VISION 20003/2009
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Der heilige Josef Kalinowski

Artikel drucken Botschaft an uns (Von Christof Gaspari)

Man kann es fast nicht glauben, daß eine solche Vielfalt von Erfahrungen im Leben eines einzigen Platz haben. Und dennoch: Das Leben des Josef Kalinowski, 1835 im litauischen Vilnius geboren, ist ein erstaunlich buntes Mosaik.

Da gibt es nach einem technischen Studium die Mitarbeit an der Planung der wichtigen Eisenbahnverbindung von Kursk nach Odessa im zaristischen Rußland, den Dienst als Offizier im russischen Heer. Später wirkt er als Pole in führender Funktion am polnischen Aufstand 1863 gegen das Zarenregime.

Es folgen 10 Jahre Verbannung in Sibirien und anschließend daran Jahre als Erzieher eines polnischen Prinzen in Paris, den der heilige Johannes Don Bosco später persönlich in den Salesianerorden aufnehmen wird. Schließlich tritt Kalinowski in den Karmeliterorden, wird zum Priester geweiht, um zuletzt den Karmel in Wadowice zu gründen, in jenem Ort, in dem ein gewisser Karol Woytyla das Licht der Welt erblicken sollte. Was für ein abenteuerliches Leben! Und alles zusammengehalten von einer lebendigen Gottesbeziehung, die sich in allen Lebensphasen vertieft zu haben scheint.

Aber der Reihe nach: In der Heiliggeiststraße geboren, erhält Josef eine tiefreligiöse Erziehung. Zum Beten bringt man ihn oft zum berühmten Heiligtum der Muttergottes über dem Tor der Stadtmauer in Vilnius. Das dortige Bild “Unserer Lieben Frau von Ostra Brama" wird Josef von da an auf seinen Lebenswegen begleiten und seine Liebe zur Gottesmutter prägen.

Eine weitere Erfahrung in seiner Kindheit wird ihn beeinflussen: Familie Kalinowski pflegte das Gebet in der Dreifaltigkeitskirche der Stadt am Grab jener Christen, die für die Wiedervereinigung der Orientalischen Kirche mit Rom das Martyrium erlitten hatten. So wird die Sehnsucht nach der Vereinigung von Orthodoxie und Katholischer Kirche zu einem Grundmotiv von Josefs Leben.

Seine Jugendjahre sind geprägt von Erfahrungen der Verfolgung katholischer Polen und Litauer durch das Zarenregime. Er muß miterleben, daß viele Landsleute deportiert oder öffentlich hingerichtet werden. Das fördert in ihm die Entstehung eines im Glauben verwurzelten ausgeprägten polnischen Patriotismus.

Zum Studium - Josef ist naturwissenschaftlich interessiert - übersiedelt der 15jährige nach Hory-Horki, wo er bis 1852 eine Agrarhochschule besucht, um dann ab 1853 an der Technischen Militärakademie in St. Petersburg Brücken- und Straßenbau zu studieren. Eine schwierige Zeit, geprägt von politischen Spannungen und Zwischenfällen, in denen sich Josefs Sanftmut und seine aufrichtige Freundschaft zu den russischen Mitstudenten bewährt. Das Studium schließt er mit dem Leutnantsrang ab.

1859 wirkt Kalinowski in Moskau an der Planung der Eisenbahnlinie Kursk-Odessa mit, er wird aber schon im Jahr darauf nach Brest-Litowsk versetzt, um dort Instandhaltungsarbeiten an der berühmten Festung des Ortes zu leiten. Der Leutnant wird zum Hauptmann befördert. In all diesen Jahren vertieft sich Josefs religiöses Leben. Sein Wunsch, den Armen, besonders unter den Jugendlichen, zu helfen prägt sich aus.

1863 bricht der polnische Aufstand gegen die russische Unterdrückung aus. Kalinowski hatte im Vorfeld vor einem solchen Schritt gewarnt. “Polen braucht Schweiß, nicht Blut", schreibt er später in seinen Erinnerungen. Die Hoffnungslosigkeit des Aufstandes gegen die russische Übermacht stand dem Offizier klar vor Augen. In dieser Situation reicht er seinen Rücktritt ein, um sich zurückzuziehen. Er wird aber vom Nationalrat in Warschau aufgefordert, sich dem Vaterland zur Verfügung zu stellen, um als “Kriegsminister" in Vilnius am Aufstand mitzuwirken. Unter der Bedingung, kein Todesurteil aussprechen zu müssen, nimmt er den Auftrag aus Vaterlandsliebe an.

