VISION 20004/2006
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Eingebrochene Brücken neu bauen

Artikel drucken Die Spaltung unter den Katholiken überwinden (Von Urs Keusch)

Die Einheit der Kirche ist ein Anliegen, das mir nicht nur als Priester sehr am Herzen liegt, sondern meine eigene Biographie betrifft, war ich doch hineingenommen in die Zerrissenheit, in der sich die Kirche der vergangenen Jahrzehnte, vor allem seit dem II. Vatikanum, befunden hat und zum Teil noch befindet.

Die Kirche ist vor allem die letzten 50 Jahre durch
eine außergewöhnlich schwere Prüfung gegangen. In weiten Teilen der Welt wurde sie blutig verfolgt und unterdrückt. Sie hat ein Heer von Blutzeugen hervorgebracht. In der westlichen Welt erlitt sie einen Glaubensabsturz ohnegleichen, einen Exodus auch in lateinamerikanischen Ländern. Ein geistiges Erdbeben, wie es in der Geschichte des Christentums wohl noch keines gegeben hat!

In diese Krise waren wir alle hineingenommen, vor allem die Theologen und Priester. Viele Pfarren und Ordensgemeinschaften erlitten schwere Erschütterungen, Herden wurden versprengt, Wunden geschlagen, die bis heute nicht vernarbt sind. Das ist die eine Seite dieser Wirklichkeit. Auf der anderen Seite stand diese Zeit ganz im Zeichen der Barmherzigkeit Gottes: Sie hat uns mit einem Papst beschenkt, in dem viele einen Mose gesehen haben, der die Kirche durch diese Bedrängnis in eine neue Freiheit geführt hat: Johannes Paul II.

Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als Papst Johannes Paul II. gewählt wurde. Das war für mich die Stunde wunderbarer Klärung. Ich wollte damals Theologie studieren. Aber wo? Es ging ein frostiger Wind durch die Seminare. Viele von denen, die als Priesteramtskandidaten in ein Seminar eintraten, konnten ihre Berufung nicht halten. Damals wurde in der Schweiz die Bewegung um Erzbischof Marcel Lefèbvre immer stärker, die Zahl der Theologiestudenten in Ecône immer beeindruckender, die Kritik Lefèbvres am II. Vatikanum immer entschiedener. Auch ich kam mit dieser Bewegung in Berührung, ja, wurde bis zu einem gewissen Grade von ihr erfaßt.

Es fehlte mir damals - wie den meisten Laien - die große, vertiefte Sicht der geschichtlichen Zusammenhänge, in die immer auch die Kirche hineingenommen ist. So sahen viele in der nachkonziliären Kirche alle apokalyptischen Kennzeichen des großen Abfalls, der “Hure Babylons". Viele waren überzeugt, daß sich nun bald der Antichrist auf den Stuhl Petri setzen würde...

Und da wurde Johannes Paul II. zum Nachfolger des Apostels Petrus gewählt. Ich war mir auf einmal ganz sicher: Das ist der Weg, den wir gehen müssen! Ich erkannte mit innerer Gewißheit: Dieser Papst ist das Geschenk Polens an die Kirche, ein Geschenk des Himmels durch die Hände der Gottesmutter. Diese Erkenntnis gab mir die Kraft, mich immer entschiedener auf die Seite des Papstes zu stellen und mich von der besagten gefährlichen und die Einheit der Kirche so subtil gefährdenden Bewegung loszusagen, so schmerzliche Konsequenzen das auch mit sich brachte.

Zusehends erkannte ich in Johannes Paul II. so etwas wie die lebendige Verkörperung des Geistes des II. Vatikanums - ein Konzil, das er nicht müde wurde, als “großes Geschenk des Heiligen Geistes" zu bezeichnen. Ich verdanke es diesem Papst, daß ich den Mut fand, in einem diözesanen Seminar Theologie zu studieren, obgleich das in mancher Hinsicht alles andere als ein geistliches Vergnügen war...

