VISION 20002/2012
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Das wichtigste Seelsorgethema heute

Artikel drucken Die Heilung von Leiden im Gefolge von Abtreibungen: (Von Alexandra Maria Linder)

Millionen Frauen leiden an den Folgen von Abtreibungen, am Post Abortion Syndrom (PAS). Wie groß ist da der Bedarf an Heilung! Wahrhaft heilen kann letztlich aber nur Gott – welche Herausforderung für den Dienst der Kirche!


Abtreibung ist die häufigste Todesursache der Welt. Während etwa 18 Millionen Menschen jährlich an Herz-Kreislauferkrankungen und 2,5 Millionen Menschen an Aids sterben, hat die Abtreibung in jedem Jahr mindestens 42 Millionen getötete Kinder und verletzte Frauen zur Folge. Nicht mit eingerechnet sind Kinder, die so früh abgetrieben werden, dass es die Frauen oft gar nicht bemerken – durch die Pille, die Spirale oder die als „Notfallverhütung“ verkaufte Pille danach.
Abgesehen von der menschlichen Katastrophe, Milliarden unschuldiger Kinder ohne Notwendigkeit zu töten, gibt es eine weitere Tragödie, die umso schlimmer ist, als angeblich frauenfreundliche Organisationen sich nicht darum kümmern: PAS, das Post Abortion Syndrome. Die unter diesem Begriff zusammengefassten möglichen Folgen einer Abtreibung für die Frau werden öffentlich verleugnet. Bei International Planned Parenthood Federation, Pro Familia oder UNFPA geht das ideologische Bestreben dahin, Abtreibung als Menschenrecht weltweit legal und sicher anzubieten. Hier das Lebensrecht der Kinder oder PAS bei den Müttern als Tatsachen ins Feld zu führen, passt nicht ins Konzept und muss daher unter den Teppich gekehrt werden.
Zwar geben solche Organisationen zu, dass man nach einer Abtreibung „Trauer empfinden“ kann, sie behaupten aber gleichzeitig, man entferne lediglich „Gebärmutterinhalt“ oder „Schwangerschaftsgewebe“. Offensichtlich entgeht ihnen der eigene Widerspruch: Um Gewebe trauert man nicht. Die Auswirkungen einer solchen ideologischen Verleugnungspolitik müssen die Betroffenen tragen, die zum Teil jahrzehntelang leiden.
Wenn da vehement behauptet wird, nach einer Abtreibung könne man weiterleben wie zuvor, wird der wahre Grund des Leidens nicht erkannt bzw. anerkannt. Die Aussicht auf Heilung ist damit sehr gering.
PAS kann sich in körperlichen und seelischen Symptomen äußern. Bei nicht wenigen Paaren liegt die Ursache ungewollter Kinderlosigkeit in einer früheren Abtreibung. Früh- und Fehlgeburten kommen häufiger vor. Das Brustkrebsrisiko steigt bei Frauen, die abgetrieben haben, stark an, weil sich die Brustzellen auf Schwangerschaft und Geburt vorbereitet haben und durch den unnatürlichen Abbruch entarten können. Weitere mögliche Leiden, die nicht mit Abtreibung in Verbindung gebracht werden, sind Migräne oder chronische Verdauungsstörungen.
Deutlich ausgeprägter sind seelische Folgen. Keine Frau, die ein Kind erwartet, sagt: „Ich bekomme einen Zellklumpen.“ Sie weiß, dass es sich um einen Menschen handelt, der ab der Zeugung ein Individuum ist und eine Seele besitzt. Das weiß sie auch, wenn sie ihr Kind hat abtreiben lassen. Man kann es verdrängen, mit verfälschendem Vokabular leugnen oder als Dienstleistung im Rahmen der „reproduktiven Rechte“ anbieten.
Die Tatsache aber, dass es sich um die Tötung des eigenen Kindes und damit auch um eine Schuld handelt, ist den meisten Frauen bewusst. Und zwar nicht, weil, wie Abtreibungsverfechter behaupten, die Kirche und die Lebensrechtler den Frauen ein schlechtes Gewissen einreden.
Es ist eine Verantwortung, die der Mensch hat und um die er weiß. Je weniger eine Frau die Möglichkeit hat, sich dieser Verantwortung bewusst zu werden, sich ihr zu stellen und damit umzugehen, desto schlimmer können die Folgen sein. Neben Schuld- und Schamgefühlen sind das Depressionen, Beziehungsschwierigkeiten, ein sogenanntes Roboter-Feeling, Überreaktionen beim Anblick eines Kindes, Wutausbrüche, Konzentrationsstörungen und Albträume bis hin zu steigenden Raten in den Bereichen Alkohol, Drogensucht und Selbstmord.
Diesen Frauen kann nur geholfen werden, wenn man die Ursache erkennt und dann auf seelischem wie körperlichem Gebiet einen Heilungsprozess beginnt. Für den seelischen Heilungsprozess ist vor allem Sensibilität im Umgang erforderlich, weil es einer Frau ohnehin unglaublich schwerfällt, darüber zu sprechen.
In besonderer Weise sind hier Seelsorger gefragt. Was wäre das für ein Befreiungsschlag für all diese jahrelang leidenden Menschen, wenn die Katholische Kirche in einer großangelegten Kampagne Seel­sorge für Frauen und Männer nach Abtreibung anbieten würde! Denn auch bei Vätern gibt es PAS, ein Thema, das bisher fehlt und unbedingt als nächstes angegangen werden sollte: Das Leiden von Vätern, die erleben mussten, dass sie ihre Kinder nicht retten konnten, kann sich etwa darin äußern, dass sie nie wieder eine Beziehung eingehen, keine Kinder mehr haben möchten, dass sie jähzornig werden oder sich in gefährliche Hobbys stürzen.
