VISION 20004/2010
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Die Kirche muß nicht modern sein

Artikel drucken Auseinandersetzung mit dem häufig gehörten Aufruf, die Kirche müsse modernisiert werden (Von Wolfram Schrems)

Viele Katholiken sind heute verunsichert, weil man ihnen von verschiedenen Seiten einredet, in der „modernen Zeit“ sei vieles am Glauben nicht mehr „zeitgemäß“. Ein „modernes Christentum“ sei notwendig, heißt es, das „die Fragen des modernen Menschen beantworten“ könne.
Darüber hinaus bräuchte eine „moderne Kirche“ neue Formen. Wir haben das alle schon hundertmal in dieser oder jener Form gehört. Viele haben sich auch vom innerhalb der Kirche ausgegebenen Appell, „modern“ sein zu müssen, bis in ihr geistliches Leben hinein verwirren lassen. Das ist umso tragischer, als dieser Appell teilweise auch von neuen katholischen Initiativen ausgeht, von denen manche den katholischen Glauben mit und in der zeitgenössischen Sprache und Kultur zu vermitteln versuchen.
Die „Moderne“ erhebt also den Anspruch, sich ihr irgendwie anpassen zu müssen. Das Wort „modern“ wird ja häufig geradezu wie eine Zauberformel gebraucht (auch wenn wir uns angeblich schon in der „Post?moder?ne“ befinden, was man auch immer darunter verstehen mag). Was hat es damit also auf sich?
Um hier Klarheit zu schaffen, sollen einige Überlegungen zu zwei eng verwandten Themen angestellt werden: Was bedeutet „Moderne“? Und: Was ist der – sprachlich davon abgeleitete - „Modernismus“?
Zunächst: Wie der Ausdruck „Moderne“ heute meist verwendet wird, meint er ungefähr folgendes: Nach einer langen Zeit geistiger Dumpfheit und – meist der Kirche zugeschriebener – Unterdrückung gelangte die Menschheit etwa ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in eine Zeit der Erhellung, der Aufklärung, der „Moderne“ eben, in der alle alten Vorurteile und Irrtümer beseitigt werden. Damit verwandt ist der Gedanke eines unvermeidlichen „Fortschritts“: Je mehr die Zeit vergeht, desto besser werde die Situation der Menschheit – gewisse „Rückschläge“ ausgenommen. Die „Moderne“ bringe uns Freiheit, internationale Verständigung, soziale Gerechtigkeit, Frieden der „Religionen“ und alle anderen Wohltaten. Schließlich werde die Menschheit immer mehr „zu sich selbst“ kommen. Die „Moderne“ ist also Ausdruck eines gewaltigen Optimismus bis hin zur Erwartung eines innerweltlichen Heilszeitalters („New Age“).
Solches oder ähnliches wird gemeint, wenn von der „Moderne“ die Rede ist. Ich möchte dem nun entgegenhalten: Es gibt gar keine „Moderne“. Denn jede Zeit??epoche ist zu sich selber „modern“ und „neu“. Nicht daß eine Epoche „neu“ ist, macht sie gut oder schlecht, sondern welche Ideen oder Moden sie hervorbringt. Man muß die propagierten Inhalte des jeweiligen Zeitgeistes nüchtern analysieren. (Zu seiner Zeit war z. B. eben auch der Faschismus „modern“. Man wird ihn aber objektiv nicht als menschlichen „Fortschritt“ betrachten können.) Insofern ist „modern“ ein inhaltsloses Wort. Wenn man dazu noch die Stimmung, die mit dem Wort „modern“ transportiert wird, ansieht, wird man ein euphorisches, ja geradezu hysterisches Element in der Rede von der „Moderne“ feststellen – und eine gewisse Realitätsferne: Denn davon, daß die Welt besser geworden sei, kann natürlich keine Rede sein. Das haben auch einige nichtchristliche Denker bemerkt, und kritisieren die geschichtsphilosophischen Vorstellungen von innerweltlichem „Heil“ und „Fortschritt“ (z. B. in Richtung klassenloser Gesellschaft oder was auch immer).
Für uns Christen ist diese Heilserwartung der „Moderne“ freilich noch viel weniger nachvollziehbar. Denn seit dem Erlösungswerk Christi gibt es nichts prinzipiell neues mehr. Die christliche Hoffnung bezieht sich auch nicht auf innerweltlichen Fortschritt, sondern auf eine ewige Erfüllung in der neuen Welt.
Diesen Trost mag man getrost als „Vertröstung“ bezeichnen. Diejenigen, die der Kirche den Vorwurf der Jenseitsvertröstung machen, vertrösten die Menschen jedoch meist selbst auf eine illusorische Zukunft – die aber nie eintreten wird. Daher hat die „Moderne“ für uns Christen überhaupt keine Bedeutung: Der Hysterie politisch gemachter Welterlösungen verschließen wir uns und an die automatische Verbesserung der Menschheitssituation – z.B. im 20. Jahrhundert – haben wir nach zwei Weltkriegen, vielen Völkermorden und der beispiellosen Christenverfolgung unserer Tage ohnehin nicht glauben können. Soweit also eine kurze Warnung, dem Götzen „Moderne“ zu glauben.