Ich erzähle ihnen das, weil ich ein Beispiel bin von vielen, die ähnliches unter Johannes Paul II. erlebt haben. Wir haben wahrscheinlich kaum eine Ahnung, was wir diesem Papst verdanken. “Durch das Meer ging der Weg, dein Pfad durch gewaltige Wasser" (Ps 77,20). Viele Priester und auch Bischöfe, die in ihrer priesterlichen Identität verunsichert und von allen Seiten angefochten waren, haben sich an seinem strahlenden Beispiel aufgerichtet, auch im Glauben, vor allem aber in ihrer Berufung!

Johannes Paul II. hat die Kirche nicht bloß durch das Meer und die weglose Wüste geführt, er hat sie mit neuem, jungem Leben erfüllt, sie in neuem Glanz erstrahlen lassen. Er war ein Siegeszeichen der barmherzigen Liebe Gottes.

Heute stehen wir in einer neuen Phase der Kirche, haben wieder Boden unter den Füßen, auch wenn noch viele Trümmer herumliegen. In Benedikt XVI. geht ein Engel des Friedens durch die Welt, ein Engel der Versöhnung. Es ist kein Zufall, daß Benedikt XVI. aus Deutschland zum großen Brückenbauer der Welt und der Kirche berufen wurde.

Das ist eine der unfaßbaren Antworten der Barmherzigkeit Gottes auf das Übel und das Böse in der Welt. Wie schon Johannes Paul II., der eine eigene Enzyklika zur Einheit der Kirche geschrieben hat, so bedrängt auch Benedikt XVI. keine Sorge mehr als der Skandal der zerrissenen Christenheit. Johannes Paul II. schrieb in seiner Enzyklika:

“Die Einheit der ganzen zerrissenen Menschheit ist Gottes Wille. Am Vorabend seines Opfertodes am Kreuz bittet Jesus selbst den Vater für seine Jünger und für alle, die an ihn glauben, daß sie eins seien, eine lebendige Gemeinschaft. - Die Spaltung widerspricht ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen... An Christus glauben heißt, die Einheit wollen; die Einheit wollen heißt, die Kirche wollen; die Kirche wollen heißt, die Gnadengemeinschaft wollen, die dem Plan des Vaters von Ewigkeit her entspricht."

Die Einheit wollen!

Was heißt das heute ganz konkret für uns, für jeden von uns ganz persönlich, ob Priester oder Laie? Es heißt, daß ich mich im Angesicht des gekreuzigten Christus der Frage stellen muß:Lebe ich diese Einheit mit der Kirche in wirklicher und liebender Einheit?

Diese Frage sollten wir nicht zu schnell mit Ja beantworten. Sie greift viel zu tief in unser Christsein und in unsere Glaubenspraxis hinein.

Aus jahrzehntelanger Erfahrung weiß ich, wie gerade in der Schweiz im Zuge einer überbordenden nachkonziliaren “Erneuerung" viele Wunden geschlagen wurden. Es kam zu vielen Streitigkeiten, zu viel “Ruin der Liebe" (Hl. Franz von Sales).Viele sind eigene, von ihren Pfarreien getrennte Wege gegangen, was damals nicht nur überraschen konnte. Aber heute befinden wir uns in einer anderen Situation. Es geht jetzt darum, eingebrochene Häuser, Brücken und Straßen wieder neu zu bauen.

Denn eine ernsthafte Gefahr besteht heute für viele der betroffenen Christen darin, daß sie den Anschluß an ihre Pfarreien ganz verlieren, ja, daß sie ihn gar nicht mehr suchen. Und doch stellen “die Pfarreien auf eine gewisse Weise die über den ganzen Erdkreis hin verbreitete sichtbare Kirche dar" (II. Vatikanum).

