VISION 20006/2012
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Das Christentum hat immer Zukunft

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Der erste Grund meiner Hoffnung beruht auf der Tatsache, dass die Sehnsucht nach Gott, die Suche nach Gott tief in jedes menschliche Herz eingeschrieben ist und nicht verschwinden kann. Gewiss, eine gewisse Zeitlang kann man Gott vergessen, ihn zurückstellen, sich um andere Dinge kümmern, doch Gott verschwindet nie. Es ist einfach wahr, was der heilige Augustinus sagt, dass wir Menschen unruhig sind, so lange wir Gott nicht gefunden haben. Diese Unruhe gibt es auch heute. Es besteht die Hoffnung, dass der Mensch sich immer von Neuem, auch heute, zu diesem Gott aufmacht.
Der zweite Grund meiner Hoffnung beruht auf der Tatsache, dass das Evangelium Jesu Christi, der Glaube an Christus einfach wahr ist. Und die Wahrheit altert nicht. Auch sie kann eine gewisse Zeitlang vergessen werden, man kann andere Dinge finden, man kann sie zurückstellen, aber die Wahrheit als solche verschwindet nicht.
Die Zeit der Ideologien ist beschränkt. Sie scheinen stark, unwiderstehlich, aber nach einer gewissen Zeit verbrauchen sie sich, haben sie keine Kraft mehr, weil ihnen eine tiefe Wahrheit fehlt. Sie sind Teilchen der Wahrheit, aber am Ende haben sie sich verbraucht.
Das Evangelium hingegen ist wahr und verbraucht sich daher nie. In allen Epochen der Geschichte erscheinen seine neuen Dimensionen, erscheint seine ganze Neuheit, um auf das Bedürfnis des Herzens und der menschlichen Vernunft zu antworten, die dem Weg dieser Wahrheit folgen und sich dort finden kann. Und daher bin ich gerade aus diesem Grund, überzeugt, dass es auch einen neuen Frühling des Christentums gibt.
Einen dritten, empirischen Grund sehen wir in der Tatsache, dass diese Unruhe heute die Jugend beschäftigt. Die jungen Menschen haben vieles gesehen – die Angebote der Ideologien und des Konsumismus – doch sie erfassen die Leere in all dem, die Unzulänglichkeit. Der Mensch ist für die Unendlichkeit geschaffen. Alles Endliche ist zu wenig.
Und daher sehen wir, wie gerade in den neuen Generationen diese Unruhe von Neuem erwacht und sie sich auf den Weg machen. Und so wird erneut die Schönheit des Christentums entdeckt: kein Christentum zum halben Preis, kein verkürztes Christentum, sondern ein Christentum in seiner ganzen Radikalität und Tiefe.
Mir scheint also, dass die Anthropologie als solche uns anzeigt, dass es immer ein neues Erwachen des Christentums geben wird, und die Tatsachen bestätigen das, mit einem Wort: tiefes Fundament. Das ist das Christentum. Es ist wahr, und die Wahrheit hat immer eine Zukunft.

Aus dem Interview mit Papst Benedikt XVI. für den Fernsehfilm „Bells of Europe“, in dem es um die Beziehung von Christentum und Europa geht. Zitiert in Die Tagespost v. 18.10.12


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