VISION 20006/2013
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Fundamente zur Reifung legen

Artikel drucken Was die Erziehung zur Entfaltung der Persönlichkeit beitragen kann (Von Christa Meves)

Erfolg, Karriere, Fitness – das sind die heute angepeilten Ziele der Erziehung. Aber ergibt das auch reife Persönlichkeiten? Und: Was ist das überhaupt – eine reife Persönlichkeit? Wie führt man Kinder zur Reife? Da­zu die folgenden Überlegungen:

Reife ist ein biologischer Begriff. Sie ist das Ergebnis eines ausgestalteten Gewächses. Das trifft auch auf die Spezies Homo sapiens zu; denn auch diese ist, laut Genesis „aus Erde gemacht“. Wie alle anderen Geschöpfe unterliegt auch der Mensch Naturgesetzen. Er ist wie die meisten Flora-Arten im wahrsten Sinne des Wortes in die Erde eingebunden, in ihr befestigt, ja, auch der Mensch entfaltet sich wie ein Baum.
Breite Verwurzelung ist auch bei der Krone der Schöpfung eine unabdingbare Voraussetzung hochgradiger Ausgestaltung. Beim Menschen ist wie bei jedem Lebewesen der Plan zu seiner Ausgestaltung vorgegeben. Zwar auf den Kontext mit seiner Umwelt angewiesen, ist er – wie diese auch sei – auf Entfaltung programmiert.
Diese Realität, dass wir alle einem von Gott und Seiner Schöpfungsordnung vorgegebenen biologischen, artbedingten Festgelegtsein unterliegen, darf nicht geleugnet werden. Mit den höheren Säugetieren – so verraten uns die Biologen – sind die Baupläne der Ausgestaltung des Menschen sogar zu 98,7% tierhaft. Gott hat den Menschen eben in der Tat aus Erde gemacht und es ist nötig, die Mächtigkeit der Natur in uns nicht zu unterschätzen.
Die Natur in uns will um jeden Preis leben! Jedes Neugeborene ist diesem Drängen der Natur auf seine Eigenentfaltung vollständig unterworfen. Und diese demütigende Fleischlichkeit (in der Wortwahl von Paulus) lässt sich selbst als Christ nicht so mir nichts dir nichts überwinden. Im Gegenteil: Sie fordert auch im Erwachsenenalter täglich neu heraus. Andererseits dürfen wir darüber zu unserer Freude nicht vergessen, dass dieser bedeutsame Satz in der Genesis erst sekundär erscheint, nachdem zuvor, ganz am Anfang aller Anfänge ausgesprochen ist: „Gott schuf den Menschen als sein Abbild.“ Hier also liegt das Besondere der Menschenspezies: Deshalb hat auch ihr Getriebenwerden zum Höher-hinauf nicht allein Biologisches zum Ziel. Es wird lediglich auf diesem Fundament aufgebaut.
Die individuelle Person Mensch hat bei seiner Zeugung, bei der Festlegung seines je einmaligen Lebensplans durch Gott – seinem dort ebenfalls von Ihm eingegebenen Hauch entsprechend – trotz all seines dominanten Naturegoismus – ein zunächst völlig unbewusstes spezielles Timbre im Gepäck: In seinem unbewussten Impuls lebt der Wille, Gottes Abbild zu entsprechen, dem Bild des Schöpfers!
Dieses Wunschbild trägt jeder gesunde Mensch in sich: gut, liebenswert, verläss­lich, großzügig, barmherzig, langmütig, sanft, kraftvoll, edel, einfühlsam, einfallsreich und liebevoll zu sein! Das anzustreben und danach zu handeln, genau dieses, macht das Wesen einer Persönlichkeit aus. Und zu voller Ausgereiftheit gehört dann auch aufgrund selbstkritischer Lebenserfahrung das Maßhalten als Richtschnur, ja das Eindämmen der Lebensgrundtriebe, des Ego, des Nur-Fleischlichen im paulinischen Sinne.