Ich weiß, dieses Problem ist nicht einfach zu lösen, weil sich noch heute manche Priester und Seelsorger kaum um die wirkliche Einheit mit ihrem Bischof und mit Petrus bemühen. Aber gerade dieser schmerzliche Umstand sollte unseren Willen zur Einheit entfachen, indem wir mit Christus für diese Priester und Seelsorger beten und dieses Kreuz auf uns nehmen. Der Ungehorsam dieser Priester trifft ja nicht in erster Linie uns, sondern Jesus Christus selbst!

Oft sind solche Seelsorger und ihre Pfarreien gerade auf unser Gebet und unsere Leiden angewiesen, damit sie sich wieder zu neuem Leben erheben können. Wie soll eine Pfarrei oder eine Gemeinschaft Umkehr und Erneuerung erfahren, wenn sich gerade die eifrigen Christen von ihnen absondern und auf diese Weise ihnen den Segen ihres Beispiels, ihres Opfers, ihres Gebets, ihrer Leiden vorenthalten? Johannes Paul II. äußert in seinem Dokument über die Priester einen beherzenswerten Gedanken: “Der Priester dient der Gemeinde, wird aber auch von seiner Gemeinde getragen. Er braucht den Beitrag der Laien, nicht nur für die Organisation und Verwaltung seiner Gemeinde, sondern auch für den Glauben und in der Liebe..."

“Alle sollen eins sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast" (Joh 17,21). Darum muß unser ganzes Verlangen sein, an dieser Einheit mitzubauen, damit die Welt Jesus Christus erkennt und so zur Freude der Erlösung findet. Es geht darum, daß wir alle, jeder an seinem Ort, an dieser Einheit bauen, auch wenn es uns vielleicht manches Opfer kostet.

Christus hat für diese Einheit zu seinem Vater gebetet und sein Leben am Kreuz hingegeben - und wir wollen nicht die geringste “Verletzung" für diese Einheit in Kauf nehmen, kein bißchen das Kreuz mittragen? Nein, das kann unmöglich die Haltung eines Christen sein, der Jesus Christus von ganzem Herzen liebt.

Doch solches Leiden mit Christus um die Einheit der Kirche, die Opfer, die wir dafür bringen, sind verdienstvoller und bringen unvergleichlich reicheren Segen über uns und unsere Familien als alle Bußübungen und alle Gebete, die wir sonst verrichten.

Franz von Sales schrieb einmal einem “streitbaren Katholiken" seiner Zeit - einer Zeit, die ähnlich aufgewühlt war wie unsere - die folgenden Zeilen, die auch an uns geschrieben sein könnten: “Ich hasse alle Streitigkeiten und Auseinandersetzungen unter Katholiken, deren Ziel unnütz, und noch mehr jene, deren Ergebnis nichts anderes sein kann als Uneinigkeit und Zwietracht, besonders in dieser Zeit, reich an Geistern, die zu Kontroversen, Verleumdungen, Zensuren und zum Ruin der Liebe neigen."

Solche unnützen Streitigkeiten geschehen gewiß auch überall dort, wo die “Alte Messe" gegen die “Neue Messe", Mundkommunion gegen Handkommunion ausgespielt und Privatoffenbarungen über die diesbezüglichen kirchlichen Verlautbarungen und Bestimmungen gestellt werden. (Siehe auch Leserbrief in VISION 3/06, S.2)

Doch ein untrügliches und schönes Kennzeichen einer wahrhaften und reifen kirchlichen Gesinnung ist die Zuneigung und Treue der Gläubigen gegenüber dem Bischof ihrer Diözese, die Dankbarkeit und das Gebet für ihn. Denn im “Bischof sehe man den Hohepriester seiner Herde, von dem das Leben seiner Gläubigen in Christus gewissermaßen ausgeht und abhängt ... Die Gläubigen müssen dem Bischof anhangen wie die Kirche Jesus Christus und wie Jesus Christus dem Vater, damit alles in Einigkeit übereinstimme und überströme zur Verherrlichung Gottes" (II. Vatikanum).

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