VISION 20005/2008
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Botschaft für das 21. Jahrhundert

Artikel drucken “Humanae vitae": Ein Appell, die Kostbarkeit des Kindes neu zu entdecken (Von Christof Gaspari)

Kaum eine Enzyklika ist wohl so bekannt wie “Humanae vitae". Die meisten werden sie jedoch als Pillenenzyklika kennen. Nur wenige haben sie gelesen. Aber ein Urteil über ihre Aussagen gebildet haben sich zweifellos viele...

Sexualfeindlich sei sie, typisch katholisch, ein Diktat von “oben": “Sich beugen und zeugen" stand auf den Plakaten, die 1968 bei Protestaktionen von “aktiven" Christen gegen die päpstliche Entscheidung ausgerollt wurden.

40 Jahre sind seither vergangen. Die Front der Protestierer ist keinen Millimeter zurückgewichen. Vor ein paar Wochen konnte man folgendes in einem Medium mit katholischer Tradition lesen: “Jahrhundertelang war die Herrschaft über die Sexualität auch eine Herrschaft über die Menschen. Man muß froh sein, daß die Bigotterie einer Institution überwunden wurde..."

Überwunden - inwiefern? Durch verändertes Sexualverhalten. Endlich wurde das Joch der Verbote abgeschüttelt, die Segnungen moderner Verhütungsmittel hielten Einzug, ein “freier" Umgang der Geschlechter miteinander und die Befreiung der Frauen von der Angst, schwanger zu werden, schienen angebrochen. Wie massiv und rasch die Einstellungsänderung war, zeigt eine Allensbach-Umfrage: Der Aussage: Ich finde nichts dabei, wenn unverheiratete junge Menschen zusammenleben, stimmten 1967 nur 24, 1973 bereits 92% (!) der unter-30jährigen deutschen Frauen zu. Eine Revolution.

Läßt sich das Rad der Geschichte zurückdrehen? Nein. Aber aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte könnte man Schlußfolgerungen ziehen. So wie die sexuelle Revolution eine Reaktion auf die bürgerliche Prüderie des 19. Jahrhunderts und deren Nachwehen war, so sollten wir im 21. Jahrhundert auf eine Reaktion auf die heutige Übersexualisierung setzen.

Voraussetzung ist allerdings, daß wir Christen lernen, die Lehre der Kirche zu Fragen der Sexualität als Heilsbotschaft, als gangbare, das Leben bereichernde Botschaft anzubieten.

Keine Frage, leicht ist das nicht. Daß Diskutieren - auch mit besten Argumenten - oft nichts bringt, zeigen die vielen kritischen Äußerungen der letzten Wochen. Insbesondere in der Kirche gibt es eine erstarrte Abwehrfront. Sich dort zu verzetteln, ist wahrscheinlich eher nicht zielführend.

Was aber kann man tun? Versuchen, mit den Nachdenklichen ins Gespräch zu kommen - und mit jenen, die an den Folgen der Fehlentwicklung leiden. Letztere sind ja nicht zu übersehen: die überbordende Pornographie, die Prostitution, die mit ihren Angeboten Kleinanzeigen und Internet überschwemmt, die entwürdigende Zurschaustellung des weiblichen Körpers in Illustrierten, auf Stränden, auf Plakatwänden, das Überhandnehmen flüchtiger, rasch zerbrechender Beziehungen, an deren Folgen alle Beteiligten zu leiden haben...

Solche Gespräche werden nicht leicht zu führen sein. Zu warnen ist vor kurzschlüssigen Argumenten, vor erhobenem Zeigefinger, vor selbstgefälliger Besserwisserei. Denn für die meisten ist Verhütung heute das Selbstverständlichste der Welt. Verkündet wird sie ja von allen weltlichen Lehrkanzeln, sprich Medien, Lehrern, Aufkärungsschriften, man lese Love, Sex and So, den Behelf des Sozialministeriums für Jugendliche, nach.

Was wäre also ins Treffen zu führen, wenn man die Zusammenhänge zwischen Verhütung und den vielen Fehlentwicklungen aufdecken möchte?

Da ist zunächst das Wort Verhütung. Was verhütet man? Unfälle, ein Debakel, Katastrophen. All das schwingt mit, wenn von Empfängnisverhütung gesprochen wird: das Kind, das bei einem Geschlechtsakt gezeugt werden könnte, bekommt unausgesprochen diese Punze. Es wird zur Bedrohung des sexuellen Glücks, die zu vermeiden ist. Wundert es jemanden, wenn die Geburtenraten in den Keller sinken, eine Vergreisung der Bevölkerung stattfindet?

Eine weitere Konsequenz hat die Verhütungsmentalität: Sie verändert den Blick auf das Kind noch in anderer Hinsicht. Mit der Verhütung bin ich imstande festzulegen, wann ein Kind zur Welt kommen darf. Es wird so zu meinem Projekt, muß in mein Leben passen. Indem ich Herr über das Geschehen der “Kindeserzeugung" werde, wächst aber die Versuchung, nicht nur das Wann, sondern auch das Wie des Kindes zu bestimmen: Bub oder Mädchen, Träger bestimmter Gene, bestimmter Merkmale bei künstlicher Befruchtung (siehe S. 6-7).

Und noch etwas handelt man sich durch das Verhütungskonzept ein: Man wird versucht abzutreiben, wenn die Verhütung nicht geklappt hat - und keine Verhütungsmethode ist 100prozentig.

