VISION 20006/2007
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Christliche Politiker sollten Propheten sein

Artikel drucken Gespräch über das Wesentliche einer christlichen Politik

Eine vom Glauben inspirierte Politik: Läßt sich damit beim Wähler punkten? In der Slowakei durchaus noch, meint Frantisek Miklosko, Abgeordneter seit der Wende und mehrere Jahre auch Parlamentspräsident.

Sie haben vor 10 Jahren in einem Interview mit meiner Frau gesagt, das Wichtigste für einen christlichen Politiker sei es, Zeugnis für christliche Werte abzulegen. Sie haben jetzt eine lange politische Karriere in der Slowakei hinter sich. Sehen Sie das immer noch so?

Frantisek Miklosko: Je länger ich in der Politik tätig bin, umso mehr bin ich davon überzeugt, daß dies eine der Hauptaufgaben des christlichen Politikers sein sollte. Er sollte ein Prophet sein. Die Politik muß nämlich Visionen entwickeln. Nirgendwo wird das, was man sagt, so beachtet wie im Parlament oder Fernsehen. Kein Intellektueller, kein Historiker, kein Politologe kann so wirksam sprechen wie ein Politiker.

Wird in der Slowakei das Wort der Politiker also stark beachtet?

Miklosko: Leider entwickeln sich die Dinge ähnlich wie im Westen. Dort sind die Politiker kaum mehr Propheten, sondern reden den Menschen nach dem Mund. Ich bewundere Westeuropa zwar für seine Ordnung, seine sozialen Möglichkeiten, seinen Lebensstandard, aber wenn man die westliche Politik aus der Warte der geistigen Fundierung betrachtet, dann bleibt kaum etwas.

Was ist dann die besondere Herausforderung für den christlichen Politiker?

Miklosko: Zunächst: Er muß eine Berufung von Gott für diese Aufgabe haben. Und weiters muß er, Gottes Willen zu erfüllen versuchen. Nur dann kann er mit Gottes Hilfe rechnen. Dann kann er auch allein gegen viele stehen. Auf diese Weise haben wir in der Politik kleine Wunder erlebt. Die Christdemokraten sind aus dem Kreis der Dissidenten in der Zeit des Kommunismus hervorgegangen. Bei der ersten Wahl hatten wir 19%, mittlerweile liegt der Anteil zwischen 8 und 10%.

Sind christliche Anliegen auch in der Slowakei also weniger “in"?

Miklosko: Kardinal Korec hat mir einmal gesagt, ich solle mir klar machen, daß nur die treuesten Gläubigen uns wählen werden. Letztlich wählen uns jene, die den Glauben ernst nehmen. Bei uns reicht diese Stärke allerdings aus, um in der Politik wirken zu können. Regierungen entstehen durch Koalitionsbildung. Und wenn wir in eine Koalition eintreten, dann wissen die anderen Parteien, daß sie auf unsere Anliegen Rücksicht nehmen müssen. Auf diese Weise haben wir sehr viel erreicht.

Was haben Sie also an Erfolgen zu verbuchen gehabt?

Miklosko: Nach dem Kommunismus war die Wirtschaft bei uns ganz zerstört, fast wie nach dem Krieg. Aber auch die geistige Situation war schlimm. Sie zu sanieren, darin sahen wir unsere wichtigste Aufgabe. Zunächst haben wir wesentlich zu einer Versöhnung zwischen russisch-orthodoxer und griechisch-katholischer Kirche beigetragen. Das war mir von Anfang an ein ganz großes Anliegen. Die Situation war da so gespannt, daß mit Zusammenstößen gerechnet werden mußte. Jetzt, nach 12 Jahren beten sie miteinander. Wir haben da große materielle Unterstützung gewährt. In unseren Nachbarländern ist das nicht gelungen. Da bestehen die Spannungen fort. Der Religionsfriede hat große Bedeutung für die Zukunft.

Weiters haben wir Abkommen zwischen dem Staat und allen Kirchen, insbesondere zwischen der Slowakei und dem Vatikan, zustandegebracht. Religionsfreiheit wurde festgeschrieben und alle Gemeinschaften haben die Möglichkeiten, in den Gefängnisse von Polizei und Justiz zu wirken. Das wichtigste aber ist das Abkommen über das Schulwesen: Der Staat bezahlt für alle kirchlichen Schulen, für die Lehrer, für die katholische Universität. Wichtig ist auch, daß Eltern und Schüler in allen Schulen zwischen Religions- und Ethikunterricht wählen können. Das hat Bedeutung für die Zukunft.

In der Frage des Gewissensvorbehaltes etwa für Ärzte (z. B. nicht zu Abtreibungen gezwungen zu werden) haben Sie sich aber nicht durchsetzen können...

Miklosko: Leider kommt die im Westen schon stark wirksame Strömung jetzt auch zu uns, etwa Bemühungen, homosexuellen Beziehungen einen eheähnlichen Status zu geben. Und leider ist es uns nicht gelungen, diesen Gewissensvorbehalt durchzusetzen. Daher haben wir auch die Koalitionsregierung verlassen. Dieser Schritt hatte allerdings eine große Wirkung. Die Folge waren nämlich vorgezogene Wahlen. Daher hat sich die Öffentlichkeit sehr mit dem Auslöser für diesen Schritt, also mit dem Thema Gewissen beschäftigt und sich eine

gebildet. Die Folge war: Als der Gesundheitsminister jetzt alle Spitäler zwingen wollte, Abtreibungen - auch in katholischen Spitälern - durchzuführen, hat es vehemente Proteste gegeben. Wir haben also das Gewissen der Gesellschaft mit unserem Schritt sensibilisiert. Und das ist sehr wichtig.

