VISION 20001/2006
« zum Inhalt Schwerpunkt

Sind Selbstmordanschläge mit dem Islam vereinbar?

Artikel drucken Was der Koran zum Thema Gewaltanwendung sagt (Von Christine Schirrmacher)

Wenn jemand einen Menschen tötet, ohne daß er einen Mord begangen oder Unheil auf der Erde angerichtet hat, so soll er wie einer sein, der die ganze Menschheit getötet hat. Und wenn jemand einen Menschen am Leben erhält, soll es so sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten." (Sure 5,32)

Dieser Vers aus der fünften Sure, der in Bezug auf Israel seine fast wörtliche Entsprechung in der Mischna und im Talmud findet, ist in der Auseinandersetzung über eine vermeintliche oder tatsächliche Berechtigung von Selbstmordattentaten im Islam in der jüngsten Vergangenheit immer wieder zitiert worden. Verbietet der Islam also den Selbstmordangriff?

Muslimische Stellungnahmen finden auf diese Frage unterschiedliche Antworten: Manche Muslime betonen, Gewalt sei grundsätzlich nicht mit dem Islam vereinbar, denn “Terror [hat] mit unserer Religion nichts zu tun" (So der Vorsitzende des “Zentralrats der Muslime in Deutschland", Nadeem Elyas). Andere heben hervor, daß dort, wo “Unschuldige" den Angriffen zum Opfer fallen, in jedem Fall Unrecht geschehe und dieses Unrecht sei in keinem Fall mit dem Islam zu rechtfertigen.

Wieder andere Stimmen urteilen, daß es in einem Krieg wie zwischen Israel und Palästina nicht zu vermeiden und letztlich auch nicht zu verurteilen sei, Unbeteiligte zu töten: “Wir befinden uns im Krieg, so wie es nie zuvor der Fall war. Wenn im Zuge der Operationen in Palästina Zivilisten getötet werden, dann ist das kein Verbrechen." (So Abd as-Sabur Shahin, Lehrkraft der Lehranstalt Dar al-Ulum in Kairo)

Wieder andere Muslime zogen im Zusammenhang mit den Ereignissen des 11. September 2001 den Schluß, daß die Attentäter gar keine Muslime sein könnten, sondern als Terroristen zu beurteilen seien, für deren Vorgehen ihre Religionszugehörigkeit keinerlei Bedeutung habe. Diesen Schluß zu ziehen, ist vielleicht die einfachste Lösung, aber auch eine Antwort, die den zahlreichen schriftlichen und mündlichen Zeugnissen vieler Attentäter und Extremisten nicht gerecht wird, die sich ausdrücklich auf den Islam als Motor und Beweggrund für ihre Attentate berufen.

Ist der Islam also eine Religion, die zum Kampf auffordert oder eine friedliche Religion, die für die Politik mißbraucht wird?

Eine kurze Antwort auf diese Frage könnte lauten: “sowohl - als auch."

Zunächst müssen die in dieser Diskussion verwendeten Begriffe genau definiert werden: Der Koran verbietet eindeutig das Töten unschuldiger Menschen, daran besteht kein Zweifel. Mord und Totschlag, Terror und Angriffe auf Unschuldige, ja selbst Körperverletzung, stellen im islamischen Strafrecht schwere Vergehen dar, die nach Schariarecht vor Gericht unter Aufsicht des Richters vergolten werden sollen. Die Scharia erlaubt die Tötung eines Menschen einzig als Strafe für ein Kapitalverbrechen, z. B. für Ehebruch, als Strafe für Aufruhr und Rebellion - wie z. B. bei Apostasie, als Wiedervergeltung - oder im Kriegsfall.

Ein Selbstmordattentat wird jedoch nicht von allen Muslimen als Mord bzw. Totschlag betrachtet. Das liegt u. a. im Vorbild Muhammads begründet, aus dessen Leben und Handeln Muslime unterschiedliche Schlußfolgerungen ableiten: Muhammads Leben untergliedert sich in eine Frühphase seiner Verkündigungen (etwa 610 bis 622 n. Chr.), während der er seine Landsleute zum Glauben an Allah, den einen Schöpfer und Richter rief und vor allem ethische Gebote verkündete. Nach seiner Übersiedlung nach Medina im Jahr 622 n. Chr., der “hijra", wurde Muhammad in seinen letzten zehn Lebensjahren auch zum Feldherrn, Staatslenker und Gesetzgeber.

In den Jahren bis zu seinem Tod 632 n. Chr. konnte er eine erheblich größere Anhängerschar als in den vergangenen Jahren in Mekka gewinnen, mit der er zahlreiche Kriege gegen die führte, die sich seiner Verkündigung und Herrschaft entgegenstellten.

