VISION 20001/2010
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Karrierefrau wird begeisterte Mutter

Artikel drucken Dr. Gabriela L. de Csáky-Pallavicini, eine mexikanische Diplomatin beginnt in Wien ein neues Leben (Von Alexa Gaspari)

 

Buenos Dias a la Merced de Dios” (mit Gottes Gnade einen guten Tag) - so begrüßt man sich in San Diego de la Unión, dem kleinen Ort, etwa in der Landesmitte von Mexiko gelegen, in dem Gabriela Legaspi de Csáky-Pallavicini am 21. Mai 1967 als einzige Schwester von zwei Brüdern und als Tochter eines Obersten der Kavallerie geboren wird. Bis zum heutigen Tag bekreuzigen sich dort die Menschen auf der Straße und schauen zur Kirche, wenn die Glocken zur Wandlung läuten. Ein besonders gläubiger Landstrich.
Sehr gläubig, aber auch streng sei ihr Vater, erzählt Gabriela, diese schwarzhaarige Österreicherin aus Mexiko mit den lebendigen, dunklen Augen. Beruhigend fügt sie hinzu: „Seine Stahlhände steckten aber in seidenen Handschuhen.“ Und was die weichen Handschuhe nicht neutralisierten, das fing die Liebe der Mutter auf. Die Eltern versuchten, ihre Kinder zu verantwortungsvollen Menschen zu erziehen: „Alles, was du machst hat Konsequenzen und fällt auf dich zurück,“ hieß es daheim. „Wenn du Gutes tust, wirst du gute Früchte ernten - und umgekehrt. Ihr tragt Verantwortung für alles, was ihr tut.“
Mit einleuchtenden Beispielen wurden die elterlichen Ratschläge illustriert, erzählt mir Gabriela, die nun selbst vielfache Mutter ist, temperamentvoll. Ihrer Mutter war es wichtig, der Tochter möglichst früh verständlich zu machen, daß Gott ihr einen großen Schatz mitgegeben hat, der für ihren zukünftigen Mann bestimmt ist, eine kostbare Perle. „Die Eltern haben uns einen Glauben mit Herz weitergegeben, in dem Dankbarkeit für alles Schöne, aber auch für alles Traurige eine zentrale Rolle gespielt hat.“ Dieser Glaube wird ihr helfen, zwei unglaublich harte Schicksalsschläge zu überstehen.
In ihrem netten, spanisch gefärbten Deutsch erinnert sie sich weiter: „Ich hatte eine sehr gute Erstkommunionsvorbereitung. Die Schwester, die uns betreute, erklärte uns, jeder Mensch habe einen guten Kern im Herzen. In ihm könne die Liebe zu Jesus wachsen. Die Eltern und auch die Schwestern lehrten uns, was es heißt, ein Opfer zu bringen. Die Schwester ermutigte uns, kleine Opfer für die Kinder zu bringen, die nichts zu essen hatten. Das ist gut zum Erlernen der Selbstbeherrschung. Auch sagte sie uns, daß wir Kinder Spiegelbilder unserer Eltern seien. Also war ich brav. Niemand sollte glauben meine Eltern seien nicht lieb.“
Als das Mädchen 10 Jahre alt ist, übersiedelt die Offiziersfamilie in die Hauptstadt Mexico City. Dort studiert sie nach Abschluß der Schule an der Jesuiten-Universität Internationale Beziehungen. Sie will nämlich Diplomatin werden. Ihre Dissertation untersucht die diplomatischen Beziehungen zwischen Mexiko und dem Libanon. Einige ihrer Ahnen mütterlicherseits stammen nämlich aus dem arabischen Raum. Väterlicherseits kommt ein Teil der Familie aus dem Norden Spaniens. Was für eine interessante Mischung!
