VISION 20005/2010
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Im Schatten des Kreuzes

Artikel drucken P. Anton Gots, unermüdlich im Einsatz für Menschen, die am Rande stehen und Hilfe brauchen (Alexa Gaspari)

Seinen Namen hatte ich schon oft gehört, stets mit großem Respekt ausgesprochen. Da der Kamillianer P. Anton Gots aber seit langem in Ostungarn wirkt, hatte ich noch keine Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen. Nun erfuhr ich aber, er sei wegen einer schweren Erkrankung in Linz behandelt worden. Ob er zu einem Interview bereit wäre? Bei unserem ersten Anruf kann er kaum reden, ist hörbar schwach. Ich habe gleich ein schlechtes Gewissen, ihn mit meinem Ansinnen zu belästigen. Doch er ist sofort einverstanden, bittet nur um einen nochmaligen Anruf in drei Wochen. Das Interview findet dann bei geistlichen Schwestern in Linz statt, wo er sich von den Folgen einer Rippenfellentzündung erholt und ein Ausheilen der wegen Diabetes ständig offenen Wunde an seinem steifen Bein erhofft wird. Es ist nur ein kleiner Teil seiner jahrelangen Leiden, weiß ich: „Ja, ein abenteuerliches Leben, immer im Schatten des Kreuzes, doch stets mit einem Simon v. Cyrene und einer Veronika an meiner Seite,“ lächelt P. Gots, in dessen Nähe ich mich gleich wohl und gut aufgehoben fühle.
P. Gots ist Volksdeutscher aus Ungarn, geboren an der burgenländischen Grenze in St Johann am Heidboden am 27. Juli 1934. Er und seine Schwester besuchen die deutsche Volksschule. Der Bub ist noch klein, als der Vater an Kehlkopfkrebs zu leiden beginnt. Das Elend des Vaters - er verhungert bei lebendigem Leib - ist schrecklich mitanzusehen. Jede Mahlzeit ist eine Tortur, da dem Vater das Schlucken, selbst flüssiger Nahrung, unerträglich ist. Mutter und Schwester (fünf Jahre älter als Anton) pflegen den Vater. Dessen Leid und die hingebungsvolle Pflege durch Mutter und Schwester prägen den Buben von klein auf und bestimmen seinen weiteren Lebensweg.
Anton ist gerade 11 Jahre alt, als am 17. Dezember 1945 ein Deutscher - in Ungarn zum Kommunisten geworden - begleitet von fünf Polizisten, der Mutter, die gerade einen Waschtag plant, erklärt, die Familie müsse innerhalb von zwei Stunden das Haus verlassen. Nur das Allernotwendigste dürften sie auf einen Pferdewagen laden… In einem Nachbarort, noch auf ungarischem Boden, werden sie mit anderen Volksdeutschen zusammengepfercht, um auf die Evakuierung zu warten. Sie soll zu Ostern 1946 erfolgen. Somit sind sie über Nacht staatenlos, heimatlos und bettelarm geworden. Der Vater stirbt einen Monat nach der Vertreibung, mit nur 43 Jahren. Daraufhin flieht die Mutter mit ihren Kindern über die Grenze in das erste österreichische Dorf.
Dort hatte man jedoch nicht gerade freudig auf die Flüchtlinge gewartet. Um ihr Überleben zu sichern, müssen die drei Flüchtlinge, auch der elfjährige Bub, nun schwerste Arbeit bei Bauern verrichten. Als „Lohn“ gibt es etwas Weizen. Die Flüchtlinge werden total ausgenützt, wie Kriegsgefangene behandelt und müssen wie Sklaven arbeiten - und dennoch spricht P. Gots ohne Groll über das in dieser Zeit erlittene Unrecht.