Der Koran verurteilt diese “Ungläubigen" und ihren Widerstand gegen den Islam, der in zahlreichen Koranversen mit dem Widerstand gegen Gott und seinen Gesandten gleichgesetzt wird. Der Koran bezeichnet die Gegner Muhammads z. B. als “Freunde Satans": “Diejenigen, die gläubig sind, kämpfen um Gottes willen, diejenigen, die ungläubig sind, um der Götzen willen. Kämpft nun gegen die Freunde des Satans! Die List des Satans ist schwach." (Sure 4,76)

Muhammad hat also Ethik wie Kampf gepredigt und vorgelebt. Muhammads Vorbild in allem nachzuahmen, gehört zu den unabänderlichen Glaubenspflichten für alle Muslime. Die entscheidende Frage lautet, wie Muhammads Vorbild von den Gläubigen nachgeahmt wird.

Der Koran fordert die muslimischen Gläubigen immer wieder zum Kampf gegen ihre Feinde und Widersacher auf, ja, aus den betreffenden Koranversen geht hervor, daß Muhammad seine Anhänger mehrfach zum Krieg ermahnen mußte: “Euch ist vorgeschrieben, (gegen die Ungläubigen) zu kämpfen obwohl es euch zuwider ist. Aber vielleicht ist euch etwas zuwider, während es gut für euch ist ..., und vielleicht liebt ihr etwas, während es schlecht für euch ist. Gott weiß Bescheid, ihr aber nicht." (2,216)

Die “Ungläubigen" und “Heuchler" sind das Ziel des Kampfes: “Prophet! Führe Krieg gegen die Ungläubigen und die Heuchler und sei hart gegen sie! Die Hölle wird sie (dereinst) aufnehmen - ein schlimmes Ende!" (9,73)

Wenn nun Extremisten diesen der ersten muslimischen Gemeinde verordneten Kampf gegen die “Ungläubigen" auf heutige Auseinandersetzungen übertragen, dann ist es nicht einfach, ihnen eine prinzipiell falsche Auslegung des Korans vorzuwerfen. Es fällt aus der Perspektive der extremistischen Position nicht schwer, diese am Krieg im eigentlichen Sinn Unbeteiligten als Feinde des Islam aufzufassen.

Ein Feind des Islams, der sich seiner Verbreitung aktiv entgegenstellt - wie dies insbesondere Israel durch seine bloße Existenz tut - darf nach dieser extremistischen Auffassung getötet werden, denn: die Tötung des Feindes gilt nun als Verteidigung des Islam. Erwähnt werden muß auch die Auffassung des Korans und der muslimischen Theologie vom Märtyrertum. Der im Jihad, dem “Einsatz für die Sache Gottes" oder der “Anstrengung auf dem Weg Gottes" Gefallene geht nach überwiegender muslimischer Überzeugung unmittelbar ins Paradies ein.

Etliche Koranverse verbinden den Einsatz für Gott, den daraus folgenden Tod und das Paradies miteinander: “Wenn ihr nun auf die Ungläubigen stoßt, dann schlagt sie auf den Nacken! Wenn ihr sie schließlich vollständig niedergerungen habt, dann legt sie in Fesseln ... Und denen, die auf dem Weg Gottes getötet werden, ihr Wirken wird nicht umsonst gewesen sein. Er wird sie recht leiten, alles für sie in Ordnung bringen und sie ins Paradies eingehen lassen, das er ihnen zu erkennen gegeben hat." (47,4-6)

Ein Märtyrer ist nach diesem Verständnis also eine Person, die ihr Leben aktiv im Kampf für die Sache Gottes gibt, während ein Märtyrer nach Auffassung des Neuen Testamentes und der frühen christlichen Kirche eine Person ist, deren Leben genommen wird, wenn sie vor der Wahl steht, den eigenen Glauben zu verleugnen oder den Tod zu erdulden.

Der Koran verbietet zwar den Selbstmord ebenso (4,29) wie die Überlieferung. Wenn es dort um das Verbot des Selbstmordes geht, dann ist derjenige angesprochen, der sich aus Verzweiflung, aus Not, Angst vor Folter oder Qual selbst das Leben nimmt und Gottes Fürsorge damit leugnet. Ein Attentat, das mit der hohen Wahrscheinlichkeit des eigenen Todes ausgeführt wird, wird nach dieser Logik jedoch nicht als Selbstmord aufgefaßt, sondern als Einsatz für die Sache Gottes, als letztes Mittel gegen die unrechtmäßige Unterdrückung der Gemeinschaft der Muslime.

