VISION 20006/2013
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Wir haben dank des Glaubens überlebt

Artikel drucken Der ehemalige slowakische Parlamentspräsident über seine Erfahrungen in der Untergrundkirche (Von František Mikloško)

1950, ich war drei Jahre alt, hatten wir in Nitra die erste polizeiliche Hausdurchsuchung. Bis heute ist mir ein großer Mann im Ledermantel im Gedächtnis, wie er durch unser Haus geht. Die ganzen fünfziger Jahre lebten wir in einer Atmosphäre, in der ständig jemand aus unserer Umgebung verhaftet wurde, Menschen – auch meine Eltern – ständig zu polizeilicher Vernehmung gehen mussten.

Kulturell gesehen waren die sechziger Jahre schon freier, aber an der Verfolgung der Kirche hatte sich nichts geändert. 1960 erlebten wir eine weitere Hausdurchsuchung. In dieser Zeit begann auch eine weitere Welle von Festnahmen von Ordenspriestern – auch in unserem Umfeld. Die letzten Priester wurden am 9. Mai 1968 freigelassen, also in der Zeit, als in der Tschechoslowakei der sogenannte „Prager Frühling“ bereits in vollem Gange war.
Diese Erlebnisse haben sowohl meine Jugend als auch mein ganzes Leben so geprägt, dass ich niemals, nicht einmal kurzfristig, den Kommunisten und ihrer Ideologie geglaubt habe. Der Kommunismus ist gegen Gott, unseren Herrn, vorgegangen, gegen die Kirche und ihre Gläubigen, deshalb war er schlecht. Ich habe es nicht für nötig gehalten, mich mit seiner Philosophie und auch nicht mit der Ökonomie zu befassen.
1966 kam ich zum Studium der Mathematik und Physik nach Bratislava an die Comenius Universität. Einmal fuhr ich mit meinem Bruder in der Straßenbahn, da sagte er mir plötzlich: „Komm, ich mache dich mit jemandem bekannt.“ Hinten in der Straßenbahn stand ein asketischer Mann in einem alten Hubertusmantel: der Mathematiker Vladimír Jukl. Er war kurz zuvor nach 14 Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden. 1951 war er für sein Laienapostolat zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ins Gefängnis ging er als 26-jähriger, aus dem Gefängnis kam er als 40-jähriger heraus.
Im Frühjahr 1968 lernte ich dann in Bratislava den Geheimbischof Ján Korec kennen. Er war kurz zuvor nach acht Jahren Gefängnis freigelassen worden. Er war 1960 zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er geheim geweiht worden war und dann in den fünfziger Jahren insgeheim Priester geweiht hatte. Schließlich habe ich noch den Arzt Silvester Krčméry kennengelernt. Auch ihn hat man 1951 wegen Laienapostolats verhaftet. Weil er sich weigerte, die Polizeiprotokolle zu unterschreiben, dauerte seine Untersuchungshaft unter unmenschlichen Bedingungen drei Jahre. Vor Gericht wurde er erst nach Stalins Tod gestellt und er erhielt deshalb nicht wie Jukl 25 Jahre, sondern „nur“ 14. Aber sie hat er voll abgesessen.
Nachdem diese drei Männer aus dem Gefängnis zurückgekehrt waren, begannen sie sofort, unter der Hochschuljugend zu wirken. Zuerst waren es nur einige Studenten. Aber die Bewegung wuchs allmählich, bis sie an allen Hochschulen in Bratislava verbreitet war. Für diese jungen Menschen, die sich heimlich einmal wöchentlich trafen, musste man mindestens zwei Wohnungen finden, damit ihre Zusammenkünfte nicht auffielen. Zweimal im Jahr wurden für sie eintägige Einkehrtage und einmal im Jahr dreitägige Exerzitien organisiert. Um ihr geistiges Leben kümmerten sich geheime Priester. Im Winter und im Sommer wurden für sie längere Ausflüge veranstaltet.
