VISION 20001/2013
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Die unverfälschte Wahrheit ist der natürliche Lebensraum der Freiheit

Artikel drucken (Alain Bandelier)

Warum sollten wir anderen unsere Wahrheiten aufdrängen? Und: Müsste man nicht die Dogmen der Kirche überprüfen? Viele sind einfach unverständlich.“ Ich zitiere nur einige Stellen aus einem Brief. Er spricht ungeordnet eine Reihe von Grundsatzfragen in einer recht drastischen Ausdrucksweise an.
Das ist übrigens heute eine ziemlich weitverbreitete Erscheinung: Die Information übernimmt die Stelle der Bildung: Man hat zufällig ein paar Meinungsäußerungen aufgeschnappt, einige apodiktische Aussagen gehört, ein paar auffällige Ereignisse wahrgenommen. Dazu mischt man die eigenen Gefühlsreaktionen. Und mit diesem leichten Gepäck nimmt man zu Fragen Stellung, die im Lauf der Jahrhunderten von Heiligen meditiert, von Theologen vertieft und manchmal von der Kirche dogmatisiert worden sind. Natürlich ist die Stellungnahme dazu heute überwiegend kritisch, Beweis für eine freie, offene Geisteshaltung.
Soll man also Wahrheit und Dogma als Kerker für den Verstand ansehen? Der Ursprung für diesen Verdacht ist rasch gefunden und durchaus einleuchtend: Im Namen der Wahrheit, wie im Namen der Freiheit wurden unzählige Verbrechen begangen – ich leugne es nicht. Die Versuchung dazu besteht, gestern wie heute. Die Verfälschung und die Unterdrückung der Wahrheit stellen jedoch den an den Pranger, der sie manipuliert, keineswegs aber die – leider manipulierte – Wahrheit selbst. Im Gefolge der Enzyklika Fides et Ratio, vielleicht der größte Text von Johannes Paul II, kommt Benedikt XVI. – ob man es hören will oder nicht – auf diese Frage zurück. Glaube und Vernunft müssen zusammenwirken und sie dürfen einander nicht gegenseitig ausschließen oder vereinnahmen.
Wenn der Glaube die Vernunft „verschluckt“ landet man im irrationalen Fideismus, der Wiege aller Fanatismen. Wenn die Vernunft den Glauben verwirft, landet man im antireligiösen Rationalismus, der sich zum intoleranten und totalitären Laizismus auswachsen kann.
Die unverfälschte Wahrheit unterdrückt die Freiheit nicht, sie ist genaugenommen ihr natürlicher Lebensraum. Es sind vielmehr die Diktatur des Relativismus und die Entfremdung durch die Lüge, die den Geist des Menschen unterdrücken. „Wenn  ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien.“ (Joh 8,31f)
Das Denken der Zeitgenossen beeinträchtigt jedoch ein tiefgehender Zweifel, die Suche nach Wahrheit und Glück – ein doppelter Zweifel: Man zweifelt an der Fähigkeit des menschlichen Geistes, die Wahrheit zu erkennen. Und man zweifelt auch an der Möglichkeit einer unverfälschten Offenbarung, also einer göttlichen Erleuchtung des Menschen. Die Folge: Man verzichtet darauf, auch nur irgendwie Zeugnis zu geben und persönliche Überzeugungen mitzuteilen. Im erwähnten Brief heißt es auch, den Buddhisten oder anderen Leuten christliche Wahrheiten zu verkünden, sei ein Machtmiss­brauch. Dabei schreibt der Evangelientext selbst vor, das Evangelium allen Menschen zu verkünden.
Im Gegenteil: Wir würden die Buddhisten und alle anderen gering schätzen, wenn wir meinten, Jesus sei nicht auch für sie gekommen. Man müsste daraus schließen, dass sie unwürdig oder unfähig seien, die christliche Taufe zu empfangen und den Glauben an den Dreifaltigen Gott zu bekennen.
Jesus hat nicht gesagt: „Ich bin ein Weg unter vielen, ein bisserl Wahrheit und eine Facette des Lebens“. Wenn Er sagt, niemand könne zum Vater gelangen außer durch Ihn, so bedeutet das nicht eine Herabwürdigung anderer philosophischer oder religiöser Traditionen. Es stellt ihre Vollendung dar.

Aus Famille Chrétienne v. 20.-26.12.08

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