VISION 20006/2006
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Rede, Herr, Dein Diener hört

Artikel drucken Über das Gebet der Christen (Von Br. Enzo Bianchi)

Umfragen zeigen, daß viele Menschen sagen, auch sie würden regelmäßig beten. Nur wird das Gebet aber meist als menschliche Bemühung angesehen, mit Gott in Kontakt zu treten. Im folgenden einige Gedanken zum Thema Gebet, Auszüge aus einem Vortrag in Brüssel.

Die Gegenwart Gottes ist Geschenk, sie wird von uns weder gestaltet, noch herbeigeschafft. Und es liegt an uns, die Offenbarung Gottes oder Seinen Rückzug hinter einen Schleier anzunehmen. Unser Gott, der Gott der biblischen Offenbarung, ist nun einmal das Subjekt, Er ist der lebendige Gott, der sich nicht nach dem Maß unserer Überlegungen richtet, der sich nicht in der Logik unserer Konzepte finden läßt, wohl aber in Seinem eigenen Handeln. Er ist es, der von Anfang an einen Dialog mit uns eröffnet. Von der Genesis bis zur Apokalypse. Er ist es, der den Menschen sucht, ihn drängt und ruft. Und auf diese Offenbarung Gottes in der Geschichte antwortet der Mensch im Glauben mit Lobpreis, Danksagung, Bitte, Anbetung - also mit Gebet, das Ausdruck des Gehorsams wird, Werk der Liebe zu Gott und den Nächsten.

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Ist das Gebet nur Ausdruck menschlicher Sehnsucht, nur Suche nach Gott, dann lebt es vor allem vom Wort. Man will mit Gott reden. Ist das Gebet aber - wie in der biblischen Offenbarung - Öffnung für eine Gegenwart, dann ist es zunächst einmal ein Hören. Gott spricht: Das ist eine Grundbotschaft, die die gesamte Schrift durchzieht. (...) Mit absoluter Entschlossenheit, aus freien Stücken, ohne Gegenleistung hat sich Gott geoffenbart, um mit uns in Beziehung zu treten, mit uns ins Gespräch, zur Kommunion zu kommen.

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Der wahre Betende ist ein Hörer, der Gott das Ohr leiht wie Abraham. Daher ist “Hinhören besser als das Fett von Widdern". (1Sam 15,22) Diese Wahrheit wird wunderbar am Beginn des Hebräerbriefes aufgegriffen. Feierlich wird verkündet, daß Gott im Laufe der Geschichte gesprochen hat, um dann durch den Sohn zu sprechen (Hebr 1,1f). Auf Ihn sollen wir hören, wie es uns die Stimme Gottes aufträgt: “Das ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören." (Mk 9,7)

Das authentische Gebet erwacht dort, wo einer zuhört, wenn wir Seine Anwesenheit anerkennen: “Rede, Herr, denn dein Diener hört" (1Sam 3,10). Um diese Haltung geht es zunächst beim Gebet. Allerdings sind wir nur allzu leicht versucht, dies in “Höre, Herr, Dein Diener spricht" umzuwandeln.

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Auf das Wort Gottes, das bewahrt und im Herzen bewegt worden ist, zu hören, führt letztendlich dazu, daß wir auf eine Gegenwart, die Gegenwart Gottes, in unserem Inneren gestoßen werden. Sie ist uns innerlicher, als wir es uns selbst sind. Dann entdecken wir im Gebet die tiefste Wahrheit über uns selbst: Gott ist in uns gegenwärtig, aber nicht als Frucht unseres Gebetes, nicht als Antwort auf unsere Wünsche - Seine Gegenwart geht ja unserem Mühen, auf Ihn aufmerksam zu werden, voraus. Vielmehr schenkt sich uns Gott durch Sein Wort. Das ganze Alte Testament ist Zeugnis der Einführung in die Gegenwart Gottes, Hinführung, um den Emmanuel (Gott mit uns) aufzunehmen. Mit der Menschwerdung ist das Wort Fleisch geworden und hat Seine Bleibe unter uns aufgeschlagen. Das Wort zu hören, bedeutet, den Sohn als Herrn anzunehmen, bereit zu sein, Ihn durch Vermittlung des Heiligen Geistes in uns Wohnung nehmen zu lassen.

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Die Gegenwart Gottes zu entdecken, führt vor allem zur Erkenntnis, daß der Heilige Geist das Subjekt des Gebetes, der eigentliche Akteur ist. Wir haben den Heiligen Geist empfangen, der uns rufen läßt: “Abba, Vater" (Röm 8,15). Er drängt uns nicht nur, Gott mit “Du", sondern als Vater anzureden. Er drängt uns, unser Seufzen mit Seinem unaussprechlichen Seufzen (Röm 8,26) zu verbinden, das zum Vater aufsteigt. Es ist der Geist, die Quelle des Lebens, die uns geschenkt ist, der aus unserem tiefsten Inneren den Dialog zwischen uns und dem Vater eröffnen kann.

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Wenn ich Gott als meinen Gott erkenne, wenn ich Ihn als “Abba, Papa" anrede, so wird mir bewußt, daß Gott in mir und in jedem von uns wohnt: Er ist nicht fern von mir, sondern in meinem tiefsten Inneren. Und obwohl Er in mir ist, ist er ein ganz anderer. Dann wird das Gebet zu einer spirituellen Erfahrung einer Gegenwart, die nicht weit entfernt, sondern ganz nahe, ja mitten im Leben ist, wie Dietrich Bonhoeffer geschrieben hat.

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Manchmal ist diese Gegenwart unendlich still. Dann könnte man geradezu von Abwesenheit, von einem Entschwinden sprechen.

Diese Gegenwart versucht nie, sich den anderen anzueignen. Sie respektiert den Unterschied, sehnt sich danach, den anderen so zu erkennen, wie er ist. Selbst in der Stille, die uns zwingt, die Andersartigkeit des Anderen anzuerkennen, läßt sich Gott von dem, der sich als Sohn versteht, als Vater entdecken. Dann erscheint der schweigende Gott nicht als gleichgültig, sondern Sein Schweigen offenbart , wie ungeschuldet Sein Geschenk, wie groß die gewährte Freiheit ist. Es ist eine Stille der Geduld, die mich erzieht. Ich verharre dann nicht, weil ich auf die Befriedigung besorgter Wünsche warte, Ihn als Objekt gebrauche, sondern ich warte geduldig, vertrauensvoll und ausdauernd auf Sein Kommen. Die wahre Begegnung wird dadurch nicht auf den Umstand verkürzt, daß man den anderen braucht.

Bruder Enzo Bianchi

Der Autor ist Prior von Bose, einer 1968 gegründeten ökumenischen Gemeinschaft, die die “lectio divina" pflegt.. Auszüge aus seinem Vortrag bei der Stadtmission in Brüssel am 3. Nov. 2006

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