VISION 20004/2008
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Gott sah: Alles war sehr gut

Artikel drucken Auseinandersetzung mit dem heutigen Fortschrittskonzept (Von Christof Gaspari)

Sind die Themen Umwelt und Wirtschaft überhaupt Fragen, die Christen zu beschäftigen haben? Verstehen wir denn genug von den komplizierten Zusammenhängen? Sind da nicht Experten, Ökonomen und Klimatologen zuständig?

Keineswegs. Erstens geht es um wichtige Fragen der Lebensgestaltung. Und vor allem: Hinter wirtschaftspolitischen Entscheidungen stehen Werturteile, Fragen des Menschenbildes, der Weltanschauung. Wenn das nicht Kompetenz der Christen ist, was dann?

Heute weiß es jedes Kind: unsere Umwelt ist gefährdet, die Atmosphäre erwärmt sich, Tier- und Pflanzenarten sterben aus, die Müllberge wachsen... Sehr viele Menschen sind besorgt - aber letztlich macht man so weiter wie bisher. Denn kaum geht das Wirtschaftswachstum zurück, schrillen die Alarmglocken in den Regierungssitzungen. Wachstum, Investitionen, neue Produkte müssen her. Also mehr forschen, werben, weiter Schulden machen, den Konsum ankurbeln... Vergessen sind die Umweltsorgen. Und man sagt uns: Umweltsanierung kostet Geld - und das müssen wir erst verdienen.

Ich habe erst unlängst in alten Artikeln gestöbert und dabei wieder festgestellt: Die Themen, über die wir uns heute erhitzen, werden seit 30 Jahren in ähnlicher Weise debattiert. Warnungen vor Energieengpässen, verstopften Straßen, ausufernder Verstädterung, Verelendung in der Dritten Welt, Konzentration der Kapitalien in den Händen weniger - all das sind Dauerbrenner in den Medien. Allerdings findet man in denselben Medien, wenn man weiterblättert und bei den Sonder- und Spezialseiten landet, Hymnen über das neue schnittige Automodell, die Rekordgewinne des Multis “xy", den Superdeal mit China...

Woher diese Schizophrenie? Weil unser Denken und Streben unbeirrt einem gottlosen Ideal der Selbsterlösung folgt. Es hat sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs als selbstverständliche Notwendigkeit etabliert. Es trägt den Namen freie Marktwirtschaft und ist dabei, die Welt nach seinen Prinzipien zu organisieren.

An dieser Stelle ist es wohl angebracht, daß ich Sie, liebe Leser, beruhige: Es erwartet Sie jetzt keine wirtschaftsfeindliche Brandrede. Wir Menschen müssen nun einmal für unsere materiellen Bedürfnisse sorgen. Ökonomie, also planvolle Deckung von Bedürfnissen, gehört zu unserem Wesen. Gedanken aber müssen wir uns darüber machen, welchen Stellenwert wir dieser Vorsorge einräumen. Diesbezüglich sollten aber heute die Alarmglocken läuten: denn das Sorgen um das materielle Wohl allein beginnt alles zu überwuchern, es geht über Leichen. Daß da auch der Mensch unter die Räder kommt, erfahren wir Tag für Tag. Allerdings soll dies in diesem Beitrag nicht gesondert hervorgehoben werden.

Wie aber kam es zu dieser Fehlentwicklung? Zu Beginn der Neuzeit hat sich ein fundamentaler Wandel im Zugang des Menschen zu seinem Lebensraum vollzogen. Boten bis dahin die natürlichen Gegebenheiten einen Rahmen, an den sich menschliches Wirken anpassen mußte, so veränderte sich dies ab dem 17. Jahrhundert. Das Denken und Forschen nahm eine neue Richtung. Am treffendsten wird sie mit den Worten René Descartes, dessen Denken die Neuzeit geprägt hat, beschrieben. In Discours de la méthode stellte er fest, es gehe darum, eine praktische Philosophie zu entwickeln. Sie sollte es ermöglichen, daß “wir die Kraft und die Tätigkeiten des Feuers, des Wassers, der Luft, der Gestirne, der Himmel und aller übrigen uns umgebenden Körper (...) kennenlernen und also imstande sein würden, sie (...) zu allem möglichen Gebrauch zu verwerten und uns auf diese Weise zu Herrn und Eigentümern der Natur zu machen."

