VISION 20003/2014
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Dankbarkeit ist ein Schlüssel zum Glück

Artikel drucken Erfahrungen mit dem Danken – selbst in schwierigen Situationen

Die meisten von uns sind zwar von klein auf angehalten worden, danke zu sagen. Aber geschieht das Danken nicht vielfach wie eine Pflichtübung – oder gedankenlos, eben als Ritual, weil es sich so gehört? Überwiegt nicht allzu oft der Eindruck: Ich komme ohnedies selbst zurecht? Und dabei: In so vielem sind wir abhängig und haben allen Grund für das, was uns ohne unser Zutun zuteil wird, zu danken.

Wer dankt, bezeugt, dass er sich verdankt. Das ist eine der fundamentalen Wahrheiten des Menschseins: Unser ganzes Leben von der Geburt bis zum Tod ist ein Geschenk; unsere Seele, unser Leib, unsere Veranlagungen, alles ist eine Gabe Gottes, die wir empfangen haben, ohne etwas dafür getan, sogar ohne darum gebeten zu haben. Unsere Eltern haben uns ihre Liebe und Fürsorge geschenkt, ohne die wir uns gar nicht hätten entfalten können. Auch wenn man als Jugendlicher und Erwachsener der Überzeugung zum Opfer fallen kann, man habe sein Leben selbst in der Hand und gestalte es nach seinen eigenen Vorstellungen, bleibt dennoch im geistigen Leben immer sichtbar, dass wir Beschenkte sind.
In allen Sakramenten, beginnend bei der heiligen Taufe bis hin zur heiligen Eucharistie, empfangen wir gratis, ohne unser Verdienst, die größte Gabe, die ein Mensch erhalten kann: die persönliche Innewohnung des Dreifaltigen Gottes. Als Antwort bleibt uns zunächst einmal nur der aufrichtige Dank. „Danket dem Herrn, denn Er ist gütig, denn Seine Huld währt ewig.“ (Ps 107)
(…) Häufig sind wir gar nicht in der emotionalen Stimmung, um zu danken, es ist uns vielmehr zum Jammern und Klagen zumute. In leidvollen Situationen, die uns für das Schöne und Gute, das wir haben, blind machen, müssen wir uns mit dem Willen und dem Verstand helfen. Dann wird die Dankbarkeit eine Herzenshaltung, die nicht mehr von der momentanen Stimmung abhängig ist und uns sogar noch in schwierigen Situationen Zufriedenheit und Freude schenkt.
Marija Pavlovic-Lunetti von Medjugorje fiel einmal inmitten einer lebhaften Gruppe Italiener ein kleiner, alter Priester auf, dessen Antlitz eine ungewöhnlich tiefe Freude ausstrahlte. Nach dem Vortrag ging sie auf ihn zu und fragte: „Bitte verzeihen Sie, wenn ich so direkt frage, aber warum sind Sie so voller Freude? Haben Sie einen besonderen Anlass?“ – „O nein, es ist eher mein kleines Geheimnis. Aber ich werde es Ihnen verraten, Fräulein,“ meinte er lächelnd.
