VISION 20001/2013
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Wo das Feuer der Liebe brennt

Artikel drucken Was die Kirche über das Fegefeuer lehrt in acht Punkten (Von P. Ildefons Fux OSB)

Man kann gewiss nicht behaupten, dass heute die Glaubensverkündigung bezüglich des Fegefeuers, der Armen Seelen übertrieben großen Raum für sich beanspruchen. Das war in manchen Zeitläufen der Kirchengeschichte der Fall; sie sind längst vergangen.


Man kann ebenso nicht feststellen, dass die Rede vom Fegefeuer besonders inhaltsreich wäre. Es ist natürlich zutreffend, dass die Heilige Schrift uns keine ausführlichen Nachrichten hinterlässt und die Kirche selbst einige Mühe hatte, die Wahrheit zu erfassen und theologisch zu durchdringen. Das spüren die Prediger: Sie scheuen das Thema, und wenn es sich nicht vermeiden lässt, so begnügen sie sich mit eher wenigen, allgemein gehaltenen Darlegungen.
In der Begräbnisliturgie verweilt man dann vorwiegend beim Gedanken des Abschiednehmens und der Danksagung, weniger bei der gebotenen Hilfeleistung durch Gebet und Mess­opfer. Kühne Ideen über die „Auferstehung im Tode“ haben zur Verunsicherung beigetragen, und Privatoffenbarungen sind nicht immer sehr vertrauenserweckend.
So scheint es nicht überflüssig zu sein, sich erneut der Theologie des Fegefeuers zuzuwenden, auch schon im Hinblick auf das „Jahr des Glaubens“. Versuchen wir dies zunächst auf dem Weg der Ausschließung und stellen wir fest, was das Fegefeuer eben nicht ist:

Keine Ortsbezeichnung
Wenn vom Reinigungsort gesprochen wird  („Purgatorium“), so ist damit selbstverständlich kein geographischer Ort gemeint: keine Landkarte verzeichnet ihn. Ich halte standhaft fest, dass es einen Reinigungsort gibt, heißt es im tridentinischen Bekenntnis (DH 1867), doch handelt es sich dabei um einen „geistlichen“ Ort…

Kein physisches Feuer
Man sollte dabei auch an kein physisches Feuer denken, denn die Armen Seelen haben ja in diesem „Zwischenzustand“ (bis zur Auferstehung des Fleisches) keinen Leib. Natürlich verstehen wir das Dilemma der bildenden Künstler, rein geistige Wahrheit zu veranschaulichen, und so sind in ihren Werken schreckliche Flammen zu schauen, die die Leiber dieser Armen quälen – nicht viel anders als in der Hölle selbst. Der Glaube darf aber diesem oft unguten Realismus nicht folgen.

Keine Hölle auf Zeit
Das Fege-Feuer unterscheidet sich vom Höllenfeuer nicht nur graduell und ist nicht als „Hölle im Kleinen“ oder als „Hölle auf Zeit“ zu begreifen. Warum? Der Sinn ist ja ein ganz anderer: In der Hölle handelt es sich um selbst bereitete Strafe und um Vergeltung, im Fegefeuer geht es um Reinigung und Besserung.
Es ist ein Feuer medizineller und pädagogischer Art, denn Gott bleibt diesen Seelen gegenüber Arzt und Erzieher. Hier am Ort des Reinigungsgeschehens gilt das Wort des hl. Hieronymus: Gottes Strafen ist ein Heilen, und andere Kirchenväter sprechen deshalb auch von einem „klugen“ Feuer (ignis sapiens), das nicht zerstört und verwüstet, sondern die Dinge zum Besseren hinlenkt. In der Hölle ist demgegenüber eine Besserung der Verdammten gänzlich ausgeschlossen.

Des Heils gewiss
Noch ein wichtiger Unterschied ist zu beachten: In der Hölle gibt es keine Hoffnung; sie ist der „Ort“ der Verzweiflung. Die Armen Seelen aber haben die Gewissheit des guten Endes, die sogenannte Heilsgewissheit, denn einmal – „wann“ und „wie lange“ bleibt ihnen freilich verborgen – werden sie den Reinigungsort verlassen und der Himmel wird sich ihnen öffnen.
Auch das haben sie uns, die wir noch Pilger auf dieser Erde sind, voraus: Sie können nicht mehr sündigen. Sie können den Stand der Gnade nicht mehr verlieren, was sonst allen in der „Streitenden Kirche“ widerfahren kann. Selbst der Heilige kann da noch zum Sünder werden. Für uns gilt zu jeder Zeit: Wirkt euer Heil mit Furcht und Zittern! (Phil 2,12); Im Purgatorium gibt es diese Furcht nicht mehr.

Sie beten für uns
Schließlich dürfen wir nicht übersehen: Die Armen Seelen können anderen Gutes tun, auch wenn sie sich selber nicht mehr Gutes tun können. Im Fegefeuer fehlt ja nicht die Liebe, auch nicht die Liebe zum Nächsten, und so sind sie nicht allein imstande, Fürsprache anderer zu empfangen, sondern auch selber Fürsprecher zu sein – für uns, die wir „Tag und Nacht“ im Kampfe stehen. Das II. Vatikanische Konzil weist extra auf diese Gütergemeinschaft hin, denn die Einheit der Erdenpilger mit den Brüdern, die im Frieden Christi entschlafen sind, wird gestärkt durch die Mitteilung geistlicher Güter. Wir beten für sie, und sie beten für uns: Durch ihre brüderliche Sorge also findet unsere Schwachheit reichste Hilfe (LG 49).

