VISION 20001/2013
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Der Tod ist die Stunde der Wahrheit

Artikel drucken Über die Stunde der Begegnung mit Jesus Christus

Was Sterben bedeutet, kann sich niemand vorstellen. Da besitzen wir keine Erfahrungswerte. Entscheidend aber ist es, sich auf dieses Ereignis gut vorzubereiten, um im entscheidenden Moment nicht fehlzugehen. Dass diese Möglichkeit besteht, davor warnt uns Jesus selbst.

Warum haben wir solche Angst vor dem Tod?
P. Jean-Miguel Garrigues: Die meisten Menschen fürchten sich – durchaus zurecht – vor den Schmerzen, die dem Tod voraus- und mit der Krankheit oder einem Unfall einhergehen. Diese Angst steht mit unserem Selbsterhaltungstrieb in Beziehung. Allerdings begegnen wir auch einer tiefer in uns verwurzelten Angst vor dem Tod selbst. Sich mit ihm zu beschäftigen, erzeugt so etwas wie ein Schwindelgefühl in unserem Geist. Denn, was den Tod anbelangt, besitzen wir keine Erfahrungswerte und das mit ihm verbundene Geschehen entzieht sich total unserem Zugriff. Er ist das unausweichliche Ende unseres Lebens, das wir uns in keiner Weise vorstellen können, von dem wir überhaupt nicht wissen, wie wir mit ihm umgehen werden, wenn es soweit ist. Der Tod führt uns in eine vollständige Armut. Er nimmt uns alles, auch unseren Leib. Daher hat ihn Léon Bloy auch „das Tor der Demütigen“ genannt.

Ist nicht der unerwartete auch der schönste Tod?
P. Paul Préaux: Im Grunde genommen gibt es keinen „schönen Tod“. Seit jeher ist er ja etwas Gewaltsames, eine Absurdität. Ein Leben, das zu Ende ist, ist immer eine Anomalie. Wie immer auch die Perspektiven sein mögen, mit denen man ihn zu deuten sucht – man darf nie das menschliche Drama aus dem Blick verlieren, das der Tod darstellt. Tatsächlich vertragen wir nämlich Gedanken, mit denen wir uns bewusst den eigenen Tod vor Augen führen, nur schwer. In der heute vorherrschenden Sichtweise ist der schönste Tod, den man sich wünscht, ein rascher und schmerzloser. Nur nicht das Sterben miterleben! „Vor einem plötzlichen und unvorhergesehenen Tod bewahre uns“, betete man allerdings früher in der Heiligenlitanei. Wie immer auch die Umstände sein mögen – sanft oder gewalttätig –, der schönste Tod ist jener, der uns nicht überrascht, einer, der nicht aus unserer Lebensperspektive verbannt, sondern in sie integriert ist.

Was sind also die Bedingungen für einen „schönen Tod“?
P. Préaux: Vor ein paar Jahren haben sich zwei verlobte junge Leute auf die Ehe vorbereitet: gut situiert, mit Diplomen ausgestattet, strahlend, intakte Familien, Zukunftspläne… Alles schien eitel Wonne. Einige Tage vor der Hochzeit kommen sie bei einem Motorradunfall ums Leben. Ein Drama, große Bestürzung… Die Familien erwartete jedoch eine große Überraschung. Man fand in ihren Unterlagen ein gemeinsam verfasstes Testament. Durch eine geheimnisvolle Eingebung hatten sie geahnt, dass der Lebensfaden brutal zerreißen könnte. Sie hatten das bedacht und waren darauf vorbereitet, hatten ihr Leben im Voraus in Gottes Hände gelegt. Dieser brutale Tod hat sie wahrscheinlich weniger überrascht als Personen, die, obwohl unheilbar krank, sich mit allen Mitteln gegen den Gedanken an ein unausweichliches Ende wehren. Eine Haltung, die trotz aller gegenteiligen Evidenz oft von deren Umgebung gefördert wird …

Werde ich zu „meiner“ Stunde sterben?
P. Garrigues: Ja, in einem doppelten Sinn. Zunächst, weil Gott sie in Seiner Vorsehung festgelegt hat. Diese ist ewig, jenseits der Zeit und geht daher nicht meinem freien Handeln voraus, sondern ist mit ihm deckungsgleich. Meine Todesstunde ist das Ziel, zu dem mich Gott durch eine Unzahl von Zweitursachen führt. Unter Wahrung meiner Freiheit zieht Er mich aber durch Seine Gnade auch an sich, hin zu einer endgültigen Begegnung mit Ihm. (…) Er wird diese gnadenhafte Anziehung auf meine freie Entscheidung ausüben, bis ich vor Ihn und daher auch in das Licht Seiner Wahrheit trete. Weiters aber ist sie auch deswegen meine Stunde, weil ich es bin – wie wir schon sagten –, der sich entscheiden muss, dieses endgültige Kommen Gottes in mein Leben anzunehmen oder abzulehnen.

