VISION 20006/2011
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Rückblick auf ein Jahrhundert-Ereignis

Artikel drucken Der Papst in Deutschland. Von Michael Hesemann

Papst Benedikt XVI. war im September in seine Heimat Deutschland gekommen, um einer materiell reichen, geistlich jedoch müden und schwachen Kirche mit kraftvollen Worten ihre wahre Berufung und Mission in Erinnerung zu rufen. Die Worte, die er während der viertägigen Reise in 17 Ansprachen an seine Landsleute gerichtet hat, können als geistliches Testament des bayerischen Papstes an die Kirche Deutschlands gelesen werden.
Der Augsburger Sankt Ulrich Verlag hat nun alle Ansprachen des Heiligen Vaters aus Berlin, Erfurt, Etzelsbach und Freiburg in einem wunderschönen Bildband dokumentiert. Die prophetischen Worte Benedikts werden von Michael Hesemann, einem deutschen Vatikanjournalisten und Historiker, kommentiert.
Auch wenn Joseph Ratzinger nun schon seit vier Jahrzehnten in Rom lebt, lässt er keinen Zweifel darüber aufkommen, wie nahe ihm seine Heimat immer noch ist. Dies kam während einer Ansprache im Flugzeug nach Berlin schön zum Ausdruck, als er den Dichter Hölderlin zitierte, der gesagt hatte, dass am meisten doch die Geburt vermag. Der Papst sagte, dass er das auch selber immer wieder spüre.
Einer der Höhepunkte seiner Reise sollte eine Ansprache an die Abgeordneten des deutschen Bundestages werden. Die Rede des Papstes glich einem starken Plädoyer für das katholische Naturrecht, das in den vergangenen Jahren selbst in der Kirche stark an Bedeutung verloren hatte. Der Papst wünschte den Abgeordneten vor allem anderen ein „hörendes Herz – die Fähigkeit, Gut und Böse zu unterscheiden und so wahres Recht zu setzen, der Gerechtigkeit zu dienen und dem Frieden.“
Mit großer Spannung hatten die zahlreich erschienenen Medienvertreter aus aller Welt nach Erfurt geblickt, jener Stadt, in der Papst Benedikt XVI. das Kloster besuchte, in das der Kirchenreformator Martin Luther eingetreten war. Im Vorfeld der Reise hatte man immer wieder mit einem Gastgeschenk gerechnet, das der Papst den Protestanten mitbringen würde, um der Ökumene neuen Schwung zu verleihen. Genau das bezeichnete Benedikt jedoch als Missverständnis, denn der Glaube der Christen beruhe nicht auf einer Abwägung von Vor- und Nachteilen. Und ein von Menschen selbst gemachter Glaube sei wertlos. In seiner Ansprache vor Vertretern der Evangelischen Kirche im Augustinerkloster Erfurt rückte der Papst vielmehr die Frage Luthers in den Vordergrund: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“. Nur die ehrliche Suche nach einer Antwort auf die Frage nach Gott werde die Ökumene voranbringen.
Besonders eindrucksvoll verlief der Besuch Benedikts im Marienwallfahrtsort Etzelsbach im Eichsfeld, einer katholischen Enklave im Nordwesten Thüringens, in der heute rund 83.000 Katholiken leben. Der Papst lobte die Standhaftigkeit der Katholiken in der einstigen DDR, ihren Mut während der SED-Diktatur. Während Benedikt XVI. die Protestanten bei seinem Besuch in Erfurt aufforderte dem Säkularisierungsdruck nicht nachzugeben, lobte er die Vertreter der orthodoxen Kirchen in Deutschland während einer Begegnung in Freiburg und drückte bei dieser Gelegenheit seinen Wunsch aus, bald gemeinsam Eucharistie feiern zu können.
Besonders stimmungsvoll verlief eine Begegnung des Papstes mit Jugendlichen in Freiburg: „Habt den Mut, eure Talente und Begabungen für Got?tes Reich einzusetzen und euch hinzugeben – wie das Wachs einer Kerze – damit der Herr durch euch das Dunkel hell macht. Wagt es, glühende Heilige zu sein, in deren Augen und Herzen die Liebe Christi strahlt und die so der Welt Licht bringt.“ Starke Worte des Pontifex in einem Land, in der die offiziellen katholischen Jugendverbände in der Jugendpastoral in den letzten Jahrzehnten kaum über soziale Themen hinausgekommen waren.
Seine wichtigste und eindringlichste Botschaft sprach der Papst am letzten Tag seiner Reise vor engagierten Katholiken im Freiburger Konzerthaus. Er sprach davon, dass die Zeit für eine „Entweltlichung“ gekommen sei, eine Zeit, die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen. Der Papst meint damit keineswegs einen Rückzug aus der Welt, sondern betonte: „Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.“
Die Worte des Papstes riefen bei den deutschen „Berufskatholiken“ Erstaunen und Betroffenheit aus, auch wenn sich die Bischöfe und Kirchenfunktionäre in ihren ersten Statements betont diplomatisch gaben und versuchten seine eindringlich Botschaft in Watte zu packen.
Zusammenfassend kann man sagen: Die Botschaft des Papstes könnte der katholischen Kirche in Deutschland wirklich neuen geistlichen Schwung verleihen. Nun liegt es an den „wirklich engagierten Katholiken“, seine Worte, die „wahrhaft Perlen“ gleichen, aufzunehmen und im konkreten Leben der Kirche fruchtbar werden zu lassen.
In vorliegendem Bildband ist das geistliche Testament des Papstes Wort für Wort dokumentiert. Die stimmungsvollen Bilder lassen eine Pastoralreise Revue passieren, die man ohne Übertreibung schon heute als Jahrhundertereignis für die Kirche in Deutschland bezeichnen kann.

Christoph Hurnaus
Der Papst in Deutschland. Von Michael Hesemann, Sankt Ulrich Verlag, 144 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen, 15,40 Euro

Diese und andere Bücher können bezogen werden bei: Christoph Hurnaus, Waltherstr. 21, 4020 Linz, Tel/Fax: 0732 788 117; Email: hurnaus@aon.at

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