VISION 20002/2011
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Bruder Benedikt Sinigardi

Artikel drucken Botschaft an uns (P. Gottfried Egger OFM)

Bestimmt ist vielen Zeitgenossen von heute kaum bekannt, daß das Betzeitläuten, das dreimalige Glockenläuten am Tag und das sogenannte „Angelusgebet“, auch „Engel des Herrn“ genannt, franziskanische Wurzeln hat. Und dabei kann Br. Benedikt Sinigardi OFM durchaus als Vater des „Englischen Grußes“ bezeichnet werden.

Der heilige Franz von Assisi war im Orient vom Gebetsrufer, dem Muezzin sehr beeindruckt, der fünfmal am Tag vom Turm der Moschee, dem Minarett, die Gläubigen zum Gebet aufrief: „Allah ist groß, es gibt keinen Gott außer Allah!“ Franziskus wollte dann nach seiner Rückkehr in die Heimat, diesen Brauch, wenn auch auf veränderte Weise, in unseren Landen einführen. Er schrieb deshalb an seine Oberen, an die Kustoden seines Ordens: „Und sein Lob sollt ihr allen Leuten so künden und predigen, daß zu jeder Stunde und wenn die Glocken läuten, dem allmächtigen Gott vom gesamten Volk auf der ganzen Erde immer Lobpreis und Dank dargebracht wird.“ Br. Benedikt Sinigardi führte in seinem Heimatkloster Arezzo eine Marienantiphon ein und verordnete mit einer Glocke dazu zu läuten: „Angelus locutus est Mariae“, „Der Engel sprach zu Maria.“ Br. Benedikt wollte mit diesem Gebet an das wichtige Ereignis der Menschwerdung erinnern und die Brüder und Gläubigen mit dem Glockenzeichen zum Gebet einladen, ähnlich wie das der Gebetsrufer bei den Muslims tut.
Das Beispiel machte Schule. Br. Bonaventura von Bagnoregio, Generalminister des Franziskanerordens, riet auf dem Generalkapitel zu Pisa 1263 seinen Mitbrüdern: „Die Brüder sollen die Gläubigen anleiten, am Abend, wenn es in den Klöstern zur Komplet, also zum kirchlichen Nachtgebet, läutet, Maria dreimal zu grüßen. Sie sollen es mit den gleichen Worten tun, mit denen der Engel Gabriel Maria gegrüßt hatte, also mit dem ‚Ave Maria‘, vgl. Lk 1, 38.“
Das Provinzkapitel der Franziskaner zu Padua verordnete 1294 den Minderbrüdern folgendes: „In allen Konventen läute man am Abend dreimal kurz die Glocke, um die Gottesmutter zu ehren. Alle Brüder sollen dabei die Knie beugen und dreimal beten: ‚Ave Maria, gratia plena‘, ‚Gegrüßt seist du Maria voll der Gnade. ‘
Br. Benedikt, der im Franziskanerorden als Vater des Englischen Grußes in die Geschichte eingegangen ist, stammte aus einer adeligen Familie aus Arezzo. Seine Eltern waren Tommaso Sinigardio von Sinigardi und Gräfin Tarlatti von Pietramala. Beide gehörten zu den einflußreichsten Adelsgeschlechtern von Arezzo. Benedikt kam 1190 in Arezzo auf die Welt und genoß eine gute schulische und christliche Bildung. Der junge Mann war fromm. Er betete mit Eifer und besuchte gerne die Heilige Messe. Das bereitete ihn für den Anruf Gottes vor. Eines Tages predigte der Poverello aus Assisi auf dem Hauptplatz von Arezzo. Viel Volk zog es dorthin, so auch den jungen Benedikt. Die Piazza Grande von Arezzo war übervoll, weil so viele der Predigt des hl. Franz lauschen wollten. Die überzeugenden Worte Francescos trafen den suchenden Benedetto mitten ins Herz.
Kurz danach entschloß er sich, ein neues Leben zu beginnen. Er verließ seine begüterte und einflußreiche Familie, somit auch alle Bequemlichkeiten des Adelstandes und folgte Christus im Geist des heiligen Franziskus nach. Der Poverello kleidete den jungen Mann aus Arezzo eigenhändig ein und nahm ihn in seine Gefolgschaft. Bruder Benedikt eroberte mit seiner liebenswürdigen Art und seinem überzeugenden Lebensstil schnell die Herzen der Gläubigen und die seiner Mitbrüder.
Erst 27jährig wurde er zum Provinzial der Mark Ancona ernannt. Nach vier Jahren stellte er sich für die Missonsarbeit zur Verfügung. Er wurde in den Nahen Osten gesandt, wo er mehr als 20 Jahre sehr segensreich wirken sollte. Br. Benedikt durchwanderte Rumänien, Griechenland und die heutige Türkei. Papst Innozenz IV. schickte ihn als Mitarbeiter des Patriarchen nach Konstantinopel. Danach führte ihn die Missionsarbeit weiter nach Syrien und Palästina, wo die Brüder ihn dann zum Provinzial, zum Kustos des Hl. Landes wählten.
In den 16 Jahren segensreichen Wirkens im Land des Herrn begründete er unter anderem auch den ersten Franziskanerkonvent in Konstantinopel. Nach der frommen Überlieferung soll Johannes von Brienne, Kaiser von Konstantinopel und König von Jerusalem, dem Beispiel des heiligen Ludwig IX. von Frankreich und der heiligen Elisabeth von Thüringen folgend, die Kutte des Dritten Franziskanischen Ordens aus den Händen von Benedikt Sinigardi erhalten haben.
Nachdem Br. Benedikt im Jahr 1241 wieder in sein Heimatkloster nach Arezzo zurückgekehrt war, führte er wie oben erwähnt, die marianische Antiphon ein, von der der Englische Gruß seinen Ursprung hat. Ebenso das Glockenläuten am Abend, weil der mittalterliche Mensch überzeugt war, es sei Abend gewesen, als der Engel Gabriel Maria diese unerhörte Botschaft brachte.
Hochbetagt starb Br. Benedikt 1282 in Arezzo. Da nach seinem Tod auf seine Fürbitte verschiedene Wunder geschahen, nannte man ihn ‚Seligen Benedikt‘. Stimme des Volkes, Stimme Gottes!
Als Papst Johannes Paul II. am 23. Mai 1993, die Stadt Arezzo besuchte, machte er Halt am Grabe des Seligen Benedikt, um dort zu beten. Er sagte: „Es ist immer wirkungsvoll, mitten im Tag innezuhalten und ein marianisches Gebet zu sprechen. Heute ist es besonders bedeutsam, weil wir uns an dem Ort befinden, an dem nach der Überlieferung der Brauch des Angelusgebetes ausgegangen ist.“

P. Gottfried Egger OFM
Der Autor ist Franziskaner-Kommissar des Heiligen Landes.

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