VISION 20006/2013
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Jedes einzelne Kind ist kostbar

Artikel drucken Was jeder gegen das Elend der weit verbreiteten Abtreibung tun kann (Herbert Heißenberger)

Er steht seit 15 Jahren vor einer Abtreibungsklinik, um Frauen vor einem fatalen Schritt zu bewahren – und um sie auf Gottes Barmherzigkeit hinzuweisen, wenn sie nach dem Eingriff die Klinik verlassen. Ein Zeugnis:

Wenn wir von den Schätzungen der Abtreiber ausgehen –  dass es in Österreich rund 40.000 Abtreibungen pro Jahr gibt –, bedeutet das bei 80.000 Geburten im Jahr, dass jedes dritte Kind tot ist. Wir müssen das mit Betroffenheit feststellen.
Obwohl ich viel gelernt habe, muss ich gestehen: Manchmal erfasst mich ein gerechter Zorn, wenn ich miterlebe, wie junge Männer die Mädels in die Abtreibungsklinik bringen – manche Machos lässig mit dem tollen Auto –, Mütter ihre Töchter hineinzerren. Dort stirbt dann das Kind und es beginnt ein Riesenelend: die Zerstörung der zwischenmenschlichen Beziehungen, der Mutterschaft… Da kommt einem leicht der Gedanke: Euch wird die Gerechtigkeit treffen!
Gott sei Dank hat uns Christus mit Msgr. Philipp Reilly einen Königsweg gewiesen. Und er hat in uns, die wir vor den Tötungsstätten in Wien, Graz und Salzburg stehen, eine Hoffnungsperspektive eröffnet. Er hat uns nämlich erklärt, dass wir dort auf Golgotha stehen, denn Christus wird dort in den unschuldigen Kindern getötet. Wenn ich also den Zorn in mir aufsteigen fühle, fällt mir ein: Du bist ja auf Golgotha! Hat Christus so gedacht? Hat Christus so etwas gesagt? In solchen Momenten mache ich mir bewusst: Das Kind stirbt einen grausamen Tod. Und das weckt das Mitleid in mir und ich werde motiviert, weiter dort zu stehen, ob in der Hitze oder in der Kälte…
Wenn ich dann also einen jungen Vater anschaue, der so kläglich versagt, frage ich mich: Was ist in seinem Leben passiert, dass er dieses Ja zum Kind nicht sprechen kann? Und: Was wäre sein Schicksal, wenn niemand für ihn vor Gott einträte? Um Barmherzigkeit bittet? Um den Funken der Gnade, der sein Herz anrührt, damit er Reue empfinden und Umkehr bei ihm einsetzen kann? Es würde heißen, dass er in derselben Dunkelheit, in der Kälte, im Schmerz, in denen er jetzt schon lebt, in Ewigkeit weiterleben müsste. Dann wächst in mir das Mitleid mit den Menschen, die dies tun.
Genau das soll unsere Haltung sein: Das Erbarmen Gottes auf die herabzurufen, die es nicht schaffen, ein kleines, unschuldiges Kind anzunehmen. Dieses Erbarmen brauchen auch jene, die in Politik und Wirtschaft (jene, die mit der Abtreibung Geld machen) für dieses Elend mitverantwortlich sind.
Heuer sind es 40 Jahre, dass in unserem demokratisch gewählten Parlament der Beschluss gefasst wurde, Kinder bis zur 12. Woche straffrei töten zu können. Mittlerweile sind Millionen betroffen: getötete Kinder, deren Eltern, Geschwister, Großeltern, Freunde, die es gewusst oder vom Austragen des Kindes abgeraten haben, Journalisten, die vom Recht der Frauen schreiben oder das Thema totschweigen, Ärzte und Krankenschwestern, die an Abtreibungen mitwirken. Es sind nicht nur die Politiker, die da Verantwortung tragen. Wir alle sind da in eine Spirale des Schweigens hineingeraten. Denn kaum jemand erhebt die Stimme, um zu sagen, dieser Wahnsinn müsse endlich gestoppt werden.
Deshalb ist jeder aufgerufen, in seinem persönlichen Bereich etwas gegen diese verheerende Situation zu tun. Was kann ich tun? werden Sie fragen. Also: Ich kann mir das zum Gebetsanliegen machen: „Lieber Gott, hilf den Müttern, die unterwegs zur Abtreibung sind, die sich mit dem Gedanken abzutreiben tragen, die allein gelassen sind und alle Hoffnung verloren haben!“ Das genügt schon.