Nach ihrem Studium arbeitet sie im Stab des Präsidenten, bekommt dann ein Stipendium für ein Master Studium in Afrikanistik und Orientalistik. Für ihr Masterdiplom unternimmt sie eine siebenmonatige Reise in den Vorderen Orient. Ihr besonderes Interesse gilt den Beziehungen der drei monotheistischen Religionen, dem Zusammenleben der Menschen verschiedener Religionen in den Ländern des Orients. Es folgen sieben Jahre mit interessanten Aufgaben im Außenamt. Unter anderem wirkt sie maßgeblich an der Wiedereröffnung der mexikanischen Botschaft im Libanon mit.
Als sie einen Kongreß zum Thema Rechte für behinderte Menschen organisiert, stößt sie auf der Homepage „Baby Angels“ auf den Namen Tamás Csáky-Pallavicini, der dort die Nebenwirkungen empfängnisverhütender Mittel auf das Gehirn und das Sozialverhalten der Frauen kritisiert. (Derzeit ist der aus Ungarn stammende praktische Arzt Generalsekretär der FIAMC im Vatikan, der Internationalen Föderation der katholischen Ärzteverbände). Via Internet lernen sie einander kennen und bleiben in Kontakt. Sie stellen fest, daß sie in vielen Fragen übereinstimmen: vor allem, was die zentrale Bedeutung des Glaubens, der Werte und der Moral anbelangt. Drei Wochen nach Beginn der Internetfreundschaft fliegt der Arzt im November 1998 nach Mexiko und bleibt einen Monat. Am Tag der „Unbefleckten Empfängnis“ verlobt er sich mit Gabriela und am Tag seines Rückfluges heiraten sie am Standesamt.
Als die Jungvermählte ihrer Chefin, die sie gerne als Kulturattaché Mexikos geschickt hätte, eröffnet, daß sie nach Wien fliegt, kirchlich heiratet, und dann dort leben wird, meint diese sehr weise: „Einen guten Mann zu finden, ist viel schwieriger als einen guten Job zu bekommen, du hast meinen Segen.“
Im Februar 1999 findet die kirchliche Hochzeit in Maria Treu in Wien statt. „Das ist aber schnell gegangen“, wundere ich mich. Gabriela lacht: „Wir waren schon ein bißchen spät dran: ich 31, er 38. Bis dahin war ich eine Karrierefrau. Die diplomatische Welt war sehr interessant, aber ich hatte das Gefühl, nicht komplett zu sein. Etwas Wesentliches ist mir abgegangen: Ehe und Kinder, das Gefühl, Mutter zu sein. Wenn Gott es so will, dachte ich und wir Kinder bekommen, werde ich die glücklichste Frau der Welt sein.“
Sie verläßt also Familie, Land, Karriere aus Liebe zu ihrem Mann. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt: „Auch wenn ich jetzt keine Karrierefrau mehr bin, sondern Hausfrau und Mutter, bleibt mir ja mein Wissen. Viele Frauen meinen, wenn sie Hausfrau und Mutter sind, dann sind sie nichts mehr. Für mich ist das Gegenteil wahr: Ich erlebe meine mütterlichen Gefühle, verfüge aber auch über mein professionelles Wissen. Dieses kann ich einmal an meine Kinder weitergeben.“ Dazu wird auch das Studium der Politikwissenschaft dienen, das sie - soweit es mit der Familie zu vereinbaren war - in Wien absolviert hat.
Und diese Kinder kommen dann in rasantem Tempo - und heißen alle Maria. Die Buben am Ende ihrer Namen, (die hier nicht alle genannt werden), die Mädchen als ersten Namen: Joannes Paulus Maria wird 2000 geboren, Juan Diego Maria 2001, María del Carmen Guadalupe 2002, Maria Eloísa 2004, Maria Gabriela 2005 und María del Lourdes 2006. Maria de la Esperanza (Maria der Hoffnung) kommt 2009 zwei Tage nach ihrem Tod im neunten Schwangerschaftsmonat zur Welt.
