VISION 20004/2010
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Raju – Mich dürstet

Artikel drucken Marie Mauritz: eine junge Frau beendet ihren Egotrip bei den Mutter-Teresa-Schwestern (Von Alexa Gaspari)

Tolle Haare, denke ich, als ich den dicken Zopf der jungen Frau vor mir betrachte. Auf Grund der Krücke, an die sie sich lehnt, erkenne ich, daß es Marie Mauritz sein muß. Man hatte mir gesagt, sie mußte in den letzten 1,5 Jahren unter anderem mehrere Hüftoperationen über sich ergehen lassen. Ihr strahlendes Lächeln in dem bildhübschen Gesicht verrät aber nicht, was sie auch jetzt noch an Schmerzen zu leiden hat. Ihr mitreißendes Zeugnis, das sie an diesem Abend der „Langen Nacht der Kirchen“ bei den Päpstlichen Missionswerken gibt, hinterläßt bei den Zuhörern einen tiefen Eindruck. Bei mir zu Hause, gemütlich im Wohnzimmer sitzend, erzählt sie nochmals aus ihrem Leben: 1983 in Wien geboren, verbringt sie im Familienhaus im 3. Bezirk ihre ganze Kindheit und Jugend. Als der Bruder vier und sie zwei Jahre alt sind, lassen sich die Eltern scheiden. Trotzdem spricht sie von einer schönen Kindheit. Dazu trägt auch der weiter bestehende Kontakt zum Vater bei.
Volksschule mit einer sehr lieben Lehrerin, Gymnasiumszeit als – wie sie meint – „Durchschnittsschülerin“ und der Beginn der Partyzeit prägen die Jugend. Der Glaube wird „ohne feurige Liebe“ traditionell gelebt: sonntags in St. Rochus und tägliches Abendgebet daheim. Mit 14 wird sie gefirmt. Ab nun läßt ihr die Mutter die Freiheit, selbst über den sonntäglichen Kirchenbesuch zu entscheiden. Dazu Marie: „Ich dachte mir, was besseres kann mir gar nicht passieren. Ab in die Freiheit! Getauft bin ich, erste Kommunion und Firmung habe ich auch – also bis zur Hochzeit brauch’ ich nichts von der Kirche.“ Und weg war sie.
Über viele Jahre hinweg geht sie nun – ohne schlechtes Gewissen – nicht mehr in die Kirche. Sie merkt aber doch, daß sich eine gewisse Leere, wie ein Loch, in ihr breit macht. Eine Sehnsucht? Nur wonach? Vielleicht nach der fernen Welt, interessanten Freunden, besonderen Hobbys, heißen Partynächten? Letztere jedenfalls und einiges andere probiert sie aus, ist kein „Kind von Traurigkeit“ und fällt bald von einem Alkoholexzeß in den nächsten.
Nach der Matura zieht es sie nach Lateinamerika. Das Spanische hat es der Familie angetan. Der Bruder hat in Spanien studiert, die Mutter übersiedelt nach Ibizza, sobald die Kinder aus dem Haus sind. Marie fliegt für ein halbes Jahr nach Guatemala – dritte Welt interessiert sie sowieso – und gerät auch dort ins Partylife, verliebt sich Hals über Kopf in einen Guatemalteken. Jetzt scheint das Ziel erreicht: mit Santiago möchte sie eine Familie gründen. Doch vorher gilt es noch, ihr Berufsziel zu verwirklichen: Krankenschwester.
Von klein auf weiß sie, daß das ihr Traumberuf ist. Nach Blinddarm- oder Mandeloperationen wollte sie stets noch im Spital bleiben, um sich um andere Kranke zu kümmern. In der Krankenanstalt Rudolfinerhaus ist sie für eine Ausbildung angemeldet und fliegt daher 2001 nach Wien heim. Von da an führt sie eine Fernbeziehung mit ihrer großen Liebe, drei Jahre lang: Mal fliegt Marie hin, mal kommt Santiago nach Wien. 2004 ist jedoch Weltuntergangsstimmung: Marie ist nicht Santiagos einzige Flamme.
