VISION 20002/2012
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Es siegte der kleine, glaubensstarke David

Artikel drucken Der dramatische Kampf zwischen Kultur des Todes und Kultur des Lebens (Christof Gaspari)

Die Völker Europas haben sich mittlerweile häuslich neben den Leichenbergen, die von der Abtreibungsindustrie Jahr für Jahr „produziert“ werden, eingerichtet. Und sie beginnen, sich mit dem Gedanken an die Tötung der Alten, Dementen und Leidenden anzufreunden. Höchste Zeit für einen Weckruf!

Wenn man bedenkt, welche Milliardenbeträge jedes Jahr in das Gesundheitswesen gesteckt werden, welche Anstrengungen unternommen werden, um Aids oder Krebs zu bekämpfen, erkennt man den krassen Widerspruch zum Umgang mit der Todesursache Nummer 1, der Tötung ungeborener Kinder: Sie wird im Gegenteil heruntergespielt, banalisiert, ja gefördert.
Um das zu illustrieren habe ich wieder einmal in meinen Notizen gestöbert und ein paar einschlägige Meldungen herausgefischt: Das deutsche Bundesforschungsministerium fördert mit 230.000 Euro ein Verfahren, mit dem bereits in der 10. Schwangerschaftswoche ein Down-Syndrom (Mongoloismus) erkannt werden kann. Diese Erkenntnis wird ganz überwiegend dazu benutzt, das Kind „rechtzeitig“ umzubringen.
Ebenfalls in Deutschland stimmte im Vorjahr eine Mehrheit der Abgeordneten dafür, dass bei künstlicher Befruchtung die gezeugten Kinder getestet werden dürfen. Mit dem Test soll dem Wunsch der Eltern entsprochen werden, ein gesundes Kind zu bekommen. Kinder, die den Test nicht bestehen, werden „entsorgt“ (sprich umgebracht).
In Wiens U-Bahnstationen hängen Plakate, die für eine Wiener Abtreibungsklinik werben. Angelockt wird die Kundschaft mit dem schönen Wort „Hilfe“.
Im Rahmen der 18. Generalversammlung des UN-Menschenrechtsrats forderte Anand Grover aus Indien wieder einmal den weltweit ungehinderten Zugang zu Abtreibungen. Solche Forderungen gehören zur Tagesordnung vieler UN-Organisationen und laufen unter dem Schlagwort „Sexuelle und reproduktive Rechte“, „Selbstbestimmung der Frau“, „Recht auf Gesundheit“.
Im August des Vorjahres forderte Österreichs Gesundheitsminister (!) Alois Stöger die bundesweite Versorgung mit Abtreibungsmöglichkeiten in öffentlichen Spitälern. „Es wird ja eine ganze Personengruppe, nämlich die Frauen, nicht ernst genommen, wenn es in ganz Westösterreich kein Angebot gibt. Das geht nicht,“ zitiert ihn News. „Hier haben die Länder eine Verantwortung.“
Und in Wien übernimmt die Stadt die Kosten von Abtreibungen von Frauen, die ein niedriges Einkommen haben – eine Praxis die übrigens in vielen Ländern gang und gäbe ist.
Es scheint, als gehöre Abtreibung zum modernen Lebensstil. Man hat sich weitgehend damit abgefunden. Auch die Kirche tritt in dieser Frage leise. Typisch dafür ein Interview (Der Standard v. 19.11.09): Da stellte die Generalsekretärin der „Aktion Leben“, einer von der katholischen Kirche Österreichs geförderten Einrichtung, bezüglich ihrer Beratungstätigkeit fest: „Wir raten zu gar nichts. Das würde dem Wesen der Beratung vollkommen widersprechen! Beratung heißt nicht, Ratschläge zu geben. Wir sind der Ansicht: Das Recht auf Leben hat jede und jeder. Bei einem Schwangerschaftskonflikt steht nun Leben gegen Leben. Jede schwangere Frau weiß, worum es da geht.“
Eine von der Kirche geförderte Einrichtung rät „zu gar nichts“ – und tut so, als wäre das Leben der Mutter durch das Kind bedroht – welche Verwirrung!
