VISION 20006/2007
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“... und wir halten Hand"

Artikel drucken Friederike und Wilfried Grasemann: totaler Einsatz für Kirche und Familie (Von Alexa Gaspari)
 
Seine wohlklingende Stimme ist uns vertraut, seitdem wir in die Pfarre Maria Enzersdorf zu den Franziskanern gehen, die Stimme des Organisten, Prof. Wilfried Grasemann, der - bei jeder Sonntags- und Feiertagsmesse! - Orgel spielt. Seine Frau Friederike sitzt uns gegenüber, im linken Seitenschiff der Kirche und hält meist fürsorglich die Hand ihrer Tochter Bärbel, die im Rollwagen neben ihr liegt.

Für den Professor ist diese Kirche Heimat. Seit 1952 ist er nämlich hier Organist. Die ursprüngliche Heimat des pensionierten Musik- und Geschichtsprofessors ist aber St. Pölten. Schon seine Eltern waren Lehrer, die Mutter allerdings in Pension: Denn nach dem 1. Weltkrieg konnten Frauen nach 10 Dienstjahren zu günstigen Bedingungen in Pension gehen. Wie gut für die Kinder!

Der Vater wird 1938 - er ist politisch “nicht zuverlässig" - nach Aspang versetzt und bald zum Militär eingezogen. Wegen der massiven Bombardements von Wr. Neustadt - dorthin geht der ältere Bruder ins Gymnasium - übersiedelt die Mutter mit ihren drei Söhnen zur Großmutter ins Sudetenland, wo der kleine Wilfried die 2. Klasse Volksschule besucht. Nach 1945 kehrt die Familie nach St. Pölten zurück.

1951, nach der Matura, studiert der junge Mann in Wien zunächst Kirchenmusik und später für das Lehramt Musikerziehung mit Geschichte als zweites Fach. 1952 übersiedelt er nach Maria Enzersdorf und spielt gegen Kost, Quartier und Fahrtkosten nach Wien in der Kirche Orgel. Er bezieht ein Zimmer im Franziskanerkloster und wird Maria Enzersdorfer.

Im Kirchenchor lernt er Friederike kennen. “Wie es sich gehört", lächelt seine Frau, mit der er nun 46 Jahre verheiratet ist. Friederike Grasemann ist in der Nähe, in Brunn am Gebirge, geboren. Der Vater, ein echter Wiener, war dorthin mit seiner Preßburger Frau gezogen. Er ist Doktor der Philosophie und während des Krieges Pressechef des Milchwirtschaftsfonds. Wegen der wichtigen Aufgabe muß er nicht einrücken - zur Freude seiner Frau und seiner drei Töchter. Friederike wird knapp vor Ausbruch des Krieges geboren: Volksschule in Enzersdorf, Gymnasium in Mödling. Schon in dieser Zeit lernt sie Wilfried im Kirchenchor - ihre ganze Familie ist dort engagiert - kennen.

Nach der Matura studiert Friederike zunächst an der Musikakademie in Wien Geige und Gesang, später Musikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Uni. Noch während des Studiums heiratet sie 1961 ihren Wilfried und promoviert 1964. Zu dem Zeitpunkt hat sie bereits zwei Kinder: Ursel, geboren 1962, und Bernhard, der 1964 das Licht der Welt erblickt. “Und die da hier," sagt Frau Grasemann und blickt liebevoll auf Bärbel. “Sie ist 1966 auf die Welt gekommen." Ab dieser Geburt hat sich im Leben der Grasemanns alles anders entwickelt, als sie es je erwartet hatten. Denn im Spital bemerkt man sofort, daß dieses Kind krank ist, obwohl Schwangerschaft und Geburt komplikationslos verlaufen waren. Die Fontanelle ist bei dem Baby geschlossen.

