VISION 20003/2006
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Unsere Welt ist nicht kindgerecht

Artikel drucken Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander

Lange Abhandlungen, runde Tische, Statistiken, Leitartikel, Leserbriefe zu den Themen Familie und Förderung der Geburtenfreudigkeit prägten das Mediengeschehen der letzten Wochen. Sind wir klüger geworden? Ich bin nicht sicher. Viele haben das Thema mittlerweile satt, abgehakt, wenden sich anderen Fragen zu...

Im Medienzeitalter ist die Versuchung, so zu reagieren groß. Aus Gründen der Aktualität wird ein Thema hochgejubelt, jeder thematisiert es, aus allen Ecken werden Argumente hervorgeholt... Jeder scheint irgendwie rechtzuhaben, bis ein neuer Aspekt aufgetischt wird. Der Normalbürger resigniert bald, umso mehr als er den Verdacht hegt, daß sich ohnedies nichts wirklich ändern wird.

Wir stehen hier vor einem großen Problem: Debatten über entscheidende Fragen des Lebens werden vielfach so abgeführt, als ginge es um die Unterhaltung des Medienkonsumenten - und nicht um einen für unser Überleben notwendigen Lernprozeß.

Typisches Beispiel Der Spiegel. In einer Titelstory zum einschlägigen Thema war unter anderem folgendes zu lesen: “Familie ist die erfolgreichste Formation, gerade in Krisenzeiten. Ausgerechnet diese belastbarste Form für das Überleben der Gattung wurde von unserer Babyboomer Gesellschaft, den in den fünfziger Jahren Geborenen, zertrümmert ... Wir haben uns die eigenen Lebensgrundlagen entzogen. Dabei geht es um die knapp gewordene Ressource ,Kind' ... um die Ressource ,Liebe'."

Klingt gut, nicht wahr? Allerdings wird drei Wochen später (am 27. April) im Spiegel online unter dem Titel “Eine Hölle namens Familie" folgendes nachgeliefert: “Ein Gespenst geht um in Deutschland. Die gute alte Familie wird angesichts des Geburtenschwunds zur neuen Gesellschaftsutopie erklärt. Anscheinend haben wir alles vergessen: die autoritäre Enge, die Seelenqualen und Gewaltexzesse in den Terrorgemeinschaften der eigenen vier Wände." Im selben Medium total unvereinbare Positionen - das ist reiner Zynismus. Was gilt jetzt also? Versuchen wir eine Faktensammlung:

* Tatsache ist, daß derzeit in keinem europäischen Land ausreichend viele Kinder geboren werden, um das Bevölkerungsniveau aufrechtzuerhalten. In Deutschland und Österreich ist die Geburtenfreudigkeit so gering, daß man mit einem Rückgang von rund 40 Prozent von einer Generation zur nächsten rechnen muß. Größere Familien (mit drei Kindern oder mehr) werden zu Ausnahmeerscheinungen (nur mehr acht Prozent der Haushalte in Österreich beherbergen fünf oder mehr Personen). Schweden wegen seiner Politik der außerhäuslichen Betreuung von Kindern als vorbildlich hinzustellen, ist irreführend. Auch Schwedens Bevölkerung wird langfristig schrumpfen.

* Tatsache ist, daß Familie im Wertegefüge der Menschen einen ganz hohen Stellenwert einnimmt. Mit 89% liegt Familie im Jahr 2000 deutlich an erster Stelle, wenn die Österreicher nach dem in ihrem Leben sehr Wichtigen befragt werden (1991 waren es 86 %). Im Rahmen der Shell-Studie (2002) meinten 75 Prozent der weiblichen und 65 Prozent der männlichen Jugendlichen man brauche Familie “zum Glücklichsein".

* Befragt man Kinder, wie sie sich Familie vorstellen, so wird deutlich, daß sie sehr “konservative" Ansichten vertreten: 50% der 10jährigen finden eine Schwester oder einen Bruder am schönsten, 20% zwei, 7% drei und 11% finden mehr als drei Geschwister als Optimum.

* Tatsache ist, daß Kinder den materiellen Wohlstand der Eltern verringern. Untersuchungen haben ergeben, daß Frauen, die während ihrer Erziehungstätigkeit außerhäuslich nicht berufstätig sind, mit einem Verdienstentgang von rund 223.000 Euro rechnen müssen.

* Tatsache ist, daß Familie in den Medien überwiegend problematisiert und das Scheitern herausgestellt wird. Erfolg im Berufsleben, ein hohes Konsumniveau und aufwendige Freizeitvergnügen werden als lohnender Lebensinhalt attraktiv gemacht. Nicht zu übersehen ist weiters, daß das Berufsleben die Kräfte der Menschen immer mehr in Anspruch nimmt. Die Absicherung am Arbeitsplatz nimmt ab. Vom Mitarbeiter werden Flexibilität, Mobilität, lebenslanges Lernen (sprich Bereitschaft, sich neu auszurichten) erwartet. Halbwegs gesicherte Arbeitsplätze und für die Erhaltung einer Familie ausreichende Bezahlung werden zur Mangelware.

* Tatsache ist, daß die mit großem Aufwand betriebene Werbung tagtäglich zum Egoismus und zur Genußsucht animiert: “Geiz ist geil", “Ich will alles", “Geld macht glücklich" und ähnliche Slogans begleiten den Alltag.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die immer noch vorhandene Sehnsucht der jungen Menschen nach Familie und Kindern so oft nicht verwirklicht wird. Unsere Gesellschaft produziert einen Lebensentwurf, in den Kinder nicht passen. Ihn gilt es zu ändern. Die Stoßrichtung einer Neuausrichtung wird erkennbar, wenn wir die Frage stellen, was der Mensch zur Entfaltung seiner Persönlichkeit braucht. Die einschlägige Forschung liefert dazu Denkanstöße (siehe S. 5 und 6). Sie läßt die Stoßrichtung erkennen: Wer Kinder haben will, muß an einer kindgerechten Welt bauen.

Christof Gaspari

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