„Ich bin 95 Jahre alt. Als ich fünf Jahre alt war, stellte ich betrübt fest, dass die Leute sich ständig aus dem geringsten Anlass beklagten, und das schockierte mich. Ich fühlte auch, dass Jesus darüber traurig war. Also habe ich einen Vertrag mit Ihm abgeschlossen und versprach Ihm, dass ich mich während der nächsten 100 Jahre meines Lebens niemals beklagen würde; dass ich Ihn im Gegenteil für alles preisen würde, für die guten wie für die schlechten Tage, und dass ich immer das Geschenk des Lebens ehren würde. Und ich muss sagen, Fräulein, ich habe mein Versprechen gehalten. Während all dieser Jahre, in denen ich das Leben gerühmt habe, hat mir das Böse nichts anhaben können, und ich bin so allen Dämonen aus dem Weg gegangen!“ – „Aber wenn Sie jetzt 95 sind, dann läuft Ihr Vertrag ja bald aus!“ – „Daran habe ich neulich gedacht ... und habe Jesus dann gesagt, dass ich bereit sei, den Vertrag auf die nächsten 100 Jahre meines Lebens zu verlängern!“
Dieser fast 100-jährige Priester bewies mit seinem Leben, dass die Dankbarkeit aus ihm einen frohen Menschen gemacht hat. Die dankbare Freude möchte sich mitteilen, sie bewirkt gute Taten. Wenn ich schon so viel bekommen habe, dann möchte ich das gerne mit anderen teilen. Deshalb sind dankbare Menschen beliebt. Sie bringen Zufriedenheit und eine gewisse heitere Gelassenheit mit, selbst wenn auch sie so manches zu tragen haben. Man ist einfach gerne mit ihnen zusammen, was das Glück auf beiden Seiten vermehrt.
Wer nicht dankbar ist, beklagt sich schnell und kritisiert, was die Unzufriedenheit nur noch steigert und das Übel vergrößert. Wenn unser Herz aber mit Dank erfüllt ist, dann gibt es dort keinen Platz für Eifersucht, Neid, Rache, Missgunst, Zorn, Geiz, Niedergeschlagenheit oder gar Verzweiflung. Deshalb ist die Dankbarkeit das beste Heilmittel, wenn wir diese Untugenden, unter denen wir oft leiden, in uns erfahren. Ja, man kann wirklich sagen: Die Dankbarkeit ist ein Schlüssel zum Glück. Deshalb ermutigt der heilige Paulus die Thessalonicher: „Dankt für alles; denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus gehört.“
 (1 Thess 5,18)
Aber was tun, wenn einem Unglück widerfährt, wenn man vielleicht durch eine Naturkatastrophe sein ganzes Hab und Gut verliert oder plötzlich schwer krank wird? Ist es möglich, auch dann noch zu danken?
Ein Erlebnis des brasilianischen Missionars Delton Alves de Oliveira Filho bezeugt, dass es sehr wohl Christen gibt, die durch ihren starken Glauben fähig sind, das Leiden als Geschenk zu sehen. In dem lesenswerten Buch Das ganz normale Wunder - 100 Glaubenszeugnisse von katholischen Priestern berichtet Alves de Oliveira eine einschneidende Erfahrung, die sein ganzes Priestertum geprägt hat:
„Ich wurde in ein Krankenhaus gerufen, um eine junge Frau zu besuchen, die am Tag zuvor entbunden hatte. Mit viel Enthusiasmus ging ich dieser Verpflichtung nach und bereitete mich darauf vor, auch die anderen Kranken zu besuchen. Da kam ein Mädchen auf mich zu und bat mich, zu seiner Mutter zu gehen und mit ihr zu sprechen: Der Arzt hat gesagt, er hätte alles getan, was in seiner Macht stünde ...
Es handelte sich um eine krebskranke Frau, die sich an der Schwelle des Todes befand. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich an diesem Tag und aus dieser Begegnung eine der wichtigsten Lehren für mein ganzes Leben ziehen würde. ,Ich möchte Ihren Segen', bat mich die Frau. Sie hatte eingefallene Augen und war blass, die Krankheit war ihr deutlich anzusehen. Ich war überzeugt, dass der Herr mich dorthin geführt hatte, um diese Seele zu trösten.
Nach der Beichte und während der Krankensalbung liefen jede Menge Tränen über ihr Gesicht. Es bewegte mich sehr, dass meine Hände in diesem Moment Jesu Hände waren, die einem todkranken Menschen Trost spendeten. Bevor ich hinausging, um die Familienangehörigen der Frau zu rufen, sagte ich sanft zu ihr: ,Heute hat Jesus Sie besucht, danken Sie Ihm und seien Sie nicht traurig!’ – ,Ich kann mich als eine sehr glückliche Kranke betrachten', erwiderte sie. Diese Antwort hatte ich mir nicht erwartet, und ich reagierte wohl ziemlich verwirrt.
