VISION 20005/2009
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Wölfe im Schafspelz

Artikel drucken Darf man dem Neuen Testament glauben?

Seit gut 40 Jahren werden die Katholiken bezüglich der historischen Verläßlichkeit der neutestamentlichen Schriften, ihrer Urheberschaft und ihrer Entstehungszeit systematisch verunsichert und in die Irre geführt. Die Verwirrung reicht von diözesanen Publikationen über theologische Fachbücher bis zu den Einleitungen in der „Einheitsübersetzung“ der Hl. Schrift. Es wurde höchste Zeit, nunmehr im Gegenzug die Verunsicherer zu verunsichern.
Der Autor des vorliegenden Buches, ein promovierter Philosoph und Historiker, stellte sich dieser verdienstvollen Aufgabe. In seinem äußerst lesenswerten und gelungenen Versuch, die historische Glaubwürdigkeit des Neuen Testamentes zu beweisen, geht er nach verstandesmäßigen, ja nach detektivischen Kriterien vor.
Er erhebt zunächst die ideologischen Vorentscheidungen, die hinter der „historisch-kritischen Exegese“ und deren Ideengebern stehen: „Alle [diese] Denkweisen machen es von vornherein äußerst schwierig, um nicht zu sagen unmöglich, die Schriften des Neuen Testamentes als historische Quellen unbefangen zu betrachten. … Aufgrund dieser philosophischen Voreinstellung kann und darf es in den neutestamentlichen Schriften nichts geben, was der verengten Weltsicht widerspricht.“
Einfacher gesagt: Der gesunde Menschenverstand wird hier frei erfundenen Ideologien geopfert und der wirkliche Text und seine Überlieferung werden bei dieser Methode im Grunde ignoriert. (Oder, wie es jemand anderswo treffend formulierte: „Diese Technik der Schriftauslegung ermöglicht es, biblische Texte unabhängig von ihrem Inhalt zu lesen sowie beliebige Inhalte in die Bibel hineinzuprojizieren.“)
In einem zweiten Schritt untersucht der Autor die vier Evangelien der Reihe nach mit profan-historischen Methoden auf ihren geschichtlichen Wert. Er kommt zu dem Schluß, daß es sich um sehr frühe und glaubwürdige Zeugnisse realer Geschehnisse handelt.
Es gibt auch keinen Grund anzunehmen, die Worte Jesu wären nicht verläßlich überliefert worden: „Wir gehen nicht fehl in der Annahme, daß Johannes … Jesu Reden dem geliebten Meister vom Munde abgelesen hatte und sie auch schnell im Gedächtnis zu behalten gelernt hatte.“
Ein „Zeugenkomplott“ der Evangelisten ist aufgrund von Spannungen zwischen den Evangelien in der Darstellung der Ereignisse ausgeschlossen. Es ist nach den Kriterien der Geschichtswissenschaft völlig unglaubhaft, daß hier Märchen oder Mythen vorliegen sollen:
„Jedes Kind lernt in der Schule fiktionale Erzählungen und realistischen Tatsachenbericht zu unterscheiden und von jedem Bürger - auch damals im hochzivilisierten Römerreich war das nicht anders - wird erwartet, daß er das kann, und eine Vermischung dieser Stilarten wird als Falschaussage unter Strafe gestellt.“
Der Autor wendet sich massiv dagegen, daß erst die „Entmythologisierer des 20. Jahrhunderts - nicht die Mehrheit der Bibelleser, sondern nur ein kleines Häuflein elitärer Inhaber von fetten Universitätspfründen - in der Lage“ sein sollen, die angeblich literarisch verschlüsselten und dem unbefangenen Leser unverständlichen Evangelientexte zu verstehen.
Danach geht er auf die archäologischen Beweisstücke für die Glaubwürdigkeit der Evangelien ein und behandelt ausführlich die Kreuzesinschrift („titulus“), das Turiner Grabtuch und den Schleier von Manopello (also die „vera icon“, das „wahre Bild“ Jesu). Er legt ausführlich dar, wieviel man glauben muß, wenn man auf keinen Fall glauben will, daß etwa das Turiner Grabtuch tatsächlich das Grabtuch Jesu ist.
Sehr interessant sind seine Schlußüberlegungen über Wahrheitsliebe, Zeugnis und freie Willensentscheidung. Man könne eben nur verantwortet glauben, wenn der Gegenstand des Glaubens, also Tod und Auferstehung Jesu, gut bezeugt ist. Ein Glaube, der nicht sein Fundament in dem realen Geschehen der Auferstehung Jesu hätte, wäre völlig absurd.
Im Anhang bietet der Autor eine ausführliche Sammlung von aktuellen Forschungsergebnissen zum Grabtuch und zum Schleier von Manopello mit vielen aufschlußreichen Photos.
Kritisch anzumerken bleibt, daß dem Lektorat zahlreiche Mängel in Anordnung des Stoffes, Satzbau und Rechtschreibung entgangen sind. Inhaltlich ist die Passage über die Gotteserkenntnis und das „ontologische Argument“ etwas verworren.
Aufs Ganze eines tiefschürfenden und scharfsinnigen Buches gesehen sind das freilich zweitrangige Kritikpunkte. Dem Buch ist eine große Verbreitung zu wünschen. Besonders Priester und Religionslehrer, Berufstheologen und diözesane Stellen sollten es sich gründlich zu eigen machen.

Wolfram Schrems

Wölfe im Schafspelz - Irrwege christlicher Verkündigung im 20. Jahrhundert (mit einem Geleitwort von Joachim Kardinal Meisner). Von Helmut Pflüger, Christiana, Stein am Rhein, 2008, 14,9 Euro.

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