Den großen Liebeskummer versucht sie in Alkohol zu ertränken. Leidvoll erinnert sie sich: „Ich hatte immer schon einen leichten Hang zum Trinken, habe gern und sehr gut getrunken. Aber in diesem Jahr hat das zugenommen.“ 2,1 Promille mißt die Polizei an ihrem Geburtstag. Folge: ein Jahr Führerscheinentzug. Trotz der Alkoholexzesse macht sie im September 2005 ihr Krankenschwesterdiplom. Aber was dann? Ihre Zukunft in Guatemala war ja wie eine Seifenblase zerplatzt. Eine Weltreise scheint die Lösung. Vielleicht findet sie irgendwo ein neues Guatemala. Am Strand der Fidschi-Inseln vielleicht?
Eines Tages kommt ihr Bruder, Businessman in Shanghai, auf Besuch. Sehr ehrlich schildert Marie ihren damaligen Zustand und die Reaktion des Bruders: „Er hatte mich seit dem letzten Sommer nicht gesehen und war entsetzt. Ich hatte 16 Kilo durchs Trinken zugenommen, war aufgedunsen, verheult – jeden Tag habe ich geweint. Er war schockiert.“ Obwohl das Verhältnis der Geschwister nicht sehr eng ist und Marie so tut, als hätte sie keine Probleme, entpuppt sich der Bruder als guter Schwesternkenner. Er redet ihr ins Gewissen: „An den schönsten Stränden willst du liegen und dort im Selbstmitleid ersticken? Schau, du bist Krankenschwester, mach’ etwas draus. Du mußt von dir selbst weg, dich auf andere zubewegen. Dann vergißt du dich und dein Selbstmitleid.“
Wenn er so gescheit sei, soll er ihr doch sagen, was sie tun soll, antwortet die Schwester. „Geh doch als Freiwillige für einige Zeit zu den Schwestern der Mutter Teresa nach Kalkutta,“ ist die überraschende Antwort. Nach inneren Kämpfen tauscht Marie das Flugticket um – noch hatte sie gehofft, dies werde nicht möglich sein – und fliegt nach Kalkutta.
Dort angekommen traut sie sich erst nach drei Tagen, das wunderschöne Hotel, das die Mutter für sie reservieren hat lassen, zu verlassen. So schlimm ist der Blick aus dem Hotelfenster. Anschaulich schildert sie: „Überall brauner Dreck: in der Luft, auf der Straße, auf den Menschenmassen, den streunenden Hunden – und überall entsetzlicher Lärm.” Kaum draußen, stellt sie fest, „daß 10 Minuten dort Luft einatmen gleichzusetzen ist mit einem Packerl Marlboro inhalieren.“ Das Taschentuch ist schwarz, wenn sie sich das Gesicht abwischt. Schließlich meldet sie sich doch im Mutterhaus der Schwestern als Helferin (Volunteer) und wohnt von da an in einem Motel, dort, wo alle Volunteers wohnen.
Der Orden führt verschiedene Häuser in Kalkutta: für Kinder, Behinderte, psychisch Kranke, für Sterbende. Für Marie kommt nur das Sterbehaus in Frage. Für sie ist klar: Höchstens das Leid dieser Sterbenden kann an ihren eigenen Schmerz herankommen.
Bevor sie nun den Raum der Männer betritt, erwartet sie sich Fliegen, Ratten, Kakerlaken, dumpfe Hitze mit üblen Gerüchen von Tod und Verwesung, vielleicht auch schreiende, verzweifelte Menschen. Doch alles ist anders: Wohl liegen da aneinandergereiht in Eisenbetten 55 skelettartige Männer mit verschiedensten Krankheiten (HIV, Krebs, Tuberkulose ) oder schweren Verletzungen. Doch alles ist sehr sauber, da zweimal am Tag aufgewaschen und desinfiziert wird. Die Patienten werden, so gut es geht, jeden Tag gewaschen.
Keine Spur von Leidens- oder Todesatmosphäre: Manche singen, klatschen, lachen – und tanzen sogar, soweit möglich. (Übrigens: 2/3 der Todkranken gesunden hier. Wunderbar, nicht wahr?!) So eine Fröhlichkeit und unter solchen Umständen – unfaßbar! Dazwischen ruhig und liebevoll die Schwestern und Helfer. Ihr erster Gedanke: Wie soll ich da meinen Schmerz nähren?
