VISION 20001/2007
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Er wird alle Tränen abwischen

Artikel drucken Zurück zum Inhalt Sehnsuchtsbilder des himmlischen Jerusalem (Von P. Johannes Lechner fj)

Was sagt die Apokalypse über das Ende? Weit verbreitet ist die Vorstellung, sie male Bilder des Schreckens. Aber ist sie nicht vielmehr ein Buch, das unsere Hoffnung endgültig festigen kann?

Sehnsuchtsbilder des Himmels

Bilder haben Macht. Sie leiten uns, prägen Haltungen und aus Haltungen folgen Handlungen. Welche Bilder verbinden wir mit dem Ende unseres Lebens, mit dem Ende der Welt? Im prophetischen Buch der Offenbarung gibt uns der Seher von Patmos einen Einblick in den Himmel. Das 21. und 22. Kap. sind ein Höhepunkt biblischer Offenbarung. Diese Bilder gehören zum Schönsten, was der Mensch sich vorstellen kann; sie reinigen und erneuern die christliche Phantasie durch eine alternative Sichtweise der Welt, die sich nicht auf die jetzige Erfahrung beschränkt, sondern in der Öffnung zur Transzendenz ihre Vollendung findet.

Der Glaube an den Himmel ist nicht fromme Jenseitsvertröstung und Weltverdrängung, sondern Widerstandskraft gegen die Vergöttlichung von militärischer oder politischer Macht (das Tier) und wirtschaftlichem Wohlstand (Babylon), und damit auch von erheblicher politischer Brisanz. An den Himmel zu glauben, ist der Anfang einer alternativen Kultur. Die geoffenbarten Bilder des Himmels befreien uns aus der Fixierung auf das Geschöpfliche, geben uns den Elan der Hoffnung für unseren Auftrag in dieser Welt und üben in ihrer Schönheit eine stark heilende Wirkung auf unser Inneres aus.

“Seht, ich mache alles neu"

Mit welchen Bildern spricht die Offenbarung vom Himmel? Zuerst: Im Ende ist der Anfang - die neue Schöpfung Gottes. Ein neues Schöpfungswort Gottes erneuert und verwandelt die alte Schöpfung. Was wird anders? Vor allem die Gottesbeziehung. Die Schöpfung wird zur vollkommenen Wohnung Gottes. Gottes Herrlichkeit wohnt in allen Dingen und verklärt sie, eine Transformation der zeitlichen und sterblichen Schöpfung zu einer ewigen, unsterblichen Schöpfung. Vernichtet wird nicht die Schöpfung, sondern nur ihre sündige, zeitliche und sterbliche Gestalt. Wir selbst sind im “alles neu" inkludiert. Auf ganz Neues können wir uns also gefaßt machen, das macht den Himmel spannend. Endlich etwas wirklich Neues! Dieses Neue ist die Gnade der Auferstehung.

Die alternative Stadt Gottes

Zwei Bilder gehen hier ineinander: die Stadt ist gleichzeitig Braut, die Frau des Lammes. Die Bilder sind voll hochzeitlicher Mystik. Die Braut steht für die Erwählung, die Liebe, das Einswerden, die Lebensfreude. Der Traum von einer idealen Stadt als Ort der vollkommenen menschlichen Gemeinschaft und der vollkommenen Gemeinschaft mit Gott ist alt wie die Menschheit. Das himmlische Jerusalem ist die Erfüllung dieser Sehnsucht. Wir sind für die Vereinigung mit Christus in der Liebe geschaffen. Der Strom des Lebens und der Baum des Lebens für die Heilung der Völker von all den Wunden der Geschichte sind in ihr. Die Stadt kommt vom Himmel herab, sie wird uns geschenkt. Wir können sie uns nicht machen.

Die Beschreibung des neuen Jerusalems verwebt verschiedenste Stränge des Alten Testaments in ein starkes Bild von einem Ort, an dem die Menschen in der unmittelbaren Gegenwart Gottes leben. Der Garten des Paradieses wird mit der vollendeten Stadt kombiniert. Das äußere Erscheinungsbild dieser Stadt mit ihren zwölf Toren und ihrer Mauer, ihre Maße, ihr kostbares Material, ihre innere Herrlichkeit und ihr paradiesisches Wesen wird zum Symbol der Herrlichkeit Gottes, die diese Stadt, die erlöste Menschheit, erfüllen wird. Herrlichkeit bedeutet Sieg der Liebe.

Juwelen der Heiligkeit

Das neue Jerusalem ist aus den Edelsteinen des Paradieses gebaut. Die Liste der Edelsteine ist identisch mit den ersten neun der zwölf Edelsteine, die der Hohepriester als Schmuck seiner Brusttasche und Zeichen des Bundes trug (Ex 28,15-21). Jerusalem ist eine priesterliche Tempelstadt. Diese 12 Edelsteine zeigen, daß die vollendete Menschheit ein priesterliches Volk ist. Die himmlische Liturgie wird das Feuerwerk der Heiligkeit sein, in der Unterschiedlichkeit der Menschen aller Sprachen und Nationen. Die Gemeinschaft der Heiligen ist wesentlich Zelebration unserer von Gott verwandelten Geschichte. Unsere von Liebe verklärte Lebens-Geschichte wird das Wesen selbst der himmlischen Liturgie.