Kein Aufbegehren
Wir müssen da noch kurz bei diesem Wort vom „Frieden Christi“ verweilen, denn die Armen Seelen sind wirklich im Frieden. Es ist eine wahre Zufriedenheit, die sie erfüllt, ein ungetrübtes Ja zu Gott und zu allem, was Gott verfügt, auch zu ihrem eigenen, leidvollen Zustand. Ihr Ja gründet nicht zuletzt auch in der Einsicht, dass sie etwas gutzumachen haben, es ist das Ja der Bußgesinnung. Es ist jene Bußgesinnung, die den einen Schächer am Kreuz sprechen ließ: Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten (Lk 23,41).
Im Fegefeuer gibt es kein Murren, keine Rebellion, kein Aufbegehren, keine Klage und keine Anklage, kein Selbstmitleid. (In der Hölle ist das ganz anders!) Diese Seelen sind „in der Liebe“ und wissen und wollen, dass ihre Liebe zu jener Vollkommenheit heranreifen soll, die sie auf Erden nicht erreicht haben. Reinigung: von allen Resten des Selbstischen, von jeder Ich-Verhaftung; Reifung: wie die Frucht, die in einem „Nachhol-Verfahren“ zu voller Qualität gelangen soll.
Haben nicht die Heiligen sogar nach dem Leiden verlangt? „Das Leiden – ich beanspruche es!“, sagte die hl. Therese vom Kinde Jesus, und weiter: „Göttliche Flamme, du süßer Schmelz­ofen! In deinem Feuer nehme ich meinen Aufenthalt…“

Durst nach Gott
Nun sind wir aber auch in der Lage, die Natur dieses Feuers und dieser Qualen im Purgatorium besser zu begreifen. Wenn die Situation der Armen Seelen die Situation der Liebe ist, dann darf man von einem Liebesfeuer sprechen, gemäß unserem eigenen Bitten: Entzünde in uns das Feuer deiner Liebe! Das ist also bereits geschehen, doch damit sind auch die Qualen der Liebe gegeben.
Liebe ist ja immer zielgerichtet, sie sehnt sich nach der Gegenwart dessen, den sie liebt, nach der Vereinigung mit ihm. Die Liebessehnsucht ist mit diesem „Noch-Nicht“ notwendig verbunden – und mit der Ungewissheit, wann ihr die Erfüllung zuteil werden wird. Ich bin krank vor Liebe, sagt die Braut im Hohenlied, weil sie den vermisst und den nicht umfangen kann, den ihre Seele liebt (vgl. Hld 5,8). Jeder Liebende macht diese Erfahrung: Ohne Leiden lebt man nicht in der Liebe (Nachfolge Christi III,5,33). Nichts ist so schmerzlich wie die Abwesenheit dessen, den man liebt. Gott ist zwar im Fegefeuer gegenwärtig und den Seelen nahe, doch handelt es sich dabei eben um keine fühlbare und wahrnehmbare Gegenwart bzw. Nähe. So spricht sich die Qual der Armen Seelen in den Worten aus: Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen? (Ps 42,3). Und: In Sehnsucht nach dir verzehrt sich meine Seele (Ps 119,20). Dieses Noch-Nicht der Liebe kreuzigt die Seele und macht das (lateinische) Wortspiel bewusst: „Amare amare est. Lieben ist (auch) bitter.“

Maria hilft
Maria hat mit der Hölle nichts zu tun, sie ist aber sehr wohl die Mutter der Armen Seelen, die Königin des Fegefeuers. Als Mutter der Kirche ist ihr die gesamte Familie Gottes anvertraut, und zu dieser gehören selbstverständlich auch die Seelen am Reinigungsort. Sie hilft, wenn Christus der Bräutigam seine Braut reinigt, um sie herrlich vor sich erscheinen zu lassen, ohne Flecken, Falten oder sonstige Fehler (vgl. Eph 5,27). Ihre mütterliche Sorge drückt sich im Heilen, Reinigen und Erziehen aus, bis auch der Letzte die volle Mannesreife Christi, des Erstgeborenen, erreicht hat, die ewige Vollendung.
An dieser Liebe Mariens zu den Seelen im Fegefeuer sollen auch wir Anteil nehmen durch unsere Gebete und durch die Darbringung des hl. Messopfers. Immer noch gilt das Wort der Schrift, dass dies ein heiliger und frommer Gedanke sei (2 Makk 12,45). Von Anfang an hat die Kirche für die Verstorbenen auch gebetet; das haben die Heiligen im Himmel nicht nötig, und für die Verdammten der Hölle wäre das sinnlos.
 Allmächtiger und barmherziger Gott, 
Du hast Deine Diener und Dienerinnen 
durch das Wasser der Taufe geheiligt.
 Reinige sie im Blute Christi von ihren Sünden
 und führe sie voll Erbarmen zur letzten Vollendung. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn.

Aus Gottgeweiht, Jahrgang 25, 2012, Heft 4

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