Anfangs arbeitet Marie tagsüber nur im Sterbehaus. Allein schon das Wechseln der Verbände ist eigentlich eine Überforderung: Fehlen einer Schädeldecke, ein Beinstumpf, auf dem Maden oder Würmer kriechen – wer sieht das schon im Wiener Rudolfinerhaus? Gott sei Dank graust ihr nicht leicht, so setzt ihr die Arbeit nicht so sehr zu, trifft aber auch nicht wirklich ihr Herz. Noch kreist sie zu sehr um sich selbst und ihren Liebeskummer (wer kennt das nicht?) und kann sich von dem Leid der Kranken nicht berühren lassen.
Mit den Schwestern meint sie, nicht viel gemein zu haben. „Ich mußte mich an ihre Regeln halten aber nicht an ihren Messen, Gebeten, usw. teilnehmen. Das wurde uns angeboten, aber wir wurden nicht dazu gezwungen. Ich wollte auch nicht, daß sie mir ein fröhliches ,Jesus liebt dich, sei doch glücklich!’ zuwerfen, wo ich doch mit Jesus gar nichts anfangen konnte.“ Einige der Volunteers, mit denen sie sich angefreundet hatte, nehmen das religiöse Angebot jedoch an. „Die Ärmsten haben das nötig, um den Alltag hier zu bewältigen. Ich brauch’ das nicht,“ denkt Marie bei sich.
Dann kommt die Adventzeit. Die Freunde fragen, ob sie sich für diese Zeit nicht auch ein Opfer, das ihr besonders schwerfällt, vornehmen möchte. Maries Reaktion: „Hallo? Ich komme extra aus Wien, arbeite hier, statt auf den Fidschis zu liegen, das ist doch wohl Opfer genug!“ Aber gut, sie kann auch das und wird es denen schon zeigen! Was ihr besonders schwerfällt? Die Frühmesse. Wirklich sehr früh, wie sie bald festställt. Zu früh! Die ersten Tage schläft sie – wie alle am Boden sitzend – tief und fest ein.
Ans frühe Aufstehen bald gewöhnt, schläft sie dann nicht mehr, sondern betrachtet die anderen und die Kapelle: Da hängt ein großes Kreuz, daneben die Worte „I thirst“ (mich dürstet). Sie weiß nicht, daß sie zu den letzten Worten Jesu am Kreuz gehören. Doch „mich dürstet“ entspricht ihrem eigenen Gefühl, ist das, was sich in ihrer Seele abspielt. Auch sie dürstet – aber wonach? Es ist doch sie, die leidet, wieso Er auch? Die Worte sind auf jeden Fall eine Provokation…
Um sie nicht sehen zu müssen, schließt sie die Augen, muß nun allerdings zuhören: „Was der Priester sagte, klang gut und wahr. Und plötzlich spricht er die Worte: ,Mich dürstet.’ Seine nächsten Worte klangen als wären sie extra an mich gerichtet: „Jesus ist Gott. Er kann alles haben was Er will. Nur eines nicht: Das bist Du! Jesus hat uns einen freien Willen gegeben. Du bist frei, Ihn zu lieben oder nicht. Er zwingt niemanden, doch es dürstet Ihn nach Deiner Liebe.’ Nach mir, nach meiner Liebe? Wo es so viele andere gibt, habe ich mir gedacht. Mich dürstet es doch auch nicht nach Ihm.“
Vielleicht doch: die Freude bei den Frühmessen nimmt zu. Schritt für Schritt, fühlt sie sich dort mehr zu Hause. Der Dienst an den Ärmsten geht weiter. In Gruppen wird unter den Brücken und auf den Bahnsteigen des größten Bahnhofs Kalkuttas nach Sterbenden oder Verletzten gesucht: Menschen die aus den Zügen geworfen, im Zug mit Tee vergiftet und ausgeraubt, Kranke und Alte, die von Verwandten am Land einfach in einen Zug gesetzt worden waren. Sie liegen dann ausgemergelt und verletzt auf den Bahnsteigen. Manche Verletzungen werden direkt an Ort und Stelle versorgt. Wenn sich schon Maden und Würmer in ihnen tummeln, kommen die Kranken ins Sterbehaus, wo mehr Möglichkeiten zur Behandlung bestehen.
