VISION 20006/2008
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Zwei Wunder und eine Kette von Bekehrungen

Artikel drucken Die Folgen zweier Heilungen in Lourdes

Gottes Wirken in der Welt bleibt geheimnisvoll. Aber immer wieder dürfen wir einen “Blick hinter die Kulissen werfen". Dann wird deutlich, wie aus dem Wirken an einem Ort eine Kette des Heilsgeschehens werden kann wie im folgenden Fall:

Rückblendung: 23. August 1927. Ein Zug verläßt den Bahnhof von Lourdes. Im Waggon der Kranken liegen auf Matratzen Kinder, die man zur Grotte geführt hatte, ihre letzte Heilungschance. Jetzt verlassen sie den Ort im Rhythmus der Zugbeschleunigung. Unter ihnen Marie-Louise Saget, 12 Jahre alt. Sie liegt seit 5 Monaten darnieder, leidend an der Pott'schen Krankheit mit Komplikationen und Eiterungen - und Henri Mieuzet, ein 7jähriger, seit 9 Monaten krank, nur 14 Kilo schwer, den die Mutter sterbend aus Ile-et-Villaine hergebracht hat.

Als der Zug an der Grotte vorbeifährt und die Pilger mit einem Rosenkranz beginnen, sagt Marie-Louise plötzlich zu ihrer Mutter: “Ich bin geheilt". Sie steht auf, erklärt, alle ihre Schmerzen seien verschwunden, setzt sich ans Zugfenster, betrachtet begeistert die Kühe und Maisfelder. Verschwunden sind alle eiternden Wunden! Rundum im Wagon ertönen Dankgebete.

Und plötzlich erwacht Henri aus seinem Dämmerschlaf. “Ich will das Mädchen sehen," sagt er zur Mutter. In den Archiven von Lourdes liest man: “Die verblüffte Mutter wußte nicht, was sie davon halten sollte, sie lachte und weinte zugleich." Henri steht auf, er umarmt das Mädchen, verlangt etwas zu essen, verschlingt Brot, Pâté, Bananen, Schokolade...

5. November 1944. Ein englischer Schriftsteller plagt sich seit 6 Jahren mit einem ambitionierten Projekt herum: der Fortsetzung eines erfolgreichen Kinderbuches. An diesem Sonntagmorgen nimmt er mit seiner Tochter an der Messe teil. Das Tagesevangelium: die Erweckung der Tochter des Jairus. Der Priester veranschaulicht das Geschehen durch die Erzählung von zeitgenössischen Wundern. Der Schriftsteller berichtet später, es sei dies insbesondere “die sehr bewegende Geschichte des kleinen Jungen" gewesen, eines Buben “mit Tuberkulose, der nicht geheilt worden war und mit seinen verzweifelten Eltern im Zug heimfuhr, quasi sterbend... Auf der Rückreise fährt der Zug in der Nähe der Grotte vorbei. Der Bub richtet sich auf: ,Ich möchte mit dem Mädchen sprechen.' (...). Er steht auf und geht mit dem Mädchen spielen; als er zurückkommt, erklärt er: ,Ich habe Hunger.' Man gibt ihm ein Stück Kuchen, zwei Tassen Kakao und riesige Sandwiches - er ißt alles!..."

Der Schriftsteller ist zutiefst berührt von der Erzählung “mit dem scheinbar traurigen Ende und seinem letztlich doch guten Ausgang, den niemand mehr erhofft hatte". Er verspürt “dieses besondere Gefühl, das wir alle - nicht allzu oft - empfinden und das keinerlei Ähnlichkeit mit einer anderen Empfindung hat: durch die plötzliche glückliche Wendung einer Geschichte bist du zu Tränen gerührt."

Zwei Tage danach erzählt er in einem Brief von den Ereignissen im Zug, bezeichnet sie als “Eukatastrophe": Genau danach habe er für das Werk gesucht, an dem er schreibt. Es wird noch einige Jahre dauern, bis er es fertigstellt. Aber schon 3 Wochen nach der erwähnten Messe verfaßt er eine Skizze, wie das Werk ausgehen soll - eine Art unverhofftes Wunder, das das Universum vor dem drohenden Kollaps rettet. Der Mann heißt Tolkien, das Buch Der Herr der Ringe.

November 2001 - Februar 2002. Ich treffe Philippe Maxence (Chefredakteur von L'Homme Nouveau) (...) Er bittet mich um einen Artikel über die christliche Botschaft, die Der Herr der Ringe transportiert. (...) Den Artikel liest Dr. Patrick Theillier, verantwortlich für das “Bureau Médical von Lourdes" (siehe Portrait 3/08). Die Geschichte des Wunders interessiert ihn und er durchforscht diesbezüglich sein Archiv. Und tatsächlich: Die Akten 28.018 und 28.024 im Bureau Médical beziehen sich auf die zwei erwähnten Heilungen. Aus diesen zitiert er längere Passagen in seinem Buch Lourdes, des miracles pour notre guérison.

Daraufhin besucht ihn eine Nonne aus Rennes, die vor 20 Jahren in Lourdes geheilt worden war. Sie übergibt ihm den Bericht über einen Priester aus ihrer Umgebung, den Pfarrer Henri Mieuzet. “Mir stockte das Blut in den Adern," erzählte Dr. Theillier. Höchst erstaunt fragt er: “Henri Mieuzet, der mit 7 Jahren auf der Rückreise von Lourdes geheilt wurde?" “Ja," antwortet die Schwester, “er ist Pfarrer bei uns in der Nähe, in Saulnières." Sie gibt ihm die Adresse und die Telefonnummer des Priesters.

Dr. Theillier ruft den Priester an und sie sprechen über das Wunder im Jahr 1927. Woran er sich erinnere? Vor allem, daß er so hungrig gewesen sei und eine ganze Semmel verschlungen habe, die er nach einer im Zug verbrachten Nacht gefunden hatte, eine Semmel, die der Bischof von Rennes zurückgelassen hatte, weil er ihn nicht wecken wollte. (...)


Jänner 2008.

Dr. Theillier veröffentlicht sein bemerkenswertes Buch über den Sinn der Heilungen in Lourdes. Ein Kapitel ist den eben geschilderten Ereignissen gewidmet. Es trägt den Titel “Von Lourdes ... zu den Chroniken von Narnia". Das mag überraschen, denn dieses Werk stammt nicht aus der Feder von Tolkien, sondern aus der von C.S. Lewis. Allerdings schreibt Dr. Theillier: “Tolkien war für mehrere Personen das Werkzeug der Gnade für deren Bekehrung und Rückkehr zum Glauben...". Und zu diesen zählte eben C.S. Lewis.

Didier Rance Auszug aus “L'Homme Nouveau" v. 13.9.08

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