Johannes Paul II. hat es in Evangelium Vitae (99) klar und deutlich formuliert: „Die Wunde in eurem Herzen ist wahrscheinlich noch nicht vernarbt. Was geschehen ist, war und bleibt in der Tat zutiefst unrecht. Lasst euch jedoch nicht von Mutlosigkeit ergreifen, und gebt die Hoffnung nicht auf. Sucht vielmehr das Geschehene zu verstehen und interpretiert es in seiner Wahrheit (…) Der Vater allen Erbarmens wartet auf euch, um euch im Sakrament der Versöhnung seine Vergebung und seinen Frieden anzubieten.“
In Europa ist von diesem Aufbruch bisher wenig zu bemerken, während es in den USA seit längerem einen Leitfaden für Seel­sorger gibt, um diese immense, zahlenmäßig kaum abzuschätzende Aufgabe anzugehen: Seel­sorge nach Abtreibung, von der US-amerikanischen Bischofskonferenz herausgegeben, wurde von Lebensrechtsorganisationen ins Deutsche übersetzt.
Ausführlich wird darin unter anderem die Situation der Frauen beschrieben, verschiedene Formen des Gespräches werden vorgestellt. Natürlich nimmt auch die Beichte in diesem Zusammenhang einen wichtigen Platz ein. Da es sich hier um ein besonderes Feld der Seelsorge handelt, sollten besondere Vorbereitungen getroffen und bestimmte Aspekte beachtet werden.
Der erste und schwierigste Punkt liegt darin, den Kontakt zu einer Frau zu bekommen, die abgetrieben hat, überhaupt zu bemerken, dass hier ein seelsorgerlicher Bedarf bestehen könnte. Abtreibung ist ein Tabuthema, über das niemand gerne spricht. Wie also kann ein Priester, kann eine Gemeinde dafür sorgen, dass eine Frau sich öffnet? Ein erster Schritt ist die Einbindung des Themas in Gebete und Gottesdienste: Gebetszettel, die in der Kirche aufliegen, Fürbitten für Kinder vor der Geburt und ihre Angehörigen, Predigten zum Thema.
Wichtig ist hier, die Wahrheit zu sagen – belogen hat man diese Menschen lange genug. Sowohl die Tötung des Kindes als auch die Verantwortung der daran beteiligten Menschen müssen klar formuliert werden, gleichzeitig aber unbedingt auch die Notlage, in der sich die meisten Frauen befunden haben, und die Möglichkeit der Versöhnung. Denn viele Frauen glauben, dass sie verdammt sind und niemals Vergebung oder Versöhnung finden werden. Deshalb ist die unmittelbare Verknüpfung beider Aspekte sehr wichtig.
In einer Gemeinde, in der Abtreibung tabubefreit und vorwurfsfrei vor dem Hintergrund der Versöhnungsmöglichkeit integriert ist, wird es einer Frau deutlich leichter fallen, selbst darüber zu sprechen. Eine Hilfe zur Kontaktaufnahme ist zum Beispiel ein fester Ansprechpartner in der Gemeinde, eine Telefonnummer, die man auch anonym anrufen kann, regelmäßig können Gebetszeiten in der Kirche angeboten werden.
Trotzdem ist es möglich, dass es Jahre dauert, bevor die erste Frau dieses Angebot annimmt. Hierbei muss man sich immer bewusst sein, dass die Abtreibung zum Teil Jahrzehnte zurückliegt, also lange und intensiv verdrängt wurde. Es braucht Zeit, um diesen Panzer zu durchbrechen.
Besonders wichtig ist auch das Kind, das abgetrieben wurde. Es wäre eine starke symbolische Handlung, wenn sich die Kirchen dazu entschließen könnten, nicht nur sporadisch, sondern auf jedem Friedhof eine Gedenkstätte für Kinder einzurichten, die vor der Geburt gestorben sind, und zwar unabhängig von der Todesart. Gelegentlich werden solche Orte angeboten, jedoch ohne die abgetriebenen Kinder dort offiziell mit einzuschließen. Das aber ist notwendig, weil auch um diese Kinder getrauert wird und getrauert werden muss.
Wenn die Rahmenbedingungen in der Kirchengemeinde so gestaltet sind, dass eine Frau das Gespräch sucht, hilft der Seelsorge-Leitfaden dabei, die entsprechenden Besonderheiten zu beachten, Schwerpunkte zu setzen und den Vergebungs- und Heilungsprozess auf den Weg zu bringen. Hier geht die Broschüre ins Detail und empfiehlt zum Beispiel äußere Rahmenbedingungen für die ersten Gespräche oder mögliche Formen der ganz persönlichen Trauer um das Kind.
Um Menschen zu erreichen, die der Kirche fernstehen oder keinen Zugang dazu haben, sollten die Gesprächsangebote über den Gemeinderaum hinausgehen, so dass auch solche Frauen ganz unverbindlich kommen können.
Die Seelsorge nach einer Abtreibung, die Millionen Menschen dringend benötigen, gehört zu den ureigensten Aufgaben der Kirche, die keine andere Institution in dieser Form erfüllen kann.

Die Autorin ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) und leitet ein Telefon-Notrufprojekt für Schwangere: vitaL – Es gibt Alternativen.

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