Besser im Sterbehaus versorgt, als in ein öffentliches Spital gebracht. Dort sind die Zustände verheerend, schildert Marie: „Einmal mußten wir eine junge, schwangere Frau mit schrecklichen Verbrennungen, die Hauttransplantationen benötigte – ihr Mann hatte sie mit Benzin übergossen und angezündet –, auf die Verbrennungsstation eines öffentlichen Spitals bringen. Dort sollte alles besonders steril sein. Doch im Bett neben ihr lag, bei 45 Grad, ein Toter, der vor sechs Tagen gestorben und nicht weggebracht worden war. Überall eitrige, stinkende, verschmierte Bettlaken. Becher mit Flüssigkeiten standen am Boden herum: Harn oder Medizin? Ohne Betreuung durch Verwandte hat man keine Chance zu gesunden.“ Übrigens wurde die junge Frau durch ihre Mutter versorgt, bekam eine Hauttransplantation, kosmetische Operationen und konnte später eine Computerlehre machen. Der Ehemann blieb straffrei.
Es kommt der 24. Dezember. Voll Freude erzählt Marie: „Da gehen zunächst die Volunteers in einer Kerzenprozession durch die Straßen zum Mutterhaus. Dort wird gesungen und Theater gespielt. Dann ist Mette. Anschließend gibt es Kakao und Kuchen. Vor der Mette bin ich in die Kapelle gegangen und habe zum ersten Mal seit 15 Jahren bewußt gebetet und zum Herrn gesagt: ,Schau, hier bin ich und sehe, daß alle Leute, die an Dich glauben, glücklich sind. Ich will auch glücklich sein. Wenn das heißt, daß ich mich auf Dich einlassen muß, werde ich das tun. Heute ist Dein Geburtstag. Ich wünsche mir, daß Du auch in mir geboren wirst.’ Eigentlich bin ich mir in dem Moment sehr blöd vorgekommen.“
Lachend fährt sie fort: „Ich habe hinzugefügt: Herr, damit ich weiß, ob das, was ich gesagt habe, der richtige Weg ist, mußt Du mir ein Zeichen geben. Jetzt bin ich gerade motiviert und enthusiastisch, wenn Du mir aber kein Zeichen gibst, habe ich es mir morgen vielleicht wieder überlegt und werde Hindu. Also: vom Kreuz herunterzwinkern, mit einem Finger wackeln oder etwas, was nur ich sehe, nur für mich, und ganz klar ist.“ Es geschah natürlich nichts, kein Zwinkern, kein Wackeln.