Als sie dies bemerkte, fügte sie hinzu: ,In der Zeit, bevor ich an Krebs erkrankt war, war ich nie so glücklich gewesen. Ich habe 37 Jahre lang wegen meiner Ehe gelitten. Sie war beherrscht von der Untreue und Alkoholabhängigkeit meines Mannes, der gegen diese beiden Laster nicht ankam. Ich habe viel gebetet und bat den Herrn, ihn davon zu befreien, damit er sein Leben ändern kann. Dann, nachdem man mir meine Krankheit diagnostiziert hatte, bemerkte ich, dass mein Mann tief davon erschüttert war und dass sich etwas in seinem Inneren zu verändern begann. Vor einigen Tagen hat er mich um Vergebung gebeten für alles Leid, das er mir zugefügt hat. Aber schon lange zuvor hatte ich verstanden, dass meine Krankheit die seine geheilt hat. Meine Ehe ist dadurch gerettet worden! Außerdem litt meine Tochter, das Mädchen, das Sie gerufen hat, an sehr schweren Depressionen … Sie hat mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen. Wie oft habe ich mit dem Rosenkranz in den Händen geweint und Gott um ein Wunder für meine Tochter angefleht! Dieses Wunder ist dann tatsächlich eingetroffen. Nachdem ich begonnen hatte, mich in der Klinik gegen die Krebserkrankung behandeln zu lassen, hat sich meine Tochter vollkommen erholt … Als ich mich niedergeschlagen fühlte, war sie diejenige, die mich durch lustige Geschichten aufheiterte und mir zeigte, wie sehr sie mich liebt.’
Die Erzählung der Frau bewegte mich sehr. Sie fuhr fort: ,Sie müssen wissen, dass mein ältester Sohn, der seit 15 Jahren verheiratet ist, nahe daran war, sich scheiden zu lassen. Er hatte eine Glaubenskrise und wollte die katholische Kirche verlassen, aber seine Frau war damit nicht einverstanden. Über diese Situation war ich verzweifelt und fühlte mich niedergeschlagen, denn trotz der Leiden, die ich wegen meines Mannes ertragen habe, hatte ich nie beabsichtigt, mich scheiden zu lassen… Sehr oft betete ich in aller Stille für sie. Das, was meine Lippen nicht sagten, sagte dann meine Krankheit. Seit drei Monaten ist bei ihnen nun wieder alles in Ordnung. Sie kommen jeden Tag zu mir und wir beten gemeinsam den Rosenkranz.
Mein Sohn hat auch seinen Glauben wiedergefunden und er respektiert die Kirche wieder. Die Krebserkrankung hat meine Familie gerettet. Jetzt kann ich im Frieden sterben, dank des Segens, den mir Gott durch die Sakramente gegeben hat, und dank der Freude, die ich empfinde, weil meine Familie durch meine Schmerzen Rettung erfahren hat.’“
Nicht alle Leidenden haben wie diese brasilianische Frau die Gnade, die Früchte des Opfers zu sehen. Die hl. Elisabetta Canori Mora (1774-1825) beispielsweise betete und litt ihr ganzes Leben lang für die Bekehrung ihres Mannes, doch erst nach ihrem Tod änderte ihr leichtlebiger und treuloser Ehemann sein Leben und wurde ein tiefgläubiger Christ. Er starb als heiligmäßiger Ordenspriester.
Es geht eben kein Schmerz, den wir aus Liebe annehmen und mit der Passion Jesu vereinen, verloren. Deshalb können wir immer, auch im Leiden, Gott für das Große danken, das Er daraus hervorgehen lässt. Der einzige Grund dafür ist, dass Jesus als Gottmensch alle Leiden mit unendlicher Liebe getragen, es dadurch kostbar gemacht und ihm erlösende Kraft verliehen hat.
Aus Triumph des Herzens.

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