1947 wirbt ein junger Kamillianer unter den Flüchtlingen für seinen Orden. Zunächst lehnt der 13jährige ab, läßt sich dann aber doch begeistern, übersiedelt in den Orden und absolviert in einem Schnellsiedekurs das Gymnasium. Als Externist maturiert er schließlich in Salzburg. Gab es je Zweifel an dieser doch sehr frühen Berufung? P. Anton erzählt: „Da gab es einerseits Erfahrungen, die ich von Kindheit an in der Familie gemacht hatte. Sie waren für mich eine große Motivation. Andererseits hatte ich aber anfangs auch Schwierigkeiten und Zweifel. Schließlich hat aber alles gepaßt und mich zu einem klaren Ja zu meiner Berufung als Priester geführt.“ Sein überzeugender Weg als Priester spricht für dieses klare Ja.
Mit 18 legt er die ersten Gelübde ab, mit 21 die ewigen. Seine Mutter besucht er regelmäßig in den Ferien. Neben Theologie beginnt er ein Studium der Alt-Philologie und Germanistik und absolviert das Lehramt für das Gymnasium, da er für die Lehrtätigkeit vorgesehen ist. Es sind Jahre härtester Studien. 1959 wird er zum Priester geweiht. Gleich danach beginnt er im Ordensgymnasium Losensteinleiten der Kamillianer bei Steyr in Oberösterreich zu unterrichten (Englisch, Latein und Religion).
Ein kleiner Unfall im Turnsaal hat eine Knieoperation zur Folge. Eigentlich ein Routineeingriff. Doch er mißlingt. Zuerst stellt sich eine Blutvergiftung ein, die nicht in den Griff zu bekommen ist. Das Knie ist hochgradig entzündet und muß monatelang eingegipst bleiben. Nach und nach greift das Gift alle Organe an: Magenblutung, Kollaps, Lungenentzündung, Lungeninfarkt,… Ununterbrochene Schmerzen, die auf kein Medikament reagieren, bestimmen die nächsten Monate - vor allem die schlaflosen Nächte.
Schließlich streikt das Herz. Herzstillstand! Zweimal holt ihn die „Herzalarmtruppe“ wieder ins Leben zurück. Er ist ein Todeskandidat, der sehr gut versteht, daß sich da Gedanken an Selbstmord bei einem Menschen ohne Glauben einschleichen können. Was hält ihn aufrecht in dieser Zeit der Qualen? Die kostbare Entdeckung, die immer mehr zur Gewißheit wird, daß Gott da ist, daß Er sich an Ihn klammern darf. P. Gots erkennt: „Was immer an mir geschieht, steht unter dem Zeichen Seiner Anwesenheit.“ So überwiegen bald die Moment, die er trotz unerträglicher Schmerzen dank der Gegenwart Gottes zu bestehen vermag.
Seine Rekonvaleszenz nimmt Monate in Anspruch und verlangt viel Geduld. Doch anstatt zu verzweifeln, entdeckt er immer mehr die Schönheit der Welt und des Lebens, „weil die Herrlichkeit Gottes an ihnen ablesbar ist.“ Das entfaltet in ihm einen übermächtigen Lebenswillen. Wenn er zum Rosenkranz greift, stellt er bald fest: Es geht ihm immer weniger um seine Genesung, sondern darum, den Willen Gottes Tag für Tag zu erfüllen, alles anzunehmen, was da kommen mag und den „Ertrag“ aus den eigenen Leiden dem Herrn zu schenken.
Die eigene Unproduktivität und Nichtigkeit ist für einen jungen Priester sicher besonders schwer auszuhalten: Sechs Monate kann er wegen Schmerzen und totaler Kraftlosigkeit an keiner Heiligen Messe teilnehmen. Erst dann vermag er einer Messe, die in seinem Krankenzimmer stattfinden darf, halbwegs zu folgen. Er bemüht sich, seine Ungeduld und Unfähigkeit täglich aus Gottes Hand anzunehmen und als Instrument zur Rettung vieler Menschen anzubieten. „Das Wissen, von Christus beansprucht zu sein, gibt dem tatenlosen Daliegen eine Wirkweite der Strahlungskraft von weltweiten Ausmaßen.“ Welch wunderbare Entdeckung!