Was war passiert? Ab dem 6. Monat, wenn sich das motorische Zentrum bilden sollte, hat sich durch eine Infektion - von der Mutter unbemerkt - das Gehirn des Kindes nicht mehr weiterentwickelt. Daher die geschlossene Fontanelle. Schonend bringt man es der Mutter bei: ein Mikrocephalus, ein sehr seltener Fall: “Sie ist geistig retardiert, kann nicht sprechen, aber sie versteht mehr als man meint. Das motorische Zentrum jedoch ist total kaputt. Sie kann nicht gehen, ja nicht einmal etwas greifen," erklärt die Mutter. Und fügt, an Bärbel gewandt, lächelnd hinzu: “Mit der Hilfe vom lieben Gott ist es uns gelungen - nur mit Seiner Hilfe -, daß wir ihr hoffentlich trotzdem ein lebenswertes, schönes Leben bieten können."

Und das ist wahrlich gelungen. Jeder, der Bärbel kennenlernt, erkennt das. Obwohl sie sich nicht bewegen kann, verdreht und gekrümmt entweder - wie jetzt eben - auf dem Schoß der Mutter oder im Rollwagen liegt, ist sie ein fröhlicher Mensch, der intensiv genießen kann - und herzhaft lachen! Ihre Mutter erzählt: “Als ich im Spital von meinem Mann erfahren habe, daß Bärbi einen Gehirnschaden hat, wäre es naheliegend gewesen, mir zu wünschen: hoffentlich kann sie einmal gehen oder reden. Doch mein Wunsch war: Hoffentlich kann sie lachen! Und dieses Geschenk hat sie von klein auf bekommen."

Man hat den Grasemanns keine Hoffnung auf ein langes Leben des Kindes gemacht: “Zunächst dachten wir, sie würde die ersten Tage nicht überleben. Dann hat es geheißen: Jeder Schnupfen ist eine Gefahr. Später: Sie wird nur ein paar Jahre alt. Und schließlich hieß es, sie würde sicher die Pubertät nicht überstehen. Zuletzt sind die Ärzte mit ihren Prognosen vorsichtiger geworden."

Ob sie oft krank war, frage ich. “Nein, eigentlich war sie recht widerstandsfähig," überlegt die Mutter, fügt aber hinzu, es seien einige Operationen nötig gewesen: “Mit 24 eine sehr schwere Darmoperation: unter anderem wegen Darmverschluß". Grasemanns schaffen es, auch hier etwas Positives zu finden: “Als Geschenk vom lieben Gott hatten wir einen fabelhaften Kinderchirurgen. Die Operation verlief gut, obwohl sie quer durchgeschnitten ist. Ein Großteil des Dickdarms fehlt." Operiert werden mußte Bärbel auch, weil die Achillessehnen sich durch den Spasmus zusammengezogen hatten.

Bei jeder Operation ist die Mutter - “natürlich" - mit im Spital. Großes Staunen bei Ärzten und Krankenschwestern, als bei den Spitalsaufenthalten außer der Familie auch Freunde von Bärbels Geschwistern zu Besuch kamen. Das beantwortet schon meine Frage, wie die Geschwister die Behinderung aufgenommen hatten. “Das war meine große Sorge. Doch die Kinder waren von klein auf damit vertraut und haben ihre Schwester von Anfang an heiß geliebt. Dann haben wir uns gefragt, wie das mit den Freunden der Kinder sein würde," erinnert sich Frau Grasemann. Auch diese Sorge stellte sich als unbegründet heraus. Bärbel wird, so wie sie ist, vom Freundeskreis akzeptiert. Spürbar froh erzählt die Mutter: “Während des Studiums hatte Bernhard einen großen Bekanntenkreis, der viele Stunden bei uns verbracht hat. Gab es ein Treffen im Kaffeehaus, haben sie Bärbel mitgenommen. Zu Bärbels Geburtstagen haben sie die Zimmer mit Luftballons geschmückt. Bis heute kommen Freunde der Kinder, wenn Bärbel Namenstag hat und nehmen sie mit ins Gasthaus." Wie sehr ihre Geschwister Bärbel mögen, erkennt man auch daran, daß Bernhard - mittlerweile Geologie-Professor an der Uni Wien - einmal eine tibetische Hirtenjacke für Bärbel quer über den Himalaya geschleppt hat, um ihr eine Freude zu machen.