Auch terminologisch gibt es Überlappungen. Da heißt Notfallverhütung die Einnahme eines Abtreibungspräparats, das innerhalb von 72 Stunden nach einem Geschlechtsverkehr, von dem man befürchtet, er könnte “Folgen" haben, eingenommen werden muß. Daher hat sich auch der Slogan: “Verhüten statt Abtreiben" als Irreführung erwiesen. Denn: Noch nie wurde Verhütung weltweit so propagiert wie heute - und noch nie wurde so viel abgetrieben.

Verhüten und Abtreiben - ohne beides in einen Topf zu werfen - haben dieselbe geistige Wurzel: Der Mensch schwingt sich zum Herrscher über die Fortpflanzung auf.

Und noch etwas: Die von der “Bedrohung" befreite sexuelle Begegnung ist gefährdet, banal zu werden. Allzu leicht wird sie zum Konsumgut. Wieviele Filme führen uns vor, daß ein netter Abend zu zweit oder ein gemeinsam bestandenes Abenteuer ihre Krönung in einer gemeinsam verbrachten Nacht finden. In Love, Sex and So liest sich das etwa so: “Sex ganz ohne Gefühle gibt es nicht. Auch nicht bei einem One-Night-Stand. Natürlich kann Sex auch dann toll sein, wenn die Beziehung nur auf eine Nacht begrenzt ist" - wohlgemerkt ein Behelf, der jungen Leuten Orientierung bieten sollte.

Was läßt sich aus solchen Aussagen herauslesen? In der sexuellen Beziehung käme es auf das Gefühl, die Sympathie an. Aber das ist - wie jeder aus eigener Erfahrung weiß - viel zu wenig. Gefühle können sehr erfüllend sein, sie sind aber auch flüchtig und schwankend. Mit sexuellen Beziehungen drückt man aber Tieferes aus. Sie sind nun einmal die Sprache der Liebe. Stürmische Gefühle zu empfinden, verliebt zu sein, sich unwiderstehlich zu jemandem hingezogen zu fühlen, sind wunderschöne Erfahrungen. Aber die Liebe ist viel mehr.

Im Grunde genommen weiß das der noch nicht vom Zeitgeist verdorbene junge Mensch, wie wir bei mehreren Jugendseminaren erfahren durften. Da hieß es: Wenn ich einmal mit jemandem schlafe, dann muß er treu sein, mit mir durch Dick und Dünn gehen, mich so annehmen, wie ich bin... All das sind Umschreibungen wichtiger Aspekte der Liebe.

Die Hingabe im Einswerden hat mit der Bereitschaft zur unbedingten Annahme einher zu gehen. Wo diese Haltung fehlt, erleidet der Mensch Schiffbruch. Das bezeugt eine Befürworterin des Partnerwechsels, Nena O'Neil, nachdem sie es lange genug praktiziert hatte: “Sexuelle Treue kann man nicht als eine bloße Leerformel bei der Eheschließung abtun oder als einen moralischen oder religiösen Glaubensgrundsatz; sie entspricht vielmehr einem Bedürfnis, das in unseren tiefsten Empfindungen, in unserer Suche nach emotionaler Sicherheit gründet; die Untreue schafft Situationen, die unsere emotionale Stabilität gefährden."

Die Liebe hört niemals auf, wie der Apostel Paulus schreibt.

Auch damit ist noch nicht alles über die Liebe gesagt, denn sie ist unfaßbar groß, stark, unergründlich, unausschöpfbar... Aber ein wichtiger Aspekt sei noch erwähnt: die unbedingte Annahme, von der die Rede war, impliziert das Ja zur Person des Partners, wie er nun einmal ist. Und das heißt auch ein Ja zu seiner Fruchtbarkeit. Sie auszuschalten heißt den Partner zu manipulieren. Es bringt zum Ausdruck: So, wie du von Natur aus bist, paßt Du mir nicht. Und so präparieren die gängigen Verhütungsmittel meist die Frauen, damit sie männlichen oder gesellschaftlichen Vorstellungen eines geglückten Sexuallebens (= möglichst viel Sex) entsprechen.

Wird die Fortpflanzung ausgeschaltet, sperren sich die Beteiligten in eine Zwiesprache ein, die zwar für ihre Beziehung wichtig sein kann, die aber den Schritt in die Weite einer größeren Liebe nicht wagt. Denn das “Ein Fleisch Werden" von Mann und Frau erreicht seine höchste Form, wenn es Gestalt im Kind annimmt. Im Kind erkennen Mann und Frau einander wieder.

In der Zeugung eines Kindes wird ihnen die Chance zu einer umwerfende Erfahrung eröffnet, nämlich mitzuwirken am größten Werk, zu dem der Mensch berufen ist: Einem Wesen mit einer Seele und daher mit Ewigkeitswert in die Existenz zu helfen, von Gott ins Leben gerufen, berufen, einst in Ewigkeit Gottes Herrlichkeit zu schauen. In jedem Kind erweitert sich der Raum der Liebe des Paares. Christen verzichten auf Verhütung im Vertrauen, daß Gott besser weiß, was für sie gut ist, als sie selbst. Sie bringen damit zum Ausdruck, daß sie ihr Schicksal nicht restlos in die eigene Hand nehmen, sondern offen für das Wirken Gottes im Leben bleiben wollen.

An dieser Stelle wird deutlich: Das Sprechen über Verhütung berührt die Grundfragen menschlichen Seins. Die Lehre von “Humanae vitae" wird daher in letzter Konsequenz nur verständlich, wenn man sie auf dem Hintergrund verkündet, daß Gott jeden Menschen liebt und für ihn sorgt. In der Tiefe erfassen werden daher die Botschaft der Enzyklika vor allem jene, die Gottes Liebe erfahren und sich Ihm anvertraut haben. Eine rein weltliche Argumentation wird stets an Grenzen stoßen müssen.

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