VISION 20006/2006
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Im Gegenwind bis heute

Artikel drucken Geschichte der Kirche in Mitteleuropa nach 1945

Die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen." (Mt 16, 18) Das sei als tröstliches Motto vorangestellt. Denn das Buch handelt von der Verfolgung der Kirche. Die Kirche erlebte diesen Versuch ihrer Zerstörung von außen und von innen auch in der jüngsten Vergangenheit. Die 25 Beiträge des Buches sind nach drei Schwerpunkten geordnet: Die Kirche in der offenen Verfolgung im Kommunismus, die Kirche in Österreich und Überlegungen zum gegenwärtigen, zunehmend totalitären Liberalismus.

Der erste Teil, die versuchte Kirchenvernichtung durch die marxistischen Regime macht den Großteil der Beiträge aus: Aufhebung von Schulen, Klöstern und Verlagen, Anwerben von Spitzeln im Klerus, Einschüchterung, Verhaftung, Schauprozesse, Folter und Mord. Besonders perfide Taktiken sind das Ausspielen der Christen gegeneinander: Priester gegen Bischöfe, “Fortschrittliche" gegen Glaubenstreue, Kinder gegen Eltern, der Orthodoxen gegen die Griechisch-Katholische Kirche, Attacken auf die Seelen der Kinder und Jugendlichen, der Versuch, Seminaristen und Novizen durch Mädchen verführen zu lassen, das Bestreben, Christen zum Abfall von Christus zu bewegen... Dazu kommt die vatikanische “Ostpolitik", die tendentiell den Bekennern in den Rücken fiel - und der massive Einfluß des Marxismus unter westlichen Intellektuellen und Kirchenleuten bis heute.

Auf diesem düsteren Hintergrund leuchtet das Glaubenszeugnis unzähliger Christen umso heller: Der selige Kardinalerzbischof von Agram, Alojzije Stepinac, die seligen Griechisch-Katholischen Bischöfe Gojdi und Hopko aus der Slowakei, die Kardinäle Wyszynski (Warschau), Mindszenty (Gran) und Tomásek (Prag), der Laibacher Erzbischof Rozman und der kompromißlose slowakische Märtyrerbischof Vojtassák seien stellvertretend für viele tapfere Hirten genannt. Dazu kommen ungezählte nur Gott bekannte Opfer unter einfachen Christen, Müttern, Vätern und Kindern, denen unvorstellbares Unrecht widerfahren ist.

Im zweiten Schwerpunkt des Buches sind besonders die Beiträge von Gerhard Winkler OCist hervorzuheben. Winkler kann aus vollem historischem Wissen schöpfen, wenn er auf die Wurzeln so manchen zeitgenössischen Kirchenstreits zu sprechen kommt. Winkler wertet den Bericht von Nuntius Cagna (1985) aus, in dem der rapide Verfall der Glaubenssubstanz in Österreich prägnant dargestellt wird. Was im Osten der Kommunimus beabsichtigte, haben in Österreich manche Kirchenvertreter selbst besorgt: die Zerstörung der Glaubensvermittlung an Schulen, Bildungshäusern, Priesterseminaren und Fakultäten und die Ablehnung des gesamtkirchlichen Lehramtes. Die nach 1986 geweihten Bischöfe wurden mit Unterstützung aus Kirchenkreisen in der Öffentlichkeit angepöbelt und diskreditiert.

Winkler kommt zu dem Schluß: “Auch für Österreichs Kirche der letzten 20 Jahre gilt, was die Mehrzahl seiner Nachbarländer unter großen Leiden erringen mußte, daß nämlich nur die Wahrheit frei macht (Joh 8,32).... Zu dieser ’Wahrheit' gehört auch die Überwindung des angestammten antirömischen Affekts... Die Angehörigen der ’verfolgten Kirche' aus den Nachfolgestaaten des alten Österreich haben wenig Verständnis für das ’republikanische' Mißtrauen gegen Rom. Denn sie durften den viel geschmähten römischen ’Zentralismus' als Anker des Glaubens erleben." Andere Beiträge thematisieren die Blütezeit des kirchlichen Lebens bis 1955, die Kirchengeschichte des zerrissenen Landes Tirol und die - überaus interessante und aufschlußreiche - Geschichte des Konkordates von 1933/34.

Problematisch sind allerdings die beiden Beiträge von Annemarie Fenzl. Sie sind eine völlig unkritische positive Bewertung des Wirkens von Kardinal König, die sich allerdings aus ihren eigenen Darlegungen selbst nicht ergeben kann. Nach ausführlichen Darstellungen des Kampfes der SPÖ gegen die Kirche (besonders durch die “Fristenlösung" und die Ignorierung des Volksbegehrens der “Aktion Leben") und nach der Feststellung, daß die Kirche, um einen “Kulturkampf" zu vermeiden, nicht mit letzter Entschlossenheit dagegen vorgegangen ist, heißt es z. B.: “Und dennoch gehört zum Erbe Kardinal Franz Königs der weltanschauliche Friede."

Warum? Heißt das nicht, daß dieser “Friede" einfach durch Nachgeben erkauft wurde? Und kann man da wirklich von “Frieden" sprechen? Fenzl erwähnt auch die Kontakte Kardinal Königs zu den Freimaurern und erklärt: “Dieser Brückenbau trug ihm die nicht auszurottende Behauptung ein, König sei auch Freimaurer." Man erfährt aber dann nicht, ob diese Behauptung nun zutrifft oder nicht.

Abgesehen von diesen Beiträgen ist das Buch überaus wichtig und gehört in die Hände von Priestern, Lehrern und Studenten. Eine große formale Schwäche sind jedoch das mangelhafte Lektorat, besonders in den Beiträgen nicht-deutschsprachiger Autoren, und die Doppelungen ganzer Absätze in verschiedenen Beiträgen. Auch manche Details stimmen nicht. Ein Buch, das lange verschwiegenen Wahrheiten verpflichtet ist, hätte sich eine gründlichere Überarbeitung verdient. Die Kirche auch. Und trotzdem werden sie die Pforten der Unterwelt nicht überwältigen.

Wolfram Schrems

Die katholische Kirche in Mitteleuropa nach 1945 bis zur Gegenwart. Von Jan Mikrut (Hg.),
Domverlag 2006, 704 S., 59 Euro.

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