Hier ist schon alles aufgezählt: der Machtanspruch, die Grenzenlosigkeit, “Herren und Eigentümer - der Himmel, alle Körper"!

Wie meilenweit ist diese Sicht entfernt von: “Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament. Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der anderen kund, ohne Wort und ohne Reden unhörbar bleibt ihre Stimme. Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde." (Ps 19,1ff)

Beide Stellen illustrieren gut den Spannungsbogen, mit dem wir konfrontiert sind: Die Schöpfung als Träger einer Botschaft, als Ruhm der Größe Gottes - und die Naturphänomene als Objekte der Nutzung zur Machterweiterung des Menschen.

Die Neuzeit hat sich für den zweiten Zugang entschieden. Und in besonders radikaler Weise seit dem 2. Weltkrieg, als es den westlichen Ländern gelang - zunächst sehr verdienstvoll im Interesse des Wiederaufbaus nach den katastrophalen Zerstörungen -, eine effiziente Marktwirtschaft einzurichten. Immer wirksamer wurden wissenschaftliche Erkenntnisse in nützliche Techniken umgesetzt.

Diesen Erfolg verdankt die Marktwirtschaft dem Umstand, daß sie der Initiative des einzelnen Freiräume eröffnet, daß sie den Erfolg durch Gewinn belohnt, Forschung und Technik fördert, Handelsbarrieren wegräumt und so die Wirkungsräume erweitert. Problematisch ist aber, wenn sie Konkurrenz zum Erfolgsprinzip schlechthin macht: Der Erfolgreiche habe recht, er soll sich durchsetzen. Das sei im Interesse aller, so die unausgesprochene Parole.

60 Jahre systematischer Verfolgung dieses Prinzips hat uns eine Welt beschert, die dementsprechend aussieht: die Erfolgreichen haben sich in einem unvorstellbaren Maß durchgesetzt. Multinationale Konzerne traten die Herrschaft über die Weltmärkte an. Was das in Zahlen heißt, sei am Beispiel des Erdöl-Multis “Exxon" illustriert: Umsatz 373 Milliarden Dollar, Gewinn 40 Milliarden, jährliches Wachstum in der letzten Dekade: 16%.

Die Folgen sind schwerwiegend: Die Interessen der Wirtschaftsriesen werden zum Taktgeber der Entwicklung. Die Politik konzentriert sich mehr und mehr darauf, der Wirtschaft ein attraktives Umfeld für ertragreiche Aktivitäten zu bieten.

Auch hier geht es nicht darum, zum Kampf gegen die “bösen" Multis aufzurufen. Mein Anliegen ist es, auf den Geist hinzuweisen, der hinter den vorherrschenden, heutigen Spielregeln steht:

* Wertvoll ist, was Nutzen stiftet, was Gewinn verspricht, was Warenwert hat;

* recht bekommt, wer sich in der Konkurrenz durchsetzt, wer Macht anhäuft, wer Neues versucht, auch wenn es riskant ist;

* glücklich wird, wer kaufen kann, wonach er Lust hat, je mehr umso besser...

Und dieses individualistische Nützlichkeitsdenken wuchert in alle Bereiche. Bedeutsam ist nun alles, wenn es in Geldwert ausgedrückt werden kann: der Fußballspieler Ronaldo, weil er 70.000 Euro “wert" ist, die Mutter, aber nur wenn sie Geld verdient, Pflanzen, Tiere, Landschaften, Meere, insofern man sie wirtschaftlich nutzbar machen kann.

Dank des rapiden wissenschaftlichen und technischen Fortschritts werden die Bereiche, die solcher Nutzung zugeführt werden können, laufend erweitert. Die Polargebiete werden ebenso Opfer der Begehrlichkeit wie die Meerestiefen, die Regenwälder, die Alpentäler, der Mond, die genetische Ausstattung von Mensch, Tier und Pflanze... Wie hatte Descartes gesagt? “... und alle übrigen uns umgebenden Körper (...) kennenlernen und (...) sie (...) zu allem möglichen Gebrauch zu verwerten..." Genau das geschieht, konsequent, großräumig, unerbittlich.