Dann wird sie fast feierlich, als sie fortfährt: „Sechs von uns sind dann – das ist ein Ritual zu Weihnachten – mit 1.000 Decken und zwei Autos durch die Straßen Kalkuttas gefahren, um über die Ärmsten, die aneinandergekuschelt auf den Straßen liegen – es war sehr kalt – Decken zu legen. Wurde einer wach, flüsterten wir: Es ist Weihnachten und die Decke ein Geschenk Jesu an Dich. So haben wir stundenlang Decken verteilt. Eine der letzten Decken habe ich über eine der Gestalten am Boden geworfen und wollte weitereilen. Hat er mich zurückgerufen oder war es mehr ein Gefühl, das mich zu ihm zurückgehen ließ? Ich weiß es nicht mehr. “
Jedenfalls geht sie zurück und hebt die Decke auf, um zu sehen, wer da liegt. Ein ausgemergelter Mann in einer zehn Zentimeter tiefen Pfütze zwischen Gehsteigkante und Straße. Die Haut verschrumpelt, nur ein Lendenschurz bedeckt ihn. Wiegt höchstens noch 25 Kilo. Da trifft Marie schockartig eine fundamentale Erkenntnis: „So ist mein ganzes Leben: Über alles Häßliche und Kranke in meiner Seele habe ich immer nur etwas drübergeworfen – und bin mir auch noch gut vorgekommen. Wie jetzt mit der Decke. Nur nicht genau hinschauen, drunterschauen. Ich war schockiert von mir selbst.“
Sie setzt sich zu dem Sterbenden auf den Boden: „Dort sitzend habe ich seinen Kopf auf meinen Schoß gelegt. Er hat schwer geatmet, war wie weggetreten. An der Atmung habe ich erkannt, daß er nicht mehr lange leben wird, ich hatte ja schon genug Sterbende gesehen. Auf einmal hat er seinen Kopf zu mir gedreht und mir direkt in die Augen geschaut. Da war plötzlich nichts mehr von Abwesenheit. Er war so direkt da, daß es mich gerüttelt hat. Seine Augen, zu groß für das schrecklich magere Gesicht, haben bis in mein Innerstes geschaut. Sein Blick, der mich nicht losgelassen hat, traf mich wie ein Blitz, als hätte er gesagt: ,Mich dürstet. Ich bin dein Zeichen.’ Ich habe in Jesu Augen geschaut. Augen die mich – obwohl ich Ihn verleugnet hatte – mit einem Blick voll Liebe und Barmherzigkeit angesehen haben. An Seinem Geburtstag hat Er sich sterbend in meine Hände gelegt. Wie ein Schloßhund habe ich geheult, weil mir klar war: Nichts wird mehr sein wie vorher, nichts kann, nichts soll mehr so sein wie vorher.“ Mit dem Auto wird der Mann ins Sterbehaus gebracht, wo ihn eine Schwester auf den Namen Raju tauft.
„Wir, die wir miteinander die Decken ausgeteilt hatten, sind um Rajus Bett herumgesessen, haben seine Hände gehalten, als wir um 9 Uhr die Messe feierten. Im Moment der Wandlung ist er gestorben. Unfaßbar. Und doch: Dabei gewesen zu sein, war wunderschön. Es war sicher die heiligste Messe, die ich je mitfeiern durfte. Danach habe ich das Sterbehaus mit ganz neuen Augen gesehen: Ich war nicht mehr die Krankenschwester und die Kranken meine Patienten, sondern sie waren meine Brüder und Schwestern, denen ich dienen darf. In jedem Menschen konnte ich Jesus sehen: in den Kranken, den Volonteers, den Schwestern. Durch jeden haben mich die Augen Jesu angeschaut. Ich wurde erfüllt von einem Glücksgefühl, das ich noch nie erlebt hatte und von einer nie gekannten Liebe getroffen, die nicht menschlich sondern gänzlich überdimensional war .“
Jetzt begreift sie, was die Schwestern zu erklären versucht hatten: Jesus in den Ärmsten zu sehen und Ihm in ihnen zu dienen, nicht nur in ihrem physischen Leid, sondern ihnen Liebe und Geborgenheit zu schenken.
Sechs Monate fliegt sie mit ihren Schmetterlingen im Bauch wie auf Wolken dahin. Ist nur noch strahlend und glücklich. Ab nun: 5 Uhr Morgengebet, tägliche Messe, Anbetung. sind selbstverständlich. Gerne sitzt sie an Mutter Teresas Grab und verbringt möglichst viel Zeit in der Kapelle. Im Sterbehaus ist sie zu Hause. Ihr ursprüngliches Ziel, eine Familie aufzubauen, tritt in den Hintergrund. Glücklicher kann sie nicht werden. Immer besser begreift sie, was es heißt, daß Gott lebt, daß Er unter uns, mit uns ist, uns die Möglichkeit gibt Ihn zu lieben, uns einlädt, sich Ihm ganz zu schenken. Das ist es, was sie möchte: Nur mehr Jesus gehören.
