VISION 20006/2006
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Geschaffen für das Leben

Artikel drucken Die steigende Zahl von Suiziden wirft fundemantale Fragen auf (Von Urs Keusch)

Wieviel Leid, wenn ein Mensch aus dem Leben geht! Im folgenden Worte des Trostes für Zurückgebliebenen und der Ermutigung für jene, die keine Perspektive mehr sehen.

Neulich erhielt ich einen Brief von zwei Mädchen eines katholischen Internats, die mir ganz erschüttert berichteten, daß sich in den Ferien eine ihrer Mitschülerinnen das Leben genommen habe. “Stimmt es, daß Menschen, die sich das Leben nehmen, in die Hölle kommen?", wollten sie wissen. Junge Menschen sprechen solche Dinge leichter an als Erwachsene. Aber immer wieder begegnet man als Seelsorger Angehörigen von Menschen, die “freiwillig" aus dem Leben gegangen sind, und die noch nach Jahrzehnten von ähnlichen Fragen angefochten werden, wie diese beiden Mädchen.

Der Psychotherapeut Mathias Jung schreibt in seinem Buch AussichtsLos: “In der therapeutischen Arbeit mit meinen Klienten stoße ich erschreckend oft auf die Tatsache, daß sie das Drama einer Selbsttötung in der Familie oder gar einen eigenen Suizidversuch über Jahrzehnte hinweg nicht aufgearbeitet, nicht beweint, nicht begriffen und damit nicht beendet haben. Dabei kommen wir fast alle in unserer Großfamilie und Bekanntschaft mit dem Problem des Suizids in Berührung."

Das ist auch meine persönliche Erfahrung als Seelsorger. Gerade in sogenannten “gläubigen Familien" spricht man kaum darüber. Das Thema wird tabuisiert. Aber Gefühle der Scham, der Trauer, der Untröstlichkeit, der Schuld und der Ungewißheit über das “ewige Los" solcher Seelen schwelen weiter oder werden verdrängt.

Es gehört zum Erschütterndsten, zum menschlich Unfaßbarsten und Grausamsten, wenn ein Familienmitglied: eine Mutter, ein Vater, eine Schwester, ja, sogar das eigene Kind aus dem Leben geht, wenn es Suizid (Selbsttötung) begeht. “Die Selbsttötung eines nahestehenden Menschen zu bewältigen, zählt zu den größten seelischen Leistungen. Jeder Suizid ist ein Einzelfall. Er stürzt die zurückgebliebenen Angehörigen in ein Chaos von Gefühlen!" (Mathias Jung)

Und wo es eine Mutter ist, die ihr eigenes Kind - manchmal sind es auch zwei oder drei - mit in den Tod nimmt, weil sie es nicht ertragen kann, ihr Kind in einer “so schlechten Welt" zurückzulassen, wie es oft in Abschiedsbriefen heißt, dort erstarren Sprache und Gefühl. Aber auch der Selbsttod eines alten Menschen - jedes Menschen! - bleibt immer ein erschütterndes, grausames Geschehen.

Jede Selbsttötung hinterläßt einen anhaltenden Schmerz im Geheimnis der Schöpfung, die doch auf das Leben, die Hoffnung, die Freude, die Zukunft angelegt ist. Und wo dieser erschütternde Schmerz nicht mehr empfunden wird, dort ist das Gespür für die unantastbare Heiligkeit des menschlichen Lebens bereits verloren gegangen, das menschliche Leben bereits in einem tiefen Auflösungsprozeß begriffen.

Nun aber kommt leider dieser Tod gar nicht so selten vor! Ich möchte mich hier in diesem Beitrag auf jene Situationen und Menschen beschränken, denen ich als Seelsorger begegne: auf Suizide, die in gläubigen Familien vorkommen und gerade dort als besonders unbegreiflich und schwer erfahren werden, weil viele gläubige Menschen der Ansicht sind, ein solcher Tod dürfe in einer christlichen Familie unter keinen Umständen vorkommen, weil Gott keinem Menschen mehr aufbürde, als er tragen könne.

Warum geschehen auch in gläubigen Familien, wo der Glaube an Gott und das tägliche Gebet selbstverständlich sind, solche Tode? Warum geht ein Priester, eine Ordensfrau in solcher Weise aus dem Leben, wie ich es unlängst erlebt habe? Warum eine liebenswürdige Mutter von zwei kleinen Kindern, die ein aktives Pfarreimitglied war und sich regelmäßig zu Gebetstreffen eingefunden hatte?

