VISION 20005/2007
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Dreimal zum Tod verurteilt

Artikel drucken Ein Priesterleben in der glaubensfendlichen Sowjetunion

Es ist wichtig für uns Wohlstandschristen, das Zeugnis der verfolgten Christen Osteuropas stets neu in Erinnerung zu rufen. Am Beispiel der Standhaftigkeit und des Mutes des 1914 geborenen Kardinal Swiatek wird deutlich, welche Kraft der Glaube an Jesus Christus verleiht.

Als wir das erste Mal zusammentrafen, sagte Kardinal Kazimierz Swiatek, Erzbischof von Minsk, lächelnd, er halte zwei Rekorde: Bei seiner Ernennung zum Kardinal sei er der jüngste Bischof seines Landes gewesen, und gleichzeitig sei er der älteste noch residierende Bischof (und Kardinal)...

Soll man dazu weitere Rekorde hinzufügen? Dreimal - von den Nazis und den Kommunisten - zum Tod verurteilt, stand er dreimal vor einem Exekutionskommando; zweimal nach Sibirien deportiert, verbrachte er 10 Jahre im kommunistischen Gulag. Als ihm am 27. September 2004 die vom Institut Paul VI. in Brescia verliehene Auszeichnung “Glaubenszeuge" überreicht wurde, sagte Papst Johannes Paul II.: “Dieser Titel ist wahrhaft zutreffend für einen Christen, mehr noch für einen Kardinal, der in den schweren Jahren der Kirchenverfolgung in Osteuropa ein mutiges Glaubenszeugnis abgelegt hat."

Zum ersten Mal wird Kazimierz mit sechs Jahren nach Sibirien deportiert - mit seiner ganzen Familie von den Bolschewiken eingesperrt. 20 Jahre später - er ist mittlerweile nach Weißrußland, das polnisch geworden war, zurückgekehrt und war zum Priester geweiht worden - wird er von der sowjetischen Besatzungsarmee verhaftet, als “reaktionärer Priester" angeklagt und im Frühling 1941 zum Tod verurteilt. In der Nacht vor der Exekution greift plötzlich die deutsche Armee an. Die russischen Truppen rennen davon, ohne sich die Zeit zu nehmen, ihre Gefangenen zu liquidieren: “Ich verdankte mein Leben also den Faschisten."

Swiatek kehrt daraufhin in seine Pfarre zurück. Dort erwartet ihn aber eine Überraschung, als er die Türe zum Pfarrhaus öffnet: Ein Gestapo-Offizier hat sich in seinem Büro einquartiert. Der Offizier herrscht ihn an: “Raus!" Swiatek im gleichen Ton: “Selber raus! Schließlich sind Sie da bei mir, nebenan ist mein Bett, und Sie schlafen in ihm." Daraufhin verhört ihn der Gestapomann zwei Stunden lang, läßt ihn dann aber gehen. Das Pfarramt aber bleibt requiriert.

Zwei Jahre später berichtet ihm eine Frau aus der Pfarre, die bei den Deutschen arbeitet, es sei ausgemachte Sache, daß er in der nächsten Nacht erschossen werde. “Ich hatte keine Lust mehr davonzulaufen. Wohin auch?" Früh am Morgen wird er zum Gestapo-Offizier gerufen. Mit dem Gedanken, jetzt sterben zu müssen, macht er sich auf den Weg. Der Mann dort aber sagt ihm nur: “Adieu, ich verlasse den Ort."

“Meiner Meinung nach hat er sich nicht dazu entschließen können, mich zu erschießen, weil er so lang in meinem Bett geschlafen hatte. Er wollte das seinem Nachfolger überlassen!"

Tatsächlich: Kaum ist dieser angekommen, wird Swiatek eingesperrt, um in der folgenden Nacht erschossen zu werden. Doch: Plötzlich bricht um 3 Uhr morgens einen Geschoßhagel über den Ort herein: Die Rote Arme greift an, die Deutschen fliehen. “Diesmal haben mir die Sowjets das Leben gerettet."

Wieder nimmt der Priester seinen Pfarrdienst auf. Aber schon bald greift die Unterdrückung um sich. Swiatek wird neuerlich verhaftet, nach Minsk überführt, wo er fünf Monate gefangengehalten und neuerlich zum Tod verurteilt wird. Am Tag der Vollstreckung teilt ihm jedoch der Richter mit: “Unsere Armee braucht jede einzelne Kugel. Wir werden sie nicht bei Deiner Erschießung vergeuden. Du kommst nach Sibirien. Dort wirst Du arbeiten, bis Du krepierst."

