VISION 20005/2006
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Bereit sein, Lasten mitzutragen

Artikel drucken Gespräch über die Bedeutung der Barmherzigkeit im Umgang miteinander

Ist Dir die Barmherzigkeit Gottes schon konkret begegnet?

Maria Loley: Die Barmherzigkeit Gottes ist für mich faßbar geworden, als ich das erste Mal erlebt habe, daß mich jemand akzeptiert, so wie ich bin. Diese Erfahrung war natürlich nicht Ergebnis einer einzelnen Begegnung.

Was hat das in Dir ausgelöst?

Loley: Es hat mich Schritt für Schritt zu mir selber geführt. Und so konnte ich mich dann auch selbst annehmen. Das war bis dahin mein Problem: Ich habe mein Wesen als inakzeptabel empfunden. Inakzeptabel allerdings für jene Menschen, die nicht mit Nöten zu mir gekommen sind. Von diesen erfuhr ich schon Annahme. In der oben erwähnten Erfahrung ist mir bewußt geworden: Die Barmherzigkeit Gottes ist ein allgegenwärtiges Geheimnis. Sie wirkt überall dort, wo einer dem anderen das zu geben versucht, was dieser braucht.

Muß man Barmherzigkeit erleben, um Mensch zu werden?

Loley: Das ist notwendig. Nur wo wir jemandem mit einem von barmherziger Zuwendung erfüllten Herzen begegnen, können wir ganz Mensch werden, weil wir dabei dem barmherzigen Gott begegnen. Davon bin ich übrigens überzeugt: In jedem Menschen ist Barmherzigkeit grundgelegt. Wenn ich aber egoistisch lebe und verletzend werde, verkümmert diese Anlage allerdings.

Wie bringt man diese Anlage am besten zur Entfaltung?

Loley: Indem man den anderen zunächst wahrnimmt, sich Gedanken macht, wie es ihm geht. Die Einfühlung, die Empathie ist ein Anfang. Ein Fortschreiten in der einfühlsamen Zuwendung führt mich immer tiefer in das Innere des Menschen hinein. Dann entdecke ich: Jeder Mensch braucht nicht nur Verständnis, sondern Barmherzigkeit.

Die Kinder in besonderem Maß vielleicht?

Loley: Kinder und Jugendliche müssen Menschen begegnen, die ein offenes Herz für sie haben. Diese Offenheit darf sich nicht verschließen, wenn das Kind Dummheiten macht. Sich in einer solchen Situation zu verschließen, kann schwerwiegende Folgen haben. Ich habe im Sozialdienst oft erlebt, wie wichtig das offene Herz ist, wenn man mit Jugendlichen Gespräche führt, die “Dummheiten" gemacht hatten. Dann ist Barmherzigkeit besonders gefragt. Dazu muß ich sagen, daß ich mir in den konkreten Situationen nicht Gedanken darüber gemacht habe, barmherzig zu sein. Da wird einfach die Anlage in uns vom Heiligen Geist berührt - ob ich jetzt an Ihn denke oder nicht. Sie wird fruchtbar, erfahrbar für den anderen.

Kannst Du das an einer Begebenheit anschaulich machen?

Loley: Ein 14jähriger hatte an einem Ladendiebstahl mitgewirkt. Ich wurde vom Gericht beauftragt, einen Bericht über ihn zu verfassen. Daraufhin habe ich ihn in meine Sprechstunde eingeladen. Und da sitzt er mir nun steif gegenüber, erwartet sich ein Donnerwetter. Ich lächle ihn an und frage: “Weißt Du warum wir jetzt miteinander reden ?" Er wird etwas lockerer: “Weil ich einen Blödsinn gemacht habe..." “Warum ist Dir das überhaupt passiert?" “Meine Freunde haben sich ausgemacht: Wir gehen stehlen. Mir haben sie gesagt: ,Du bist feig, wenn du nicht mitmachst!' Und ich wollte nicht feig sein." “Klar, feig willst Du nicht sein..." Damit hatten wir einen Punkt, an dem wir gleicher Meinung waren.

Ich setze fort: “Ehrlich: Warst du nicht eigentlich feig, weil du mitgemacht hast? Wenn du die Schneid gehabt hättest, den anderen zu sagen: ,Schleicht's euch, ich mach da nicht mit!' - wär' das nicht mutiger gewesen?" Er schaut mich mit großen Augen an. “Ah, so!" Und ich darauf: “Ich traue Dir zu, daß du dich in einer ähnlichen Situation, wenn du spürst: das ist nicht ok, künftig traust, nein zu sagen, ,da tu ich nicht mit'. Ich trau Dir zu, daß Du dann auf Dein Gewissen hörst." Nach einer Pause: “Ich rechne mit Dir - und noch etwas: Was Du von unserem Gespräch daheim erzählst, überlaß ich Dir."

In die nächste Sprechstunde kommt daraufhin die Mutter und fragt: “Was haben Sie mit meinem Sohn gemacht? Der ist ja jetzt ganz anders. Stellen Sie sich vor, als ich ihn gefragt habe, was die Fürsorgerin ihm gesagt hat, gab er zur Antwort: ,Das sage ich Dir nicht! Das ist meine Sache'."