Kein Wunder, daß dieses dauernde, im großen Stil erfolgende Eingreifen in die Schöpfung Nebenwirkungen erzeugt. Nicht sofort, nicht gleich erkennbar, oft in den Ursachen schwer zuzuordnen: Atmosphäre und Meere erwärmen sich, im menschlichen und tierischen Organismus sammeln sich Chemikalien an, die über Luft und Wasser aufgenommen werden (etwa die weiblichen Geschlechtshormone, die über die “Pille" aufgenommen, dann ausgeschieden werden und zu steigender männlicher Unfruchtbarkeit beitragen), Pflanzen- und Tierarten sterben aus...

Viele dieser bedrohlichen Erscheinungen sind längst erkannt. Ökologen und umweltbewegte Zeitgenossen schlagen Alarm, “Grünparteien" entwickeln Konzepte zur Schadensbekämpfung. Zugegeben: Einiges hat sich dadurch zum Besseren gewandelt: Österreichs Seen und Flüsse sind wieder sauber, die Ozonschicht wird nicht weiter im großen Stil mit den Gasen bombardiert, die sie zerstören (FCKW), Kraftwerke und Industrieschlote spucken kaum mehr Schwefeldioxid aus, was den Säuregehalt des Regens stark verringert hat...

Technisch läßt sich also einiges machen. Aber das Grundproblem ist damit nicht gelöst. Solange das Wettrennen um Aneignung der Schöpfung fortgesetzt wird, treten eben neue Probleme auf. Typisches Beispiel: die Bemühungen gängige durch Biotreibstoffe zu ersetzen. Sie führen dazu, daß die Industrialisierung der Landwirtschaft rapid voranschreitet, daß Regenwälder abgeholzt werden, daß im großen Stil genetisch manipulierte Pflanzen in riesigen Monokulturen zum Einsatz kommen, usw... Und dabei: Keine Rede, daß der weiterhin wachsende Treibstoffbedarf auch nur annähernd so zu decken ist.

Gibt es Auswege? Grundsätzlich ja: den Lebensstil infrage stellen, sparen, einfacher leben... Auch davon sprechen die Umweltschützer seit Jahrzehnten. Sie appellieren an den guten Willen der Bürger: kauf' bio, beim Bauern aus der Nähe, fahr mit dem Rad, mit den “Öffis", geh zu Fuß, verzichte auf unnötige Stromfresser, sammle den Müll getrennt... Eine ganze Liste neuer Tugenden wurde entwickelt. In manchen Kreisen wird schief angeschaut, wer sich nicht an diesen Verhaltenskodex hält. “Was, Du bist mit dem Auto gekommen?!"

Sicher, man kann diese Haltung übertreiben. Aber die Grundrichtung dieser Bemühungen der Umweltbewegten ist richtig.

Warum sie sich dann nicht mehr durchsetzt? Weil sie vor allem auf dem Hintergrund apokalyptischer Untergangsszenarien verkauft wird: “Ihr werdet schon sehen, wenn die Meere um 10 Meter angestiegen sind, wenn Hurrikans über Europa hinweg rasen, wenn die genmanipulierten Pflanzen und Bakterien auskommen, wenn..." Man hört es, erschrickt, fühlt sich machtlos - und geht daher zur Tagesordnung über. Die Erfahrung der letzten 30 Jahren zeigt: Mit Schrecken punktet man nicht! Gibt es eine Alternative?

Ja, wenn man endlich aus Erfahrungen lernt, sich der grundsätzlichen Frage, welchen Sinn all unserer Bemühungen haben, zuwendet. Wozu das hektische Streben nach mehr? Warum die Natur bewahren? Wir Christen kennen die Antwort auf diese Fragen. Es ist die Frohe Botschaft: Sorge Dich nicht ängstlich, Gott weiß, was Du nötig hast, sieh die Vögel des Himmels, die Lilien auf dem Feld! Natürlich sollst Du wirtschaften, aber mach nicht Deinen Lebensinhalt daraus! Der Allmächtige hat Dich in eine wunderbare Schöpfung gestellt. Als Er sie ansah, stellt Er fest: Alles ist sehr gut!