Folgende unglaubliche Erfahrung hält er damals fest: „So viel Freude wie in diesen Wochen und Monaten meines Krankseins habe ich Zeit meines Lebens nicht erlebt. Es gibt Momente einer nahezu unerträglichen Steigerung dieser Freude. Alles ist dann licht und übervoll von Seligkeit, so daß alle harten Umstände meines konkreten Daseins in Nichts zerrinnen.“ Andererseits aber: „Allerdings mindert die Gegenwart Gottes und der Gedanke an sie die Last und den Druck der Schmerzen um keinen einzigen Grad.“
„Können Freude und Qualen koexistieren?“ frage ich verwundert. Christus, so erklärt der Pater, habe doch trotz Seines Wunsches, den Willen des Vaters zu erfüllen, Seinen Jüngern auch bekannt: „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod.“ Ja, wie schwer ist es, das Paradoxe an der Botschaft vom Kreuz zu verstehen: „Aus Tod ersteht Leben, aus Sterben Auferstehen, aus Leiden Freude, aus Nichtkönnen weltüberwindende Kraft.“
Die Freude, die durch die Anwesenheit des Herrn erlebbar wird, bleibt also trotz Tränen und Verzagtheit erhalten: Dadurch „wird das Unerträgliche tragbar und das Sinnloseste durchsichtig,“ erklärt mir mein Gegenüber. Allerdings müsse man da hineinwachsen. P. Gots zitiert einen Satz von Kardinal Bertram: „Im dichten Nebel fährt der Seemann langsam und ändert den Kurs nicht.“ Ich verstehe das so: Auch wenn ich die Orientierung zu verlieren meine, es drunter und drüber geht, soll ich trotz allem unbeirrt am Glauben festhalten, der mir sagt: „Gott ist da, ich lebe in Seiner Gegenwart, Er trägt meine Last mit.“
Obwohl P. Gots gerade auch jetzt, da er mir gegenübersitzt, leidet, läßt er es sich nicht anmerken, strahlt Freude, eine gewisse Gelassenheit und Zuversicht aus. Diese ausstrahlende Gnade, dieses Leben aus Gottes Gegenwart müssen die Menschen damals bei seinem Krankenhausaufenthalt erlebt haben: etwa der Arzt, der in einer freien Minute zum Kranken kommt, um mit ihm Rosenkranz zu beten, die Schwestern, die trotz der vielen Arbeit gerne an seinem Bett verweilen, die Besucher, die sich beim Weggehen für die Begegnung bedanken. So wird er zur Zuflucht für viele, die auch ein schweres Kreuz, oft sogar, wie er meint, ein größeres als er zu tragen haben. Er versteht, spornt an, läßt die Nähe Gottes erahnen - und macht die Erfahrung: „Je mehr du die Last anderer trägst, desto weniger spürst du die eigene. Denn jede Last ist auch Seine Last, jeder Besucher ein Gruß von Ihm.“ Wie viele konnten da wohl die Anwesenheit Gottes spüren?!
Vieles über den tiefen Sinn des Leidens hat mir die Lektüre seines berührenden Buches, Das Ja zum Kreuz eröffnet. Noch im Krankenbett liegend hat er darin seine Erfahrung mit Krankheit, Schmerz und Todesnähe niedergeschrieben. Ein Satz daraus: „Eines Tages ist man soweit, nichts missen zu wollen von all dem Bitteren und Gott zu danken, daß man alles durchstehen darf. Das ist (…) grundlegender Sieg im Glauben, der die Welt (…) überwinden hilft.“
Halbwegs wiederhergestellt, übernimmt P. Gots, erst 26jährig, die Leitung des Internats und des Gymnasiums, in dem er schon unterrichtet hatte. Viel Verantwortung für einen so jungen Mann, denke ich, vor allem weil er auch durch sein Buch mit vielen kranken, behinderten, ja todkranken Menschen in Kontakt kommt und für viele von ihnen zum Seelsorger wird. Darüber hinaus hält er nun für Tausende Kurse zur geistigen und religiösen Erneuerung ab. Immer wieder lädt man ihn zu Vorträgen zum Thema Leidbewältigung ein.
