VISION 20006/2013
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Christus – Hoffnung der Welt

Artikel drucken Lichtblicke für eine Zeit, die von Resignation geprägt ist (Von P. Johannes Paul Chavanne OCist)

Alle Fragen, die sich die Men­schen stellen, ließen sich auf drei Fragen zusammenfassen, behauptet ein deutscher Philo­soph: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Um diese letzte Frage geht es im folgenden Beitrag.
 
Zunächst möchte ich ausleuchten, was man als Hoffnungslosigkeit bezeichnen könnte. Auf diesem Hintergrund können wir dann deutlicher sehen, was Hoffnung ist und wie dankbar wir sein dürfen, wenn wir Hoffnung haben – und zwar eine Hoffnung, die mehr ist als bloße Illusion, sondern etwas, worauf wir begründet setzen können.
Beginnen möchte ich mit einer Geschichte: Ich habe hier im Stift in der Öffentlichkeitsarbeit mitgearbeitet und einmal ein Filmteam des ORF betreut, das eine Dokumentation über die verschiedenen christlichen Feste gedreht hat. Den drei Mitarbeitern habe ich bei der Begrüßung gesagt: „Ihr seid hier bei uns nicht nur als Journalisten, sondern als Menschen willkommen…“ Und es war mir ein Anliegen, mit ihnen auch über persönliche Fragen ins Gespräch zu kommen. Einer von ihnen hat mir dann anvertraut, er tue diesen Job nur, um Geld zu verdienen, aber Spaß mache ihm die Arbeit nicht. So kamen wir auch auf Fragen des Glaubens zu sprechen und er bat mich um Tipps, wie man den Einstieg in das Lesen der Bibel finden könne. Allerdings sei Religion für ihn „so far away“ – ganz weit weg. „Worauf kann man dann eigentlich noch hoffen?“ habe ich ihn daraufhin gefragt. „Auf nichts“, war seine Antwort.
Eine solche Hoffnungslosigkeit ist keineswegs nur ein Phänomen von heute. Benedikt XVI. schreibt in seiner Enzyklika „Spe salvi“ über einen Grabstein aus dem Alten Rom, auf dem zu lesen war: „Wie schnell fallen wir vom Nichts ins Nichts zurück.“ Also: Wir kommen aus dem Nichts und fallen ins Nichts zurück. Ursprung und Ziel des menschlichen Lebens: das Nichts.
Das bringt zum Ausdruck: Ohne Gott ist der Mensch ohne Hoffnung. Wer endgültig abgetrennt ist von Gott, von einem Bezugspunkt jenseits des diesseitigen Lebens, verliert die Hoffnung, die Einordnung seines Lebens in einen Ursprung und ein Ziel.
Um das Thema Hoffnungslosigkeit abzurunden, Friedrich Nietzsches Gedicht Vereinsamt.

Die Krähen schrein/ Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, |Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!
Nun stehst du starr, / Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr / Vor Winters in die Welt entflohn?
Die Welt - ein Tor / Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor, / Was du verlorst, macht nirgends Halt.
Nun stehst du bleich, / Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich, / Der stets nach kältern Himmeln sucht.
Flieg, Vogel, schnarr / Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
Versteck, du Narr, / Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
Die Krähen schrein / Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, / – Weh dem, der keine Heimat hat!

