VISION 20005/2007
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Die selige Jeanne-Marie Rendu

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Wer ihre Lebensgeschichte liest, ist erstaunt, daß Sr. Rosalie erst 2003 seliggesprochen worden ist. Allein schon ihr Auftreten während der Revolutionen von 1830 und 1848 in Paris ist außergewöhnlich und zeugt von einer tiefen Liebe zu den Menschen ihrer Umgebung. Da hatten beispielsweise Aufständische 1830 Barrikaden in der Stadt errichtet. Statt sich hinter Klostermauern zu verstecken, lief die Schwester durch die Straßen, um mit den Rebellen zu verhandeln. “Laßt Schwester Rosalie passieren!", war sogar eine verbreitete Losung. Und in ihrem Haus nahm sie in diesen Tagen alle, Soldaten, Priester, Nonnen auf, die von der Menge gejagt wurden, wie gefährlich dies auch gewesen sein mochte.

Das gleiche Bild 1848: Die Schwester steht bedingungslos auf der Seite der jeweils Hilfsbedürftigen, wie im folgenden Fall: Ein Offizier steht im Straßenkampf plötzlich allein den Aufständischen gegenüber. Als diese hinter ihm herjagen, gelingt es ihm gerade noch, sich in das Haus, dem Sr. Rosalie als Oberin vorsteht, zu flüchten: “Bei uns wird nicht getötet!" , erklärt sie den Aufständischen, die daraufhin die Auslieferung des Offiziers verlangen, um ihn auf der Straße hinzurichten. Um das zu verhindern, versammeln sich alle Schwestern im Haus rund um den Bedrohten. Eine Stunde lang wird um das Leben des Mannes gerungen, bis Sr. Rosalie auf die Knie fällt und bittet: “Ich habe euch 50 Jahre meines Lebens geweiht; für alles, was ich für euch, eure Frauen und Kinder habe tun können, schenkt mir das Leben dieses Mannes!" Das war der Durchbruch. Als der gerettete Offizier fragt: “Wer sind Sie, gnädige Frau?", bekommt er zur Antwort: “Oh, niemand. Eine Tochter der christlichen Liebe."

Und das war Jeanne-Marie Rendu, diese 1786 geborene, in den Schrecknissen der französischen Revolution aufgewachsene Frau auch tatsächlich. Ihre Familie stand fest im Glauben, gab den damals verfolgten Priestern, die sich nicht mit dem Regime arrangieren wollten, Unterschlupf. Ein lebensgefährlicher Akt. Ihre Erstkommunion empfängt Jeanne-Marie im Geheimen, im Keller des Hauses, bei Kerzenlicht. Diese außergewöhnlichen Erfahrungen werden ihr Leben prägen, ihren entschiedenen Glauben formen.

1802 tritt sie, aus einem Dorf im Jura kommend, bei den Vinzentinerinnen in Paris ins Noviziat ein. Dort erhält sie den Namen Rosalie. Im Dienst an den Armen in einem Elendsviertel von Paris lebt sie dann richtig auf. Die Gegend ist berüchtigt als Seuchen- und Rebellionsherd. Armut in allen Erscheinungsformen, materielle, spirituelle, psychische Armut prägen das Bild. Die Menschen kämpfen Tag für Tag ums Überleben, sie leben in elenden Behausungen, die das Entstehen von Krankheiten begünstigen. Ihnen stehen die Schwestern im Alltag zur Seite. In diesem Umfeld verbringt Sr. Rosalie ihre “Lehrjahre".

Schon mit 28 wird sie Oberin des Hauses, das bald in ein anderes, ebenfalls von Laster und Elend gequältes Viertel übersiedelt. Jetzt wird sie ihre Talente voll zur Entfaltung bringen: Neben ihrer Liebe zu den Armen, ihrer Fähigkeit, mit zu leiden, kommen nun ihre natürliche Autorität, ihr Organisationstalent, ihre Bereitschaft zu totalem Einsatz zur Geltung. Eine Apotheke, eine kostenlose Schule, ein Waisenhaus, eine Kinderkrippe, ein Altersheim, eine Kleiderstube... werden im Laufe der Jahre eingerichtet. All das kommt der wachsenden Schar der elenden Opfer der politischen Unruhen und des aufblühenden Kapitalismus des 19. Jahrhunderts zugute.

Nicht das Helfen allein macht es aus, daß Sr. Rosalie sich wachsender Beliebtheit erfreut. Es ist die Art, wie sie auf die Menschen zugeht, wie sie mit ihnen umgeht, die besonders an ihr ist: “Wenn ihr wollt, daß euch jemand liebt, so liebt ihr ihn zuerst; und wenn ihr nichts habt, das ihr geben könnt, dann gebt euch selbst als Geschenk," hat sie einmal ihren Mitschwestern geraten und damit ihr Lebensmotto kundgetan. Diese Hingabefähigkeit ist ihr allerdings nicht in den Schoß gefallen, hatte sie doch durchaus mit Ungeduld und hitzigen Reaktionen zu kämpfen. “Sie konnte sich über die geringste Unannehmlichkeit ereifern, brauste vor dem kleinsten Hindernis auf und neigte zur Übertreibung," berichtete eine Schwester über sie, “doch als der Hauch der Gnade über diesen Vulkan hinwegstrich, weckte er ihre Kraft und gab ihrem Ungestüm andere Ziele." Dieser Wandel war Frucht der Anbetung, die einen zentralen Platz im Leben von Sr. Rosalie einnahm.