Jedesmal, wenn die Mutter die Namen der Geschwister erwähnt - Ursel ist Psychologin, Lektorin an einer Fachhochschule und in Salzburg verheiratet -, freut sich Bärbel und lacht. Noch etwas fällt mir auf: Während unseres Gespächs streifen häufig zärtliche Blicke der Eltern die Tochter. Liebevoll meint die Mutter: “Bärbels Fähigkeiten beschränken sich auf's ,Süßsein'. Daß sie eigentlich fast immer glücklich und zufrieden wirkt, ist ein Geschenk von Gott, ein Geschenk, das wir immer wieder bekommen. Wir haben kein Verdienst daran."

Ich allerdings staune, wieviel die Eltern für Bärbels Zufriedenheit leisten: Noch keinen einzigen Tag mußte das Kind ohne einen der Elternteile auskommen. Auch im Urlaub ist sie dabei: “Wir nehmen sie eben mit, waren noch nie ohne Bärbi im Urlaub," so der Vater mit größter Selbstverständlichkeit. Und die Mutter fügt hinzu: “Sie hat im Auto einen eigenen Sitz. Sicher, es erfordert einen gewissen Aufwand."

Eine große Stütze für die Grasemanns ist P. Thomas, der Maria Enzersdorfer Pfarrer. “Er trägt viel dazu bei, daß sie glücklich sein kann," erzählt Frau Grasemann dankbar. Bärbel ist offensichtlich ganz ihrer Ansicht, denn sie stößt Glückslaute aus, kaum daß der Name Thomas fällt. Wenn dieser eine Beerdigung hat - Grasemanns wohnen gleich beim Friedhof -, verabsäumt es der Pfarrer nie, nach Bärbel zu schauen. Sobald sie daher die Friedhofsglocken hört, wartet sie ungeduldig auf dessen Erscheinen und dreht den Kopf zur Tür. Ähnliche Freudenkundgebungen, wenn bei den Verkündigungen nach der Messe das Wort “Beerdigung" zu hören ist. “Das ist manchmal fast makaber," lächelt Friederike Grasemann.

Fürsorglich hat die Gastgeberin Brötchen hergerichtet. Bevor wir mit dem Essen beginnen, wird gebetet. Von P. Thomas weiß ich, daß das Gebet vor dem Essen für Bärbel sehr wichtig ist. “Sie würde keinen Bissen essen, wenn nicht gebetet wird," erzählt er ein paar Tage später in der Pfarrkanzlei. Beten und die Messe mitfeiern sind für sie selbstverständliche und wichtige Dinge. “Bei jedem christlichen Fest wird sie von den Eltern so einbezogen, daß sie gut mitfeiern kann."

Sie in die Gemeinde zu integrieren, ist dem Priester ganz wichtig. So versucht er auch, den Eltern jede Scheu zu nehmen, Bärbel bei Veranstaltungen oder kirchlichen Feiern mitzunehmen. Er erinnert sich: “Die Mutter hat sich zunächst nicht getraut, mit Bärbel zur Kinderanbetung zu kommen. Da gab es aber überhaupt kein Problem. Die Kinder gehen sehr lieb mit ihr um. Der kleine Paul etwa gibt ihr die Hand und redet mit ihr," freut sich der Pfarrer. “Sie ist ja auch auf den Empfang der Hl. Kommunion vorbereitet worden. Ich bin sicher sie spürt, daß Gott gegenwärtig ist." Und P. Thomas fügt hinzu: “Wenn ihre Mutter für kurze Zeit das Haus verläßt, um einen Sprung in die Kirche zu gehen, versteht die Tochter, daß die Mutter jetzt beim lieben Gott ist. Dann bleibt sie ruhig allein zu Hause. Bärbel gestaltet, ebenso wie ihre Eltern, ihr Leben aus dem Glauben heraus," meint der Pfarrer voll Bewunderung.