Teilweise wird der Jihad auch als Verteidigung der Menschenrechte angesehen, die Muslimen in Palästina genommen werden, als Begrenzung von Tyrannei und Unrecht, das andernfalls überhand nehmen würde. Dieser “Einsatz" kannn aus muslimischer Sicht friedliche Formen annehmen (z. B. die Werbung für den Islam durch Internetauftritte, Koranverbreitung oder die Vergabe von Stipendien für muslimische Hochschulen).

Der Jihad kann aber auch kämpferische Formen annehmen, insbesondere wenn es darum geht, den Islam gegen seine “Feinde" zu verteidigen. Diesem Kämpfer für die Sache Gottes verheißt der Koran die Vergebung: “Und wenn ihr um Gottes willen getötet werdet oder sterbt, so ist Vergebung und Barmherzigkeit von Gott besser als das, was ihr zusammenbringt." (3,157)

Der Koran verspricht dem, der auf dem Weg Gottes stirbt große Belohnung, das Paradies: “Ich werde keine Handlung unbelohnt lassen, die einer von euch begeht, sei es von einem Mann oder einer Frau ... Und diejenigen, die um meinetwillen ... Ungemach erlitten haben, und die gekämpft haben und getötet worden sind, werde ich ihre schlechten Taten vergeben, und ich werde sie in Gärten eingehen lassen, in deren Niederungen Bäche fließen als Belohnung von seiten Gottes. Bei Gott wird man gut belohnt." (3,195)

Ein Selbstmordattentäter in Palästina oder Indonesien wird sich also nicht als Selbstmörder auffassen, den im Jenseits die Strafe Gottes erwartet, sondern als Kämpfer und Verteidiger des Islam, der sein Leben einsetzt, um die Unterdrückung der muslimischen Gemeinschaft (der umma) durch die (westlichen) Aggressoren zu beenden.

Zwar gilt auch dann immer noch, daß der Islam den Mord an Unschuldigen nicht gestattet und zum Frieden aufruft, aber nach traditioneller Auffassung eben doch zu einem Frieden, der dann entsteht, wenn alle Menschen unter der Scharia leben und überall der Islam aufgerichtet ist. Mit welchen Mitteln die Scharia aufgerichtet werden darf (Werbung, Propaganda für den Islam, Durchsetzung vermehrter Rechte vor Gericht oder Krieg und Terror), darüber gehen die Meinungen unter Muslimen weit auseinander.

Im Großen und Ganzen fällt es muslimischen Gelehrten daher schwer, Selbstmordattentate zu verurteilen. Teilweise werden sie in den an den Westen gerichteten Aussagen verurteilt und in für die muslimische Gemeinschaft gedachten Verlautbarungen begrüßt. So hat z. B. der Großscheich der al-Azhar und Großmufti von Ägypten, Sayyid Mohammed Tantawi, in der jüngsten Vergangenheit in einigen an den Westen gerichteten Verlautbarungen die Rechtmäßigkeit von Selbstmordattentaten negiert.

Nach dem Angriff auf die amerikanische Botschaft in Kenia 1998 ließ er verlauten: “Jegliche Explosion, die zum Tod unschuldiger Frauen und Kinder führt, ist eine kriminelle Tat, die nur von Leuten ausgeführt wird, die niederträchtig, Feiglinge und Verräter sind."

Aber an die arabische Öffentlichkeit gerichtet erklärte Tantawi 1998 die palästinensischen Attentate für rechtmäßig: “Es ist das Recht jeden Muslims, jedes Palästinensers und jedes Arabers, sich inmitten von Israel in die Luft zu sprengen," und “Selbstmordoperationen dienen der Selbstverteidigung und sind eine Art des Märtyrertums, so lange die ihnen zugrundliegende Absicht die ist, die Soldaten des Feindes zu töten und nicht die Frauen und Kinder."

Der Islam kann also von demjenigen als friedliche Religion aufgefaßt werden, der die Meinung vertritt, daß die Werbung und Einladung zum Islam aus der Frühzeit Muhammads Leitlinie für den heutigen “Einsatz für die Sache Gottes" ist. Für denjenigen, der die entsprechenden Koranverse vom Kampf gegen die Ungläubigen aus den späteren Lebensjahren Muhammads dagegen eins zu eins auf die Ereignisse in Palästina oder die westliche “Unterdrückung" muslimischer Länder übertragen möchte, kann sich der Islam durchaus als Religion mit Gewaltpotential erweisen.

Auszug aus: Selbstmord, Märtyrertum, Jihad - Auffassungen aus Koran,
Theologie und Gesellschaft in: Islam und christlicher Glaube Nr. 1/2004 (4. Jg.) www.islaminstitut.de/Zeitschrift.20.0.html

© 1999-2020 Vision2000 | Sitz: Beatrixgasse 14a/12, 1030 Wien | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11