VISION 20005/2011
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Die Vorsehung: ein großes Geheimnis

Artikel drucken Gott ist absolut souverän: Der Verstand kann es nicht fassen, aber alle Heiligen glaubten daran

Kann man das Wüten von Tornados, die Verfolgungen in Terrorregimen, die Geburt behinderter Kinder in Einklang bringen mit dem Wirken des allmächtigen und gütigen Gottes? Die Kirche lehrt es jedenfalls und P. Descouvemont versucht, es uns im Folgenden nahezubringen.

Was hat Sie veranlasst, über die Vorsehung zu schreiben?
Pierre Descouvemont:
Sie ist eines der Geheimnisse des christlichen Glaubens, an dem vor allem heute viele irrewerden. Ein allmächtiger Gott kann doch nicht Auschwitz, die Vernichtungslager, die Völkermorde, die schrecklichen Kriege des letzten Jahrhunderts zugelassen haben!

Nach Auschwitz scheint es tatsächlich schwierig zu behaupten, alles sei Gnade.
Descouvemont:
Natürlich, so darf man es auch nicht sagen. Spricht man mit Jemandem, der durch eine Erfahrung traumatisiert wurde, darf man ihm nicht mit großen Worten von der Vorsehung daherkommen. Da hört man zu und lässt ihn seine Auflehnung und sein „warum nur!“ hinausschreien. Hat nicht auch Jesus zu Seinem Vater geschrien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

Hat uns die Bibel etwas Besonderes über das Geheimnis des Bösen zu sagen?
Descouvemont:
Selbstverständlich – obwohl es heute zum guten Ton gehört zu sagen, Gott begnüge sich damit, uns beizustehen – stehe aber den vielen Katastrophen, die sich auf unserem Planeten ereignen, ohnmächtig gegenüber. Alle Häresien haben ihren Ursprung dort, wo Kanzelredner die Meinung vertreten: „Heute kann man nicht mehr sagen, dass…“ Heute kann man nicht mehr wie im Credo verkünden: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen.“ Man zieht es vor, an einen Vater zu glauben, dessen Liebe allmächtig ist, an einen Gott, der schweigt und nicht einschreitet, wenn Sein vielgeliebter Sohn am Kreuz leidet und stirbt. Indem man erklärt, Gott lasse Seine Kinder die Welt nach deren Gutdünken gestalten oder zerstören – was zutrifft – und Er habe beschlossen, bis auf seltene Ausnahmen nicht in den Lauf der Geschichte einzugreifen, erscheint die Allgegenwart des Unheils in der Geschichte weniger skandalös.

Sie teilen diese Ansicht nicht?
Descouvemont
: Die meisten Häresien sind vom großherzigen Bestreben geleitet, nicht zu schockieren. Aber diese Sicht ist falsch – und das ist nicht meine Privatmeinung: Die Vorsehung wird in der ganzen Schrift verkündet; sie wurde und wird auch heute von den Heiligen gelebt und der Kirche, die ihr mehrere Paragraphen im Weltkatechismus widmet (siehe Kasten), gelehrt.

In der ganzen Schrift verkündet?
Descouvemont:
Vom Alten Bund an offenbart Gott Seinem Volk, dass Er es eifersüchtig bewacht und das Schicksal der Völker in den Händen hält. Die Schrift macht Gott nicht verantwortlich für das Böse, das Satan und die Sünder bewirken, sie stellt klar, dass Er auf geheimnisvolle Weise dessen Ursprung ist.


Und im Neuen Bund?
Descouvemont
: Das große Wort, das dieses Geheimnis zusammenfasst – es war Milliarden von Christen eine Hilfe –, hat Paulus geäußert: „Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Röm 8,28), einer der aufregendsten Sätze der Schrift – zusammen mit der inständigen Bitte Jesu in Gethsemani: „Vater, nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen“(Lk 22,42) Jesus sieht den Willen des Vaters bezüglich Seines Leidens und betet diesen an, eines Leidens, das die Bosheit der Menschen und der mörderische Wille des Fürsten der Finsternis Ihm auferlegen und das Er sich anzunehmen bereit macht. Denken Sie auch an die erste Predigt in der Geschichte der Kirche, zu Pfingsten. Petrus ist da nicht zimperlich, als er den Leuten in Jerusalem verkündet: „Jesus, den Nazoräer, (…), der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht.“ (Apg 2,22f) Und die erste Katechese des Auferstandenen auf dem Weg nach Emmaus: „Musste der Messias nicht all das erleiden…?“ (Lk 24,26) Es war vorgesehen, im Plan Gottes: Der Menschensohn musste leiden.