Ja, als vollreife Persönlichkeit möchte ich erst einen Menschen bezeichnen, der ein Bewusstsein über seine „schlechthinnige Abhängigkeit von Gott“ (Schleiermacher) entwickelt und seinen unbekümmerten Naturstolz sowie die Dominanz seines Ich mit menschenfreundlicher und hilfsbereiter Bescheidenheit und Demut ausgewechselt hat. Der in den Stürmen des Lebens ausgereifte Mensch ist sich der Gefahr seines Versagens, ja seines Fallens ins Böse und auch der Resignation über sich selbst, eben bewusst.
Er unterschätzt nicht die Macht der Natur in sich und darüber hinaus um sich. Er ist sich der täglichen Gefahr bewusst, von „Ungeziefer“, das heißt von übermächtigen negativen Auße­n­einflüssen angefallen zu werden. Das lässt ihn auch wissen, dass er des Schutzes seines ihn liebenden himmlischen Vaters ebenso bedürftig ist wie des Behütens, Hegens und Erlöstwerdens vom großen Erbarmer Christus. Deshalb trägt es die reife Persönlichkeit in Kopf und Herz: Bei aller Freiheit, die ihr verliehen ist, will sie leidenschaftlich von Fall zu Fall ihre Entscheidung erneuern, sich in Gottes Nähe zu beheimaten und jeglicher Grenzüberschreitung als verelenden Sündenfall aus dem Wege zu gehen.   
Und ein allerletztes: Dieses Bewusstsein – und damit auch die innere Klarheit über die machtvolle Realität des Widersachers bewirkt einen starken Impuls der Mitverantwortung für all die Suchenden ringsum und vor allem für die Erziehung der Kinder.
Was können Erziehende zur Ausgestaltung einer reifen Persönlichkeit beitragen?
Eins ist hoffentlich durch diesen Einstieg sichtbar geworden: Wir können als Erzieher grundsätzlich eigentlich überhaupt nur etwas tun, wenn wir uns dabei selbst auf den festen Boden von Gottes Schöpfungsordnung stellen, in sie hinein lauschen, uns gründlich über sie orientieren – und das umso mehr, je mehr wir uns der Gefahr des Scheiterns stellen, je mehr wir uns daran halten, Christus auch als den entscheidenden direkten Erzieher – vor allem auch der Erzieher – anzunehmen. Darin besteht ja das Elend heute, dass der verdummte, im unreifen Zustand festgebannte Mensch diese Rückbindung an Gott nicht nötig zu haben meint.
Nach einer solchen Vorbereitung können wir der Frage nachgehen: Welche grundlegenden erzieherischen Hilfen sind nötig, um darauf einzuwirken, dass das in unsere Verantwortung hineingestellte Menschenkind das Fundament zu einer möglichst vielseitigen Ausgestaltung seines Lebens dadurch bekommt,
– dass ihm Hilfe zuteil wird, nach Möglichkeit sein genetisches Optimum zu erreichen, sodass es
– ihm mithilfe von Vorbildern und Begleitern gelingen kann, zu seiner individuellen geistigen Bestimmung im Plan Gottes hinzufinden, indem ihm ermöglicht wird, Begabungen auszubauen, um schließlich das Ziel anzupeilen, dem Herrn, dessen Schöpfung und den Nächsten in dankbarer Liebe zu dienen.
Mit der Liebe muss es deshalb auch ganz gewiss beginnen. Deshalb sind Mann und Frau füreinander zur Liebe geschaffen, deshalb können sie das Wunder des gemeinsamen Kindes mit einer einzigartigen Form von Liebe und Opferbereitschaft annehmen. Damit sind Eltern in spezifischer Einzigartigkeit von Gott beschenkt. In dieses Fundament lässt sich Wurzelwerk anlegen, das genug Festigkeit enthält, um Wachstum zu ermöglichen. Denn in den ersten sechs Lebensjahren geschieht – von der Kraft der elterlichen Liebe getragen – die Einbettung des Geschöpfes Mensch in die Naturordnung – so eben entsteht das Fundament!
Am Anfang müssen die Grundlebenstriebe des Kindes voll in Rechnung gestellt werden. Das sind: Der Nahrungs-, der Bindungs- und der Selbstbehauptungstrieb sowie die Vorbereitung zu geschlechtlicher Identität.