Kein Wunder, dass in unserem Land Abtreibung alltäglich geworden ist, wenn selbst ehemalige Abtreibungsgegner („Aktion Leben“ initiierte das Volksbegehren gegen die Fristenregelung) einen solchen Kurswechsel vollziehen. Die Gewöhnung an das himmelschreiende Unrecht ist erschreckend. Und dabei sind die Opferzahlen wahrhaft horrend: Seit Einführung der Fristenregelung sind in Österreich rund eine Million Kinder Opfer von Abtreibungen geworden – was etwa der Bevölkerung von Tirol und Vorarlberg entspricht.
Sind wir nicht alle mehr oder weniger von diesem Gewöhnungseffekt betroffen? Schweigen wir nicht auch allzu leicht, wenn ein Gespräch auf das Thema Abtreibung, Verhütung, Euthanasie kommt? Und: Wann haben Sie, liebe Leser, das letzte Mal eine Predigt zu diesem Thema, das uns eigentlich alle beschäftigen sollte, gehört? Wann einen pointierten, engagierten Hirtenbrief zu Ohren bekommen?
Dieses Leisetreten ermutigt natürlich die Verfechter der Kultur des Todes. Und sie gehen daran, konsequent den Dammbruch am Ende des Lebens voranzutreiben. In den Benelux-Staaten ist dies schon weitgehend gelungen. Auch dazu einige Meldungen:
In den Niederlanden hat sich nach der Straffreistellung der „Tötung auf Verlangen“ längst die „Tötung ohne Verlangen“ durchgesetzt. Drei im Auftrag der Regierung durchgeführte Studien kommen zu dem Ergebnis, dass etwa 25% der Tötungen von Alten und Leidenden ohne Zustimmung der Betroffenen stattfindet. Nach ihren Motiven für ein derartiges Tun befragt, gaben die Ärzte Gründe wie „die Nächsten konnten es nicht mehr ertragen“ (38%) oder auch „geringe Lebensqualität“ (36%) zu Protokoll (siehe auch S. 30).
Oder Belgien: Innerhalb von sechs Jahren ist dort die Zahl der tödlich verarbreichten Spritzen um 250% gestiegen. Auch dort entscheiden vielfach Verwandte und Ärzte über Tod und Leben. Mittlerweile werden auch psychische Leiden als Grund für eine vorzeitige Beendigung des Lebens herangezogen. So plädiert Wim Distelmans, Vorsitzender des Kontrollgremiums für das Euthanasiegesetz, dafür, auch Jugendlichen und Alzheimer-Patienten die Tötung auf Verlangen zu ermöglichen.
Wie sehr diese Tötungslogik im Bewusstsein breiter Schichten Fuß gefasst hat, zeigt das Beispiel der Schweiz. Dort wurde im Frühjahr 2011 eine Volksabstimmung „Stopp der Suizidhilfe“ im Kanton Zürich mit einer Mehrheit von 85% (!) abgelehnt.
Auf diesem Hintergrund versteht man auch, dass François Hollande, Kandidat der Linken für die bevorstehende Präsidentschaftswahl in Frankreich, die Legalisierung der Euthanasie auf seine Fahnen geschrieben hat. Im Falle seiner Wahl wolle er eine Regelung nach holländischem Vorbild – selbstverständlich unter strengsten Auflagen und nur in äußersten Notfällen (man kennt die Masche) – einführen.
Ein weiterer Dammbruch ist längst alltäglich geworden: die  Organtransplantation. Sie be­nö­tigt lebende Organe. Und lebende Organe entnimmt man nun einmal nicht toten Menschen. Eigentlich eine einfach einzusehende Logik. Aber sie wurde kunstvoll vernebelt durch die Einführung des Hirntods, der Menschen für tot erklärt, deren Herz noch schlägt und deren Körper durchblutet wird und die sogar im Falle einer Schwangerschaft imstande sind, ein Kind auszutragen… (Näheres siehe S. 6-7).
Ich lasse es mit diesen Schilderungen bewenden, liebe Leser. Es geht nicht darum, schwarz zu malen, sondern aufzurütteln. Es ist höchste Zeit, uns aus unserer Lethargie zu befreien, für die Kultur des Lebens einzutreten, jeder an seinem Platz, mit seinen Möglichkeiten. Auf den folgenden Seiten gibt es eine Reihe von Anregungen dazu.
