Seinem Namen."

Für mich war das ein Schock. Als Muslimin hatte ich keinerlei Zugang zu dem, was sie da sagte. Aber sie wiederholte: “Geh in Dein Zimmer, geh zu einer Kirche und bete in Jesu Namen! Du wirst sehen, Jesus Christus hilft." Diese Aufforderung war für mich ein Schlüsselerlebnis: Obwohl ich Jesus nicht gekannt habe - aus islamischer Sicht ist er ja nur ein Prophet -, habe ich gedacht: Das mache ich! Er wird meine Probleme lösen. Ich habe die Kinder angezogen und wir sind losgegangen. Einen Mann, der mir auf der Straße begegnet ist, habe ich nach einer Kirche gefragt, indem ich ein Kreuz auf meine Hand gezeichnet habe - Deutsch konnte ich ja nicht. Wir kommen also in der Dunkelheit zur Kirche. Sie war zu, aber wir können durch ein Gitter hineinschauen. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich eine Kirche, den Tabernakel, Statuen... Ein tiefer Friede erfaßt mich. Ich spüre: Hier ist Gott. Ich kannte viele Moscheen - aber dieses Gefühl hatte ich bisher noch nie. Obwohl ich nichts wußte, bete ich in Jesu Namen: “Jesus hilf uns!" - wunderschöne Momente. Auch zu Hause habe ich fest gebetet: “Gott, in Jesu Namen hilf uns!"

Und hat Jesus geholfen?

Anna-Maria: Am nächsten Morgen wollte ich meinen Mann und meine Schwester besuchen. Bisher mußte ich stets durch verschiedene Türen, um bis zu ihnen zu kommen. Dann durften wir nur durch eine Glaswand miteinander sprechen. Aber diesmal saßen die beiden gleich hinter der ersten Tür! Ich frage: “Was ist los?" Und sie: “Wir wissen es nicht. Man hat uns heute freigelassen!" In diesem Moment ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Jesu Namen ist mächtig. Gott hatte mich zum ersten Mal erhört. Ab diesem Augenblick glaube ich an Jesus Christus. Mit meinem Mann und meiner Schwester habe ich allerdings nicht darüber gesprochen. Aber meiner Tante habe ich einen Brief geschrieben: “Ich glaube an Jesus Christus! Ich will Christ, will seine Jüngerin werden!" Ich war einfach verliebt in Jesus, konnte nicht mehr ohne Ihn leben.

Wie hat sich Ihr Glaubensleben entwickelt?

Anna-Maria: Die Tante hat mir eine Bibel, einige Bücher auf Persisch geschickt. Als ich die Bibel bekam, habe ich es meinem Mann und meiner Schwester erzählt. Mein Mann hat nichts gesagt, aber meine Schwester fand das inakzeptabel. So habe ich heimlich in der Bibel gelesen. Besonders getroffen hat mich, daß Gott die Liebe ist, daß Er die Menschen liebt. Das gibt es im Islam nicht. Daß ein Mensch, Gottes Kind ist - das war wunderbar! Ich habe einfach an Jesus Christus geglaubt. Er war mein Herr. Ich habe Seine Botschaft angenommen.

Hatten Sie Kontakt zu Christen?

Anna-Maria: Nicht gleich. Wir konnten ja nicht Deutsch. Christliche Perser gab es keine. Ich bin immer wieder in die Kirche gegangen, zunächst allein. Zur Heiligen Messe sind wir nicht gegangen, wir wußten nicht, was das ist.

Wie kam es zu den ersten Kontakten mit Christen?

Anna-Maria: Zunächst wollte ich mich nicht taufen lassen. Ich dachte, mein neuer Glaube sei meine Privatsache. Einmal aber hat mich eine Frau, die ich kennengelernt hatte, gefragt: “Was bist Du eigentlich? Eine Muslimin, eine Christin?" Meine Antwort: im Herzen Christin, aber auf dem Papier Muslimin, hat mir selbst nicht gefallen. Da sagte ich mir: So geht das nicht, entweder-oder. So fiel mein Entschluß: Ich lasse mich taufen.

Was hat Ihr Mann dazu gesagt?