Ohne Wissen der Familie richtet er im eigenen Haus sein Hauptquartier ein - und wird schließlich als letzter überlebender Führer 1864 verhaftet, eingekerkert und zum Tode verurteilt, ein Urteil, das schließlich - nicht zuletzt wegen der moralischen Hochschätzung, die er genoß - in 10 Jahre Deportation zu Zwangsarbeit umgewandelt wird. Diese schwere Zeit wird Josef für die Bekehrung des russischen Volkes aufopfern. Im Kerker richtet er sich ein quasi klösterliches Leben ein: “Um 5 Uhr früh stand ich auf. Meine ersten Gedanken waren Gebet, dann folgte die Betrachtung, und ein großer Trost war es für mich, als ich später Andachtsbücher erhielt. Jeden Tag konnte ich Hl. Messe hören, von ferne zwar, aber doch ziemlich deutlich. Mein Zellenfenster ging auf den quadratischen Hof des Konvents hinaus..."

Es folgen die unvorstellbaren Strapazen der Deportation: 10 Monate unterwegs, tausende Kilometer Marsch, schlammige Wege, eisige Kälte...... “Ausgehungert, müde und halb erfroren kamen wir in den Kasernen des Gefängnisses von Ussolé an."

1874 kehrt Kalinowski zurück. Ein Freund aus der Verbannung vermittelt ihm eine Stellung als Erzieher beim jungen Prinzen August Czartoryski, dessen Vater im Palais Lambert in Paris residiert. Drei Jahre lang widmet sich Kalinowski hingebungsvoll dieser Aufgabe. Er umsorgt den schwächlichen Jungen liebevoll. Sie beten zusammen, gehen gemeinsam zu den Sakramenten, lesen geistliche Bücher.

In Paris lernt Kalinowski auch den Unbeschuhten Karmeliten P. Augustin Maria, einen jüdischen Konvertiten, kennen. In den Begegnungen mit diesem wächst in Josef die Ahnung, daß der Karmel jener Ort sein könnte, an dem sein Durst nach Gott gestillt werden wird.

In Davos, während eines Kuraufenthaltes seines Zöglings, fällt die Entscheidung: Kalinowski wird in den Karmel eintreten - und zwar am 15. Juli 1877 in Graz. Dort kann man in der Chronik nachlesen: “Der Pole Kalinowski, der Erzieher des Sohnes des Fürsten Czartoryski, ist bei uns angekommen. Ein großer Mann mit Bart, 42 Jahre alt." Er erhält den Namen Rafael.

Im einzigen Karmelitenkonvent Polens, in Czerna empfängt P. Rafael 1882 die Priesterweihe. Dort wird er im Jahr darauf auch Prior. Von da an beginnt eine überaus segensreiche Tätigkeit zum Aufbau und zur Reorganisation des Ordens in Polen und der Ukraine. 1899 wird P. Rafael zum Provinzvikar der Klöster ernannt, für die er in den Jahren davor gewirkt hatte. Besonders hingebungsvoll wirkt er unter den Schwestern des Ordens, um sie nach der Tradition ihrer Gründerin zu “betenden Wächterinnen der Kirche" zu machen.

Sein wichtigstes Werk wird jedoch die Gründung des Klosters in Wadowice sein. Zunächst ein bescheidenes Projekt am Ortsrand, ein kleines Haus für Berufungen, um junge Menschen mit einem Ruf zur Gemeinschaft zu formen, muß es sieben Jahre später zu einem großen Kolleg mit einer schönen, dem heiligen Josef geweihten Kirche ausgebaut werden. P. Rafael ist ein begehrter Beichtvater. Vor seinem Beichtstuhl drängen sich von früh an die Gläubigen. Die Bekehrung Rußlands und die Wiedervereinigung der Kirchen bleiben seine großen Gebetsanliegen, zu denen er auch die anderen Ordensmitglieder ermuntert.

Erschöpft von Arbeit und Krankheiten stirbt P. Rafael am 15. November 1906 in Wadowice. Sein Grab in Czerna wird bald zum Ziel von Wallfahrten.

1920 kommt Karol Woytyla in Wadowice zur Welt. Er wird es sein, der Josef Kalinowski 1983 selig- und 1991 heiligsprechen wird. In seiner Predigt zur Heiligsprechung von P. Rafael wird der Papst die Bereitschaft des Karmeliten zum Totaleinsatz seines Lebens hervorheben: Er habe für das hohe Anliegen, seinem Vaterland zu dienen, die Todesgefahr auf sich genommen. Sein ganzes Leben hindurch habe er sich für die Einheit der Kirche, die Versöhnung zwischen Orthodoxen und Katholiken eingesetzt.

Aus Liebe zur ewigen Heimat und um sich Gott ganz hingeben zu können, sei er in den Karmel eingetreten. Und um seinen Mitmenschen den alles entscheidenden Dienst, ihnen Gott zu bringen, leisten zu können, sei er Priester geworden.

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