Doch zunächst einmal zurück zu Juan Diego, dem Zweitgeborenen: Gleich nach dem Verlassen des Spitals eilt die Mutter in die Votivkirche im 9. Bezirk, um ihn der Gottesmutter von Guadalupe, deren Bildnis in der Kirche hängt, zu zeigen. La Villa de Guadalupe liegt in Mexico-City. Dort erschien die Muttergottes 1531 dem Indio Juan Diego. Als fortwährendes Wunder kann man dort noch heute das nicht von Menschenhand gemachte Bildnis der Gottesmutter, das damals plötzlich auf dem Mantel des Sehers zu sehen war, bewundern. Diese Erscheinung und das Bild lösten eine Bekehrungswelle in Mexiko aus: Innerhalb von nur acht Jahren bekehrten sich mehr als acht Millionen Indios vom Götzendienst zum Christentum. Heute ist La Villa de Guadalupe mit 20 Millionen Pilgern pro Jahr der meistbesuchte Marienwallfahrtsort der Welt.
Gabrielas Sohn, der also den Namen des Sehers, Juan Diego, bekommt wird daher in La Villa de Guadalupe getauft und der Muttergottes geweiht. Schwer zu fassen ist daher, was bald darauf geschieht: Der Kleine ist 1 Jahr und 4 Monate alt, als ihm vor den Augen der Mutter und des älteren Bruders der Lift im Haus - übrigens illegal in Betrieb und ohne Sicherheitssystem - zur tödlichen Falle wird. Der Bub überlebt das gräßliche Unglück, das ich nicht näher beschreiben möchte, nicht. Die Mutter muß hilflos zusehen und kann ihrem kleinen Sohn nicht helfen.
Am 12. Dezember 2002 (dem Tag der Muttergottes von Guadalupe) wird Juan Diego in Mexiko bestattet. Nun ruht er mit seiner Großmutter, die elf Monate nach ihm starb - noch ein schwerer Schlag für Gabriela - in derselben Krypta.
Wie übersteht man so ein entsetzliches Erlebnis? Gabriela überlegt kurz: „Ich kann mir gut vorstellen, daß man ohne Glauben dabei verrückt werden kann. Ohne Glauben wäre da nur eine große Leere. In der Verzweiflung macht man da leicht eine Dummheit.“ Ihr fester Glaube, seit der Kindheit gewachsen, hilft ihr und läßt sie darauf vertrauen, daß alles in Gottes Hand liegt. Die Stärke ihres Glaubens verhindert nicht nur, daß sie an Gott und der Muttergottes, der Juan Diego ja geweiht worden war, verzweifelt, er trägt sie vielmehr aus der Verzweiflung wieder hinaus. Dieser Glaube hilft nicht nur ihr, sondern auch ihrer Familie, den Kindern, mit denen sie für ein Jahr weg von Wien zieht, um Kraft abseits des Unglücksortes zu tanken. Die Therapie, zu der sie sich entschließt, bricht sie der Kinder wegen ab. Die Kinder selbst seien die beste Therapie gewesen, erklärt sie mir leise lächelnd. Der ältere Bruder macht für 6 Monate eine Spieltherapie. Bis zur Verurteilung des Verantwortlichen dauert es mehrere Jahre.
Was sie nach dem Unglück verletzt, ist die Einstellung mancher Zeitgenossen. Sie finden es unverantwortlich, mehr als zwei Kinder zu haben. Sie wollen ihr einen Teil der Schuld zuschieben. Traurig meint sie: „Die Gesellschaft hier ist nicht an Familien mit vielen Kindern gewöhnt, wie in Mexiko. Wir haben von Gott aber viele Kinder geschenkt bekommen. Nach dem Tod von Juan Diego vier.”