In der Bibel wird die Herrlichkeit Gottes vor allem in den Bildern von Feuer, Gold und Juwelen geschildert. Off 4,3 beschreibt den Thronenden mit dem kostbaren, anziehenden Licht des Jaspis (der heutige Diamant) und des Karneol ohne menschliche Züge. Nun geht diese Gestalt Gottes auf die heilige Stadt über. Damit ist die Vergöttlichung der neuen Schöpfung gemeint. Was der Mensch am Anfang in der Urversuchung an sich reißen wollte (sein wollen wie Gott), wird ihm jetzt als Gnade zuteil.

Gigantische Ausmaße

Die Ausmaße des himmlischen Jerusalems drücken das vollendete Mysterium der Kirche aus, die an seiner Gottheit teilhat. Die Stadt ist würfelförmig wo Länge, Breite und Höhe gleich sind. 12000 Stadien (2400 km, ca. von Sizilien bis Dänemark!) sind eine symbolische Zahl: Damit ist angedeutet, dass es sich um gigantische Ausmaße handelt. Der Himmel sprengt alle Vorstellungen und Maße. Das Gottesvolk ist zu einer unendlichen Großartigkeit herangewachsen. Die enorme, kubische Ausdehnung legt dar, daß kein Mensch seine Hand darauf legen kann. Es sprengt alle menschlichen Dimensionen und Vorstellungen. Shanghai, Mexiko City oder Paris sind Kuhdörfer im Vergleich! In diese Größe tritt nur Demut ein. Es ist in keines Menschen Sinn gekommen, was Gott denen bereitet, die ihn lieben.

Vom Garten zur Stadt

Im Anfang hat Gott für die Menschheit einen Garten als Lebensraum geschaffen. Am Ende wird er ihm eine Stadt geben. Das neue Jerusalem ist mehr als das wiedergewonnene Paradies. Als Stadt erfüllt das neue Jerusalem die Sehnsucht aus der Natur einen Raum für menschliche Kultur und Gemeinschaft zu bilden. Von Gott gegeben kommt sie vom Himmel, aber Stadt meint wesentlich den menschlichen Beitrag des Bauens. Biblisch bedeutet Stadt Wohnung, Sicherheit und Schutz, Kultur, Gemeinschaft unter den Menschen. Menschliche Geschichte und Kultur vollendet sich hier in bräutlicher Vereinigung mit Gott.

Der Mensch kann seine Erfüllung nur in Gemeinschaft finden. Himmel ist keine Privatbeziehung zu Gott, sondern eine soziale Größe. Himmel ist unmöglich individualistisch. Der Himmel ist vollendete Liebe und Gemeinschaft. Unser Herz wird sich nicht nur zu den Dimensionen des Herzens Gottes erweitern, sondern sich auch für alle Menschen in der Liebe Gottes öffnen. Es ist klar, daß wir nicht in der vollkommenen Gottesliebe sein können, wenn wir auch nur eine einzige Person im Paradies nicht wiederfinden wollen. Es ist ein Zeichen, daß man selbst nicht im Himmel sein kann, wenn man auch nur einen vom Himmel ausschließen möchte. Der Himmel ist Liebe zu allen Menschen. Führen Sie diese Himmelfahrt-Reifeprüfung einmal durch!

Das neue Jerusalem: göttliche Gegenwart

In der Stadt gibt es keinen Tempel. Auf ersten Blick für das Judentum undenkbar. Doch Gott und das Lamm ist der Tempel. Die Bedeutung des Tempels wird nicht negiert, sondern erfüllt. Die Stadt braucht keinen besonderen Platz von Gottes Gegenwart mehr, weil die gesamte Stadt mit seiner Gegenwart erfüllt ist. Das klarste Indiz dafür sind die perfekten kubischen Ausmaße, wie das Allerheiligste im Tempel zu Jerusalem, das als die Wohnung Gottes galt. Die ganze Stadt gleicht dem Allerheiligsten im Tempel. Die Trennwand zwischen Gott und Mensch ist aufgehoben. Gott ist unmittelbar gegenwärtig.

Gottes Gegenwart meint Leben im Vollsinn des Wortes. Leben jenseits all dessen, was Leben jetzt einengt, bedroht und widerspricht: ewiges Leben. Gott gibt das Wasser des Lebens, das von Seinem Thron ausgeht. Mühsal, Klage, Trauer und Tod sind ausgeschlossen. Diese Verheißung ist direkt mit Seiner liebenden und zärtlichen Gegenwart verbunden, durch das wunderschöne Bild, daß Gott selbst alle Tränen von ihren Augen abwischen wird. Es ist das zärtlichste Bild der ganzen Bibel.

Nichts ist zärtlicher, als wenn jemand die Tränen vom Gesicht eines Menschen abwischt. So zärtlich ist Gott. Es wird die Stunde in unserem Leben kommen, wo Gott alle unsere Tränen für immer abwischen wird. Das Leiden wird für immer zu Ende sein. Die schlimmste Angst, die Angst vor dem Tod, ist für immer überwunden. Was bleibt ist ewige Liebe und Freude im Schauen seines Angesichts.

Der Autor ist Bruder der Johannes-Gemeinschaft in Marchegg, deren Prior er bis 2006 war.

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