VISION 20004/2010
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Den geistigen Kosmos entgiften

Artikel drucken Über die Notwendigkeit von Umkehr und Buße (Urs Keusch)

„Ich bin ok. – Du bist ok.“ – ein oft gehörter Slogan. Kann man uns heutigen Menschen, die sich eigentlich für ok. halten, den Gedanken von Umkehr und Buße nahebringen? Eher schwer. Der folgende Beitrag versucht es dennoch.
Als Geschöpfe sind wir alle in einen Kosmos hineingestellt und hineinvernetzt, in eine von Gott geschaffene natürliche Ordnung, das Ökosystem, die Biosphäre. („In Ihm ist alles geschaffen im Himmel und auf Erden, in Ihm hat alles Bestand“ [Kol 1,16f]). Nun erleben wir, wie die „Sünden der Umweltverschmutzung“ der vergangenen 150 Jahre die ganze Welt in eine katastrophale Situation gebracht haben: Verunreinigung der Atemluft durch Abgase und Schadstoffe, Verschmutzung der Böden, Flüsse, Meere, Ozeane (Chemikalien, Atommüll, Erdöl), Schädigung der Lebensmittel und so weiter.
Das führt weltweit zu immer häufiger auftretenden negativen Folgen: zu schwer erklärbaren Er?krankungen (Allergien, lähmende Müdigkeit, Krebs, Autoimmun-Erkrankungen, an denen heute viele leiden und verzweifeln), zu Beeinträchtigungen der Fruchtbarkeit, zum Aussterben von Pflanzen- und Tierarten… Und all das wegen millionenfacher „schwerer und läßlicher Sünden“ gegen die Natur – und wegen mangelnder Bereitschaft zur Umkehr.
Wir sehen : Mit jeder noch so läßlichen „Umweltsünde“ (un?nöti?ges Autofahren und Fliegen, gedankenloses Einkaufen, benutzen von Treibhausgasen) tragen wir persönlich zur Katastrophe bei. 
Übertragen wir das Bild auf die moralische Welt, den geistigen Kosmos: Als Gottes Geschöpfe, als geistige und moralische Wesen, als Glieder der einen Menschheit sind wir in eine Welt, in einen geistigen Kosmos hineingestellt, der auf Gerechtigkeit, Wahrheit, Liebe, Mitgefühl beruht. Das gilt besonders auch für den „Organismus Kirche“: „Wir sind alle ein Leib“ (1 Kor 12).
Wenn ich nach dem biblischen Gesetz Gottes lebe: nach Seinen Weisungen, nach der Liebe und Gerechtigkeit, nach der Führung meines Gewissens, bin ich in Harmonie mit dieser heiligen und geistigen Ordnung, im Einklang mit dem Willen Gottes. Wenn ich aber Sünden begehe, das heißt, Dinge tue oder unterlasse, die gegen Got?tes Weisungen und mein tiefstes Gewissen sind (etwa lüge, lieblos urteile, mein Geld nicht mit den Armen teile, die geschlechtlichen Kräfte mißbrauche, in Film und PC in unreinen Gewässern surfe, die Kirche im Stich lasse…), dann verunreinige, ja vergifte ich damit nicht nur mich selbst, sondern den ganzen geistigen Kosmos.
Ich werde schuldig an Gott und Seiner heiligen Ordnung und an Seiner ganzen heiligen Kirche. Und ich beziehe damit die ganze Menschheit mit ein, analog zur Umweltverschmutzung. Diese Sünden werden schließlich sichtbar auf den Gesichtern der Menschen: in ihrer Depressivität und Hoffnungslosigkeit, im Erlöschen des Lichtes in den Augen der jungen Menschen, im krankhaften Verlangen vieler, sich selbst zu entwürdigen und oft auch sich zu töten.
In den Völkern offenbaren sich die Sünden in der Schwächung der schöpferischen Kräfte, im Zerfall der Familien, in Kulturzerfall, Nihilismus, Hedonismus, Entartung der Sitten... So hat jede Sünde, die ich begehe, immer auch Auswirkungen auf das Gan?ze, den ganzen geistigen Kosmos: ja, sie lebt darin als eine geistige, vergiftende Wirklichkeit fort, analog zur Umweltvergiftung.
Nun schenkt uns die Barmherzigkeit Gottes die Möglichkeit, das Böse, das ich getan habe, das als Gift hineinwirkt in den Leib der Kirche, ja in den geistigen, moralischen Kosmos der ganzen Menschheit und da fortwirkt, durch echte Umkehr und Buße zu tilgen und zu bereinigen. Das ist die gottgeschenkte Therapie: die Entgiftungstherapie für den Leib der Kirche, für den Leib der ganzen Menschheit. Und es ist die Therapie für meine eigene, durch die Sünde krank gewordene Seele. Und wenn sie schon tot ist: zu ihrer Auferstehung! „Also kehrt um, und tut Buße, damit eure Sünden getilgt werden“ (Apg 3,19).