Darum hat er auch zu Bärbels 40. Geburtstag den Kardinal in einem Brief für sie um den Stephanus-Orden in Bronze angesucht, “weil sie durch ihre Fröhlichkeit und ihre Art, die Messe mitzufeiern, zeigt, daß auch schwerste Behinderung positiv lebbar ist. Für die Pfarrgemeinde ist sie ein Geschenk und ein sehr wichtiges Zeichen," erklärt er. Den Orden hat sie dann im Erzbischöflichen Palais von Weihbischof Krätzl überreicht bekommen. Eltern, Geschwister und selbstverständlich P. Thomas waren anwesend, als Bärbel bei der feierlichen Ordensüberreichung gestrahlt hat.

Apropos Orden: Auch der Vater hat, zu seinem 70. Geburtstag, einen päpstlichen Orden (Pro ecclesia et pontifice) bekommen. Es war nicht einmal der erste für diesen verdienstvollen Mann, der im Bereich der Musik schon mehrere Wettbewerbe gewonnen hat (besonders beeindruckt bin ich von einem gewonnenen Wettbewerb in Haarlem). Daß er dazu überhaupt Zeit gefunden hat?!

In seiner bescheidenen, sanften Art erzählt der Hausvater lächelnd aus seiner aktiven Zeit: “Ich war für meine fünfköpfige Familie der Alleinverdiener. Heutzutage ganz unmodern, denn da müssen ja auch die Frauen unbedingt im Beruf stehen. Ich habe alle Gelegenheiten ergriffen, um dazu zu verdienen. 30 Jahre habe ich im 10. Bezirk unterrichtet, zusätzlich 10 Jahre am Schottengymnasium Musik. Dann habe ich im Abendunterricht in der Seegasse Maturavorbereitung in Geschichte erteilt und 10 Jahre am Musikgymnasium. Nebenbei war ich an der Musikhochschule. So war ich fast den ganzen Tag tätig. Bin oft erst in der Nacht heimgekommen." Na und nicht zu vergessen: “Nebenbei habe ich den Orgeldienst" - seit 1952! - “bei allen Sonntagsgottesdiensten gehabt." Und das klingt nie nach Routine. Immer spürt man, daß er mit ganzem Herzen aus dem Glauben dabei ist. “Drei Sonntage im Jahr bin ich allerdings auf Urlaub," klingt es fast entschuldigend.

Ob er nie mit dem Glauben Schwierigkeiten hatte? Prof. Grasemann überlegt nicht lange: “Ab 1946 war ich bei der katholischen Jugend aktiv, habe selbst Gruppen geführt. Somit bin ich ständig mit der Kirche in Kontakt gewesen. Dann habe ich Kirchenmusik studiert, bin Organist geworden..." Offensichtlich war nie Zeit, Schwierigkeiten mit dem Glauben zu bekommen.

Und noch eine Frage drängt sich mir auf: “Haben Sie sich nach diesem Schicksalsschlag nie gefragt: warum gerade wir? Diesmal antwortet seine Frau: “Nein. Wie Bärbi auf die Welt gekommen ist, haben wir nie gesagt: Lieber Gott, warum wir? Es klingt zwar ein wenig nach einer Fuchs-Trauben-Geschichte. Aber man muß es trotzdem sagen: Ein so schwer behindertes Kind öffnet einem wirklich die Augen: Man sieht vieles, was andere selbstverständlich hinnehmen, als gar nicht selbstverständlich an. Ein Gewinn, den man im eigenen Leben hat, im Beruf, zu Hause, in der Erziehung bei den beiden anderen Kindern, in der Beziehung zu anderen Menschen...: man wird für so vieles viel dankbarer. Wir haben weitaus bewußter gelebt."