Sie betonen sehr stark den Glauben der Heiligen an die Vorsehung.
Descouvemont:
Ich biete jedem 20.000 € in bar, der mir einen Heiligen nennt, der nicht an die Vorsehen geglaubt hat! Ob es nun Frédéric Ozanam oder Bernadette Soubirous mit der Krankheit, Johannes vom Kreuz mit den von seinen Nächsten verursachten Verletzungen, Vinzenz von Paul mit den erlittenen Ungerechtigkeiten, Don Bosco mit den Verfolgungen sei… Alle Heiligen ohne Ausnahme haben, ohne zu zögern, daran geglaubt, dass Gott Seine Gründe hat, wenn Er diese oder jene Prüfung in ihrem Leben oder bestimmte Katastrophen in der Welt zugelassen hat. So etwa Thomas Morus, der knapp vor seiner Hinrichtung seine Tochter, wie folgt, tröstet: „Nichts geschieht ohne den Willen Gottes. Alles jedoch, was Er will, so schlimm es uns auch erscheinen mag, ist dennoch für uns das Bestmögliche.“ Oder die heilige Katharina von Siena, die jenen, „die sich über das, was ihnen zustößt, empören und dagegen auflehnen, sagt: „Alles hat seinen Ursprung in der Liebe, alles ist auf das Heil des Menschen ausgerichtet. Gott wirkt nur in dieser Absicht.“
Madeleine Delbrêl – sie ist noch nicht heiliggesprochen – stellt fest, wir müssten vor jedem unserer Tage in die Knie gehen, weil Gott ihn von Ewigkeit her aus Liebe für uns bereitet habe (…), was gleichbedeutend mit dem „Alles ist Gnade“ von Thérèse von Lisieux ist.


Gott hat Seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt?
Descouvemont:
Tatsächlich. Die Heiligen versuchen nicht, Gott auf die Schliche zu kommen, denn Gottes Absichten sind unergründlich. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege.“ (Jes 55,8) Der heilige Pfarrer von Ars wurde nicht müde, seinen Pfarrkindern zu sagen: „Man braucht gar nicht danach zu fragen, woher die Kreuze kommen: immer von Gott. Sei es nun der Vater, die Mutter, ein Ehegatte, ein Bruder, der Pfarrer oder der Kaplan, immer ist es Gott, der es uns ermöglicht, Ihm unsere Liebe zu beweisen.“ Verkünden Sie das heute in einer Predigt, man wird sie für einen Bußprediger aus längst vergangenen Tagen halten.


Gott kann doch nicht Tsunamis, Völkermorde wollen, dass Kinder behindert zur Welt kommen…
Descouvemont:
Nein. Gott kann das Böse nicht wollen. Gott hat einen heiligen Horror vor dem Bösen. Aber Er lässt es um eines größeren Gutes willen, das wir nicht zu fassen vermögen, zu.


Wirklich ein ganz verwirrendes Geheimnis…
Descouvemont:
Ebenso wie alle anderen Geheimnisse unseres Glaubens! Wir sind herausgefordert, scheinbar widersprüchliche Wahrheiten zu bekennen. Das erste Paradoxon lässt sich so ausdrücken: Es gibt in der Welt Ereignisse und Handlungen, die absolut im Widerspruch zum Willen Gottes stehen, weil es sich entweder um Naturkatastrophen handelt, unter denen Kinder leiden, oder um Sünden, die Gott total ablehnt. Und dennoch nützt Er diese Ereignisse, um Seinen Plan zu verwirklichen. Er „nützt“ gewissermaßen das Böse, um daraus Gutes zu wirken. Es wird in Seinen „Plan“ integriert. Diese Zuversicht hat den Heiligen ihre unfassbare Abgeklärtheit inmitten von Prüfungen gegeben. Das ließ auch Papst Johannes XXIII. folgendes Abendgebet formulieren: „Herr, die Welt – das ist Deine Sache, ich lege mich schlafen.“
Das zweite Paradoxon ist nicht weniger erstaunlich: Wenn jemand bewusst eine Handlung setzt, ist dies vollkommen das Ergebnis seiner Freiheit. Der Zusammenklang zwischen der Freiheit des Menschen und der Gottes ist äußerst geheimnisvoll: Wir sind keineswegs Marionetten in Gottes Händen – und dennoch ist Er es, der die Welt leitet.


Wie kann Gott innerhalb der Freiheit wirken?
Descouvemont
: Das ist ein großes Geheimnis. Luther hat sich daran die Nase blutig geschlagen. (…) Seine Schlussfolgerung: Der Mensch vermeint nur, frei zu sein, obwohl er es tatsächlich nicht ist: Er sei eben voll und ganz vom souveränen Willen Gottes bestimmt. Das hatte dann die bekannte These von der Prädestination zur Folge, die Calvin und die Jansenisten aufgegriffen haben. Augustinus (…) hingegen kam zu dem Schluss: Gott schafft alles – und dennoch sind wir zu 100 % frei. (…)


Augustinus erklärte auch: „Aus Bösem schafft Gott Gutes.“
Descouvemont:
Ja. Und Augustinus erklärt: „Weil der allmächtige Gott in Seiner Güte absolut souverän ist, ließe Er in Seinem Werk nie irgendein Übel zu, wenn Er nicht die Macht und Güte besäße, aus diesem Übel etwas Gutes zu wirken.“ Gott nützt nicht nur das Übel, Er bedient sich sogar des Teufels! Das ist eines der größten Geheimnisse des Glaubens. Gott bedient sich Satans für Seine Ziele. Dass Satan auf seine Art zum geistigen Wachstum der Menschen beiträgt, ist „ein großes Geheimnis“, erklärt der Weltkatechismus (§ 395). (…)