Oder: Ich kann in meinem Bekanntenkreis Zeugnis geben. Sollte meine Tochter aus der Schule kommen und erzählen, eine Mitschülerin sei schwanger geworden, kann ich diese einladen, um sie zu ermutigen, das Kind zu bekommen, sie auf Stellen, an denen man Hilfe bekommt, hinweisen. Viele wissen nämlich, wo die Abtreibungsklinik ist, aber haben keine Ahnung, wo man lebensrettende Hilfe bekommen könnte. Vor allem müssen wir die Botschaft vermitteln: Es gibt immer Hoffnung. Gott ist ja ein Freund des Lebens. Er spricht ein unbedingtes Ja zu jedem von uns.
Lassen Sie mich ein konkretes Beispiel erzählen. Vor zwei Wochen habe ich folgendes erlebt: Ein junges Paar steuert auf die Abtreibungsklinik zu. Die Frau überquert als erste die Straße. Ich biete ihr Information an. Sie senkt den Blick, ignoriert mich und beide gehen in die Klinik. Es vergehen zwei Stunden. Das Paar kommt heraus. Der Mann muss die Frau, die kaum gehen kann, stützen. Eigentlich habe ich keine Hoffnung, dass sie mich jetzt anhören würden, folge aber einem Impuls und biete ihnen ein Buch über die Folgen der Abtreibung an. Der Mann zögert – und nimmt es wider Erwarten an.
Jetzt kommt das Erstaunliche: Das Kind ist tot, die Zwei sind in der Todsünde. Aber plötzlich fragt mich der Bursch: „Haben Sie einen Rosenkranz?“ Ich gebe ihm den Rosenkranz und sage: „Der Rosenkranz allein hilft nicht, Sie müssen auch zu beten beginnen.“ Er bedankt sich und geht. Eine halbe Stunde vergeht. Dienstschluss. Ich will weggehen. Plötzlich steht der Mann vor mir. „Haben Sie noch einen Rosenkranz für meine Freundin?“ – eine halbe Stunde später! Ich komme noch dazu zu sagen: „Es ist noch nichts verloren für Euch, kehrt zu Gott um, schlagt den Weg zum Leben ein!“ Und ich erkenne in ihren Gesichtern, wie dankbar sie plötzlich sind.  
Deshalb müssen wir diese Menschen annehmen, von Jesu Barmherzigkeit am Kreuz lernen, der gesagt hat: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Es ist meine Erfahrung: Die Leute wissen nicht, was sie tun, wissen nicht, was auf sie zukommt.
Daher ist es so wichtig, dass Menschen – auch wenn es nur wenige sind – dort anwesend sind, wo das Drama geschieht, Christen, die vorher in der Messe waren, damit Gott Heilung, Gnade schenken, Reue erwecken, Umkehr schenken kann. Wie oft habe ich erlebt, dass Gott solche Menschen wieder aus ihrem Elend herauszieht!
Dazu noch ein Zeugnis: Ich stehe vor der Klinik am Wiener Fleischmarkt. Ein Auto parkt vor mir. Darin eine Dame mit einem etwa neunjährigen Mäd­chen, Korneuburger Kennzeichen. Sie kommt auf mich zu. Sie wird wissen wollen, ob sie hier parken darf, denke ich. Sie aber: „Gehören Sie zu den Leuten, die da vor der Klinik stehen?“ Auf Schlimmes gefasst, bejahe ich. Darauf sie: „Ich hatte vor einem halben Jahr hier eine Abtreibung.“ Danach sei es ihr sehr schlecht gegangen, erzählt sie.  Und: „Ich bin wieder schwanger. Weiß nicht, was ich tun soll, aber ich habe euch gesucht.“ Bei ihrer Abtreibung vor einem halben Jahr hatte sie mitbekommen, dass wir hier Hilfe anbieten und es gut mit ihr meinen. Sie wollte nicht wieder in dieses Elend geraten – und ahnte, wir könnten ihr aus ihrer jetzigen Not helfen.
Einer kommt nach einer halben Stunde zurück, andere nach einem halben Jahr. Wir wissen nicht, wann die Menschen zur Umkehr finden. Seit den 15 Jahren, die ich vor der Klinik stehe, habe ich Tausende hineingehen gesehen und weiß nicht, wann die Umkehr dieser Menschen kommt, aber ich vertraue darauf, dass Gott Umkehr schenkt, weil wir sühnen, opfern und Fürbitte halten. Und das kann eigentlich jeder: durch Gebet, durch Aufopfern von Leiden, durch das Zeugnisgeben, Infos, wo man Hilfe findet, durch Ermutigung, wo eine Frau unerwartet schwanger wird: „Ich freue mich, dass Du ein Kind erwartest!“. So können wir alle ein Kind retten. Man muss nicht an vorderster Front stehen, um gegen das Übel der Abtreibung zu kämpfen, es genügt im eigenen Bereich für den Lebensschutz das zu tun, was eben möglich ist.
Ich kann ihnen bezeugen: Gott wirkt, Gott rettet, Gott heilt. Er ist größer als all dieses Leiden, das wir sehen.



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