“Ich habe ungeheuer viel für den Beruf profitiert," fügt ihr Mann hinzu, “eine andere Einstellung bekommen, viel mehr Geduld. Dadurch hatte ich auch nie disziplinäre Probleme oder sonstige Schwierigkeiten. In der Schule ist meist alles von selber gelaufen."

“Haben Sie den Eindruck, daß Gott Sie in den schwierigen Zeiten getragen hat?" frage ich. Fast überrascht, daß ich das frage, antwortet Frau Grasemann: “Na, das glaub' ich! Und wie spürbar! Sonst würden wir schlecht ausschauen. Man muß dafür nur die Augen offen haben. Und das Herz. Dann sieht man unschwer, wie man getragen wird. Das heißt nicht, daß man problemlos lebt. Vor allem, wenn man mit so einem Kind älter wird, gerät man oft in Angstzustände, ja Panik. Wie wird das weitergehen? Das erlebt man, auch wenn hundertmal das Vertrauen da ist. Wir sind eben Menschen. Da gibt es sehr wohl Zeiten, Stunden, in denen einen ,der Schiach angeht'. So eine Zeit war voriges Jahr, die Tochter hat einen schweren Infekt erwischt. Ein andermal eine gebrochene Ohrmuschel, die operiert werden mußte. Dramatische Momente gibt es auch mit dem Husten, der durch den Spasmus entsteht. Da haben wir schon einiges hinter uns," gesteht die Mutter.

Auch die Abendstunden sind nicht ohne. Bärbel ist selten müde und würde am liebsten lange aufbleiben. Da gibt es ein Ritual mit Fotos, Stofftieren, einer kleinen Franziskaner-Puppe - ein Mitbringsel der Schwester aus Assisi. Alles wird genau betrachtet. Da darf man nichts vergessen. “Aufgrund ihrer Bewegungslosigkeit schläft Barbi schlecht. Und in der Nacht kann sie sich nicht allein umdrehen." Das muß die Mutter dann für sie machen...

Viele weitere Schwierigkeiten gibt es, für die hier einfach der Platz fehlt. Kein Zweifel: Es ist ein 24-Stunden-Dienst, den die Eltern leisten, an den, wie Friederike Grasemann betont, man sich auch nicht gewöhnen kann. “Man stellt sich immer wieder die schwierige Situation neu ein. Das ist ein riesengroßer Unterschied, und hat mit der Liebe und Aufopferung nichts zu tun. Wer sagt: Die sind das schon gewohnt, hat unrecht und wertet den 24-Stunden-Einsatz ab."

All die Zeit, während die Eltern erzählen und Bärbel zuhört, hält die Mutter die Tochter liebevoll mit dem linken Arm auf dem Schoß, füttert sie mit ganz kleinen Häppchen. Bärbel wird mit Worten, Gesten und Blicken immer wieder einbezogen.

So ist auch von Bärbels Lieblingsbeschäftigungen die Rede: Sie hört gern die Zauberflöte, die Entführung aus dem Serail oder die Fledermaus. “Sie hat schöne Musik sehr gern. Das ist entspannend für sie. Man merkt, daß sie sehr musikalisch wäre. Wenn man z.B bei der Fledermaus-Musik behauptet, das sei jetzt die Zauberflöte, dann lacht sie einen fröhlich aus," erzählt die Mutter. Und zu Bärbel gewandt: “Das weißt du, gell!"

Wie wäre das bei Fremdbetreuung? Frau Grasemann meint leise: “Wir haben mit Gott im Stillen ausgemacht, daß wir sie Ihm selber zurückgeben, damit sie nicht in fremde Betreuung muß." “Nein, keine fremde Pflege. So lange wir das schaffen, wollen wir es selber tun," bekräftigen beide. Wie schnell sich das Blatt aber wenden kann, erfuhr das Ehepaar vor zwei Jahren, wie der Vater erzählt: “Ich war eigentlich nie krank. Und dann kam es wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich habe mich nicht wohlgefühlt. Der Hausarzt hat mich untersuchen lassen: Zucker. Also bin ich zum Internisten, der stellt fest: ein Herzinfarkt ist übergangen worden und es gibt Probleme mit den Herzkranzgefäßen. Kurzum, das Endergebnis: Bypass-Operation."