Um solche Menschen ein wenig zu verstehen, dürfen wir auch jene fragen, die selbst einen solchen Tötungsversuch hinter sich haben oder nahe daran waren, diesen “Ausgang" zu wählen.

Bei allen glaubenden Menschen, mit denen ich gesprochen habe, traf ich keinen, bei dem bei einem Suizid oder Suizidversuch nicht eine schwere depressive Erkrankung voraus- oder einhergegangen war. Auch die Psychologie stellt fest, daß in der überwiegenden Mehrzahl aller Suizide eine “Krankheit zum Tode" vorliegt. Oft wird diese Krankheit (die übrigens jeden Menschen treffen kann) nicht ernstgenommen, sie wird verkannt, nicht richtig eingeschätzt oder oft auch religiös falsch gedeutet, ja, “mystifiziert" - von den Betroffenen selbst und auch von den Angehörigen.

Das Leiden solcher Menschen nimmt dann oft Dimensionen an, die ein gesunder Mensch gar nicht nachvollziehen, nicht einmal erahnen kann. “Ich wirkte nach außen immer aufgestellt und selbstbewußt, aber innerlich durchlitt ich die Hölle, eine unendliche Verlassenheit, eine grausame und unbeschreibliche Isolation, zu niemandem wagte ich davon zu sprechen, ich war nur noch eine Hülle", erzählte mir eine junge Frau, die vor Jahren einen Suizidversuch unternahm, heute aber, Dank ärztlicher Betreuung, gesund ist und einen anspruchsvollen Beruf ausübt.

“Die ganze Tragweite einer Depression kann nur jemand ermessen, der sie selbst erlebt hat", schreibt Andrea M. Hesse in ihrem empfehlenswerten Taschenbuch. Die Autorin ist selbst erfahren in dieser Krankheit.

In den vielen Gesprächen, die ich mit Menschen geführt habe, die zeitweilig oder über lange Phasen an einer schweren Depression erkrankt waren - alles gläubige und betende Menschen -, wurde mir immer wieder gesagt, daß dieses Leiden unbeschreiblich sei, daß kein anderes Leiden damit zu vergleichen wäre. Die Gottverlassenheit, die mit dieser Erkrankung einhergehen könne, sei für einen glaubenden Menschen besonders grausam.

Bei vielen Menschen, wenn sie keine angemessene ärztliche Betreuung haben, erzeugt die zerstörerische Kraft dieser Krankheit einen so immensen seelischen Leidensdruck, daß sie das Leben nicht mehr aushalten. Sie wählen - höchst unfreiwillig! - den “Notausgang" der Selbsttötung. Ein junger Mann, der einen Suizid überlebt hat, beschrieb es mir einmal so: “Als die World-Trade-Türme brannten, sprangen die Menschen auch aus 100 m Höhe aus den Fenstern in den sicheren Tod. Sie wollten sich nicht das Leben nehmen, im Gegenteil, sie flohen vor dem Tod, vor Rauch und Feuer, sie wollten leben! So war es bei mir. Ich wollte mich nicht umbringen, ich floh ,bloß' vor der Höllenqual meiner Seele, vor dem, was mich zu Tode quälte. Ich wollte mich gewissermaßen ins Leben retten. Wissen Sie, auch in der grausigsten Hölle erhofft man sich hinter dem Tod einen großen bergenden Schoß, man erhofft sich ein ewiges Zu-sich-selbst-kommen. Die Hoffnung stirbt nie, solange noch Leben in einem ist."

Für gläubige Menschen ist es sehr schwer zu verstehen, daß Gott “so etwas" zuläßt bei Menschen, die beten, Ihm anhangen, sich nicht selten durch ein beispielhaftes christliches Leben auszeichnen. Der Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Sonnhalde in Riehen bei Basel, ein engagierter evangelischer Christ, weiß, wovon er spricht, wenn er schreibt: “Christen scheinen es oft besonders schwer zu haben, ihren Zustand zu verstehen und die nötigen Maßnahmen zu ergreifen. Sie leiden darunter, daß auch der Glaube an Gott, der sonst ihr Leben prägt und trägt, sie nicht vor der Wanderung durchs dunkle Tal bewahren kann."

Eine solche Erfahrung kann Kranke und Angehörige in eine tiefe Glaubenskrise stürzen. “Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" In solchen Situationen brauchen die Betroffenen den Beistand und das Gespräch mit einem erfahrenen Seelsorger oder einem gläubigen Psychologen, der mit dieser tragischen Seite der leidenden Schöpfung auch wirklich vertraut ist.