Eine Schwester rät ihr, ganz praktisch, von ihrem Höhentrip herunterzukommen und abzuwarten, wie sich alles entwickelt. Nach sechs Monaten (aus den ursprünglich geplanten drei Monaten in Kalkutta werden 1,5 Jahre) sind die Schmetterlinge weg, aber nicht die Freude, der innere Frieden. Sie bekommt einen spirituellen Begleiter, vertieft sich ins Gebet, in den Glauben. Zwei Wochen, in denen sie mit den Schwestern das Ordensleben teilen darf, ein Schnupperkurs sozusagen, bestärken sie in ihrem Vorhaben, bei den Missionaries einzutreten.
Nachdem sie der Ordensoberin, Schwester Nirmala, ihren Wunsch mitgeteilt hat, kommt sie nach Italien, wo alle Europäerinnen, die in den Orden eintreten wollen, ihre Ausbildung erhalten. Vor diesem Schritt verbringt sie drei Wochen bei Familie und Freunden in Wien. „Für sie war das eine viel zu kurze Zeit, um meinen Wandel vom Partyluder zur Klosterschwester auch nur halbwegs nachzuvollziehen. Ein zu großer Schritt. Für meine Mutter war das auch sehr schwierig, obwohl sie mir nie im Weg stehen würde.“
Ein halbes Jahr verbringt sie ab Mai 2007 in Sizilien in der Voranwärterschaft. Dort gibt es eine Suppenküche für die Armen. Dann ein Jahr in Neapel, wo sie die Anwärterschaft macht, ein Schritt tiefer ins Ordensleben. Sie hilft bei der Betreuung eines Heims für obdachlose Frauen. Danach: Ausbildung in Rom. Zuerst das Postulat, dann sollten zwei Jahre als Novizin folgen…
In den letzten Monaten bekommt sie jedoch Probleme mit den Händen, den Hüftgelenken und der Lunge, muß eine Lungenbiopsie machen lassen. Es folgt eine vierfache Antibiotikatherapie mit schlimmen Nebenwirkungen. Nach sieben Monaten als Postulantin muß sie im Juli 2009 die schwerste Entscheidung ihres Lebens treffen: Sie verläßt den Orden aus gesundheitlichen Gründen. Es stehen schwierige Operationen an Händen und Hüften und jeweils langwierige Rekonvaleszenzzeiten bevor. Noch weiß sie nicht, daß insgesamt sechs Hüftoperationen notwendig sein werden und eine Nervenrekonstruktion, der unerträgliche Schmerzen vorangehen. Und all das nimmt sie dankbar an!!
Der neuen Ordensoberin erklärt sie, daß sie Gottes Willen folgen möchte, der sie nun zunächst auf einen Weg des Leidens zu schicken scheint. Die Mutter Oberin verspricht, im Falle einer vollständigen Genesung die Tür des Wiedereintritts für sie offen zu halten. Sehr zuversichtlich und mit ihrem, für sie ganz eigenen, strahlenden Lächeln mit den lachenden Augen meint sie: „Ich kann ja fitter werden als vorher. Ich habe das Ordensleben in den letzten zwei Jahren ein bißchen kennengelernt, vor allem die großen körperlichen Herausforderungen, die dieses Leben darstellt. Bin ich denen nicht gewachsen, so ist es auch nicht Gottes Wunsch, daß ich dorthin zurückkehre. Mein großer Wunsch ist es, zu den Schwestern zurückzukehren. Mein allergrößter Wunsch aber ist es, Seinem Willen zu folgen. Heute weiß ich im Gegensatz zu früher: Ich bin nicht allein, da ist Er, der mich leitet. Bei den Missionaries of Charity heißt es: ,loving trust, total surrender and cheerfulness’. Diese totale Unterwerfung ist mir immer sehr schwergefallen. Erst durch dieses letzte Jahr, die Operationen und den notwendigen Weggang aus dem Orden habe ich wirklich begriffen, was das heißt.“
Mutig und voll Vertrauen fügt sie hinzu: „Ich habe mich eben nicht einem Orden verschrieben, sondern dem Herrn. Wohin Er mich führt, werde ich gehen. Der richtige Weg – mit Ihm – ist eingeschlagen: Die Abzweigung, die Er mich führen wird, wird die Richtige sein.“ Der Stern – eine kleine Tätowierung am Arm aus früheren Zeiten –– wird sie begleiten. Alle Türen stehen offen.

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