VISION 20001/2012
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Mit Freude bekennen: „Jesus Christus ist der Herr!“

Artikel drucken Wenn Juden zum Glauben an Jesus Christus kommen (Urs Keusch)

Nach über 30 Jahren treffe ich einen ehemaligen Studienkollegen, den ich damals als gläubigen und engagierten Christen erlebt hatte. Wir kamen schon bald auf die Kirche zu sprechen, und er fragte mich, wie ich als aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts noch in einer so „verknöcherten Institution“ tätig sein könne. „Weil ich an Jesus Christus glaube, den Sohn Gottes,“ gebe ich zur Antwort.

Für einen Moment ist er konsterniert. „Sohn Gottes?“ fragt er zurück, „Du glaubst also immer noch,  dieser Jesus sei so etwas wie ein Gott gewesen? Wir sind doch alle Söhne Gottes, der eine mehr, der andere weniger, Buddha in besonderer Weise, Konfuzius, Krishna… Auch Jesus war einer von ihnen, mehr aber nicht…“
Wahrscheinlich haben Sie auch schon ähnliche Erfahrungen gemacht. Seit der Aufklärung und im Zuge der historisch-kritischen Exegese wurde der „Heilige Got­tes“ (Mk 24) immer mehr Seiner göttlichen Kleider beraubt. Der Neutestamentler Klaus Berger nennt es „Verkleinerung (des Gottmenschen) durch die historische Kritik“ und stellt mit Recht fest: „Kein Wunder, wenn sich für diesen Jesus kein Mensch mehr interessierte. “ Berger wird seinem Vorhaben gerecht, wenn er in der Einführung zu seinem Jesusbuch sagt: „Ich möchte den modernen Menschen sagen, was sie von Jesus haben“. Ein Buch, das man heute jedem wachen und suchenden Menschen und Christen wärmstens empfehlen kann.
Was für eine Gnade, was für ein Geschenk, was für ein ununterbrochener stiller Jubel im Herzen derjenigen Menschen, die noch glauben und bekennen können: „Jesus Christus ist der Herr, der Kyrios“ (Röm 10,9), der Sohn Gottes, das menschgewordene Wort Gottes, die lebendige Torah, „Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott“!
Wenn Jesus Christus nicht der wäre, den die Kirche auf Grundlage der biblischen Offenbarung seit den Anfängen der Apostel in ihren Konzilien und Lehraussagen verkündet, den ungezählte Heilige und Mystiker als den Herrn erfahren und geschaut haben, dann bräche das ganze christliche Gebäude zusammen: Lehre und Praxis, die christliche Hoffnung, der Glaube an die Eucharistie und die andern Sakramente, die Gotteskindschaft, das verheißene Erbe, die Kirche selbst, alles bräche zusammen.
Lassen Sie mich auf drei jüdische Menschen hinweisen, die zu Christus, dem Sohne Gottes, der lebendigen Torah, gefunden haben wie vor 2000 Jahren der von blindem Hass gegen das Christentum erfüllte Rabbiner Saulus von Tarsus. Denn es gibt kein größeres Wunder in der Welt der Gnade, kein strahlenderes Zeugnis für Christus, als wenn ein gläubiger, orthodoxer Jude – erst recht, wenn er noch ein hochangesehener Rabbiner einer Gemeinde ist – zum Glauben an den Gott Jesus Christus findet und dann bereit ist, bitterste Anfeindungen in Kauf zu nehmen und Ansehen, Stellung und Privilegien zu verlieren.  
Dieses Wunder geschah im Leben des Rabbiners Israel Eugenio Zolli (1881- 1956). Er war Oberrabbiner in Rom. Mit der Hilfe von Papst Pius XII.  gelang es ihm, im 2. Weltkrieg mehrere tausend Menschen vor der Deportation und Ermordung zu retten. Dann aber tat er etwas, was ihm die jüdische Gemeinde von Rom nie verzieh und was ihm viel Leid eingebracht hat: Er konvertierte zum katholischen Glauben und nahm den Taufnamen seines Papstes – Eugenio – an. Ein Entschluss, den Israel Eugenio Zolli weniger aus dem Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Pacelli-Papst vollzog, denn als Konsequenz einer gewachsenen Über­zeugung, die sich der hoch gebildete Philosoph und brillante Theologe in jahrelangen Bibelstudien erarbeitet hatte.
Die folgenden Stellen entnehme ich seiner Autobiografie: Eugenio Zolli, Der Rabbi von Rom, Pattloch-Verlag, ein inniges, lesenswertes Buch, von einem zarten mystischen Hauch durchweht, von dem man wünschte, alle Christen würden es lesen!
Eugenio Zolli schreibt  nun, was ihm im Jahre 1917 widerfahren ist: „An einem  Nachmittag saß ich allein an meinem Schreibtisch und arbeitete an einem meiner üblichen Artikel für die Lehrerstimme. Plötzlich hatte ich das Gefühl, völlig abwesend zu sein. Ich legte meinen Füllfederhalter auf den Tisch, ohne dass mir klar war, wodurch meine Arbeit unterbrochen worden war. Wie rasend begann ich den Namen Jesu anzurufen und fand keine Ruhe, bis mir sein Bild, groß und ohne jede Umrahmung, im Dunkel der Zimmerecke erschien. Ich betrachtete Ihn lange, ohne davor zurückzuschrecken, ganz  im Gegenteil, mein Inneres war von vollkommener Ruhe und Heiterkeit erfüllt.“
Ähnliche Christuserfahrungen wiederholen sich später im Leben von Zolli. Sie führten ihn – nach langer gründlicher Vertiefung in die biblische Offenbarung beider Testamente –  zur Konversion, ohne sein Judesein zu verleugnen. „Alles vollzog sich im milden, sanften Licht der lebendigen und erlebten Liebe und einer Vertrautheit, wie sie nur diese Liebe schenken kann.“