Dieser Bursche ist nie wieder in eine fragwürdige Situation gekommen. Als er schon verheiratet war und zwei Kinder hatte, hat er mir einmal gesagt: “Ich danke Ihnen heute noch für das damalige Gespräch. Es hat mein Leben geändert." Dabei habe ich eigentlich nichts besonderes getan.

Barmherzigkeit also als Haltung, in der man die Schwäche und die Schuld des anderen “auffängt"?

Loley: Ohne anzuklagen. Es steht mir nicht zu, anzuklagen. Dazu fällt mir noch eine Geschichte ein: Ich hatte Kontakt mit jemandem, der häufig “ausgerastet" ist und dann sehr verletzende Sachen gesagt hat. Das Blut hätte einem erstarren können. Oft war das richtig unerträglich. Mein Eindruck: Hier ist ein Mensch in seiner Schwachheit anfällig für Versuchungen des Bösen. Auseinanderzuhalten, was persönliche Schwäche und was Einfluß des Bösen ist, war nicht möglich. Ich entschloß mich also, die Ausbrüche einfach über mich ergehen zu lassen, im Herzen nicht zuzumachen. Im Gegenteil: Ich habe umso mehr für ihn gebetet. Immer wieder gab es auch Gelegenheiten, bei denen ich ihm Güte zeigen konnte. Manchmal sagte er dann: “Das tut mir gut." Im Verlauf von Jahren stellt ich dann fest, daß die Ausbrüche kürzer, seltener wurden, an Härte verloren. Das Gute fing an, in ihm aufzuleuchten. Mir war klar: Das ist Werk des Heiligen Geistes. Wohlgemerkt: Das hat Jahre gedauert. Indem ich dieses Verletzende ertrug, wurde ein Weg für Gott freigemacht. Dazu mußte ich den anderen immer wieder meditieren, um ihn mit dem Herzen verstehen zu lernen. Wenn ich mit dem Herzen zu verstehen versuche, wirkt die in mir von Gott angelegte Barmherzigkeit. Dann wird die Begegnung mit dem anderen nicht zu meinem Werk, sondern Gott wirkt selbst in unserer Schwachheit.

Heißt, den anderen zu meditieren, ihn vor Gott zu tragen?

Loley: Ja. Ich bete täglich für die Menschen, bei denen ich spüre, daß sie in einer verfahrenen Lage sind. Besonders gern das Jesus-Gebet: “Herr Jesus, erbarme Dich!" Ich weiß, daß Jesus dann für uns Unvorstellbares wirkt. Aber Er bricht niemanden. Er geht in kleinen Schritten vor, geduldig. Wenn ich erkenne, daß ein Mensch schrittweise befreit wird, passe ich mich diesem Wirken so gut es geht an. Wenn ich so in kleinen Schritten Liebe schenke, empfange ich ununterbrochen Gottes barmherzige Liebe. Das sind beglückende Erfahrungen - auch wenn das Beladenwerden mit den Lasten der anderen belastend ist. Dann denke ich an das Psalmwort: Gott trägt unsere Last, Er , unser Heil.

Barmherzig sein, heißt also auch, die Last der anderen zu tragen.

Loley: Ja, ganz entscheidend. Daran knüpft sich die Erfahrung: Gott trägt unsere Last. Wenn ich bereit bin, die Last des anderen mitzutragen, mache auch ich die Erfahrung, daß Gott mir die Last abnimmt, sie mitträgt, verwandelt - eine wunderbare Erfahrung.

Maria Loley war eine Pionierin der Sozialarbeit in Österreich. Sie ist Begründerin der “Bewegung Mitmensch". Das Gespräch führte CG.


“Jesus, sei mir barmherzig!"

Am Wochenende kam mein Vater oft heim, nachdem er zu viel Alkohol getrunken hatte. Leicht angetrunken murmelte er dann: “Jesus, sei mir barmherzig! Jesus, sei mir barmherzig..." Er wiederholte das immer wieder. Meine Mutter und ich lächelten einander dann zu, weil wir nicht begriffen hatten, daß mein Vater aus der Tiefe seiner Not zum Herrn schrie. Jahre später erst habe ich verstanden, daß mein Vater, dieser Arbeiter, dieser einfache, aber tiefgläubige Mann sich damit als ein Armer vor Gott betrachtete.

Diese seine Gebete und seine Opfer waren es übrigens, die in mir den Entschluß weckten, Priester zu werden. Sie waren auch ausschlaggebend dafür, daß mir in meinem Dienst die Barmherzigkeit zum Hauptanliegen wurde. Das von meinem Vater mitten in seinen Verletzungen und Schwächen hunderte Male wiederholte “Jesus, sei mir barmherzig!" hat Gottes Herz sicher berührt. Deswegen wiederhole auch ich im Angesicht des Allerheiligsten immer wieder diese Litanei, die der Vater wie einen Schrei an Gott gerichtet hat, wenn er wieder einmal durch seine Schwäche für den Alkohol beschämt war.

André Daigneault

Aus einem Interview in "Famille Chrétienne" v. 16.-22.2.2002

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