n „Buße“ kommt vom deutschen „Bessern“. Buße zu tun, heißt darum zuallererst, den entschiedenen Willen haben, mich zu bessern (klare und feste Vorsätze!). Es heißt: „Radikale Neuausrichtung des ganzen Lebens, Rückkehr, Umkehr zu Gott aus ganzem Herzen, Verzicht auf Sünde, Abwendung vom Bösen, verbunden mit einer Abneigung gegen die bösen Taten, die wir begangen haben“ (Katechismus 1431).
Weil dieser ganz entschiedene Wille bei vielen sakramentalen Beichten fehlt, bleiben viele Menschen auf ihrem Weg stehen, machen keine wirklichen Fortschritte in den Tugenden, der Erkenntnis Gottes. Sie wachsen nicht hinein in die Fröhlichkeit und Freiheit des Heiligen Geistes, stagnieren vielmehr in ihrem geistigen Wachstum, werden nicht selten träge, unzufrieden mit sich selbst und mit der Welt. Dazu sagt der heilige Don Bosco: „Was bei den Beichten oft ganz und gar fehlt, das sind die festen Vorsätze... Das sind Beichten mit nur geringem oder gar keinem Wert“.
n Ich muß und darf für die Strafe, die ich für meine Sünde verdiene, büßen (analog zum zivilen Leben, wenn ich schuldig geworden bin). Die Buße wird mir der Beichtvater auferlegen. Leider wird darauf in vielen Beichten zu wenig wert gelegt. Darum sollte sich jeder freiwillig eine Buße auferlegen, die ihn etwas kostet und davon abhält, diese Sünde wieder zu begehen.
n Damit wären wir beim pädagogischen und psychologischen Aspekt der Buße, der leider in diesem Zusammenhang immer wieder zu kurz kommt: Jede Sünde, die ich begehe, hinterläßt eine Schwächung meines Willens, so wie jede Zigarette, die ich rauche, mich mehr schwächt, das Rauchen einmal aufzugeben. Also muß ich Gegengewichte setzen, muß das negative Gefälle auf die andere Seite hin zum Kippen bringen:
Habe ich gelogen, suche ich bewußt Gelegenheiten auf, wo es mir schwer fällt, die Wahrheit zu sagen. Das macht mich innerlich stärker und selbstbewußter. Habe ich zu viel getrunken, verzichte ich bewußt einige Wochen oder Monate auf jeden Tropfen Alkohol: Das macht mich größer, auch in den Augen anderer. Habe ich mir einen schlechten Film angesehen, verbiete ich mir für längere Zeit das Fernsehen oder lasse es künftig ganz sein: Das gibt mir das stolze Bewußtsein als Christ, Herr meiner selbst zu sein. „Wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus!“
Echte Buße wird immer weh tun, aber sie ist ein österliches Geschenk an den Menschen, der sich aus tiefster Seele nach innerer Erneuerung, nach Reinheit, nach Neuwerdung sehnt. Es ist die Sehnsucht nach der verlorenen Königswürde, die uns Christus in der Taufe geschenkt hat, die wir aber durch die Sünde verloren haben. Könige sind wir, Könige werden wir sein, eine heilige Priesterschaft, „wenn wir an der Zuversicht und an dem stolzen Bewußtsein festhalten, das unsere Hoffnung uns verleiht“ (Hebr 3,6). (Siehe auch den Text von Foerster auf dieser Seite)
Es wäre noch vieles zu diesem Thema zu sagen. Beten Sie, daß der Heilige Geist Sie lehre, an ihrem Ort in rechter Weise Buße zu tun. Es ist alles ganz einfach, wenn wir als Kinder vor Gott leben. Ich möchte Ihnen zwei schöne Texte mit auf den Weg geben, der erste stammt von der deutschen Mystikerin Hl. Mechthild von Hackeborn, der zweite von Juliana von Norwich.
Zur heiligen Mechtild sagt der Herr: „Solange der Sünder sündigt, fesselt er mich gleichsam ausgespannt an das Kreuz. Sobald er aber durch Buße sich zu mir bekehrt, löst er mich alsobald los; und ich, vom Kreuze gleichsam abgelöst, falle mitsamt meiner Gnade und Erbarmung, mit meiner ganzen Last auf ihn, wie ich einst auf Joseph, der mich vom Kreuz losband, herabsank, und gebe mich gänzlich in seine Gewalt, so daß er mit mir machen kann, was er will“.
Und welche Buße Gott am meisten gefällt, dazu findet sich ein schöner Text in den Schriften von Juliana von Norwich: „Mir wurde ganz besonders erhaben und holdselig offenbart, daß wir in Demut und Geduld jene Buße tragen und erdulden sollen, die Gott selbst uns auferlegt, und dabei an Sein heiliges Leiden denken sollen… Denn Er blickt uns milde an und sieht, daß unser ganzes Leben hier eine Buße ist. Denn unsere natürliche Sehnsucht nach Ihm ist eine dauernde Buße, die Er in uns schafft… Diese Sehnsucht will Er in uns sehen, denn das ist unsere natürliche und größte Buße“.

Der Autor ist Pfarrer emeritus in Bad Ragaz/Schweiz.

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