Wenn sie in die Straßen von Paris aufbrach, setzte sie diese Anbetung gewissermaßen fort. Sie nahm Christus in die Elendsviertel der Stadt mit, stellte die Familien, denen das Nötigste fehlte vor Ihn hin, vertraute Ihm den am Dachboden sterbenden Alten an. “Nie bete ich so intensiv an wie in den Straßen," war eines ihrer geflügelten Worte. Caritas also, die sich nicht auf das Helfen beschränkt, sondern im Beistand den Boden für den liebenden Gott bereitet. Und Begegnung mit Christus in den Armen und Ausgestoßenen: “Denkt daran, diese Lumpenhüllen verbergen unseren Herrn," erinnerte sie ihre Schwestern. Unwillkürlich denke ich an Mutter Teresa von Kalkutta.

Sr. Rosalie verstand es zu trösten und wirklich hilfreiche Ratschläge zu geben, die auf die jeweilige Lage abgestimmt waren. Sie vermittelte ihren Mitmenschen die Erfahrung, angenommen zu sein. “Eine Tochter der christlichen Liebe ist wie ein Meilenstein, auf dem alle Ermatteten ihre Lasten abstellen dürfen," pflegte sie ihren Mitschwestern zu sagen, deren Ausbildung ihr von den Ordensoberen anvertraut worden war.

Bald war sie nicht nur unter den Armen ihres Viertels bekannt. Vielmehr breitete sich ihr Ruf in ganz Paris, ja sogar über das ganze Land aus. Von überallher strömten ihr Hilfsmittel und Unterstützung zu. Ihr überzeugender Einsatz machte auf die Reichen Eindruck. Auch ihnen eröffnete sie den Zugang zu einem tieferen Verständnis der Caritas. Dies gelang ihr, indem sie die Gönner nur um einige Minuten bat, um bei der Verteilung von Gütern mitzuhelfen - für viele dann eine bahnbrechende Erfahrung.

Aus all dem erklärt sich der wachsende Zustrom zum armseligen Sprechzimmer von Sr. Rosalie. Es konnte vorkommen, daß sich bis zu 500 Menschen an einem Tag vor dem Raum drängten. Ein Zeuge berichtet: “Es gab nichts Bewegenderes, als manchmal den Botschafter zusammen mit dem verlegenen Armen eintreten zu sehen, den einfachen Arbeiter zusammen mit dem Kardinal, die Lumpensammlerin mit dem Feldmarschall; alle wurden mit derselben Güte empfangen, denn alle waren gekommen, um ihre geheimen Sorgen im Herzen von Sr. Rosalie abzuladen, um sich zu edleren Gedanken aufzuschwingen und um Mut zu schöpfen..." Klingende Namen in der Besucherliste: der König Charles X., der selige Fréderic Ozanam, General Cavaignac, Napoleon III. und seine Frau... Napoleon III. war es auch, der ihr 1852 das Kreuz der Ehrenlegion verlieh, eine Ehrung, die Sr. Rosalie zunächst ablehnen wollte, dann aber auf Weisung des für den Orden zuständigen Priesters doch annahm.

Der totale Einsatz der Schwester zeigt mit den Jahren allerdings Folgen, umso mehr als sie ihr Leben lang krankheitsanfällig war, sich aber nie eine Zeit der Erholung gegönnt hatte. So gelingt es ihr zunehmend schlechter, mit Willenskraft ihre schwächliche Konstitution zu überspielen. Auch nimmt in den letzten beiden Lebensjahren ihre Sehkraft stark ab, und sie erblindet, ein Schlag, mit dem sie sich kaum abfinden kann. Gott hätte ihr Seine Güte auch anders zeigen können, erklärt sie, als man ihr zuträgt, ein Priester sehe ihren Zustand als besondere Gnade an. Nach kurzer Krankheit stirbt sie am 7. Februar 1856 an einer Lungenentzündung.

Die Nachricht trifft nicht nur die Armen von Paris hart. Eine unübersehbare Trauergemeinde begleitet ihren Sarg zum Friedhof Montparnasse. Selbst antiklerikale Medien wie Le Constitutionel nehmen das Ereignis wahr: “Die Armen des 12. Arrondissements haben einen schweren Verlust erlitten: Sr. Rosalie, Ordensobere der Gemeinschaft in der Rue de l'Épée de Bois ist nach langer Krankheit gestorben. Seit Jahren war diese ehrwürdige Schwester die Hoffnung der zahllosen Bedürftigen dieses Viertels."

Bei ihrer Seligsprechung im Jahr 2003 erklärte Papst Johannes Paul II.: “Ihre Liebe war erfinderisch. Woher schöpfte sie die Kraft, so vieles zu verwirklichen? Aus ihrem intensiven Leben der Anbetung und dem ununterbrochenen Beten des Rosenkranzes, der sie nie verließ. Ihr Geheimnis war einfach: In jedem Menschen das Antlitz Christi sehen."

Christof Gaspari
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