Angehörigen von Menschen, die sich das Leben genommen haben, möchte ich zwei Dinge “ans Herz legen":

* Daß sie das Drama eines solchen Todes nicht einfach verdrängen und tabuisieren, sondern als reife Christen, die an die barmherzige Liebe Gottes glauben, aufarbeiten, soweit das möglich ist.

* Daß sie unerschütterlich im Glauben davon überzeugt sein dürfen, daß solche Menschen, die in ihrer schweren Erkrankung so unendlich gelitten haben, in ganz besonderer Weise die erbarmende Liebe Gottes erfahren können.

Ich möchte den Angehörigen solcher Menschen das Zeugnis eines Priesters mitgeben, der über 30 Jahre lang ein einfühlsamer und sehr geschätzter Seelsorger in einer christlich geführten Psychiatrie war. Auch er mußte erfahren, daß trotz Zuspruch und Gebet sich immer wieder Menschen das Leben nehmen, vor allem Frauen, Mütter oft noch kleiner Kinder. Er hat mir einmal gesagt:

“ Ich glaube, viele von ihnen erleben die Gottverlassenheit Jesu am Kreuz. Nur Er kann diese Menschen verstehen. Diese Menschen wollen niemals gegen das 5. Gebot verstoßen, sich gegen Gottes Willen stellen. Auch der Glaube an Gott ist bei ihnen noch da, auch wenn von ihm kein Gefühl, nicht der leiseste Trost mehr ausgeht. Nein, sie möchten leben, nichts als leben! Sie werden von einem unendlich dunklen Leidensdruck in den Tod getrieben, höchst unfreiwillig! Ich bin überzeugt: Sie fallen nicht in den Abgrund des Todes, nein, am Abgrund dieses Todes steht der erbarmende Gott, der sie in seinen Arme auffängt, wenn sie fallen. Diese Menschen haben viel zu viel gelitten auf Erden. Da kommt der Herr selbst, um sie in seine Arme zu schließen".

Wir stehen bei einem solchen Tod einer dunklen, unzugänglichen Wirklichkeit gegenüber, in die wir mit unserem Verstand nicht einzudringen vermögen. Es würde einen eigenen Beitrag erfordern, um sich diesem Geheimnis auch nur ein wenig zu nähern.

Ich möchte diesen Beitrag aber nicht abschließen, ohne jene, die an einer depressiven Erkrankung leiden, auf Christus hinzuweisen. Im schweren und schwersten Leiden haben wir Menschen keinen Gefährten, der so tief mitfühlen und mitleiden könnte wie Christus und keinen, der die Macht hat, seine Kinder aus der Hölle herauszuführen wie Er. In Seiner eigenen Gottverlassenheit hat Er die unendlichen Tiefen und Qualen des Leidens dieser Menschen angenommen. Er hat sie ausgekostet und Seinem lieben Vater in die Hände gelegt. Daß das nicht bloß “fromme Floskeln" sind, wollen die folgenden drei Beispiele bezeugen:

In einem Seelsorgegespräch fragte ich eine Frau, von der ich wußte, daß sie während drei Jahren durch die Hölle einer Depression gegangen war, wie sie daraus befreit worden sei. Sie gab mir darauf zur Antwort: “Sehen Sie, ich habe alle Anstrengungen unternommen, die menschenmöglich sind, habe eine Psychotherapie gemacht, die Sakramente empfangen (Beichte, Krankensalbung, Kommunion), habe auch Medikamente eingenommen, und das hat sicher alles geholfen. Aber was mich am Leben erhalten hat, was mich bewahrt hat vor dem Suizid, an den ich jeden Tag ununterbrochen dachte, das war Jesus am Kreuz, der Leidende!

Ich bin jeden Tag in unsere Kirche gegangen, da hängt im Chor ein großes, schönes Kreuz, daran der leidende Heiland, und zu Ihm habe ich hinaufgeschaut, immer wieder habe ich zu Ihm aufgeschaut (beten konnte ich ja nicht mehr, ich war wie von Gott verdammt!), und hier wurde meine Hölle überwunden, hier ging, wie aus dunklen Bergen, die Sonne der Hoffnung langsam wieder auf, hier erlebte ich meine Befreiung von meiner unbeschreiblichen Qual."

Eine andere Frau, die über mehrere Monate an einer schweren Depression erkrankte, sodaß man für sie das Schlimmste befürchtete, schrieb mir kürzlich: “Meine furchtbare innere Qual hat in dem Moment eine Wende genommen, als ich zum Gekreuzigten aufsah und seine Worte immer wiederholte: ,Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?' Da brach sich, wie durch einen Mauerriß, Licht vom Himmel in mein grausiges Gefängnis, und ein Lichtfünklein Hoffnung entstand in mir, das immer größer wurde, bis ich die Freude am Leben wieder zurückgewonnen hatte und heute wieder voll Freude arbeiten kann..."