Sie werden in Zeitfenstern in Form von Gefühlspotentialen in das sich konstituierende Gehirn eingeprägt, in einer ablauschbaren, natürlichen Stringenz, von hilfreichen Hormonen unterlegt. Es geht wie bereits bei der befruchteten Eizelle auch hier nach Plan, am Anfang artgesetzlich und naturbedingt. Dabei werden die Eltern, besonders die Mutter, durch ihre Liebe zu dem hilflosen Kind befähigt, der genetischen Individualität in natürlicher und feinfühliger Weise Beachtung zu schenken, was im mütterlichen Charakter bereits fötal (!) sinnvoll angelegt ist.
Für das Neugeborene besteht der Spielraum lediglich darin, Eltern zu haben, die so gesund, so gefühlssicher sind, dass sie diesem vorgegebenen Plan Gottes gerecht werden. Der Nahrungstrieb muss durch Ersaugen der nur in der leiblichen Mutter dafür bereitgestellten Nahrung befriedigt werden. Das erwartet das Kind.
Das wird als grundzufriedenes Lebensgefühl ins Gefühlszentrum des Gehirns, der Amygdala, eingeprägt, ja mehr noch: Sich mit Durchhaltevermögen einer Aufgabe zuzuwenden, bis der Erfolg eintritt, erweist sich dann schon im Schulalter als Voraussetzung zum Erfolg und ist im späteren Alter Voraussetzung zum Erwerb einer abgeschlossenen Ausbildung und damit die Grundlage zur Existenzgründung.
Die Erfahrungen der Praxis sagen aus, dass die Einprägung eines auf diese Weise entwickelten befriedigenden positiven Lebensgefühls im Hirn ebenso angelegt wird wie die Fähigkeit durchhaltend zu arbeiten, um seine Ziele zu erreichen.
Sonst geschieht ein Instabil-werden der menschlichen Befindlichkeit. Eine unzureichende Lebensbasis entsteht, wenn das Kind nicht nach Bedarf gestillt wird, nicht das Angenommensein in der Leibnähe erfährt. Und es besteht die Gefahr eines lebenslänglichen Gefühls der Unzufriedenheit, des Nichthabens, ja der seelischen Kurzatmigkeit, von Gefühlen der Vergeblichkeit bei anzupeilenden Aufgaben. Es kann ein Gefühl des Allein- und Verlassenseins bewirken, ein zutiefst erschwerendes negatives Gefühls­potential, das als typische Verhaltensstörung bald schon in Erscheinung tritt.
Auf diesem Boden entstehen bereits im Schulalter Beeinträchtigungen: entweder durch eine unangemessene Inaktivität oder aber durch ungerichtete Aktivität, was bei den jetzigen Schulkindern bereits Lehrerplage im Großformat bedeutet. ADHS heißt das Modewort. Aber schlimmer noch sind die sich ins Erwachsenenalter fortsetzenden Behinderungen: das Nichtzustandebringen eines Berufsabschlusses, vor allem aber schwere seelische Erkrankungen, heute besonders die Depression, …
Auch schon im Säuglingsalter prägt sich ebenso stringent wie folgerichtig der Bindungstrieb ins Hirn ein. Mit dem Ausreifen des Gesichtssinns entsteht in dem zwei bis drei Monate alten Kind das Bedürfnis, der stillenden Mutter unverwandt in die Augen zu schauen. Nachdem es sich ihre Gesichtszüge genug eingeprägt hat, belohnt das Kind seine Mutter mit dem ersten Lächeln, mit dieser Auszeichnung des Homo sapiens, die die Krone der Schöpfung über alle andern Geschöpfe hinaushebt – als Kennzeichnung von tiefer, vertrauensvoller Zuneigung und dankbarer Liebe. Die ersten Realisierung des Hauches also, von Gottes Liebe im Menschen!
So wird die Liebes- und Bindungsfähigkeit zunächst zu nahen, später auch zu den als Brüder und Schwestern erlebten ferneren Menschen vorbereitet und damit auch die Bindungsbereitschaft zu Ehe und Familie. Fehlt diese Einprägung, dieses Fundament, hingegen, zeigt sich das als ein sich aufdrängendes Suchen wie auch als Unfähigkeit zur Sozialisation bereits im Schulalter, als Bindungsunfähigkeit und Vereinsamung im Erwachsenenalter.