Israel Eugenio Zolli schreibt gegen Ende seines Buches die folgenden ernsten und berührenden Worte: „Im innersten Kern unserer Seele lebt in jedem von uns Jesus Christus, Christus, der der Weg zu Gott, das Leben in Gott und die Wahrheit von Gott ist. In uns lebt, verborgen und von uns zurückgewiesen, Jesus Christus, der Sohn Gottes. Er lebt in uns, doch wir verleugnen ihn ...“
Die Philosophin Simone Weil, 1909 in Paris als Tochter agnostisch-jüdischer Eltern geboren, 1943, bereits mit 34 Jahren gestorben, begann mit 28 Jahren sich für christliche Spiritualität zu interessieren. Auch sie erfährt die gnadenhafte Nähe des Herrn. So schreibt Sie einem Freund, dass sie, wenn sie „heftige Anfälle von Kopfschmerzen“ hatte, immer wieder ein englisches Gedicht aufsagte, das den Titel “Liebe“ trage. „Aber“, so fährt sie fort, „dieses Sprechen hatte, ohne dass ich es wusste, die Kraft eines Gebetes. Einmal, während ich es sprach, ist, wie ich Ihnen schon geschrieben habe, Christus selbst herniedergestiegen und hat mich ergriffen.“
Doch es bleibt nicht bei diesem einen Mal. Noch des öfteren, wenn Simone Weil das „Vater unser“ betet, macht sie die gleiche, ja noch stärkere Christuserfahrung: „Mitunter auch ist während dieses Sprechens (des „Vater unser“)  oder zu anderen Augenblicken Christus in Person anwesend, jedoch mit einer unendlich viel wirklicheren, durchdringenderen, klareren und liebevolleren Gegenwart als jenes erste Mal, da er mich ergriffen hat.“
Simone Weil erfährt Christus als den Herrn (Kyrios), als das Wort, die Wahrheit. Doch bei aller persönlichen und subjektiven Christuserfahrung geht es ihr immer und vor allem um die Wahrheit, so dass sie einmal in diesem Zusammenhang einem Freund schreibt: „Christus liebt es, dass man Ihm die Wahrheit vorzieht, denn ehe er Christus ist, ist er die Wahrheit.“
Roy Schoenmann, 1951 in New York geboren, Schüler der prominentesten US-amerikanischen Rabbiner und Software-Entwickler, beschreibt in seinem empfehlenswerten Buch Das Heil kommt von den Juden, Got­tes Plan für sein Volk, wie er als Jude zum christlichen Glauben fand, zur katholischen Kirche konvertierte und so die Erfüllung seines Judeseins erfahren hatte.
Es begann mit einem gnadenhaften Erlebnis, während er am Meerufer spazieren geht und, wie er es selbst ausdrückt „in den Himmel fiel. Das heißt, ich befand mich bei klarem Verstand in der spürbaren Gegenwart Got­tes“. Dieses Erlebnis wurde ein Jahr später durch ein visionäres Erlebnis vertieft, das er in der Nacht erlebte, als er sich zur Ruhe begab. Er begegnet der seligen Mutter unseres Herrn, und „sie war bereit, mir jede Frage zu beantworten, die ich ihr stellen würde ... Dieses Erlebnis fand im völligen Wachzustand statt, und meine Erinnerung daran ist lebendig. Ich erinnere mich an alle Einzelheiten, einschließlich natürlich der Fragen und Antworten, doch all das verblasst neben dem eigentlichen Ereignis: der Verzückung, in ihrer Gegenwart zu sein, in der Reinheit und Intensität ihrer Liebe... Der Gott, der sich mir am Strand offenbart hatte, war Christus.“
Wenn Juden zum Glauben an den Gott Jesus Christus finden wie vor 2000 Jahren der Rabbiner Saulus von Tarsus, dann sind das vielleicht die größten, die am meisten Staunen erregenden Wunder der barmherzigen Gnade Gottes – und die strahlendsten Zeugnisse für seinen Sohn Jesus Christus! Der Widerstand vieler der verantwortlichen Juden damals vor 2000 Jahren gegen den Messias Jesus entzündete sich ja hauptsächlich daran, dass Jesus sich in vielen seiner Selbstaussagen so nah an den Gott Israels heranrückte, dass es als Gotteslästerung empfunden wurde. „Wer mich sieht, sieht den Vater“  - „Der Vater und ich sind eins“. – „Ehe Abraham ward, bin ich.“ Als Jesus Sünden vergibt, empören sich die Theologen über ihn: „Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott. Er lästert Gott.“
Das Christusgeheimnis ist ein für uns Menschen ganz und gar unfassbares göttliches Mysterium. Wir können die Jesusworte nie genug meditieren: „Niemand kennt den Sohn, nur der Vater ... Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt ... “ (Mt 11,27; Joh 6,44)
Die Zeit der „billigen Gnade“ ist vorbei. Wir müssen uns den Glauben und die Erkenntnis des Sohnes Gottes durch inständiges Gebet und Nachfolge ein Leben lang vom Vater erbitten und durch Studium der göttlichen Offenbarung vertiefen. Den Sohn Gottes kennen und lieben zu dürfen, ist die größte aller Gnaden, das herrlichste Geschenk, das absolut Höchste, was uns Menschen vom Himmel her geschenkt werden kann. Und „diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen“ (2 Kor 4,7). Geben wir Acht! Mühen wir uns mit Furcht und Zittern um unser Heil! (Phil 2,12)
Urs Keusch

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