Außerdem war es notwendig, heimlich für sie Lektüre zu beschaffen: Samisdat-Zeitschriften, aber auch religiöse Literatur für das Studium. Diese Literatur wurde in geheimen Druckereien in der Slowakei hergestellt. Andere Literatur brachten niederländische Protestanten aus dem Westen. Als dies verraten worden war, wurde die Literatur aus Polen über die Berge geschmuggelt. In unserer Obhut waren jedes Jahr etwa 500 Studenten. Mit jenen, die das Hochschulstudium beendet hatten, hielten wir weiter Kontakt. So bildete sich in den Jahren ein Netzwerk von Laien, durch das Literatur und Informationen verbreitet wurden.
 Ende August 1988, zum Ende des Marienjahres, entschied das Zentrum in Bratislava, die Abschlussveranstaltung solle in Nitra stattfinden.  Zur traditionellen Wallfahrt am 15. Au­gust kamen gewöhnlich etwa 15.000 Menschen dorthin. In diesem Jahr mobilisierten wir 80.000! Die Polizei hat uns danach mitgeteilt, sie würde eingreifen, wenn wir weitermachten.
Jukl, Krčméry und Bischof Korec haben 20 Jahre lang heimlich mehrere Generationen junger, gebildeter Christen herangezogen, die später zur Basis der Freiheit in der Slowakei wurden. Diesen Drei und ihrer Arbeit im Untergrund ist in erster Linie der Erfolg zu verdanken. Durch ihre langen Haftstrafen wurden sie zu Menschen, die nichts brechen konnte und die Gott und der Kirche treu ergeben waren. Ich sah sie niemals schwanken. Sie waren für uns ein Vorbild, an dem wir uns ausgerichtet haben. Heute bin ich mir bewusst, dass keine Generation ohne lebendige Vorbilder aufwachsen kann, an denen sie sich orientiert. Sie haben uns gelehrt, wie man einen einsamen Kampf gegen eine Mehrheit führen kann! Auch meine 20-jährige politische Tätigkeit mit ihren vielen Entscheidungen wäre undenkbar, wenn diese Menschen uns nicht ihre Lebenserfahrung vermittelt hätten.
Von ihnen haben wir geduldige Arbeit auf lange Sicht gelernt. In den 70-er und den 80-er Jahren – niemand hat damals auch nur daran gedacht, dass der Kommunismus einmal untergehen könnte – haben wir tagtäglich an dem Werk gearbeitet, von dessen Sinn wir überzeugt waren. Das Ergebnis haben wir Gott überlassen. Oft erinnere ich mich heute an diese Erfahrung.
In den ersten 20 Jahren nach dem Umsturz im November 1989 waren in der Slowakei Menschen in verschiedenen Positionen im Kampf um Werte an der Macht, die ihre besten Jahre im Kommunismus verbracht hatten. Heute trifft man in den unterschiedlichsten Positionen Menschen, die sich nach der Wende vor allem um ihre eigene Existenz, ihre Arbeit und eine gute Unterkunft gesorgt haben. Diese Generation prägt der Pragmatismus, der wie eine Welle über die Slowakei geschwappt ist. Eine Alternative zu diesem Lebenspragmatismus aufzubauen, kann genauso lange dauern, wie unser Kampf in den 70-er und 80-er Jahren. Aber gerade die Geduld und die Zielstrebigkeit von Menschen wie Jukl, Krčméry und Korec können uns dazu eine Ermutigung sein.  
(…) Der November 1989 ist und wird für immer das größte Ereignis in meinem Leben bleiben. Weihnachten 1989 ging ich durch die Straßen von Bratislava, ich war damals 42 Jahre alt, und habe zum ersten Mal im Leben das Gefühl gehabt, frei zu sein: Ich musste zu keinem Polizeiverhör gehen und wurde nicht verfolgt. Seit damals sind 25 Jahre vergangen, und ich erlebe dieses Gefühl der Freiheit noch immer mit der gleichen Intensität und das macht mich glücklich. Den Fall des Kommunismus im November 1989 halte ich für ein biblisches Wunder. Sicherlich spielten dabei die wirtschaftlichen und Nationalitätsprobleme in der damaligen Sowjetunion eine entscheidende Rolle. Wichtig ist sicher auch, dass damals in allen kommunistischen Ländern Europas ein antikommunistischer Widerstand entstand, aber die Entwicklung kann dennoch nicht anders erklärt werden, als durch ein Wunder.  