Wir staunen heute viel zu wenig über die Wunder, die rund um uns geschehen: daß aus einem Ei und einer Samenzelle ein quicklebendiges Kind wird, das lachen, singen und lieben kann, daß tausende Tonnen Wasser mittels Wolken über hunderte Kilometer transportiert und als Regen fein über das Land verteilt wird und dort Leben ermöglicht, daß Wunden sich schließen, daß sich Tag für Tag Zellen im Körper millionenfach erneuern und ihr genetisches Programm weitgehend fehlerfrei kopiert wird, daß die schützende Erdatmosphäre so zusammengesetzt ist, daß wir unter Temperaturverhältnissen leben, die für uns zuträglich sind...

Je mehr geforscht wird, umso deutlicher wird es: Die Schöpfung ist ein atemberaubendes Wunderwerk, über das wir staunen, für das wir danken sollten, ein Wunderwerk, das der Schöpfer ganz offensichtlich voll Liebe für uns bereitgestellt hat. Wie gesagt: Alles war sehr gut. Wir müssen es nicht umbauen.

Sicher wir dürfen Pflanzen und Tiere dankbar nutzen, aber im Wissen, daß sie Geschöpfe Gottes sind, von Gott geliebt. Franz von Assisi, den Papst Johannes Paul II. den Ökologen zum Schutzpatron gab, wußte um dieses Geheimnis, als er von Bruder Sonne und Schwester Mond sprach, als er den Vögeln predigte und dem Wolf von Gubbio gut zugeredet hat.

Ja, das ist die gute Botschaft, die wir Christen im eigenen Leben umsetzen und dann ins Gespräch einbringen sollten. Sie ist der Hintergrund, auf dem die von den “Grünen" geforderten Tugenden erst ihren tiefen Sinn bekommen.

Christof Gaspari


Leere Räume schaffen

Der Glaube ist tot ohne die Tat, ein Glaube, der nicht Fleisch wird, ist tot. Unseren Glauben im Alltag zu leben, in den konkreten Lebensumständen, das ist asketischer Heroismus in unseren Tagen. Sich dem Konsumzwang zu verweigern. Viele Dinge abzulehnen. Aber all das, was gut, recht und gerecht ist, neu aufleben zu lassen, da zu investieren, all das wieder aufzugreifen und es zu verteidigen, das ist die Herausforderung ...

Christsein bedeutet: anders zu leben, einen anderen Lebensstil zu pflegen, eine andere Lebensform, ganz konkret...

*

Welcher Jubel, wenn man leere Räume schafft, um sie mit anderem aufzufüllen, um den ganz Anderen aufnehmen zu können! (...) Wieviel Zeit hat man da plötzlich für sich und für die anderen! Wieviel Zeit, für andere dazusein! Wieviel Zeit für Träume, Lesen, Gebet, Meditation, Spaziergänge, Wanderungen, fürs Nähen, Kochen, Stricken, Malen, Schreiben, Zeichnen, Singen, Lachen, Musizieren, Gemüse Anbauen, Zeit, seine Kinder zu erziehen, Freunde einzuladen, die Nachbarn zu entdecken, zu evangelisieren, zu plaudern, seine Umgebung zu entdecken, die Natur, die Schönheit der Welt, Zeit, in der Pfarre zu helfen, sich sozial und politisch zu engagieren, anderen Leuten zu begegnen, Hilfe zu leisten, sich zu entspannen, das Leben zu schätzen - einfach zu leben! Wieviel Zeit also für gesunde, großherzige, befriedigende Tätigkeiten, die zu unserer Entfaltung beitragen!

Falk van Gaver
Zwei Abschnitte aus “Plaisir ou bonheur (2)" in L'Homme Nouveau" v. 26.4.08.

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