Hoffnungslosigkeit als Heimat-, quasi als seelische Obdachlosigkeit, die schlimmer sein kann als reale Obdachlosigkeit. Und Grenzenlosigkeit: „Wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends Halt.“ Also: Hoffnungslosigkeit, Resignation – und Verzweiflung. Verzweifeln bedeutet nämlich, nichts mehr zu erhoffen: keine Hilfe, keine Besserung, kein Heil, keine Vergebung… Keine Perspektive, dass es besser werden könnte.
Auf diesem Hintergrund können wir besser begreifen, was die Sätze im Epheserbrief heißen: „Damals wart ihr von Christus getrennt, (…) ihr hattet keine Hoffnung und lebtet ohne Gott in der Welt.“ Also: Der Mensch, der glaubt, hat Hoffnung – gerade im Angesicht des Todes, der das Leben ja fundamental in Frage stellt.
Wir haben im engsten Familienkreis einen schweren Krankheitsfall. Da merkt man plötzlich: Es wird alles anders. Alles ist irgendwie in Frage gestellt. In einem solchen Augenblick hat derjenige, der glaubt, Hoffnung, weil er Zukunft hat, weil er weiß, dass dieses Leben hier mit allen Fragen, allen Gebrochenheiten, allen Fragezeichen nicht ins Leere fällt. Es ist nicht belanglos, sondern es hat Sinn und ein Ziel. Damit hat der, der glaubt, eine andere, eine größere Perspektive. Er hofft, dass die Welt, so wie er sie vorfindet – und die offensichtlich nicht so ist, wie man sie sich wünscht –, offen für eine größere, schönere Zukunft ist. Die Wunden, Gebrochenheiten, Fragezeichen bleiben nicht ohne Antwort.
Genau das macht christliche Hoffnung aus: Unsere Fragen bleiben nicht für immer ohne Antwort – und am Ende wird alles gut.
Werfen wir nun einen Blick in die Enzyklika von Benedikt XVI. über die Hoffnung. In ihr schreibt er, es gebe verschiedene Arten von Hoffnungen: kleine, größere und ganz große. Beispiele für die kleinen, alltäglichen Hoffnungen: dass ich jemanden, den ich anrufe, auch erreiche; dass ich, wenn ich im Restaurant ein Essen bestelle, die richtige Wahl getroffen habe; dass der Urlaubsort, den ich buche, hält, was das Prospekt versprochen hat…
Dann gibt es größere Hoffnungen, die unser ganzes Leben betreffen: auf eine gute Anstellung, die große Liebe, auf Versöhnung in der Familie, dass die eigenen Kinder den rechten Weg gehen… Diese Hoffnungen beziehen sich auf  Künftiges, von dem wir hoffen, dass es besser sein wird als das, was wir jetzt erleben. Wir hegen Wünsche: So könnte, so sollte es sein. In seiner Enzyklika schreibt Benedikt XVI., diese Hoffnungen seien wichtig für das Leben. Sie geben uns stets neue Ziele vor, spornen uns an, sind der Motor, der unser Alltagsleben antreibt. Sie erwecken ein Streben nach einem besseren Leben.
Über diese privaten Hoffnungen hinaus gibt es noch größere Hoffnungen, so der Papst. Sie betreffen alle Menschen, die ganze Welt, gewissermaßen eine Hoffnung der Hoffnungen. So hoffen wir alle – nach einem Wort Jesu – auf ein Leben in Fülle, auf das wahre Leben. In manchen Augenblicken erspüren wir es. Da denken wir: So sollte es sein. Oder: die Hoffnung auf Frieden, auf Gerechtigkeit, dass die Unschuldigen nicht mehr leiden müssen, dass es die Wiedergutmachung zugefügten Leids, endgültige Versöhnung gibt…
Stellt sich die Frage: Sind diese Hoffnungen berechtigt oder handelt es sich um Träumereien? Können diese Hoffnungen hier erfüllt werden, etwa durch Politik, Wirtschaft, Technik? In der Enzyklika sagt der Papst dazu, dass diese Hoffnungen nach dem wahren, schönen, glücklicheren Leben letztlich Hoffnung nach dem Besten sind, nämlich nach Gott. Nur Er könne geben, was wir von uns aus nie erreichen können, obwohl es doch die tiefste Sehnsucht unseres Herzens ist.
Alle diese Hoffnungen, die ich erwähnt habe, auch die allerkleinsten, sind in einer Hoffnung zusammengefasst: dass es Gott wirklich gibt, dass Er das Leben ist und Er uns daher auch das Leben schenken kann und schenken will, dass das Leben, wie wir es erhoffen, etwas ist, was wir erreichen können.
Diese Hoffnungen sind also in der einen Hoffnung zusammengefasst: dass Gott kommen möge und Heil und Erlösung bringe. Alle Hoffnungen sind letztlich Hoffnung auf Gott und Sein Kommen in unsere Welt, dass Er zu uns kommt und wir zu Ihm kommen können – also Hoffnung auf Jesus Christus. Denn in Ihm ist das Kommen Gottes tatsächlich geschehen. Durch Seinen Tod und Seine Auferstehung hat Er die Erlösung bewirkt, das Tor zum neuen Leben aufgetan. Daher können wir sagen: Christus ist die Hoffnung der Welt, die Hoffnung, die jeder Mensch im Herzen trägt – ob er will oder nicht, ob er Jesus kennt oder nicht.
Dazu noch eine Betrachtung: Wenn das Thema des Gerichts angesprochen wird, erschrecken die Menschen normalerweise. Warum? In den Psalmen hingegen jubeln die Beter oft, wenn es um das Thema Gericht geht. Im Psalm 96 heißt es: „Singt dem Herrn und preist seinen Namen, verkündet sein Heil von Tag zu Tag! (…) Denn er richtet die Nationen so, wie es recht ist. Es jauchze die Flur und was auf ihr wächst…“ Die ganze Schöpfung soll jubeln, wenn der Herr zum Gericht erscheint. Gericht also nichts, wovor man sich fürchtet, sondern worauf man sich freut: Der Herr erscheint zum Gericht – ein freudiges Ereignis.
Warum? Weil wir darauf hoffen, dass der Herr durch das Gericht die Welt dahin führt, wo sie eigentlich hingehört: zur Gerechtigkeit, zur Liebe, zur Wahrheit. Durch das Gericht kommt alles das, was der Liebe und der Wahrheit entspricht, zur Geltung. Das Gericht, das wir erhoffen, wird dazu führen, dass die Täter letztlich nicht über die Opfer triumphieren werden. Und darauf sollten wir uns freuen.
Mit einem Satz aus dem 1. Petrusbrief möchte ich schließen: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“
Der Autor wurde heuer in Heiligenkreuz zum Priester geweiht und ist Kaplan in Würflach.

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