Anna-Maria: Ich habe meinen ganzen Mut zusammennehmen müssen, um ihm das zu sagen. Für eine orientalische Frau ist das schwierig: Vieles, was mich persönlich betrifft, entscheiden der Vater, der Bruder oder der Mann. Daß ich mich getraut habe, lag daran, daß er auch in der Bibel gelesen hatte und in die Kirche mitgekommen war. Jedenfalls hat er mir die Entscheidung überlassen. Die Vorbereitung auf die Taufe war schwierig: Ich konnte nicht Deutsch, der Pfarrer nicht Persisch. Bis zur Taufe - das liegt jetzt neun Jahre zurück - hat es sieben Monate gedauert. Und bis dahin war auch mein Mann soweit, sich taufen zu lassen. So wurden wir alle vier, auch unsere zwei Kinder, getauft. Unser Taufunterricht war das Lesen der Heiligen Schrift.

Jetzt sind Sie Katechistin. Wie kam es dazu?

Anna-Maria: Nach der Taufe konnten wir unseren Glauben nicht mehr verschweigen: Als erstes haben wir ein Marienbild, ein Kreuz im Zimmer aufgehängt - in einem Heim, in dem fast nur Muslime wohnten. Die Mitbewohner waren von unserem Schritt sehr enttäuscht, aber es hat nicht zu Spannungen geführt. Mit meinen Bekannten aber mußte ich über den Glauben sprechen. Ich habe Bibeln und Glaubensbücher an unsere persischen Bekannten verteilt. Später hörten wir, ein persischer Pastor wohne mit seiner Familie im Caritasheim, ehemalige Moslems, die aus dem Iran flüchten mußten. Mit ihnen haben wir uns zusammengetan, um die Frohe Botschaft zu den Persern zu bringen. In einer Kapelle durften wir uns sonntags zu einem Wortgottesdienst versammeln. Viele Flüchtlinge - Muslime und armenische Christen - sind gekommen. Einige Muslime haben sich später taufen lassen. Nach acht Monaten hat uns der Pastor Richtung Amerika verlassen.

War es dann aus?

Anna-Maria: Zunächst ja. Aber kurz darauf bin ich mit P. Herget in Kontakt gekommen und wir begannen mit Glaubenskursen für Perser, die sich taufen lassen wollten. Ich war die Dolmetscherin. Am ersten Kurs nahmen 15 bis 16 Leute teil. Auf diese Weise bin ich später Katechistin geworden. Denn nach diesem Kurs haben sich immer wieder neue Interessenten gefunden.

Woher kommen diese an einer Taufe interessierten Muslime?

Anna-Maria: Wir sind eigentlich nie zu den Muslimen gegangen, um zu evangelisieren. Sie sind zu uns gekommen, suchende Menschen. Es interessiert sie, an welchen Gott die Christen glauben, wer Jesus Christus ist. Daher ist das Zeugnis der Menschen hier so wichtig.

Können Sie uns noch einmal sagen, was für Sie der wesentlichste Unterschied im Glauben der Muslime und der Christen ist?

Anna-Maria: Das Menschen- und Gottesbild ist ganz verschieden. Gott ist ein liebender Gott, während Allah ein herrschender, zorniger Herr ist. Wir Christen sind zwar Sünder, dürfen aber mit unseren Sünden zu Gott kommen. Es gibt also einen Ausweg, einen Weg der Versöhnung - im Islam jedoch nicht. Da gibt es keine Beziehung zu Gott. Man kann mit Gott gar nicht sprechen.

Was sollten Christen in Österreich tun, um es Muslimen zu erleichtern, einen Schritt zum Glauben zu machen?

Anna-Maria: Vor allem ein christliches Zeugnis ablegen: durch das Leben, durch die Taten. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, daß sie Muslime sind. Wenn ich Frauen mit dem Kopftuch sehe, tun sie mir leid. Ich möchte, daß sie von Jesus Christus wissen. Wir haben eine Verantwortung.

Soll man auf sie zugehen?

Anna-Maria: Auf der Straße würde ich sie nicht ansprechen. Es gibt suchende Muslime. Der Herr wird sie führen. Wir haben viele Bekannte, die Moslems sind. Wir versuchen, sie durch unser christliches Leben neugierig zu machen.

Das Gespräch führten Alexa und Christof Gaspari.

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