VISION 20005/2006
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Ein Vulkan der Liebe

Artikel drucken Über die unauslotbare Größe der Barmherzigkeit Gottes

Beim Bedenken unserer Zeit, unserer Gesellschaft, unserer Probleme kommen wir nicht um die Frage herum: Welches ist das Prinzip aller Existenz? Worauf baut sie auf? Die Antwort: Das Wesen des Allmächtigen, seine unauslotbare Barmherzigkeit bestimmt den Lauf der Dinge, hält alles in Gang.

Als ein Reporter den altgewordenen, in den Leiden und Sehnsüchten der Menschen und der Welt erfahrenen Papst Johannes Paul II. einmal fragte: “Was wünschen Sie sich für die Welt?" , bestand seine Antwort aus einem einzigen Wort: Barmherzigkeit!

Was meinte er damit? Ja, was ist mit Barmherzigkeit eigentlich gemeint? Diese Frage wird einem immer wieder gestellt. Ich will versuchen, darauf eine Antwort zu geben, eine Antwort, wie die Hl. Schrift sie uns gibt, vor allem aber die Person Jesus Christus selbst. Aber weil wir von Gott nur in Bildern, in Gleichnissen sprechen können, will ich mich auf diese Weise dem unaussprechlichen Geheimnis nähern.

Doch das sei vorausgeschickt: Die Barmherzigkeit Gottes ist das Wunderbarste im Geheimnis seiner unendlichen Liebe. Alles, was wir darüber schreiben, ist nur Schatten, “Stroh", wie der heilige Thomas von Aquin über sein Werk sagte, als er einen Lichtschimmer der ewigen Liebe schaute.

“Schreibe über Meine Güte, was dir in den Sinn kommt", sagte Jesus zu Schwester Faustyna, der wir den Barmherzigkeitssonntag verdanken. “Ich entgegnete: ,Aber Herr, wenn ich zuviel aufschreibe?' Und der Herr erwiderte: ,Meine Tochter, auch wenn du mit allen Menschen- und Engelszungen gleichzeitig reden würdest, könntest du nicht zuviel sagen; vielmehr hättest du dann erst ein Teilchen Meiner Güte gepriesen, Meiner unergründlichen Barmherzigkeit'." (Tagebuch)

Gott ist die Liebe. Er ist nicht bloß liebevoll, gütig, gnädig, gerecht, barmherzig... Er ist die Liebe. Er ist das grenzenlose Universum der Liebe. Liebe ist sein Wesen. Das sichtbare geschaffene Universum mit seinen immer neuen Geburten von Galaxien, von denen eine einzige über 100 Milliarden Sonnen hat, ist “bloß" ein Hinweis auf die Unvorstellbarkeit der unendlichen Liebe Gottes. Die Liebe Gottes ist grenzenlos, uferlos und darum auch “furcht-erregend" in ihrer unendlichen Tiefe und Weite. Darum ist die “Gottes-Furcht" der Anfang der Weisheit, der Anfang der Erfahrung der Liebe (vgl Spr. 1,7).

Die Liebe Gottes umfängt das geschaffene “unendliche" Weltall, sie hat es aus Liebe geschaffen, sie trägt es wie eine Mutter ihren frierenden Säugling in einer Wolldecke durch die kalten Räume der Unendlichkeit. Wir Menschen können uns keine Vorstellung machen von den unendlichen Dimensionen der Liebe Gottes und dem ewigen Wogen der “glühenden Massen" im Herzen Gottes. Das geschaffene Universum möchte uns den Hauch einer Ahnung davon vermitteln. Denn wir sollen “von der Größe und Schönheit der Geschöpfe auf ihren Schöpfer schließen", sagt uns das Buch der Weisheit (13 , 5).

Was ist Barmherzigkeit? Barmherzigkeit ist unendliche Liebe, aber eine Liebe, die aus sich herausbricht, die - wie das Universum - aus “unendlichen" Tiefen immer neue Galaxien des Erbarmens aus sich herausschleudert. Barmherzigkeit ist, wie es der heilige Pfarrer von Ars einmal genial ausdrückt: “Ein Strom, der über die Ufer getreten ist." Barmherzigkeit ist wie ein Vulkanausbruch der Liebe. Barmherzigkeit ist ein Ausbruch des Mitleids Gottes mit uns Menschen. Barmherzigkeit ist das Herz im Herzen Gottes: Es ist der Heilige Geist.