Ein junger Mann erzählte mir: “Ich wollte mir über Jahre hinweg das Leben nehmen, weil manchmal das seelische Leiden, die Schlaflosigkeit und die Isolation einfach unerträglich waren. In dieser Zeit begegnete ich zufällig einer alten, liebenswürdigen und echt gläubigen Frau. Sie gab mir von sich aus ein Bildchen mit Jesus am Ölberg, dazu ein Gebet.

Ich schaute mir jeden Tag Jesus in seiner Angst an und betete zu Ihm, Er möge mich aus meiner grausigen Angst und Einsamkeit befreien und es nicht zulassen, daß ich mich umbringe. So bin ich nach und nach von meiner Depression befreit worden. Heute arbeite ich voll in meinem Beruf. Daß ich gesund geworden bin, ist für mich ein einziges Wunder, denn ich hätte absolut nie geglaubt, daß man aus einer solchen Hölle je einmal befreit werden könnte."

Ich möchte diesen Beitrag nicht abschließen, ohne mit großem Nachdruck noch auf zwei Dinge hinzuweisen:

Wo immer Menschen an einer depressiven Erkrankung leiden und zum Suizid neigen, müssen sie auch als gläubige Menschen alle Hilfen in Anspruch nehmen, die ihnen zur Verfügung stehen, sie sind dazu verpflichtet. Denn ein Suizid ist und bleibt in Gottes Schöpfung eine unbeschreibliche, ja, furchtbare Tragödie, sie trifft nicht nur das Leben der Betroffenen tödlich, sondern greift tief verletzend, entmutigend und auflösend auch in das Leben der Hinterbliebenen ein.

Depressiv erkrankte Menschen dürfen sich auch nicht nach einem, zwei, drei Rückschlägen entmutigen lassen. “Depressionen sind eine quälende Krankheit", schreibt Anna M. Hesse. “Aber sie können gut behandelt werden. Wer sich informiert, ist schon ein beträchtliches Stück weiter auf dem Weg und kann maßgeblich dazu beitragen, daß das eigene Leben wieder Freude macht." Die Autorin weiß, wovon sie spricht.

Die Hilfe Gottes will sich immer und zuerst auf diesem “ganz normalen Weg" am kranken Menschen erweisen. “Schätzt den Arzt, weil man ihn braucht; denn auch ihn hat Gott erschaffen" (Sir 38,1). Vielen depressiven Erkrankungen liegen körperliche Ursachen zugrunde, Infektionen oder sie sind Folgen chronischer Erkrankungen. Depressionen sind eine Krankheit und bedingen im Normalfall den Arzt.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den Vergleich gezogen, “daß Depressionen das Leben ebenso beeinträchtigen wie Blindheit oder eine Querschnittslähmung." Darum dürfen Betroffene auf Hilfe in keinem Fall verzichten. Hilfe suchen und dankbar annehmen ist immer auch ein Zeichen für geistliche Reife und Gesundheit. Wo Betroffene die Kraft nicht mehr aufbringen, solche Hilfe anzugehen, müssen es Angehörige oder Freunde für sie tun.

Noch ein wichtiger Punkt: Wir Menschen sind für das Leben geschaffen und zur Freude berufen, zur Lebensfreude! Wo immer Menschen in ihrer Lebensfreude angefochten sind, zur Schwermut, zu Grübeleien und Pessimismus neigen, dort müssen sie etwas dagegen tun. Der Heilige Franz von Sales hat dazu in seiner “Philothea" ein eigenes Kapitel geschrieben: “Von der Traurigkeit" (IV. Teil, 12. Kapitel). Immer wieder weisen die Heiligen auf die große Gefahr der Traurigkeit, der Schwermut, der Depression für das geistliche Leben hin.

“Bekämpfe lebhaft den Hang zur Traurigkeit", schreibt Franz von Sales. Noch viel mehr gilt diese Ermahnung dort, wo Menschen um ihre depressive Veranlagung oder Neigung wissen. Schon vor über 2000 Jahren mahnt die Bibel: “Überlaß dich nicht der Sorge, schade dir nicht selbst durch dein Grübeln! Herzensfreude ist Leben für den Menschen, Frohsinn verlängert ihm die Tage. Überrede dich selbst, und beschwichtige dein Herz, halt Verdruß von dir fern! Denn viele tötet die Sorge, und Verdruß hat keinen Wert." (Sir 30,22-23)

Urs Keusch

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