Durch die Kontakte mit so vielen vom Schicksal gezeichneten Menschen wird er mit der Hilflosigkeit der vielen Menschen mit Behinderungen konfrontiert. Für sie beschließt er, ein Heim zu bauen. Weil ein großer Bedarf nach einer solchen Einrichtung besteht, finden alle politischen Parteien das Projekt gut und so entsteht das Behindertendorf Altenhof am Hausruck in Oberösterreich: ein behütetes, gut betreutes Zuhause, in dem jeder der 160 schwerst körperbehinderten Bewohner sein Zimmer hat, von einem gut geschulten Team (Krankenpfleger, Therapeuten usw.) gepflegt und auch kulturell und geistig gut betreut wird. Allerdings muß der umsichtige Pater dafür 240 Millionen Schilling erbetteln! Und dabei erweist er sich als unglaublich erfolgreicher Bettler!
Als Seelsorger und Hauptverantwortlicher bleibt er 10 Jahre in Altenhof. Als er das Werk in gute Hände übergeben kann, wird er vom Orden als Novizenmeister und Hausoberer in Losensteinleiten eingesetzt. In dieser Zeit beginnt er mit der Gründung von kamillianischen Familien. Das sind Gruppen von 10 bis 20 Laien. Sie werden dazu animiert, ihre Seel_sorger vor Ort bei der Betreuung und Pastorale von kranken und behinderten Menschen zu unterstützen. Einführungskurse dienen der Einschulung und Sensibilisierung für die Bedürfnisse und Probleme der Betreuten. Mein Gegenüber erklärt mir: „Wichtig ist die Geistigkeit, das Beispiel Jesu, der uns den Weg vorgezeigt hat, wie wir den Kranken dienen können.“
Die Idee fällt auf fruchtbaren Boden, nicht nur in Österreich, wo es derzeit etwa 20 Gruppen mit 300 Mitgliedern gibt. Mittlerweile hat der unermüdliche Pater kamillianische Familien auch in Ungarn, Rumänien, in der Slowakei und der Ukraine gegründet. Insgesamt sind es über 100 Familien mit fast 2.000 Mitgliedern, die sich aktiv für ihre kranken und behinderten Mitmenschen einsetzen.
Bei den neu entstandenen Kontakten nach Ungarn, zeigen einige junge Ungarn Interesse, bei den Kamillianern einzutreten. Und so wird P. Gots mit der Gründung eines Klosters im Nachbarland beauftragt. Humorvoll erzählt er die Reaktion von Freunden, als er vor 15 Jahren dieses neue Projekt starten will: „Bist du blöd? In deinem Alter geht man in Pension und fängt nicht etwas Neues an.“ Lachend ergänzt er: „Aber was tut man nicht alles, wenn der Herr ruft. Und ich tu es gern. Wenn ich etwas tun muß, tu ich es auch gern. Das ist ein Grundsatz von mir.“ Das muß ich mir gut merken!