Barmherzigkeit ist - wir reden immer in Bildern - das dramatische “heiße Ringen" der Liebe Gottes mit seiner eigenen Gerechtigkeit. Barmherzigkeit ist der leidenschaftliche Kampf Gottes mit sich selbst angesichts der Selbstzufriedenheit des Menschen, seiner Lieblosigkeit, der Untreue, der Rohheit, der Gottvergessenheit, der geistigen Lethargie und Taubheit seiner Menschenkinder. Barmherzigkeit ist der Sieg und Triumph der Liebe! Beim Propheten Hosea spricht Gott selbst von diesem “heißen Ringen" mit sich, wo er auf sein geliebtes Kind Israel schaut, das ihn verraten und verlassen hat und das aufgrund der Bundesvereinbarungen den Tod verdient hätte. Gott sagt von sich selber:

“Mein Volk verharrt in der Treulosigkeit; sie rufen zu Baal, doch er hilft ihnen nicht auf. Wie könnte ich dich preisgeben Efraim, wie dich aufgeben, Israel?... Mein Herz wendet sich gegen mich, mein Mitleid lodert auf. Ich will meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken und Efraim nicht noch einmal vernichten. Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte." (Hos 11,7-9)

“Es rang in wunderbarmem Streit, die Liebe mit der Gerechtigkeit." So ist das 11. Kapitel im Propheten Hosea eine dramatische Darstellung, ein göttliches Schauspiel des Ungleichgewichts von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Hier wird etwas sichtbar und spürbar von dem “wunderbaren Streit" der Barmherzigkeit mit all den Mächten, die zum Gericht aufstehen. Hier hören wir bereits ein Herz schlagen und klagen, das vom Schmerz um den schuldiggewordenen Menschen zerrissen und durchbohrt ist. Hier bewahrheitet sich das unendlich trostvolle und österlich durchstrahlte Wort des Apostels Jakobus (2,13): “Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht."

Von dieser Barmherzigkeit spricht auch Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika über die Liebe Gottes. Er schreibt (10): “Die leidenschaftliche Liebe Gottes zu seinem Volk - zum Menschen - ist zugleich vergebende Liebe. Sie ist so groß, daß Gott diese Liebe gegen sich selbst wendet, seine Liebe gegen seine Gerechtigkeit. Der Christ sieht darin schon verborgen sich anzeigend das Geheimnis des Kreuzes: Gott liebt den Menschen so, daß er selbst Mensch wird, ihm nachgeht bis in den Tod hinein und auf diese Weise Gerechtigkeit und Liebe versöhnt."

Jesus Christus ist diese menschgewordene Barmherzigkeit Gottes in Person. An Ihm können wir sehen, wie Gott uns Menschen richtet. Wo wir Strafe verdient haben, hält Er für uns Seinen Rücken hin. (Jes 50,6) Wo wir den Tod verdient haben, zahlt er für uns mit seinem Leben. Wo Gräber uns entgegenstarren, hat Er sie für uns aufgerissen auf das ewige Leben hin.

Diese Botschaft wollte uns Paulus verkünden, dieser gewaltige Apostel der Barmherzigkeit: “Wo die Sünde mächtig wurde, ist Gottes Barmherzigkeit übergroß geworden!" (vgl Röm 5,20) Und noch so ein “verrücktes" Wort von ihm: “Gott hat Christus für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Christus vor Gott gerecht (= heilig, neugeschaffen, schön) gemacht werden." (2 Kor 5,21)

Barmherzigkeit ist immer ein Sieg der Liebe Gottes über die Bosheit des Menschen und der ganzen Welt. Sie ist immer ein Überwinden des Bösen durch das Gute. Darum sagt uns der Herr: “Seid barmherzig, wie es auch euer Vater im Himmel ist!" (Lk 6,36) Werdet wie Er! Seid wie Er!

Wir können es nicht genug verkünden: Jesus Christus ist die menschgewordene Barmherzigkeit Gottes! Werden wir das je begreifen - oder brauchen wir nochmals 2000 Jahre, um dieses Wunder der barmherzigen Liebe Gottes des Vaters auch nur ein wenig zu verstehen? “Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes hat uns besucht das aufstrahlende Licht aus der Höhe" (vgl Lk 1,78).

Und diese barmherzige Liebe - es ist der Heilige Geist - bricht aus dem durchbohrten Herzen Jesu am Kreuz hervor: Sie gibt zum Übermaß und Überfluß der Liebe noch Liebe hinzu, über den Tod hinaus, über das Übermaß hinaus. Sie antwortet auf die ruchlose Tat des Soldaten mit Liebe, überwindet das Böse durch das Gute! Sie gibt, sie strömt aus sich heraus, sie trifft den Soldaten und reißt ihn hinein in den Strom seiner Barmherzigkeit.

Darum wird in der christlichen Tradition die geöffnete Seite des Herrn als Quelle der Barmherzigkeit bezeichnet: weil sie aus den unergründlichen Tiefen der leidenschaftlichen Liebe Gottes über den Tod hinaus gibt.