Für manche Mitbürger ist das geradezu ein Skandal, wie sie immer wieder feststellen muß, wenn sie mit ihren, übrigens ausgesprochen hübschen, lieben, fröhlichen Kindern unterwegs ist. Es ist gerade so, als würde ihr Glück andere verletzen, ja angreifen. Immer wieder bekommt sie Unschönes und Beleidigendes zu hören. Gabriela versucht zu verstehen: „Vielleicht hatten diese Menschen selbst keine schöne Kindheit. Vielleicht waren manche an einer Abtreibung beteiligt oder konnten keine Kinder bekommen. Sie wissen wohl nicht, daß auch mein Leben nicht nur heile Welt ist, daß ich schon viel Kummer und Schmerz zu bewältigen hatte.“
Sechs Jahre nach dem Tod von Juan Diego erlebt sie eine weitere schwere Prüfung. Gabriela erzählt mit Trauer in Blick und Stimme: „Im 5. Monat der Schwangerschaft erfuhr ich beim Ultraschall, daß mein Kind einen schweren Herzfehler habe. Meine bisherigen Schwangerschaften waren alle unkompliziert. Eine Fruchtwasseruntersuchung mittels Punktierung - gar nicht so ungefährlich für das Baby im Mutterleib -, zu der man Frauen heute schon früher in der Schwangerschaft rät, wollte ich nicht. Ich war entschlossen, jedes Kind anzunehmen, egal, was die Untersuchung ergibt.“
Im Krankenhaus sagt man ihr, das Baby würde ziemlich sicher die Schwangerschaft nicht überleben. Sie könnte sich aber die Warterei auf den Tod mit einer Abtreibung ersparen. Gabriela lehnt das sofort sehr entschieden ab: „Ich werde nichts tun, um das Leben meines Kindes zu beenden. Ich habe schon ein Kind verloren. Was hätte ich darum gegeben, ihm helfen zu können!”
Die Ärzte aber drängen weiter auf Abtreibung... Eine Tomographie wird vorgeschlagen, um die Diagnose zu bestätigen und als Überzeugungshilfe für die Abtreibung. Außerdem werden weitere Geschütze aufgefahren: Sie könnte beim Tod des Kindes verbluten. Daher sei ihre Haltung den andern 5 Kindern gegenüber unverantwortlich. Was für eine Belastung für die Frau! Mit ihrem Mann entscheidet sie allerdings, alles solle unternommen werden, um dem Baby das Überleben zu ermöglichen.
Also muß Gabriela regelmäßig ins Spital, um, wegen der Wasseransammlung, punktiert zu werden. Ihr Mann, fürchtet, daß die Ärzte heimlich hoffen, das Kind könnte als Folge der Punktion sterben. Man zeigt ihnen auch keine Ultraschallbilder und tut so, als sei das Kind ein Monster, um sie zur Abtreibung zu bewegen.
Eine Psychologin erklärt ihr lieb, nett und freundlich, es sei gesetzlich zulässig, mißgebildete, kranke Kinder, die lebend zur Welt kommen, zwar mit Schmerzmitteln aber mit nichts anderem zu versorgen, bis sie sterben. Ein skandalöses Angebot, findet Gabriela: „Sie haben mit mir den Mord an meinem Kind planen wollen,” sagt sie fassungslos und kann diese Einstellung absolut nicht begreifen.
Und doch entspricht sie so ganz dem Zeitgeist: Behinderte Kinder stören, dürfen nicht zur Welt kommen. Papst Benedikt XVI. hat dies bei einer Ansprache im März 2006 klar zum Ausdruck gebracht: „Die Option für das Leben und die Option für Gott sind identisch… Eine Gesellschaft, die Gott vergißt, die Gott ausschließt, gerade weil sie das Leben haben will, versinkt in eine Kultur des Todes. Weil man das Leben haben will, sagt man ,nein' zum Kind, denn es nimmt mir einen Teil meines Lebens, sagt man ,nein' zur Zukunft, um die ganze Gegenwart zu haben, sagt man ,nein' zum werdenden und zum leidenden Leben, das dem Tod entgegengeht.“
Genau das muß Gabriela bei ihren Untersuchungen im Spital erleben, auf einer Station, an der man vor allem Abtreibungen aufgrund medizinischer Indikation durchführt. Mit einigen Müttern kommt Gabriela ins Gespräch: Als sie einmal weint und erzählt, daß ihr Kind schwer krank sei, antwortet ihr eine Frau: Sie selbst wolle kein krankes Kind haben. Auf Gabrielas Einwurf: „Es ist doch ihr Kind!“, wendet sich die Frau ab. Wie vielen Frauen wird heute die Entscheidung zur Abtreibung freundlich, aber sehr bestimmt aufgezwungen? Wie viele wußten, was sie da taten?
