VISION 20003/2009
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Es ist Zeit für die ungeteilte Kirche

Artikel drucken (Tatjana Goritschewa)

Als furchtlose Dissidentin von den Kommunisten ausgewiesen, gab sie im Westen Zeugnis vom frohen Opfer der russischen Christen. Seit ihrer Rückkehr wirkt sie als Orthodoxe für die Einheit der Christen. Auszüge aus zwei Briefen aus 2009.

Es ist dunkel in St. Petersburg. Nur unsere Herzen brennen. Die Freunde versammeln sich jeden Tag in der Kirche, dann (abends) kommen viele in meine “Höhle". Ich habe eine große Wohnung (die ganz in “Unordnung" und lange nicht saniert ist). Ich habe einen langen Tisch - die Bücher sind seine Beine. Aber die Freude ist immer da. Immer mehr erzähle ich über “den heiligen Westen". Der Heilige Vater ist mittlerweile nicht nur geehrt, sondern wirklich als der Vater der ganzen Menschheit geliebt und empfangen.

Der Tod von unserem Patriarchen Alexij II. war ein wunderbares Ereignis. 100.000 - und mehr - Menschen haben die ganze Nacht unter dem Regen verbracht, um am nächsten Tag in die große Kirche eintreten zu können, um das letzte Mal den Patriarchen zu sehen. Alle Fernsehkanäle haben 12 Stunden lang den Gottesdienst für Verstorbene ausgestrahlt. Werbung war verboten. Die Atmosphäre der Ehrfurcht herrschte in allen Seelen, in den großen Städten und in den kleinen Dörfern. Kein einziges negatives Wort über die Kirche war zu hören. Der Tod - der ja nicht existiert - war für uns die Offenbarung der Vollmacht des Christentums, der leidenden und siegreichen Kirche.

Ich schreibe den Brief erst heute, weil ich die Briefmarken nicht kaufen konnte. In St. Petersburg gibt es keine zu kaufen! Es verschwinden die Ärzte, die Bibliotheken, die Medikamente, die guten Lebensmittel, es sterben die Menschen, die Tiere, die Bäume - und es gibt immer weniger Möglichkeiten, die Verbindungen unter den Menschen aufrechtzuerhalten. Die Armut in Rußland wächst.

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Seine Heiligkeit Kyrill I. ist mein alter Bekannter. Er hat das Vorwort zu meinem russischen Buch geschrieben. Er hat mir und anderen sehr geholfen, die Verbindungen zwischen Ost und West aufzubauen. In Rußland gab es gegen ihn Widerstand. Man hat gesagt, er sei ein Westler, Katholik usw... Es ist natürlich nicht so. Er ist ein tiefgläubiger, betender, treuer, orthodoxer Christ, aber er hat eine große Mission, “mit zwei Lungen zu atmen".

Ich hoffe, daß jetzt die neue Zeit für die ungeteilte Kirche gekommen ist. Wir sind alle glücklich, wie die Kinder.

Die Finanzkrise ist auch nach Rußland gekommen. Und dort sieht es so tragisch, so hoffnungslos aus. Viele hungern. Die Hälfte meiner Freunde (höchst gebildete, starke, begabte, aktive Menschen) haben die Arbeit verloren. Im Westen spricht man über den Untergang des Kapitalismus. Bei uns in Rußland hat man den Kapitalismus nie geliebt. Die Oligarchen sind verachtet - nicht einmal gehaßt, sondern mit Mitleid werden sie nicht ernstgenommen.

Die positiven Folgen der Krise sind auch da: Alle meine Freunde (die früher z.B. nur gelesen, gesprochen, gebetet, geschrieben haben) besuchen jetzt die Kranken, die Einsamen, die Alten. Man hat keine Zeit, um eine kleine Pause zu machen, Tee zu trinken. Alle sind mit großen Taschen und Säcken auf dem schweren Weg in der Fünf-Millionen-Stadt.

Der Rubel ist jetzt noch weniger wert. Mit Spenden kann man jetzt viel Gutes tun. Immer sinnvoller wird jetzt das Geld eingesetzt, es ist eine Erfahrung. Die Menschen müssen leben! Der heilige Seraphim von Sarov hat es so gesagt: “Du mußt lange leben, um deinen Stolz zu entdecken und zu besiegen."

Tatjana Goritschewa

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