Gottes Plan ist wirklich nicht immer leicht zu erkennen.
Descouvemont:
Das hängt davon ab. Manchmal ist es relativ einfach zu sehen, wie Gott die Ereignisse im Leben zu meinem Besten führt: die Menschen auf meinem Weg; die Talente, die ich bekam; die Ereignisse, die sich ergaben; die erhaltenen Gnaden…


Meistens aber wandelt man im Dunkeln…
Descouvemont:
Ja. Oft scheint Gott abwesend. Man kann es nicht oft genug sagen: Christen verfügen nicht über Spezialbrillen, die rosa sehen lassen, was schwarz oder grau ist, und auch nicht über eine Fernsicht, die sie im voraus die seligen Spätfolgen des gegenwärtigen Elends erkennen lassen. Nur im Glauben, im nackten Glauben, gilt es, die Worte der Buches der Weisheit zu wiederholen: „Wir und unsere Worte sind in seiner Hand…“ (Weis 7,16) An die Vorsehung zu glauben, wenn ich einen Unfall habe, heißt nicht, mir einzureden, das Glatteis sei das Beste gewesen, was mir in diesem Moment hätte zustoßen können. Vielmehr bin ich herausgefordert zu glauben – und das ist schon enorm! –, dass Gott meinem Schutzengel aufgetragen hat, den Unfall nicht zu verhindern, weil Gutes aus diesem Unglück hervorgehen kann. Und dieses Gute besteht zunächst darin, meinen Glauben an die unendliche Zärtlichkeit Gottes für mich wachsen zu lassen.


Was schwer zu akzeptieren ist!
Descouvemont:
Nein, es ist nicht schwer… Es ist unmöglich! Ohne Gottes Gnade ist es unmöglich, an das Geheimnis der göttlichen Vorsehung zu glauben – und vor allem aus diesem Glauben im Moment der Prüfung zu leben. Sich dem Willen Gottes zu unterwerfen, erfordert eine Überdosis von Heiligem Geist. Alle Heiligen haben begriffen, dass Gott uns nur unmögliche Aufträge erteilt. Er will, dass wir lieben – und wir schaffen es nicht. Er will, dass wir vergeben – und wir schaffen es nicht. Er verlangt, dass wir uns Seinem Willen ergeben – wir schaffen es nicht! Daher ist Jesus unter uns erschienen: Um das in uns zu bewirken, was wir von uns aus nicht schaffen können. Je mehr man im christlichen Leben voranschreitet, umso mehr erkennt man die Wahrheit des Wortes Jesu: „Ohne mich könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5). Aber auch: „Denn für Gott ist nichts unmöglich.“ (Lk 1, 37) (…)


Ist die Lehre von der Vorsehung nicht lähmend, wenn Gott sich doch um alles kümmert?
Descouvemont:
Daran zu glauben, hat Christen nie davon abgehalten, gegen all das anzukämpfen, was die Menschen weltweit zugrunde richtet. Daher lasse ich in meinem Buch viele Heilige zu Wort kommen, die gegen das Elend angekämpft haben: den heiligen Vinzenz, Mutter Teresa. Die christliche Haltung ist gut in dieser Formel zusammengefasst: „Man muss so handeln, als hinge alles von uns ab und so beten, als hinge alles von Gott ab.“

Pierre Descouvemont ist Theologe und gefragter Prediger sowie Autor mehrer Bücher, insbesondere Peut-on croire en la Providence? édition de l’Emmanuel, 13 €. Das Interview ist ein Auszug aus dem Gespräch, dasLuc Adrian für „Famille Chrétienne“ v. 16.6.2007 geführt hat.


Vorsehung im Weltkatechismus


§ 314 Wir glauben fest, daß Gott der Herr der Welt und der Geschichte ist. Die Wege seiner Vorsehung sind uns jedoch oft unbekannt. Erst am Schluß, wenn unsere Teilerkenntnis zu Ende ist und wir Gott ,,von Angesicht zu Angesicht“ schauen werden (1 Kor 13,12), werden wir voll und ganz die Wege erkennen, auf denen Gott sogar durch das Drama des Bösen und der Sünde hindurch seine Schöpfung zur endgültigen Sabbatruhe [Vgl. Gen 2,2.] führt, auf die hin er Himmel und Erde erschaffen hat.
§ 395 Die Macht Satans ist jedoch nicht unendlich. Er ist bloß ein Geschöpf; zwar mächtig, weil er reiner Geist ist, aber doch nur ein Geschöpf: er kann den Aufbau des Reiches Gottes nicht verhindern. Satan ist auf der Welt aus Haß gegen Gott und gegen dessen in Jesus Christus grundgelegtes Reich tätig. Sein Tun bringt schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft. Und doch wird dieses sein Tun durch die göttliche Vorsehung zugelassen, welche die Geschichte des Menschen und der Welt kraftvoll und milde zugleich lenkt. Daß Gott das Tun des Teufels zuläßt, ist ein großes Geheimnis, aber ,,wir wissen, daß Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt“ (Röm 8,28).

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