Als ich ihn jetzt frage: “Woran haben Sie in den Nächten, als Sie auf Ihre Exekution warteten, gedacht?", antwortet der Kardinal: “Ich habe inbrünstig gebetet. Allerdings keine Meditationen - und keine komplizierten Gebete. Das ,Vaterunser' und dieses simple Gebet: ,Gib mir einen guten Tod.' Weiters einfache Gebete zu Gott, zu Maria, was man eben auswendig weiß. In solchen Momenten denkt man nicht viel nach."

Zunächst verbringt Swiatek zwei Jahren in einem Lager jenseits des Polarkreises. Eines Tages steckt man ihn in einen Zug: “Du kommst jetzt nach Warschau." Die Reise dauert dann drei Monate! In diesen drei Monaten wird der junge Priester und seine Kumpanen von einem Zug in den nächsten umgeladen. Schließlich landen sie “an einem Ort, der zwar mit W beginnt, aber nicht Warschau heißt, sondern Workuta." Die tiefste Hölle des Sowjet-Gulags.

Über die Jahre dort will der Kardinal nicht viel sagen. “Sie haben uns nicht wie menschliche Wesen behandelt, sondern schlimmer als Tiere - Verhöhnung, Gewalt, Zerstörung unserer Würde. Sie wollten uns moralisch zertreten."

Nach 10 Jahren, seine Strafe ist abgebüßt, wird er ins KGB-Büro gerufen. “Wieder sollte ich erschossen werden. Der mit meiner Sache betraute Offizier hat meine Unterlagen vor meinen Augen lange studiert, um dann zu sagen: ,Wie hast du das alles überleben können? Du solltest eigentlich schon längst tot sein!" Darauf ich: ,Du wirst mir wahrscheinlich nicht glauben. Aber wer mich am Leben erhalten hat, das war Gott. Mein Leben, das verdanke ich Ihm.' Ob der Offizier gläubig war? Jedenfalls gab er zur Antwort: ,Wer ist Gott?' Dann hat er irgendetwas in meinen Akt geschrieben. Ich habe derweil ,Vaterunser' und ,Gegrüßet seist Du, Maria' gebetet. ,Was schreibt er da? Einen Exekutionsbefehl? Weitere Jahre in Sibirien?' Es hat eine Ewigkeit gedauert. Schließlich hat er mich angeschaut, sein Blick war geradezu zärtlich und voller Mitleid. ,Du bist frei. Da, unterschreibe!' Und ich wurde freigelassen. Vielleicht war jemand aus seiner Familie - oder er selbst - gläubig?"

1954 kehrt Swiatek nach Weißrußland heim. Da gab es keine Bischöfe mehr. Die Priester waren im Gefängnis oder mit Berufsverbot belegt, die Kirchen geschlossen. Ein Großteil der polnischen Gemeinschaft war in Sibirien, in Kasachstan oder nach Polen ausgewiesen worden. Swiatek läßt sich in Pinsk, wo er geweiht worden war, nieder (...) und bittet darum, als Priester tätig sein zu dürfen. Ablehnung. Er fragt wieder und wieder, bis er die erwünschte Genehmigung bekommt - und weiß heute nicht, warum es schließlich geklappt hat.

Als man nämlich die KGB-Archive geöffnet hat, fand man folgende Eintragung: “Kazimierz Swiatek, nach Pinsk heimgekehrt, ist ein Feind der UdSSR. Er war 10 Jahre in Haft, bevor er herkam. Wir wissen, daß er als Priester arbeiten will. Macht alles, um ihn davon abzuhalten. Bietet ihm eine Tätigkeit als Betriebs- oder Schuldirektor an. Nur wenn er all das ablehnt, laßt ihn als Priester zu. Redet möglichst diplomatisch mit ihm."

Der Kardinal muß heute noch lachen: “Was heißt diplomatisch. Tatsächlich haben sie mich in der Nacht zum KGB geholt, haben das Gespräch mit der Drohung eröffnet, mich wieder nach Workuta zu schicken, sollte ich ihre Angebote nicht annehmen. Worauf ich ihnen gesagt habe: ,Ich komme von Workuta. Damit könnt Ihr mich nicht schrecken, weil ich mich dort richtig daheim fühle. Vergeßt aber nicht: In der Sowjetunion gibt es drei Arten von Bürgern: jene, die in Workuta waren, jene, die dort sind, und jene, die einmal dort landen... Gehört Ihr vielleicht zur dritten Gruppe?'"

“Was hatte ich zu verlieren?", setzt er fort. “Nichts! So haben sie kapituliert. Sie haben mich als Pfarrer von Pinsk registriert. Dort bin ich dann 37 Jahre geblieben, bis mich der Papst 1991 zum Erzbischof von Minsk berufen hat."

Didier Rance

Kardinal Swiatek war bis 14. Juni 2006 im Amt. Der Beitrag ist ein Auszug aus “Famille Chrétienne" v. 6.-12.11.04

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