Im Rahmen dieses Artikels möchte ich aber noch auf ermutigende Ereignisse und Initiativen hinweisen.
Da ist etwa die Meldung aus Italien, dass sich im Februar eine Gruppe von 60 Parlamentariern rund um Senator Stefano De Lillo zusammengeschlossen hat, um für den Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod einzutreten. Oder eine andere Meldung vom 18. Oktober des Vorjahres: Da entschied der Europäische Gerichtshof in einem Patentstreit, dass das menschliche Leben mit der Empfängnis beginnt und eines rechtlichen Schutzes bedarf. Auch wenn sich das bis jetzt noch nicht zu den nationalen Entscheidungsträgern herumgesprochen hat, stellt es doch eine ins Gewicht fallende Referenz dar.
Ermutigend ist auch ein Bericht aus Frankreich: Dort nahmen Ende Jänner rund 30.000 Personen an einem Marsch für das Leben in Paris („Marche pour la vie“) teil. Bemerkenswerter Weise waren sehr viele Jugendliche bei dieser Kundgebung zu sehen – und 28 Bischöfe!
Noch eindrucksvoller sind die Zahlen in den Vereinigten Staaten. Dort versammeln sich Jahr für Jahr Hunderttausende in verschiedenen Städten für den „March for life“. Auch da prägen vor allem Jugendliche das Bild. Und bemerkenswert ist ebenfalls die Beteiligung von Kardinälen und Bischöfen an den Kundgebungen. Sie sind es auch, die sich an Gebetsaktionen (-vigilien) vor Abtreibungskliniken beteiligen und damit auf eine dem Christen angemessene Weise in den Kampf zwischen Kultur des Lebens und Kultur des Todes eintreten (siehe auch S. 13).
Nicht vorenthalten möchte ich Ihnen, liebe Leser, die Geschichte einer Initiative von David Bereit aus Texas (L’Homme Nouveau v. 7.5.11). Bereit initiierte eine 40-tägige Gebetsvigil für das Leben in einem Ort mit 200.000 Einwohnern. Zu seinem Erstaunen beteiligten sich in nur wenigen Wochen 1.000 Personen an der Aktion. Und noch staunenswerter: Es kam zu einem Rückgang der Abtreibungszahlen um rund 25%. Diese Erfolge ermutigten zu einer Ausweitung der Initiative. Im Folgejahr beteiligten sich bereits ein halbes Dutzend Pro-Life-Gruppen. Und die Bewegung gewann an Bedeutung. 2010 waren es 1300 Gebetsvigilien in 390 Städten mit mehr als 400.000 Teilnehmern. Katholische Bischöfe beteiligten sich ebenso wie protestantische Gemeinschaften. Mehr als 4.000 ungeborene Kinder wurden in der Zwischenzeit gerettet, Abtreibungskliniken geschlossen, rund 50 Mitarbeiter solcher Kliniken gaben ihren Job auf, die Initiative wurde im Ausland aufgegriffen…
Fazit: Es geht darum, im Kampf zwischen Kultur des Todes und des Lebens die Rüstung Gottes anzulegen. Im Epheserbrief zählt Paulus auf: den Panzer der Gerechtigkeit, das Schild des Glaubens, den Helm des Heils, das Schwert des Geistes. „Hört nicht auf zu beten und zu flehen!“ (Eph 6,18), ruft uns der Apostel zu.
Ermutigung sprach auch der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz , Kardinal Timothy Dolan, den Teilnehmern der diesjährigen Gebetsvigil vor dem „Pro Life March“ zu (siehe S. 31). Er verglich den heutigen Kampf um den Lebensschutz mit dem zwischen David und Goliath. Die Pro-Life-Bewegung sei wie David „vom Goliath der gut geschmierten, gut geimpften Massen der Abtreibungsbefürworter in den Schatten gestellt worden – aber es siegte nicht der Riese Goliath, oder? Es siegte der zuversichtliche, kluge, gottesgläubige, energievolle kleine David!“
Christof Gaspari

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