VISION 20003/2006
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Die heilige Edith Stein

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Wolfram Schrems)

Wer öfter am Edith Stein-Haus in der Wiener Ebendorferstraße 8 vorbeikommt, kennt wahrscheinlich die Inschrift am Portal: Gott ist die Wahrheit. Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht. Wer war die Frau, von der dieses Bekenntnis stammt? Wie kam sie dazu, es als Ausdruck der Heilsgewißheit für ihren todkranken Lehrer Husserl abzulegen? Wie wurde sie eine Heilige?

Edith Stein wird als jüngstes von elf Kindern am 12.Oktober 1891 in Breslau (jetzt Wroclaw) in eine gläubige jüdische Familie geboren. Ihr Geburtstag fällt in jenem Jahr auf den Jom Kippur, den Versöhnungstag des Alten Testaments. Ihr Vater stirbt, als sie noch nicht zwei Jahre alt ist. Ihre Mutter führt daraufhin die Holzhandlung - ohne entsprechende Ausbildung - mit Fleiß und Geschick. Edith stellt sich sehr bald als hochbegabt heraus und brilliert in schulischen Leistungen. Das bewahrt sie aber nicht vor Krisen. So unterbricht sie ein Jahr die Schule, um zehn Monate bei ihrer Schwester Else in Hamburg zu arbeiten.

Als Jugendliche gibt sie Glauben und religiöse Praxis auf. Sie studiert zwei Jahre an der Universität Breslau Germanistik, Geschichte, Philosophie und Psychologie. Im Jahr 1913 geht sie nach Göttingen, um bei Edmund Husserl in Philosophie zu promovieren. Husserl knüpft mit seiner “Phänomenologie" an die klassische Philosophie an und wendet sich gegen die Verirrungen der Erkenntniskritik im Gefolge Kants. Um ihn sammelt sich ein Kreis von Schülern, die große geistige Fruchtbarkeit entfalten. Manche finden auch zum Glauben - was durch die Phänomenologie selbst auch indirekt gefördert wird. Adolf Reinach etwa, Edith Steins unmittelbarer Lehrer, konvertiert 1916, wie schon zuvor Husserl selbst, vom Judentum zum Protestantismus, Dietrich von Hildebrand zur Katholischen Kirche.

Ihre Dissertation schreibt Edith Stein über die “Einfühlung". Es ist auch ihre eigene Einfühlungsgabe, mit der sie Husserl oder Freunden hilft, deren Gedanken in philosophischen Arbeiten zu ordnen. Nach dem Staatsexamen 1915 - also mitten im 1. Weltkrieg - arbeitet sie, patriotisch motiviert, etwa ein halbes Jahr als Lazaretthelferin in Mährisch Weißkirchen. Ihre anschließenden Versuche, sich zu habilitieren scheitern, ebenso zwei konkrete Hoffnungen auf eine Ehe.

Der Soldatentod Reinachs, ihres Lehrers, erschüttert sie, die im Glauben gründende Stärke seiner Witwe Anne ebenfalls. (Diese konvertiert später in die Katholische Kirche.) Außerdem: Auch ein Philosoph muß die Frage nach seinen letzten Überzeugungen beantworten. In dieser langen Krisenzeit sucht sie nach dem letztlich Tragenden. Dabei entdeckt sie den Glauben. Sie beschäftigt sich mit Augustinus.

Im Haus ihrer Freundin Hedwig Conrad-Martius, ebenfalls eine bedeutende Phänomenologin, liest sie im Sommer 1921 in einer Nacht die Autobiographie der heiligen Teresa von Avila. Das Buch war ein (von ihr selbst ausgesuchtes) Geschenk des Ehepaars Reinach. Und da fällt der Entschluß, katholisch zu werden - und außerdem Karmelitin.

Edith Stein wird am 1.Jänner 1922 auf die Namen Edith Theresia Hedwig getauft. Der Eintritt in den Karmel wird aber auf Anraten ihres geistlichen Begleiters, Erzabt Raphael Walzer OSB von Beuron, vorerst nicht verwirklicht - einerseits um ihre Mutter zu schonen, andererseits aber auch um weiterhin in der Welt tätig sein zu können.

Edith Stein legt privat die Gelübde ab. Sie arbeitet als Lehrerin am Dominikanerinnengymnasium St. Magdalena in Speyer und als Schriftstellerin und Vortragende (u. a. zu Fragen der Erziehung und der Frauenpolitik). Schließlich quittiert sie 1933 den etwa einjährigen Dienst am Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster, um der Entlassung durch das nationalsozialistische Regime zuvorzukommen. Sie betrachtet diesen Schritt als gegebenen Zeitpunkt, um Aufnahme im Karmel zu bitten.

Dieser Ort erscheint ihr wegen der Möglichkeit, in besonderer Weise für die anderen Menschen stellvertretend vor Gott einzutreten als ihr zugewiesener Platz. Der Abschied von ihrer Mutter gestaltet sich herzzerreißend: “Warum hast du es (das Christentum) kennengelernt? Ich will nichts gegen ihn sagen. Er mag ein sehr guter Mensch gewesen sein. Aber warum hat er sich zu Gott gemacht?" Edith Stein setzt diesen Schritt dennoch, wenn auch “völlig in der Dunkelheit des Glaubens". Im Kloster in Köln nimmt sie den Namen Teresia Benedicta a Cruce an. Neben den üblichen Tätigkeiten im Kloster, zu denen auch Handarbeit gehört, arbeitet sie weiter als Schriftstellerin (u. a. entsteht “Endliches und ewiges Sein").