„Wie war das mit der Rückkehr nach Ungarn nach allem, was Ihnen dort widerfahren ist?“ frage ich neugierig. Er überlegt nicht lange: „Ich bin gerne zurückgekommen, obwohl wir ja viel Leid durch die ungarischen Kommunisten erlebt hatten. Aber es war eine andere, neue Gesellschaft, die mich da erwartet hat. Ich hatte schon von Österreich aus ungarische kamillianische Familien gegründet. So hatte ich schon liebe Freunde, als ich dort ankam.“
Kleine Zeichen bestätigen ihm, daß ihn wirklich Gott nach Ungarn geschickt hat. Etwa bei seiner Übersiedlung im Jahr 1995: Mit drei Kleintransportern kommt er an die Grenze und geht zum Zoll, wo ihn die Beamtin mit erstaunlichen Worten begrüßt: „Daß ein Priester hier vor mir steht, habe ich noch nie erlebt. Das bestärkt mich sehr als gläubige Katholikin. Hier beim Zoll gibt es nur Atheisten, die mich verspotten. Wie schön, daß jetzt auch Heilige in unser Land kommen.“ „Sie meint doch nicht mich?“ erschrickt der Pater. „Doch es war für mich ein Zeichen, daß ich auf dem richtigen Weg bin. Hier im Land brauchen sie nicht so sehr Sozialarbeiter sondern Heilige.“ Tatsächlich herrscht in Ungarn eine große geistige Not. „Der Kommunismus hat den Menschen alle Moral genommen. Der materielle Wohlstand ist vielleicht in zwei Jahrzehnten aufzuholen, mit den moralischen Werten ist das viel schwieriger.“ Ähnliche Erfahrungen macht der Pater, wenn er nun an verschiedenen Orten Heilige Messen feiert. Immer wieder hört er, wie gut es sei, daß er gekommen sei um die Menschen im Land in der Heiligkeit voranzubringen. „Das ist ein sehr prägendes Zeichen für uns gewesen, daß die Heiligkeit das Wichtigste in unserer Arbeit ist.“
In Ungarn baut er dann ein leerstehendes Gebäude das als Pfarrzentrum geplant war, zum Kloster aus. 1996 wird es kirchenrechtlich errichtet. Sechs Ordensberufe sind bereits daraus hervorgegangen. P. Gots' Charisma für Notleidende begleitet ihn auch an seine neue Wirkungsstätte: Jede Woche kommen bis zu 150 Bettler und Notleidende an die Klosterpforte um Hilfe. 160 Kilo Brot und Semmeln werden wöchentlich verteilt. „Diese Leute gehören zu meinen vielen Freunden“, fügt er wie selbstverständlich hinzu. Die Bedürftigen erinnern ihn an seine eigene Notsituation vor 60 Jahren. „Seit zehn Jahren“, erzählt er weiter, „bekomme ich Hilfstransporte aus Österreich: Lebensmittel, Wäsche, Möbel für die Ärmsten, Medikamente und Krankenbehelfe für Krankenhäuser. Rund 5.000 Tonnen Hilfsgüter sind das bis jetzt gewesen - von Menschen, die sich etwas einfallen lassen, um uns zu helfen.“ Humorvoll fügt er hinzu: „Mein Wahlspruch ist: Der liebe Gott hat unendlich viel Geld, man muß nur wissen, wo Er es hat.“ Und: „Man muß auch frech genug sein, Leute auf die Not anderer aufmerksam zu machen.“
Durch die Hilfstransporte aus Österreich, die von Mitgliedern der kamillianischen Familien verteilt werden, versucht er die Not in der ungarisch-rumänisch-slowakische Grenzregion zu lindern. Doch die Zahl der Hilfsbedürftigen scheint grenzenlos. Und so entwickelt sich P. Gots' Dienst bei den Roma: „10% der Ungarn sind Zigeuner. Auch in unserer Stadt gibt es 12.000 von ihnen, die seßhaft sind. Sie leben in einer Subkultur, weil sie nicht geliebt und anerkannt werden im Land. Ihre Lage ist besorgniserregend. Da das Kindergeld das einzige ist, was Roma staatlicherseits an Unterstützung bekommen, sind sie sehr kinderreich. 80% sind aber arbeitslos. Sie haben kaum Zutritt zur Bildung und werden als Arbeitskraft - auch wenn wir sie vermitteln - nicht genommen.“