Nun zu den beiden weiteren Lebenstrieben: Der Selbstbehauptungstrieb hat das Ziel, mithilfe der Konstituierung des Ego ein Kraftpotential zur Lebensbewältigung zu erwirken. Das bedarf eines Spielraums, den die Erziehenden einräumen, dem sie aber auch Grenzen setzen. Lässt man hier die Natur im Kind wuchern, so entsteht Verwahrlosung – Freiheit, die ihre Grenzen überschreitet, hat grundsätzlich ihren Verlust zur Folge – und zwar durch Suchtanbahnung!
Die weitere Phase, um die Fünf­jährigkeit herum, erbringt dann Bewusstein und Akzeptanz des angeborenen Geschlechts, als Junge oder als Mädchen. Gender-mainstreaming will diese natürliche Wachstumsphase aushebeln und verhindern. Sie setzt deshalb in dieser Phase mit verändertem Bilderbuchmaterial an. In frecher Anmaßung soll Gottes Zuweisung, den Menschen als Mann und als Frau und damit zur Ehe und zur Familie geschaffen zu haben, durchkreuzt und ab der Pubertät zu generalisierten geschlechtlichen Ausweitungen gebracht werden. Das ist böse Anmaßung und bedarf eines wachen Widerstands der Erziehenden.
Diese erznatürliche Ausgestaltung der Grundlebenstriebe in den ersten Lebensjahren ist brandwichtig, weil der Mensch dadurch vorbereitet wird, sein späteres Leben zu bewältigen. Das entspricht der Schöpfungsordnung und bewirkt die entsprechenden Einprägungen in das sich in dieser Zeit konstituierende Gehirn. Weil diese Vorgänge vorgegeben sind, hat besonders die Säuglings- und Kleinkindpflege urnatürlich und verantwortungsschwer zu sein.
Wir lassen uns heute in einem erschreckenden Ausmaß und gänzlich instinktlos vom Ungeist selbstgebastelter Umgangsweisen mit dem Kind verführen. Besonders die frühe Kollektivierung der Kinder ist Einflüsterung, die die Ausreifung zum Menschen aufs Schwerste behindert, so dass Gottes Plan in all dem Spielraum, der dem Menschen grundsätzlich gegeben ist, unerfüllt bleibt. Dann wird die Ausgestaltung zur voll ausgereiften Persönlichkeit sehr erschwert. Dann wird die Realisierung der spezifischen in jedem speziell angelegten Begabungen oft geradezu zerdrückt, dann kann der Mensch nicht zum Menschen ausreifen, und nicht hinfinden zum Status einer ausgereiften Persönlichkeit.
Wir ernten gute Früchte, wenn wir uns an Gottes Plan halten, wir ernten faule Früchte, wenn wir meinen, wir könnten ohne den Herrn allein etwas zustande bringen. Bleiben wir als Erziehende im Willen des Herrn, der sich aus den natürlichen Vorgegebenheiten erlauschen lässt! Halten wir das hilflose Kind – bewusst aus Liebe zu ihm – in der konstanten Nähe elterlicher, familiärer Verantwortung, bis es sich als junger Erwachsener selbständig macht. Dann entsteht Wunderbares, wie ich aus meiner langen Praxis weiß:
Das Kind erweist sich als leicht lenkbar. In der Schule will es lernen, ist motiviert, bringt schöne Schulerfolge. Bleiben Lehrer hier am Ball, sehen sie die Kinder als individuelle Geschenke und als Erziehungsauftrag an, besonders auch durch Vermittlung des christlichen Glaubens, so wachsen hochgradig leistungs- und liebesfähige Menschen heran, deren Mitte Gott und ihre Liebe zu Ihm die Richtschnur bildet.
Das hört sich geschönt an – und doch kann ich solche Verläufe als Folge meiner jahrzehntelangen Öffentlichkeitsarbeit in Aktenordnern des Glücks belegen.



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