Gabriela lernt im Spital auch Frauen kennen, die eine künstliche Befruchtung hatten: „Manchen hatten man drei oder vier Kinder in die Gebärmutter eingepflanzt. Eine sagte zu mir: ,Der Arzt kommt gleich, um mir zu sagen, welches Geschlecht die Kinder haben. Ich soll dann entscheiden, wie viele ich haben will und welches Geschlecht die, die ich behalten will, haben sollen.“ Eine andere Frau wollte alle 4 Babys, die man ihr eingepflanzt hatte, behalten, die Ärzte aber hielten dieses Risiko für zu groß.“ Eine irrsinnig gewordene Welt, oder?! Gabriela und ihr Mann Tamás jedenfalls waren fest entschlossen, um das Leben ihres Babys zu kämpfen.
Gabriela erinnert sich: „Mir wurde bewußt: Als kleiner Mensch kann ich nichts dazu tun, sondern nur auf Gott hoffen. Ich habe mein Leben und das meines Kindes total in Gottes Hand gegeben. Es ist Seine Entscheidung. In Mexiko gibt es ein Sprichwort: Ein Blatt bewegt sich am Baum, nur wenn Gott es will. Da kam eine große Ruhe über mich, ganz tief drinnen.
P. Bernhard Vosicky aus Heiligenkreuz hat dann unser Baby im Mutterleib notgetauft. Auf die Frage: Wie soll es heißen? entscheidet Gabriela: Maria der Hoffnung: „Weil sie unsere Hoffnung für Leben, Gesundheit und vor allem das Leben im Himmel ist,“ erzählt die Mutter. Ich merke, wie sehr sie die Erinnerung bewegt.
Bei jeder Kontrolle im Krankenhaus wundert sich das Team, daß das Baby noch immer lebt. Alleine das ist schon ein Wunder. Ein Kaiserschnitt im neunten Monat wird geplant. Am Tag vor dem Kaiserschnitt wird beim Ultraschall jedoch festgestellt: Das Mädchen ist gerade gestorben. Es ist der 4. August.
Die Ärztin holt den Vater ins Nebenzimmer mit den Worten: „Jetzt können wir einen Cognac trinken. Wir haben erreicht, was wir wollten: Sie haben keine Probleme mehr, brauchen aber auch kein schlechtes Gewissen zu haben.“ Der Vater ist erschüttert über diese, zwar freundlich gemeinte, aber letztlich schrecklich zynische Bemerkung.
Erst zwei Tage später wird eine normale Geburt eingeleitet. Was für ein Leiden für die Mutter! Sie schreibt ein Gebet mit dem Titel: „Dank für die Geburt ins ewige Leben von Maria de la Esperanza.“ Dank auch dafür, daß sie die Taufe erhalten hat, daß ihre Seele bei Gott ist und sie nun mit ihrem Bruder spielen könne.