Auch in dieser schweren Zeit hilft P. Thomas, fährt mit Mutter und Tochter ins Spital und bewundert die große Gelassenheit mit der der Musikprofessor seine schwere Herzerkrankung annimmt. Daß der Arzt, ein ehemaliger Schüler, sich in besonders intensiv um den Kranken angenommen hat, ist für den Priester ein Zeichen, daß der pensionierte Professor bei seinen Schülern wirklich sehr beliebt gewesen ist.

Mittlerweile hat sich der Professor aber vom operativen Eingriff erholt. Bei einer Dankmesse, die P. Thomas im Hause Grasemann gefeiert hat, durfte Bärbel ministrieren: “Ich habe ihr gesagt, daß sie mit der Mutti den Kelch, Wein und Wasser zum Altar bringen dürfe. Bärbels Augen haben dabei geglänzt. Sie war voll dabei," erinnert sich der Pater. Auch wenn sie mit der Mutter jeden Sonn- und Feiertag den Klosterladen mitbetreut, strahlen diese Augen (Kindergartenkinder, die sie besucht haben, waren entzückt, wie sehr Bärbel mit ihren Augen sprechen und lachen kann, erzählt der Pfarrer).

Die Betreuung des Klosterladens ist übrigens eines der wenigen Dinge, die Frau Grasemann neben der Tochter machen kann. “Am Anfang, mit den ersten beiden Kindern habe ich Schallplatten und Bücher bei einer Zeitschrift rezensiert - was man eben von zu Hause aus machen kann. Als wir dann Bärbel bekommen haben, war das nicht mehr möglich," sagt die Frau Doktor, die im Kirchenchor Geige gespielt, gesungen und auch dirigiert hat. Heute kommt die studierte Kunstgeschichtlerin nur dazu, die Klosterchronik zu übersetzen und historische Artikel für die Pfarrzeitung zu schreiben.

Wann regeneriert sie sich eigentlich, da sie kaum eine Nacht durchschläft? “Nach dem Essen lese ich ein wenig. Soweit es meine Zeit erlaubt, sitze ich gern beim Computer, übersetze die Chronik. Zeit für Exerzitien habe ich nicht. Gott sei Dank gibt es genug gute Literatur, besonders die Bücher unseres Papstes. Ich regeneriere mich, wenn sie schläft. Darum gehen wir sehr spät schlafen. Dann öffnen wir eine Flasche Wein, setzen uns zusammen, plaudern, hören Musik oder schauen uns etwas im Fernsehen an."

Ihr Mann ergänzt: “Wir freuen uns auch, wenn Freunde kommen. Aber irgendwo hingehen, ist schwierig. Wir haben es sehr gern, wenn sich alles bei uns abspielt. Außerdem: Hier kann meine Frau die Bärbel hinlegen. Sie stundenlang am Schoß halten, ist zu anstrengend." Einmal im Jahr gehen sie zum Heurigen. “Aber so nett das auch ist, es ist für mich sehr anstrengend. Drei Stunden auf einem Heurigenbankel mit ihr am Schoß..." Und sie im Wagerl lassen?"Nein, da ist sie arm. In der Messe ist das etwas anderes: Da ist sie im Wagerl nicht unglücklich. Da sitzt sie direkt bei mir und wir halten Hand."

“Wir halten Hand!" ist irgendwie das Schlüsselwort für Eltern und Tochter. Und Pater Thomas meint: “An den drei kann man erkennen, daß Geborgenheit und Liebe Wunder bewirken können."
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