Die Barmherzigkeit ist immer auch eine Liebe mit Füßen. Sie kann nicht ruhig sitzen. Im Bild vom Guten Hirten ist sie uns am deutlichsten vor Augen gestellt. Die Barmherzigkeit hält es nicht im Himmel aus. Sie will zu ihren Kindern. Sie will das Verlorene suchen. Sie will die Schuld verzeihen. Sie will das Niedergeschlagene aufrichten. Sie will zum Verzweifelten sagen: Siehe, ich mache alles neu! (Off 21,5)

Darum spricht die Barmherzigkeit, als sie unter uns weilte: “Ich bin gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist." (Lk 19,10) “Ich will Barmherzigkeit, nicht Opfer" (Mt 9,13)

Eine große Liebende des Mittelalters, Juliana von Norwich, sagte einmal: “Die Barmherzigkeit ist so mitleidig wie eine Mutter in ihrer zarten Liebe."

Eine Mutter hält es nicht zu Hause aus, wenn sie weiß, daß ihr Kind “verloren" ist. Ich weiß von einigen Müttern, die Wochen, Monate, ja, jahrelang unter größten Widrigkeiten und Entbehrungen ihr “verlorenes Kind" gesucht haben, bis sie es gefunden haben. Eine Mutter in der Schweiz ist bis nach Indien gereist, um dort in verschiedenen Städten ihren “verlorenen Sohn" zu suchen.

“Wahnsinn", sagen wir dazu! “Torheit" nennt Paulus diesen Wahnsinn der Liebe Gottes, die Mensch geworden ist, um das Verlorene zu suchen und sich für uns am Kreuz hinzugeben, damit wir das Leben haben. Und durch die Verkündigung dieses Wahnsinns der Liebe Gottes, dieser Torheit von der Gekreuzigten Liebe Gottes, sollen wir gerettet werden. (vgl Röm 1)

Nur so können wir gerettet werden, indem wir an die unendliche erbarmende Liebe Gottes glauben und unser Leben in diesen glühenden Strom hineinwerfen, damit wir in ihm neu geschaffen werden. Christus ist dieser glühende Strom. “Der gekreuzigte und auferstandene Christus, wie er der Schwester Faustyna erschien, ist die äußerste Offenbarung dieser Wahrheit", sagt Johannes Paul II.

Von Ihm geht wie in Blitzen die Barmherzigkeit Gottes an die Menschen aus. Aus seinen Wunden, aus seinem durchbohrten Herzen strömt Gottes unendliche Barmherzigkeit in die Schöpfung. Darum ist der auferstandene Christus mit seiner geöffneten Seite - das Bild vom Barmherzigen Jesus, wie es uns von der Heiligen Faustyna übermittelt worden ist - so wichtig, so notwendig, notwendend für unsere Zeit!

Was ist also Barmherzigkeit? Was meinte Johannes Paul II. damit, als man ihn fragte, was er sich für die Welt wünsche? Er meinte damit die immer neue und unverdiente, erbarmende Zuwendung der verzeihenden und österlichen Liebe Gottes, die gerade dort am leidenschaftlichsten entbrennt, wo Schuld und Angst und die Macht des Bösen jeden Ausblick auf Hoffnung und Rettung unmöglich zu machen scheinen und wo der Mensch es nicht mehr wagt (und keine Kraft mehr dazu aufbringt), seine Augen zum Himmel zu erheben.

Und gerade diese “verlorene Welt" hat der mitleidende, unbegreifliche Gott im Visier seiner Barmherzigkeit, schreibt Johannes Paul II. in seiner letzten kurzen Ansprache zum Barmherzigkeitssonntag (vom 2. April 2004, an seinem Todestag), wenn er sagt: “Die Menschheit scheint zuweilen verirrt und von der Macht des Bösen, des Egoismus und der Angst beherrscht zu sein. Ihr schenkt der auferstandene Herr Seine Liebe, die vergibt, versöhnt und die Gedanken wieder der Hoffnung öffnet, eine Liebe, die die Herzen bekehrt und Frieden schenkt. Wie sehr hat es unsere Welt doch nötig, die Göttliche Barmherzigkeit zu verstehen und aufzunehmen."

Maranata - Komm, Herr Jesus! Öffne uns in deinem grundlosen Erbarmen die Herzen für die unendliche Barmherzigkeit deines lieben Vaters! Schenke uns deinen Heiligen Geist!

Urs Keusch

Ich empfehle die Enzyklika von Johannes Paul II. “Dives in misericordia". Anhand des Tagebuchs der Hl. Faustyna habe ich rund 20 Meditationen zur Barmherzigkeit mit Auszügen daraus geschrieben: eine Hilfe auch für Priester für die Predigt und den Barmherzigkeitssonntag. Bei mir zu beziehen. (Urs Keusch, Pfr. em., Gaschürstr. 13, CH-7310 Bad Ragaz)

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