VISION 20003/2014
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Der Vier-Päpste-Tag

Artikel drucken Die Heiligsprechung von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. (Christoph Hurnaus)

Das 2. Vatikanische Konzil und die fast 27 Jahre des Pontifikats von Johannes Paul II. haben den Glauben vieler Christen entscheidend geprägt. Daher die große Freude über die jüngste Heiligsprechung, die wir zum Anlass für eine ausführliche Würdigung auf den folgenden Seiten nehmen.

In einer eindrucksvollen Feier, an der etwa eine Million Pilger aus der ganzen Welt teilnahmen, sprach Papst Franziskus am Fest der Göttlichen Barmherzigkeit zwei Päpste heilig, die mit ihren Pontifikaten Kirchengeschichte geschrieben hatten. Johannes XXIII. war der Papst, der den Mut besaß, das 2. Vatikanische Konzil einzuberufen. Und Johannes Paul II. gab während seines fast 27-jährigen Dienstes als Hirte der Universalkirche den Schlüssel zum richtigen Verständnis und zur authentischen Interpretation dieses Konzils.
Weil neben Papst Franziskus auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. an dieser Feier teilnahm, sprach man in Rom von einem „Vier-Päpste-Tag“. Ein besonderes Ereignis, das die Welt so noch nie gesehen hatte.
Wie manche Zeitgenossen Johannes XXIII. schon vor seinem Dienst am Stuhl des heiligen Petrus mit der Aura des Heiligen umgeben sahen, so stand auch der spätere Papst Johannes Paul II. bereits während seiner Priesterausbildung in Polen bei den Mitstudenten im Ruf der Heiligkeit. Das ist jedenfalls das Urteil der Postulatoren der beiden Heilig­sprechungsprozesse.
Die Nähe zu den einfachen Menschen sei die stärkste Gemeinsamkeit zwischen den beiden Heiligen, so Slawomir Oder, der Postulator für den Heiligsprechungsprozess von Papst Johannes Paul II. Der polnische Papst habe in besonderer Weise in der ständigen Gegenwart Gottes und eine wahre Barmherzigkeit gelebt, die stark in der heiligen Schrift verwurzelt war.
Neben einer wahren Liebe zur Kirche zeichnete den Papst aus Polen auch sein unübertrefflicher Fleiß, seine intellektuelle Redlichkeit und ein hohes kulturelles Niveau aus. Johannes Paul II. hat es verstanden, den einfachen Glauben des Volkes mit mystischer Tiefe zu verbinden: „Er lebte ganz in einem eucharistischen Raum, und er regierte die Kirche aus diesem Raum,“ so der Postulator.
In einer Katechese vor Jugendlichen am Vorabend der beiden Heilig­sprechungen bezeichnete P. Johannes Lechner von der Johannesgemeinschaft die geistige Vaterschaft als weiteres gemeinsames Merkmal dieser beiden Päpste. Sie waren zutiefst „Väter der barmherzigen Liebe Gottes“. Nach dem Tod von Johannes Paul II. spürten viele Menschen auch ganz tief, dass sie in ihm einen Vater verloren hatten.
Im Gegensatz zu den politischen Führergestalten des 20. Jahrhunderts, die die Menschheit in ein nie gekanntes Ausmaß an Gewalt und Leid gestürzt hatten, zeigten beide Päpste, dass die einzige Antwort auf die Übel unserer Zeit die Barmherzigkeit Gottes ist. Papst Franziskus erinnerte während seiner Predigt bei der Heiligsprechung daran, dass die beiden neuen Heiligen Priester, Bischöfe und Päpste des 20. Jahrhunderts waren, dessen Tragödien sie erfahren hatten, von denen sie aber nicht überwältigt worden seien.
Wie kein Papst vor ihm hat Johannes Paul II. mit seinen 104 Auslandsreisen das Evangelium bis an die Enden der Erde getragen und dadurch ein neues Kapitel der Apostelgeschichte aufgeschlagen. Auf 22 dieser Reisen durfte auch ich ihn persönlich begleiten. Sein starkes Charisma und seine große Ausstrahlung haben mich dabei stets fasziniert. Ich war nicht der Einzige, der in seiner Nähe eine starke Präsenz Gottes spürte. Oftmals hatte ich den Eindruck, dieser alte, gebückte Mann trage die ganze Welt auf seinen Schultern. Er hat, wie Papst Franziskus sagte, Gesellschaft, Kultur und politische Systeme mit „der Kraft eines Giganten“ umgepolt und für Christus geöffnet.
Johannes Paul II., dieser Gigant, war aber auch der kleine Diener der Muttergottes. Mit seinem „Totus tuus“ hat er ihr sein ganzes Pontifikat überantwortet. „Das Wort hat nicht bekehrt, das Blut wird bekehren,“ soll er nach dem Attentat am 13. Mai 1981 gesagt haben. Er habe Maria nicht gesehen, aber er höre sie, und „sie hat über alles gewacht.“
Was den heiligen Johannes XXIII. betrifft, so hat Giovanni Giuseppe Califano, der Postulator für dessen Heiligsprechungsprozess (S. 19), darauf hingewiesen, dass der Konzilspapst durch seine Demut in besonderer Weise die Einheit mit Jesus Christus verkörpert hat. Sein Ausspruch „Gott ist alles und ich bin nichts – das reicht mir“ verweise auf einen tiefen Gehorsam gegenüber Gott, der Califano zufolge das stärkste Merkmal dieses Papstes war.
Die Anrede als „Heiliger Vater“ habe Johannes XXIII. als Auftrag gesehen, tatsächlich heilig zu leben. In seinem Tagebuch, das er seit seinem 14. Lebensjahr geführt hatte, findet sich immer wieder der Wunsch und die Bekräftigung, wirklich heilig leben zu wollen. So wie die Gläubigen beim Begräbnis von Papst Johannes Paul II. spontan „Santo subito“ skandiert hatten, so wollten bereits die Konzilsväter Johannes XXIII. per Akklamation zum Heiligen erklären. Dass diese beiden Päpste, die in besonderer Weise ihr Bemühen um Heiligkeit und ihre Barmherzigkeit auszeichnete, am Fest der göttlichen Barmherzigkeit von einem amtierenden Papst im Beisein eines emeritierten Petrusnachfolgers heiliggesprochen wurden, kann man durchaus als besonderes Zeichen des Himmels deuten.


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