VISION 20001/2008
« zum Inhalt Christ in der Welt

Gefordert sind die Laien

Artikel drucken Gegen einen falsch verstandenen “Klerikalismus"

Der Einfluß der Kirche schwindet, wohin man schaut. Läßt sich dagegen etwas tun? Gespräch mit einem Medienschaffenden:

Was können Katholiken tun?

Russell Shaw: Irgendwie leben wir heute in einer ähnlichen Situation wie die Kirche im Römischen Reich in den ersten Jahrhunderten. Sie war damals im Untergrund, klein, verdächtig, verachtet, manchmal verfolgt. Worüber verfügte die Kirche? Über Katholiken, einzelne Christen, die ganz aus ihrer Gemeinschaft mit Christus lebten und imstande waren, ihren heidnischen Nachbarn überzeugend davon zu erzählen, woran sie glaubten, und ihnen Rechenschaft darüber zu geben, warum sie dies taten. Damals hat das funktioniert - und genauso muß es heute gehen.

Wie bringt man Katholiken dazu, so zu evangelisieren?

Shaw: Meiner Ansicht nach ist es die Aufgabe der katholischen Medien, die Katholiken zu evangelisieren, damit diese wiederum aufbrechen und die weite säkulare Welt, in der sie leben, evangelisieren. Dank EWTN und ähnlicher Einrichtungen, sowie des wachsenden Netzes katholischer Radiosender werden die katholischen Medien stärker.

Was sollten katholische Medien nun tun, um die “Evangelisierer zu evangelisieren"?

Shaw: (...) Es geht meiner Meinung nach nicht darum, es so oder so zu machen. Die Kirche hat nur eine Botschaft, und diese Botschaft muß in den verschiedenen Medien weitergegeben werden, ausgerichtet auf bestimmte Bildungs- und Anspruchsniveaus. Das einzige Kriterium für sie alle ist, daß sie glaubenstreu und in ihrem Stil und ihrer Art gut und mit einem hohen Grad von Professionalität gemacht sind - was allerdings viel verlangt ist.

Ich denke nicht, daß katholische Medien ihren Dienst erfüllen, wenn sie den kleinsten gemeinsamen Nenner anbieten und damit versuchen, möglichst viele zu erreichen. Wo das Angebot allzu einfältig und dümmlich wird, vertreibt man die Leserschaft. (...) Wenn das Niveau insgesamt zu sehr gesenkt wird, wenn es keine Zeitschriften und Publikationen gibt, die anspruchsvolle und gebildete Menschen ansprechen, schneidet man sich von einem großen und einflußreichen potentiellen Auditorium ab.

In den letzen 10 bis 15 Jahren waren katholische Medien recht erfolgreich mit apologetischen Schriften, die für Protestanten bestimmt waren. Warum waren ehemalige Protestanten da so erfolgreich?

Shaw: Protestanten, die in die Katholische Kirche gefunden haben und erfolgreich beim Evangelisieren waren, sind nicht geprägt von jenem Klerikalismus, mit dem viele von uns von der Wiege an konfrontiert gewesen sind, und mit dem wir aufwuchsen. Wenn ich von Klerikalismus spreche, so handelt es sich um eine Denkweise, die meint, alle Führung und jede Initiative müsse von einem Priester oder einem Ordensmitglied ausgehen. Die Laien seien Empfänger dessen, was der Klerus austeilt, und außer finanzieller Unterstützung hätten die Laien nicht viel beizutragen, als ihre Arbeit zu tun, ein gutes Familienleben zu führen und in den Himmel zu kommen. Die Vorstellung, daß Laien an der Frontlinie der Evangelisation stehen und die Frohe Botschaft verkünden, das ist für viele, die im Katholizismus aufwuchsen, eine neue und fremde Vorstellung. Diese Sichtweise war nicht Teil ihrer Erziehung. (...)

Sehen Sie also diesen Klerikalismus als das größte Hindernis für den Einsatz der Laien in der Evangelisation an?

Shaw: Nein. Es ist der Mangel an religiöser Bildung während der letzen 40 Jahre, der jetzt zutage tritt. Viele Katholiken haben die Einstellung: “Ich verstehe einfach nicht genug vom Glauben, um ihn jemand anderem zu erklären." In gewisser Hinsicht haben sie damit sogar recht. Das Ausmaß des religiösen Nichtwissens, das man bei sonst gebildeten Katholiken antrifft, ist erstaunlich. (...) Meine Antwort darauf ist: Wenn Sie mit einem Nicht-Katholiken sprechen, können Sie zumindest sicher sein, daß Sie ein bißchen mehr über das Katholische wissen als er oder sie. Und wenn Sie nicht genug über Ihren Glauben wissen, dann ist die Antwort: Ihn besser kennenzulernen. Vielleicht kommt es so dazu, daß man Zug um Zug dazulernt. Man muß keineswegs einen akademischen Grad in Theologie oder Religionswissenschaft erwerben, um zu evangelisieren. Man kann sich einfach in Gesprächen mit Freunden oder Nachbarn, die Fragen haben, einlassen. Und dann gibt es zahlreiche sehr gute Bücher, um nachzulesen. Da kommt man schnell voran. Mit einem Nicht-Katholiken auf diese Weise ins Gespräch zu kommen, kann eine gute Sache sein, weil es den Anstoß dazu geben kann, etwas dazuzulernen. Jemand könnte dann sagen: “Als ich aufwuchs, habe ich nicht viel über den Glauben erfahren. Aber da ist jetzt mein Freund, der etwas über den katholischen Glauben erfahren will. Vielleicht kann ich selbst dabei etwas lernen und gleichzeitig meinem Freund weiterhelfen."

Auszug aus einem Interview in Catholic World Report Aug/Sept 2007

© 1999-2020 Vision2000 | Sitz: Beatrixgasse 14a/12, 1030 Wien | Mail: vision2000@aon.at | Tel: +43 (0) 1 586 94 11