Soll man an ein Gericht Gottes nach dem Tod glauben?
P. Bernard Bastian: Die Apokalypse stellt klar, dass uns unsere Werke begleiten. Das heißt: Man tritt ins Jenseits ein mit allem, was man ist. Mir fällt es schwer zu glauben, dass der Nationalsozialist Eichmann, der bis zu seiner Hinrichtung stolz auf seine Verbrechen war, gleich behandelt wird wie jemand, der sich in seinem Leben um das Gute bemüht hat. Eichmann wird – wie übrigens jeder von uns – mit dem Gericht Gottes konfrontiert werden. Vergessen wir aber nicht: Es handelt sich wesentlich um ein Gericht der Liebe, das den Sünder zu retten und den, der sein Recht verloren hatte, gerecht zu machen trachtet.

Auch im New Age spricht man von einem Leben nach dem Tod. Welchen Unterschied gibt es da zum christlichen Glauben?
P. Bastian: Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden: die Personalisierung. Für den Christen gilt: „Nicht der Tod kommt uns holen, sondern der liebe Gott,“ hat die heilige Thérèse von Lisieux einmal treffend gesagt. Für jeden Menschen ist der Tod eine Begegnung: Der Vater sendet dem Sterbenden den Sohn entgegen, um ihm das wahre Gesicht Gottes vorzustellen. Der Tod ist „die Stunde der Wahrheit“, der äußerste Akt der Freiheit. Wir stehen Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüber in einer Weise, die wir in unserem ganzen Leben nicht erlebt hatten: der Mensch, befreit von allen seinen Bedingtheiten, vor Gott, wie Er ist. Der Sohn – Gott hat uns alle als Söhne geschaffen – von Angesicht zu Angesicht mit dem Vater.

Muss man an die Hölle glauben?
P. Alain Bandelier: Auf diese Frage gebe ich oft diese Antwort: Um an die Hölle zu glauben, genügt es mir, dass Jesus klarstellt, dass sie existiert. Es bedarf schon ziemlicher geistiger Verrenkungen, um zu übersehen, dass im Evangelium oft von der Hölle die Rede ist. Und außerdem: Die Realität der Hölle, also der vollständigen und endgültigen Ablehnung Gottes, zu leugnen, bedeutet, die Wirklichkeit des Menschen und die Wahrheit Gottes zu verneinen.
1. Wenn die Hölle nicht existiert oder keine reale Möglichkeit darstellt, dann ist die Freiheit des Menschen ein schlechter Scherz: Du kannst dann machen, was du willst, du kommst auf jeden Fall in den Himmel – ob du willst oder nicht. Sollte es unmöglich sein, Gott endgültig abzulehnen, gäbe es auch keine Möglichkeit, sich wirklich für Ihn zu entscheiden. Im Endeffekt läuft das darauf hinaus, dass unsere Handlungen unbedeutend sind.
2. Wenn die Hölle nicht existiert, heißt das auch, dass Gott uns – gewollt oder ungewollt – in Sein Reich holt. Sollen wir an einen autoritären Gott glauben, der Seine Geschöpfe wie eine Marionette, an deren Fäden Er zieht, behandelt? Wie sollten wir einen solchen Gott, der uns manipuliert, lieben, der so tut, als würde Er auf unsere Antwort warten, obwohl alles schon im Voraus festgelegt ist?
3. Und schließlich: Wenn Jesus am Kreuz gestorben ist, dann doch sicher nicht, um uns von einem Heuschnupfen zu heilen. „Ich habe dich doch nicht zum Spaß geliebt,“ hat Er zu Katherina von Siena gesagt.