Bei uns exponiert sich die Politik in diesen Fragen kaum...

Miklosko: Und das finde ich sehr gefährlich. Die mangelnde geistige Verankerung der Politik ist ganz offensichtlich eine der ganz großen Sorgen unseres Papstes. Er ist ein wahrer Prophet. Meiner Meinung nach spürt der Papst, daß wir uns auf eine Konfrontation vorbereiten müssen. Der Kirche wird gar nichts anderes übrig bleiben. Sie wird ebenso gegen die Gewaltanwendung des Terrorismus Stellung beziehen müssen wie gegen den moralischen Relativismus. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie sich weiterhin - wie vielfach in Westeuropa - auf dem Rückzug befinden kann. Der Papst will, wie ich meine, daß sich die Christen der Herausforderung stellen. Der Papst bereitet die Kirche auf schwerer Zeiten vor. Das ist mein Gefühl... Übrigens auch wir haben mit dem zunehmenden Pragmatismus zu kämpfen. Die nachwachsende Generation hat meist nicht so viel geistliche Sehnsucht wie wir sie hatten. Eines aber ist mir klar: Wenn wir als Christen in die Politik gehen und die christlichen Anliegen nicht vertreten, haben wir keine Existenzberechtigung. Das Managen können wir anderen überlassen.

Wird im Parlament Ihre Botschaft registriert oder werden Sie als Außenseiter belächelt?

Miklosko: In den ersten 10 Jahren nach der Wende gab es im Parlament noch mehr gläubige Abgeordnete. Jetzt ändert sich das. In Jahren zwischen 1998 und 2002 konnten wir mit politisch Andersdenkenden gut ins Gespräch kommen. Damals haben wir mit den Kommunisten das Abkommen zwischen dem Staat und den Kirchen durchgebracht.

Werden Ihre politischen Projekte vom Gebet begleitet?

Miklosko: Ich trage diese Anliegen ständig im Herzen, gehe zu den Sakramenten und befinde mich in einem dauernden Dialog mit Gott. Ohne das Bemühen, Gottes Willen zu erkennen und zu erfüllen, geht das nicht. Es braucht den Segen Gottes. Als Partei hatten wir diesen Segen. Sonst hätte sie, mit ihren 10% nie so viele erreichen können.

Wie stehen die Medien zu Ihren Ansichten?

Miklo˜sko: Die Medien brauchen Sensationelles. Aber es gibt bei uns eine Reihe von gläubigen Redakteuren, die auf ihre Weise unsere Positionen vertreten.

Wie beurteilen Sie den Einfluß der EU?

Miklosko: Bis jetzt waren wir am Rand der EU. Brüssel hat bisher im wesentlichen unsere ökonomische Leistungsfähigkeit im Auge gehabt. Übrigens haben sich unsere christdemokratischen Minister im EU-Rat sehr tapfer geschlagen: Sie haben gegen das Projekt, homosexuelle Paare zuzulassen ein Veto eingelegt. Ich denke aber, daß vor uns eine schwerere Zeit liegt. Wir haben es auf diesem Gebiet der geistigen Auseinandersetzung mit einem interessanten Phänomen zu tun: Es gibt so etwas wie einen Totalitarismus der Minderheiten. Sie drängen die Mehrheit der Andersdenkenden einfach in die Defensive. Ein Zeichen der Zeit ist, daß die christdemokratischen Parteien im Westen so sehr in der Defensive sind. Das führt dazu, daß die Gesellschaften Europas sich auf einen geistigen Bankrott zubewegen. Wir haben heute den Eindruck, daß sich die Dinge notwendigerweise wie bisher weiterentwickeln werden. Aber das dachten wir auch zur Zeit des Kommunismus. In den achtziger Jahren dachte niemand an dessen Zusammenbruch. Und auf einmal war alles zu Ende. Und ähnlich ist es mit unserem heutigen System...

Sollten Christen also auch auf das Wunder des Zusammenbruchs des alles zersetzenden Pluralismus setzen?

Miklosko: Durchaus. Aber die Menschen müssen darauf vorbereitet sein, dann eine Alternative anzubieten. Wir Christen hier in der Slowakei waren auf einen möglichen Zusammenbruch vorbereitet. Wo das nicht geschehen war, kam es - wie im Bereich der ehemaligen Sowjetunion - dazu, daß der Kommunismus durch neue Diktaturen ersetzt wurde. In unseren Gesprächen mit den christlichen Dissidenten in Kuba weisen wir immer darauf hin, daß sie sich für die Ära nach Fidel Castro vorbereiten müssen. Sonst übernehmen die Kommunisten im neuen Gewand wieder die Zügel in die Hand.

Sie plädieren also für ein klareres Bekenntnis?

Miklosko: Ja. Aber ich habe den Eindruck, daß außer dem Papst kaum jemand im Westen die Stimme erhebt. Er sagt ganz einfache Sachen, ganz klar. Daß wir unseren gesunden Menschenverstand einsetzen sollten. Oder: daß es ohne Wahrheit keine Unterscheidung zwischen Gut und Böse gibt. Die klare Konsequenz: Es geht darum, die Wahrheit zu sagen. Nicht die Taktik wird unsere Zukunft zum Guten wenden. Wir wissen es aus der Bibel: Die Wahrheit wird uns frei machen. Der Papst ist die einzige wirklich charismatische Persönlichkeit auf der Welt.

Das Gespräch führten Alexa und Christof Gaspari.

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