Davon ausgehend soll noch kurz angeschaut werden, was man unter „Modernismus“ versteht und was er mit dem katholischen Glauben zu tun hat oder auch nicht. Kurz gesagt, unter „Modernismus“ werden geistige Strömungen und Ideen zusammengefaßt, die vor etwa 100 bis 200 Jahren unter einflußreichen Autoren aufgekommen sind. Angeregt wurden sie von den Modeströmungen des damaligen Zeitgeistes, besonders der Evolutionstheorie. Die wurde als universaler Erklärungsansatz für alles und jedes auch auf die Entstehung der „Religionen“ übertragen. Dann auch die „moderne“ Bibelkritik, die von einer späten Entstehung des Neuen Testamentes ausgeht und es anonymen Autoren zuschreibt, die Jesus nicht kannten. Ein beliebter Gemeinplatz des „Modernismus“ ist die Vorstellung, Jesus Christus sei als „Kind seiner Zeit“ zu betrachten. Er habe daher nur gewisse Dinge sagen können und deshalb müßten wir Seine Lehre „der Moderne“ anpassen.
Meist geht der „Modernismus“ auch davon aus, daß Jesus nicht wirklich auferstanden ist, daß es keine Wunder gibt, daß die Kirche ein Irrtum ist und daß alle Religionen dieselbe Wurzel hätten. Alle diese Irrlehren wurden, weil sie ungefähr zeitgleich propagiert wurden, von der Kirche in Person des hl. Papstes Pius X. vor gut 100 Jahren unter der mehr oder weniger geglückten Bezeichnung „Modernismus“ zusammengefaßt und verurteilt. Es ist wichtig zu sehen, daß sie sowohl dem überlieferten und hinterlegten Glauben als auch der Vernunft widersprechen. Gerade die Evolutionslehre, die Theorie der „Entwicklung von Religionen“, die Bibelkritik u. dgl. arbeiten mit vielen unbewiesenen und uneinsichtigen Voraussetzungen.
Der heutige Zeitgeist verwirrt viele gläubige Menschen durch seine aggressive Glaubens-, Kirchen- und Vernunftfeindlichkeit. Diese sollen aber berücksichtigen, daß man sich von den Gegenwartsideologien nicht ins Bockshorn jagen lassen muß, weil sie nämlich falsch sind. Sicher braucht es mehr als nur das Wissen um die Unzulänglichkeit der Ideologien, um ihnen in der Praxis zu widerstehen. Es braucht Wachsamkeit, Tapferkeit und Selbstkritik. Aber rein vom Intellektuellen gibt es überhaupt keinen Grund für Minderwertigkeitskomplexe und Verunsicherungen.
Ideologien leben ja auch nicht vom Argument sondern von der Suggestivkraft. Man bemerkt das bei Vertretern der Evolutionslehre: Kritiker werden einfach lächerlich gemacht. Borniert sind auch oft die Vertreter der historisch-kritischen Bibelkritik, die ihre Gegner mit bombastischem Auftreten einschüchtern, aber neueste wissenschaftliche Erkenntnisse nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Das wichtigste „Argument“ der Vertreter der „Moderne“ lautet aber (häufig), und hier schließt sich der Kreis: „Willst du dich der Moderne verschließen?“ Somit ist der „Modernismus“ wieder nur eine Art von Zirkelschluß, der seine eigenen Voraussetzungen nicht begründen kann und will. - Wir können also aus dem Gesagten einige Schlußfolgerungen ziehen:
1. Der katholische Glaube ist, wie er ist. Es gibt keinen anderen Glauben als den von Christus verkündeten und der Kirche zur Bewahrung hinterlegten. Es ist sinnlos, eine „Reform“ durchzuführen, wenn man darunter eine Veränderung des Glaubensgutes anzielt. Wer den Gehalt einer Aussage verändert, zerstört sie. Wir können und sollen das Glaubensgut immer besser verstehen und den Glauben immer intensiver leben, aber wir können seine Aussagen nicht in etwas anderes umlügen.
2. Die „Moderne“, im Sinne einer neuen Zeit, ändert weder grundsätzlich etwas an der Situation der Menschheit (Sündhaftigkeit, Sterblichkeit) noch am Glauben. Daher gibt der Glaube auch auf die Fragen des „heutigen Menschen“ Antwort.
3. Wer den Glauben der Kirche nicht mehr annehmen kann und wem es aus sonstigen Gründen in der Kirche nicht mehr gefällt, soll die Konsequenzen ziehen und die Kirche verlassen. Eine Schädigung der Kirche durch Menschen, die vom Glauben innerlich abgefallen sind, aber in der Kirche bleiben, um sie von innen zu zerstören, darf nicht geduldet werden.
4. Wir sind nicht davon befreit, den immer gleichen Glauben auch in der Situation, wie sie heute nun einmal ist, zu verkünden. Dazu bedienen wir uns auch „moderner“ Mittel wie etwa der neuen technischen Möglichkeiten. In diesem und nur in diesem Sinn sind wir auch „Kinder unserer Zeit“, wie man oft sagt, und somit „modern“.
5. Seit der Geistsendung zu Pfingsten ist nichts prinzipiell neues in die Welt gekommen. Daher ersehnen wir nicht eine „Moderne“ oder „Postmoderne“ oder sonst eine willkürlich ausgerufene Epoche sondern die Wiederkunft Jesu Christi. Damit ist die Frage nach Sinn und Wesen der „Moderne“ hinlänglich beantwortet.

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