Viele geistig schwerstbehinderte, allein ihrem Schicksal überlassene Jugendliche - oft aufgund von Inzest wegen des Kindergeldes - gibt es unter den Roma. Für sie gründet P. Gots eine Tagesheimstätte. Dort werden sie gefördert und beschäftigt und etliche von ihnen auch Tag und Nacht betreut. Unser Freund Günther - er ist für 200 LKW-Ladungen aus Österreich mitverantwortlich - hat mir einen gemeinsamen Besuch in den Slums von Nyiregyháza mit dem Pater geschildert: „Vom Auto aus war mein Eindruck: Hier ist das Klima sehr gewalttätig. Ich wäre da nicht ausgestiegen, obwohl ich schon in vielen Slums war. Für P. Gots war das aber kein Problem. Sofort sind ihm die Kinder freudig entgegengelaufen. Auch Erwachsene haben ihn umarmt, hatten ihn sichtlich ins Herz geschlossen.“ Für Günther, dessen Glaube durch Seminare mit P. Gots vor Jahren sehr vertieft wurde, ist der Pater ein sehr bodenständiger Heiliger: „Ein wunderbarer Seelsorger, der sich unglaublich für andere einsetzt. Seine Initiativen suchen ihresgleichen. Er wird wohl nie aufhören, sich total für andere einzusetzen - sozusagen ein Mann, der in den Stiefeln stirbt.“ Wie recht hat Günther wenn er weiter fortsetzt: „Er ist enorm glaubwürdig und sehr durchlässig für den Hl. Geist.“
Zurück zu den Roma-Slums: Nachdem P. Gots ein Gebiet mit Lebensmitteln und Möbeln zu beliefern begonnen hatte - in den meisten „Häusern“ gab es weder Betten, Sessel oder andere Möbel - begann er auch mit der Seelsorge. Jeden Sonntag feiert er dort die Heilige Messe: „Zigeuner sind von Natur aus religiös“, erklärt er mir, „sie haben aber auf diesbezüglich keine Erziehung, keine religiöse Tradition. 50 bis 60 Menschen kommen jetzt regelmäßig zur Messe. Es ist aber schwer vom 6. Gebot zu sprechen, weil es da keine Basis gibt. Triste moralische Verhältnisse schaffen traurige Familienverhältnisse. Da gibt es zum Beispiel eine junge Frau: mit 14 bekam sie das erste Kind. Jetzt hat sie vier Kinder von drei Männern. Alle haben sich aus dem Staub gemacht. Jetzt sitzt sie mit den Kindern allein da. Der Hunger nach Gott ist bei diesen Menschen aber da.“ Hier in diese Slums möchte der Pater, der sanft und liebevoll über seine Schutzbefohlenen spricht, eine Kirche bauen.
Hat Gott Sie gut behandelt? frage ich ihn. Er lächelt: „Ja, davon bin ich ganz überzeugt. Er hat mich da hingeschickt, wo ich jetzt lebe. Ich habe dreimal angefangen: das erste Mal nach meiner physischen Geburt, dann nach meiner schweren Erkrankung, als ich zweimal physisch fast tot war und zuletzt ein drittes Mal. Wenn man so hineingeworfen wird, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man haut ab, weil man es nicht erträgt, sich an einen gedeckten Tisch zu setzen und zu wissen, die zahllosen Obdachlosen der Stadt haben kein Dach über dem Kopf, wissen nicht, wo sie die nächste Nacht schlafen - oder man bleibt. Dann muß ich mich aber ganz ins Zeug werfen, auch wenn ich weiß, daß ich vielen Menschen in ihrer Not nicht helfen kann. “ Von P. Gots habe ich neu erfahren, was es heißt zu glauben: In der Anwesenheit Gottes zu leben.
In diesen Tagen hat ihn sein Orden nach Altenhof zurückberufen. Ab nun leitet er von dort die materielle Hilfe und die Transporte nach Ungarn.


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Kennwort: „Hilfe für P. Gots“

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