Ist jemand in der Hölle?
P. Bastian: Das ist ein großes Geheimnis. Festzustellen, dass die Hölle existiert, entspricht der Würde des Menschen. Gott verdammt niemanden. Die Hölle ist die Selbstausschließung eines Menschen, der die Liebe, die Ihm nachgeht, ablehnt. Das Feuer Gottes wird höllisch für den, der es ablehnt; es heiligt und beseligt den, der es annimmt.
P. Bandelier: Die Kirche hat sich nie über die Zahl der Verdammten geäußert. Beten wir, dass es nur wenige sind! Beten und opfern wir, dass letztlich kein Geschöpf, nicht einmal Judas, Satan und dessen Engeln anheimfällt. Leider sind diese allerdings sicher in der Hölle, denn die Hölle hat mit ihrer Revolte begonnen, mit dem „Zustand der endgültigen Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott“ (KKK 1033), ihrer verzweifelten Ablehnung der Freude zu lieben. Die heilige Theresa von Avila hat jedoch gesagt, man solle aufhören von Satan und der Hölle zu reden, um von Gott zu sprechen!
(…)
Wenn ich auch im letzten Augenblick gerettet werden kann, warum soll ich mich dann vorher bemühen, Gutes zu tun?
P. Préaux: Jesus hat einmal zu Katharina von Siena gesagt: „Sorge du für dein Fassungsvermögen, ich werde dann zu einem reißenden Strom.“ Das Leben wurde uns geschenkt, um unsere Fähigkeit, Gott aufzunehmen, auszuweiten. In dem Ausmaß, in dem wir auf Erden geliebt haben, werden wir Ihn ewig schauen. Daher versteht man, dass Thérèse von Lisieux den Menschen gern mit einem Behälter verglichen hat. Jeder wird bis zum Rand gefüllt sein. Allerdings wird das Fassungsvermögen nicht bei allen gleich sein: es wird Fingerhüte, Becher, Krüge und Fässer geben! Der Baum fällt auf die Seite, zu der er sich hinneigt, sagt man. Das letzte Ja, das wir in der Todesstunde sprechen, wird die Frucht der vielen Ja sein, die wir in unserem Leben auf Erden gesprochen haben… Das Leben ist eben kein Spiel, sondern eine Herausforderung! Schon hier auf Erden beginnt unser ewiges Leben.


P. Garrigues ist Theologe und war ehemals Fastenprediger in Notre-Dame de Paris.
P. Bernard Bastian: Priester d. Diözese Straßburg, Arzt und Mitglied der Leitung der Gemeinschaft „Puits de Jacob“.
P. Alain Bandelier: Père des Foyer de Charité in Combs-la-Ville.
P. Paul Préaux: Moderator der Communauté Saint-Martin in Candé sur Beuvron (Frankreich)
Auszug aus Famille Chrétienne . 6.-12.04


Die Kunst des Sterbens

Im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit gab es die „Ars moriendi“, die Kunst des Sterbens, als Literaturgattung. In populären bebilderten Schriften sollte den Menschen, auch den Analphabeten, die Situation des Sterbenden bewusst gemacht werden. In Form eines Lehrstücks wurde vermittelt, wie man sein Leben auf gute und glückliche Weise abschließen und sich auf den Übergang in die jenseitige Welt vorbereiten kann. Der Trost und die Ermutigung, die der Sterbende durch Gott und die Heiligen bekommen kann, wurden aufgezeigt.
Es wurden fünf Versuchungen genannt, denen der Leidende und Sterbende ausgesetzt ist: die Existenz der Hölle zu leugnen und sich das Recht auf „Freitod“ anzumaßen, an den eigenen Sünden zu verzweifeln, im Leiden sich dem Zorn hinzugeben, die selbstgerechte Heilsgewissheit der Frommen und als fünfte Versuchung, noch in der Todesstunde das Augenmerk auf die Sorge um Erbe und Erben zu richten.


Klaus Peper
Aus einem Interview in „Die Tagespost“ v. 22.12.12


Lass los und gib das Steuer aus der Hand!

Die Hölle ist Ort aller verschmähten Chancen: Nichts in fremde Hände zu legen, die alleinige letzte Kontrolle in allem und jedem immer und überall ausschließlich selbst zu behalten, sich niemals auf Gnade und Erbarmen zu stützen oder davon abzuhängen, sondern „Sein zu wollen wie Gott“ – und es doch nicht zu können, als armes, elendes, enges Nichts.
Das ist schon die Hölle auf Erden, bei aller nach außen vorgetäuschten Größe und Macht. Die Seele, die Person selbst ist voll Ärger, Wut, Enttäuschung, Hass gegen alle und gegen sich selbst, Zerstörung.
„Dring durch, rettende göttliche Stimme, zum verschlossenen Herzen! Noch ist Zeit, sich in die offenen Arme Gottes zu werfen, der dich kennt und liebt!“
Verstopf die Ohren nicht, diskutiere nicht, wie du es schon hundertmal getan hast, lass los und gib nur für diese eine Stunde das Steuer aus der Hand, gib es dem, der die Straße und die Einfahrt in den Hafen kennt und dich mit der kostbaren Fracht deines ganzen Lebens sicher ans Ziel bringt – nur Er! Hundertfach erfinderische rettende Liebe klopft an deine Tür, übersieh es nicht. Sag nur dies eine Mal, in all deiner Kühnheit: „Dein Wille geschehe!“ Damit nicht, nach dem letzten heißen Werben um dein Glück, nun Er seinerseits zu dir sagt: „Mensch, dein Wille geschehe!“
Denn das wird bedeuten: Deine Hölle sei dein. In der Erdensprache sind es die warnenden Worte „Hinweg, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, bereitet durch den Teufel und seine Boten!“

P. Leo Liedermann, OSB

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