Die Bedrängnis der Juden durch das Regime wird immer stärker und so entschließt sie sich 1938 in den Karmel “Echt" in den Niederlanden zu übersiedeln. Dort arbeitet sie auf Wunsch ihrer Oberen an einer systematischen Darstellung der Erfahrungen und Lehre des heiligen Johannes vom Kreuz anläßlich dessen 400. Geburtstages, der “Kreuzeswissenschaft".

1940 werden auch die Niederlande von den Deutschen besetzt. Nach einem massiven Protest der niederländischen Bischöfe gegen die Judenverfolgung nimmt das Regime Rache und verfügt die Verhaftung auch der getauften Juden. Eine geplante Umsiedlung der jüdisch-stämmigen Karmelitin in die Schweiz wird u.a. von den dortigen Behörden vereitelt. Edith Stein wird mit ihrer Schwester Rosa am 2.August 1942 von der Anbetung weg verhaftet. Zu dieser sagt sie: “Komm, wir gehen für unser Volk." Augenzeugen berichten von ihrem heroischen Einsatz für ihre Mitgefangenen in den Sammellagern. Die noch nicht fertiggestellte “Kreuzeswissenschaft" vollendet sie gewissermaßen durch ihr Lebenszeugnis mit ihrem Tod (vermutlich) am 9.August in Ausschwitz.

Edith Stein wird am 1. Mai 1987 von Papst Johannes Paul II. selig- und am 11. Oktober 1998 heiliggesprochen. Sie ist Mit-Patronin Europas.

Was ist ihre Botschaft an uns heutige? Zunächst, daß Philosophie, redlich betrieben, nicht vom Glauben wegführt, sondern im Gegenteil zu ihm hinführen kann. Versteht man “Philosophie" nicht als frei erfundene Ideologie (wie Kol 2,8), sondern als ehrliches Befragen dessen, “was sich zeigt" und als sokratisches Ringen um die Wahrheit, wird man nicht irregehen. Denn dann kann der Verstand über sich selbst hinausweisen.

Zweitens: Der Gläubige kann seinen Weg nicht bestimmen (vgl. Jer 10,23). Er wird geführt, “wohin er nicht will" und es wird ihm genommen, was nicht Gott ist: Beziehungen, Pläne, Möglichkeiten. Das hat auch die Heilige erfahren müssen. Trotzdem blieb sie aktiv, nämlich im Vertrauen und in der bewußten Annahme aller Widerfahrnisse - auch des Todes. Sie hat ihn im voraus angenommen und als “Sühnopfer für den wahren Frieden" und “als Sühne für den Unglauben des jüdischen Volkes" angeboten.

Edith Stein mußte die Ergebung auch erst lernen. Sie wußte sich aber “im Dunkel wohl geborgen" und blieb im Blick auf Gott Siegerin in der Prüfung. Sie hatte für ihre Mutter und für ihren Lehrer Husserl auf Gottes Barmherzigkeit vertraut. Von ihr selbst bekennt die Kirche, daß Gott sie angenommen hat. “Die Frevler sehen das Ende des Weisen, verstehen aber nicht, was der Herr mit ihm wollte und warum er ihn in Sicherheit brachte." (Weish 4,17)


Auch als Nonne Teil des jüdischen Volkes

Indem sie katholisch wurde, hatte unsere Tante ihr Volk im Stich gelassen. Ihr Eintritt ins Kloster bedeutete vor der Außenwelt, daß sie sich vom jüdischen Volke absondern wollte. So sahen wir es, und so drückte ich mich ihr gegenüber aus, als wir uns eines Nachmittags bei der Zahnärztin trafen. Es war eine seltene Gelegenheit, mit ihr “unter vier Augen" zu sprechen.

Ich war schüchtern und beklommen, denn es galt als ungehörig für Kinder, Erwachsene so gewissermaßen zur Rede zu stellen, wie ich es jetzt versuchte. In meiner Verlegenheit konnte ich meine Gedanken wohl nicht so klar machen, wie ich es wollte, und meine Überredungskünste waren nicht allzu eindrucksvoll.

Aber irgendwie brachte ich es schon fertig, meine Gedanken auszusprechen, und es war charakteristisch für meine Tante, daß sie meine Worte nicht belächelte oder mir in herablassendem Ton antwortete. Sie blieb ernst und aufmerksam und erklärte dann, sie sähe ihren Schritt nicht als einen Verrat an. Sie ließe niemanden im Stich. Der Eintritt ins Kloster garantiere ihr keine Sicherheit und werde die Wirklichkeit der Außenwelt nicht ausschalten. Sie werde immer ein Teil ihrer Familie und auch ein Teil des jüdischen Volkes bleiben, auch als Nonne.

Aus: Susanne Batzdorff-Biberstein, “Erinnerungen an meine Tante Edith Stein", in “Edith Stein - Ein Lebensbild in Zeugnissen", Topos plus, Mainz 1993

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