VISION 20004/2008
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Die Hölle hetzt, der Himmel hat Zeit

Artikel drucken Wichtige Gedanken über den Umgang mit der Zeit

Gehören Sie zu den wenigen Menschen, die Zeit haben? Nein? Dann lesen Sie die folgenden Zeilen. Sie regen an, über den Umgang mit der Zeit nachzudenken

Wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, der kann etwas vom Goldgrund der Ewigkeit in seinem Leben durchschimmern sehen. Wer einmal sein Kind nach bangen und verzweifelten Minuten des erfolglosen Suchens im Gewühl eines Einkaufscenters endlich wieder in die Arme schließen konnte, der weiß, was gemeint ist.

Und wer als Reisender schon einmal in einem fernen Land existentiell auf Hilfe angewiesen war und in einer hoffnungslosen Situation plötzlich einem hilfsbereiten und sprachverständigen Menschen begegnet ist, erinnert sich staunend an dieses Himmelsgeschenk, das im rechten Augenblick aus dem Nichts auftauchte. Doch die goldenen Momente sind rar geworden. Wir haben keine Zeit mehr dafür. Wir tun uns schwer, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Stattdessen sind wir immer öfter an vielen Orten gleichzeitig. Die unglaubliche Beschleunigung unseres Lebens macht uns zu “Simultanten": wir tun mehrere Dinge zur selben Zeit. Paradox dabei ist, daß wir nicht selten die Hektik in unserem Leben damit begründen, daß wir effizient arbeiten müssen, um Zeit zu gewinnen. Wofür eigentlich? Wo ist sie geblieben, die gesparte Zeit?

Nehmen wir die Zeit genauer in den Blick, sehen wir ihre zwei Gesichter - den Chronos und den Kairos. In der Chronologie messen wir die dahinfliegende Zeit, die Fülle der vergangenen Ereignisse und Erfahrungen. Der Kairos hingegen erfaßt den rechten Augenblick, die gegebene Gelegenheit, die es zu ergreifen gilt. Zeit hat also eine quantitative und eine qualitative Seite. Wie gelingt es uns, im schnellen Strömen der Zeit festen Boden in der Gegenwart zu gewinnen?

Im Berufsalltag ist Lebenszeit zur kostbaren, umkämpften Ressource geworden, auch weil das Tempo der elektronisch vernetzten Gesellschaft vor lauter Effizienz keine Zwischenräume mehr übrig läßt. Je mehr Vernetzung, desto mehr Koordination ist nötig, desto stärker der Termindruck, desto größer die Abhängigkeit, desto schwächer die kreativen und sozialen Kräfte.

Wegen des daraus resultierenden Stresses werden wir öfter krank, die Planungen schwieriger und die gemeinsamen Begegnungsräume kleiner. Ein solches System forciert die Auflösung von Verbindlichkeit. Je mehr Kontakte angeboten werden, desto weniger verbindlich und dauerhaft sind sie.

Eine Kultur der Gemeinsamkeit schafft sich so selbst ab - wenn wir nicht “zwischentakten". Es war eine prophetische Zeitansage in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, als der Kulturphilosoph Eugen Rosenstock-Huessy kantig behauptete: “Jeder technische Fortschritt erweitert die Räume, verkürzt die Zeiten, zerschlägt die soziale Gruppe."

Die Hölle hetzt, der Himmel hat Zeit, lautet ein wahres Wort der alten Glaubensväter. Damit unsere Hetze immer wieder himmlischen Horizont bekommt, müssen wir ihr Einhalt gebieten - Zeit gewinnen. Wir können dem Speed unserer Tage kaum entfliehen, aber wir können der Zeit einen Rhythmus geben. Wir können dafür Sorge tragen, daß unser Leben nicht um den Speed, sondern der Speed um die Pfähle unseres Lebens wirbelt. Wo wir unserem Leben Rhythmus geben, da gewinnen wir Zeit.

Im Rhythmus von Gebet und Feiern zu leben bedeutet, den Ewigkeitshorizont in den Alltag zu ziehen. Das Geheimnis des Sabbat und das Innehalten in unseren Gebetszeiten sind solche rettenden Pfähle im Strom der Zeit, die uns helfen, eine Kultur des Lebens und nicht nur des Funktionierens zu entwickeln.

An unseren Rhythmuskräften hängt viel. Wo sie sich bewähren und wir uns mit anderen verbünden, da können wir den Dringlichkeiten unseres Alltags Einhalt gebieten und selbst den Takt bestimmen. Dieses Lenken durch die Zeit geschieht mitunter wohlbedacht. “Wir entwerfen unser Leben vom Tode her", beobachtete Martin Heidegger, der einsame Weise vom Todtnauberg.

Als Kinder Gottes und Freunde Jesu dürfen wir allerdings freudiger und erlöster an unsere Lebensplanung herangehen, denn wir entwerfen unser Leben von der Auferstehung her. Diese Botschaft auf der Herzhaut lebendig halten, heißt im Heute, in jedem Moment immer auch die Anwesenheit des wiederkommenden Christus mitzufeiern, von Ihm her und auf Ihn hin zu leben und wissen, daß meine Zeit in Seinen Händen steht.

Dominik Klenk, Salzkorn 1/08

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