VISION 20001/2010
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Vergebung: ein Akt des Willens

Artikel drucken Plötzlich stand der KZ-Wächter vor ihr

Gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Vater half Corrie ten Boom, eine tiefgläubige protestantische Holländerin, während des 2. Weltkriegs zahl_losen Juden dem sicheren Tod zu entrinnen. Von den Deutschen gefaßt, wurden die drei ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. Nur Corrie überlebte. Nach dem Krieg übte sie durch Vorträge weltweit ein Apostolat der Versöhnung aus. Im folgenden erzählt sie von der unerwarteten Begegnung mit einem ihrer Peiniger in Ravensbrück.
Es war in einer Kirche in München 1947. Ich war vor kurzem von Holland in das besiegte Deutschland mit der Botschaft gekommen, daß Gott allen vergibt. Es war die Botschaft, die in diesem grauen, zerbombten Land am meisten gebraucht wurde.
Und da sah ich ihn! Hager, in grauem Mantel… bahnte er sich einen Weg durch die Menge. Die Erinnerung kam wie ein Blitz: der riesige Raum voll spottender Männer, in der Mitte der traurige Kleiderhaufen, die Schuhe, und dann die Demütigung, jeden Freitag unbekleidet an diesem SS-Mann vorbeigehen zu müssen. Vor meinen Augen war noch die abgemagerte Gestalt meiner Schwester, und nun stand er mit ausgestreckter Hand strahlend vor mir, einer der grausamsten Wärter im Lager: „Eine wunderbare Botschaft, Fräulein. Wie gut zu wissen, daß Er, wie Sie sagen, all unsere Sünden abgewaschen hat“, sagte er. Und ich, die soeben eindrücklich über die Vergebung gesprochen hatte, machte mich an meinen Notizen zu schaffen, um seine Hand nicht ergreifen zu müssen.
Es war das erste Mal seit meiner Befreiung, daß ich einem unserer Peiniger von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. „Sie haben Ravensbrück in Ihrem Vortrag erwähnt,“ sagte er. „Ich bin dort Aufseher gewesen. Aber das ist vorbei. Letztes Weihnachten wurde ich Christ und weiß, daß Gott mir meine Greueltaten von damals vergeben hat. Doch ich bat Ihn, mir die Möglichkeit zu geben, eines der Opfer persönlich um Vergebung zu bitten! Deshalb möchte ich Sie fragen: Können Sie mir vergeben?“
Wieder streckte er mir die Hand hin, doch in mir kochten bittere Rachegedanken. Konnte er Betsies langsamen, schrecklichen Tod ausradieren, nur weil er um Vergebung bat?
Doch Jesus war für diesen Mann gestorben. Wollte ich mehr verlangen? „Herr Jesus“, betete ich, „vergib mir und hilf mir, ihm zu vergeben!“ Alles dauerte nur ein paar Sekunden, aber mir erschienen sie wie Stunden, denn ich kämpfte mit dem schwierigsten, mit dem ich je zu tun hatte. Ich versuchte zu lächeln, bemühte mich krampfhaft, die Hand zu heben, konnte es aber nicht.
Ich fühlte nichts, nicht den kleinsten Funken Wärme oder Erbarmen, und doch mußte ich es tun, denn Jesus sagt: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen nicht vergebt, wird auch der himmlische Vater euch eure Verfehlungen nicht vergeben.“
Wie oft hatte ich in Bloemendaal darüber gepredigt, und wie sehr war es dort mit Händen zu greifen: Nur jene, die ihren früheren Feinden vergeben konnten, waren in der Lage, wieder in die Außenwelt zurückzukehren und ihr Leben neu in die Hand zu nehmen, ganz gleich, in welchem körperlichen Zustand sie sich befanden.
Und da stand ich nun mit meinem kalten Herzen! Vergebung ist kein Gefühl, dies war mir klar. Vergebung ist ein Akt des Willens, und der Wille kann ohne Rücksicht auf die Temperatur des Herzens handeln. „Jesus, hilf mir! Ich kann ihm nicht vergeben. Schenke mir Deine Vergebung!“, hauchte ich schwach.
Und während ich hölzern, mechanisch meine Hand hob und in die seine legte, geschah etwas ganz Unglaubliches: Von meiner Schulter herunter, an meinem Arm entlang und durch meine Hand schien ein Strom von mir auf ihn überzugehen, während mich eine heilende Wärme durchflutete. In meinem Herzen loderte eine Liebe zu diesem Fremden auf, die mich überwältigte. Und unter Tränen konnte ich sagen: „Ich vergebe dir, Bruder, von ganzem Herzen!“
Für einige Augenblicke hielten wir uns ganz fest: der ehemalige Wärter und die ehemalige Gefangene. Nie zuvor hatte ich Gottes Liebe so intensiv erlebt wie in diesem Moment. Und so entdeckte ich, daß die Heilung der Welt weder von unserer Vergebung noch von unserer Güte abhängt, sondern allein von der Seinen. Wenn Er uns sagt, daß wir unsere Feinde lieben sollen, dann schenkt Er uns mit dem Gebot auch die notwendige Liebe dazu.

Corrie ten Boom
Zitiert in „Triumph des Herzens“, Nr. 94

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