Esperanza wird nach der Geburt - sie ist ein wunderschönes Baby - in einem Taufkleidchen aufgebahrt und auch ihre Geschwister kommen, um sich von ihr zu verabschieden. So erleben sie, daß dieses Schwesterchen Teil der Familie ist und daß ihr Tod Teil ihrer aller Leben hier auf Erden ist. „All das hängt aber am Glauben an Gott,“ stellt Gabriela dezidiert fest, „sonst bleibt nur Verzweiflung.“
„Maria de la Esperanza hatte eine Mission für uns,“ fährt sie mit kräftigerer Stimme fort, „aber auch für unsere Freunde, für die Ärzte und Schwestern, die uns begleitet haben.“ Die Schwestern, mit denen sich Gabriela im Spital angefreundet hatte, waren öfter ganz deprimiert nach einer Abtreibung zu ihr gekommen, um mit einer Mutter sprechen zu können, die für ihr Kind kämpft, die Gott den Zeitpunkt des Todes ihres Kindes bestimmen läßt. So konnte sie den Schwestern und Ärzten bezeugen, was eigentlich Mutterliebe ist, wie wertvoll jedes Kind ist, ganz gleich, wie behindert es sein mag, daß es selbstverständlich wert ist, um sein Leben zu kämpfen und ihm einen würdigen Tod zu ermöglichen. Einer der Ärzte kam sogar und beglückwünschte sie. Er bewundere ihren Kampf um das Baby.
Was dem Paar in dieser Not noch geholfen habe? Das begleitende Gebet von Freunden, Priestern und Ordensschwestern. „Das gab uns viel Kraft, all das durchzustehen.“
Nun wollen Gabriela und ihr Mann ganz für ihre 5 Kinder da sein, ihnen eine glückliche Kindheit ermöglichen. Wie wichtig den Eltern ihre Kinder sind, ist leicht an dem ungarischen und mexikanischen Temperament zu erkennen, mit dem sie mir nun im Duett von den Werten sprechen, die sie ihnen mitgeben wollen:
Die Sätze ergänzen sich. „Wir wollen ihnen gute moralische Werte mitgeben und einen starken Glauben. Das muß tief eingeprägt sein, bevor sie 12 Jahre alt sind. Denn mit der Pubertät sind sie nicht mehr so empfänglich für die Ansichten der Eltern. Alles, was sie vorher als schön, richtig und als wertvoll erfahren haben, läßt sich später im Leben wieder ausgraben, darauf läßt sich zurückgreifen, auch wenn man zwischendurch weit davon entfernt gelebt und gehandelt hat.“ Für ihre Zukunft sei es wichtig, gelernt zu haben, sich mit ihren Bitten und ihrem Dank an Gott zu wenden, „das werden sie später in Notzeiten hoffentlich auch tun.“ Kinder, die spürbar viel Liebe bekommen, darin sind sich die Eltern einig, akzeptieren einiges an Erziehung, die ihnen immer im Leben helfen kann.
Dr. Csaky - er saß bei unserem Gespräch dabei - zieht einen Vergleich: „Wenn man zu einem Unfall kommt und nichts von Erster Hilfe versteht, gerät man schnell in Panik, weiß nicht, was man tun soll und kann leichter Fehler machen als wenn man auf Notfälle vorbereitet ist. Genauso ist es mit den Kindern: Wenn sie von zu Hause gut geformt, stark gemacht und vorbereitet wurden, können sie in schwierigen Lebenssituationen besser reagieren. Man zehrt von dem, was man gelernt hat.“
Und Gabriela fügt sehr bestimmt hinzu: „Wir müssen unsere Kinder auch gegen einiges in dieser Gesellschaft zu immunisieren versuchen, ihr Selbstbewußtsein stärken. Sie sollen keine Fanatiker werden, aber doch lernen, ihren Standpunkt und ihren Glauben zu vertreten und zu verteidigen. Sie sollen nicht nur glückliche, sondern vor allem auch verantwortungsbewußte Menschen werden.
Gabriela hat die Schicksalschläge, die sie - und ihre Familie - erlitten hat, keineswegs verdrängt und sie leidet wohl auch weiterhin unter so manchen Aspekten der „Kultur des Todes“. Ich habe sie trotzdem als fröhliche und zuversichtliche Frau erlebt, die entschlossen ist, gemeinsam mit ihrem Mann und mit Gottes Hilfe allen verrückten Gesellschaftsentwicklungen zu trotzen: „Hoffnung ist der Glaube an Gott,“ lächelt sie ruhig. „Wir vertrauen darauf, daß wir in Gottes Hand sind.“

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