Ich bin überzeugt, dass der Kelch des Leides, der Opfergaben, der Gebete, des Martyriums so groß gewesen ist, dass der Herr auf eine Weise eingegriffen hat, die wir nur aus der Bibel kennen. Das politische Regime, das scheinbar für „ewige Zeiten“ regieren sollte, stürzte über Nacht wie ein Kartenhaus zusammen.
Und wie es bei Revolutionen so ist, es änderten sich rasch nicht nur das politische Regime, sondern auch die Menschenschicksale. Im Juni 1990 wurde ich in das slowakische Parlament gewählt. Ich wurde sein Vorsitzender, d.h. der höchste Verfassungsvertreter der Slowakei. Obgleich ich ursprünglich nicht in die Politik hatte gehen wollen, blieb ich im slowakischen Parlament bis 2010, also 20 Jahre, davon 10 Jahre für die Regierungskoalition.
Wir waren die erste nichtkommunistische Generation, die die Verantwortung für das Land in die Hände genommen hat. Durch meine 20-jährige Tätigkeit in der sogenannten „geheimen Kirche“ hatte ich eine gewisse politische Erfahrung. Allgemein muss man sagen, dass in Ländern, in denen politische Systemkritiker existierten, wie die Tschechoslowakei, Polen, Ungarn, Ostdeutschland und andere, 1989 nichtkommunistische Alternativen vorbereitet waren.
(…) Was kann die Slowakei heute zum gemeinsamen europäischen Haus beitragen? Die Staaten des ehemaligen kommunistischen Blocks in Europa haben eine 40-jährige kommunistische Vergangenheit durchgemacht. In jedem dieser Staaten gab es Hunderte und Tausende von Toten und Zehntausende von Gefangenen und aus ihren Häusern Verschleppten. Diese Opfer stehen über der religiösen Zugehörigkeit, über Nationalitäten und Berufsständen, über Alter und Geschlecht. Sie starben und litten nicht für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, sie starben in erster Linie für Freiheit und Menschenwürde. Sie haben es uns ermöglicht, dass wir im November 1989 den westlichen demokratischen Staaten auf der ganzen Welt ruhig in die Augen sehen konnten. Sie verbinden uns alle, und in ihren Namen und durch ihr Erbe sind wir ermächtigt, in allen europäischen Foren für die Werte einzutreten, für die sie gelitten haben. So ein Kapital und so eine Erfahrung können die Länder Westeuropas in den letzten 20 Jahren nicht vorweisen.
Die Staaten des kommunistischen Blocks, und ich meine jetzt auch besonders die Slowakei, haben die Konfrontation mit dem Kommunismus in der ersten Linie dank des Christentums überlebt. Dem kommunistischen Regime gelang es, in diesen Ländern alle Standesorganisationen und das ganze freie institutionelle Gesellschaftssystem zu liquidieren oder zumindest wesentlich zu zerstören. Das Christentum war in diesen Ländern, trotz vieler Wunden und Schäden, im November 1989 jedoch unzerstört und in vielen Bereichen noch stärker und erprobter. Mit dem Christentum meine ich natürlich nicht nur die Kirche als Institution, sondern in erster Linie ihr Wertesystem, ohne das die Kirche diesen Kampf nicht hätte bestehen können.
Diese Erfahrung haben die Generationen des heutigen Westeuropas nicht. Diese Erfahrung sollten die Länder des ehemaligen kommunistischen Blocks dem heutigen Westeuropa vermitteln, vor allem was den Wertekampf in vielen moralisch-ethischen Fragen betrifft, in denen sich die Bürokratie der europäischen Institutionen immer weiter von der christlichen Sicht auf den Menschen und das Leben entfernt.
Die Erfahrung im Kampf um das Überleben des Christentums in der Epoche des Kommunismus sollten die Länder des ehemaligen Ostblocks an den Westen weitergeben und sie sollten sie, wenn es notwendig wird, auch in die Konfrontation mit dem ethischen Relativismus, der heutzutage im Westen herrscht, ertrotzen.

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